Die Dame vom Empfangsservice stellte sich mir vor, fragte mich, wo meine Taschen wären, und war schon auf dem Weg zum Aufzug. Sie drückte den Knopf, während ich meine Reisetasche holte, und als ich wieder neben ihr stand, erklärte sie mir, dass sie mir als Erstes mein Zimmer zeigen würde.
Wir stiegen also in den kleinen Aufzug ein, fuhren in den dritten, obersten Stock und traten auf einen Gang, der weniger nach Klink als nach Hotel oder Büro aussah. Der Boden war mit einem dunklen Teppich verkleidet, die Wände weiß, mit zahlreichen Kunstwerken behangen (später sollte ich feststellen, dass sie allesamt aus der hauseigenen Kunsttherapie stammten), eine kleine Couchgruppe in der Nähe des Aufzugs, und links und rechts zahlreiche, dunkelrote Türen. Hier oben war die Station V. Ich fragte, wie viele Patienten denn insgesamt hier wären. Wenn die Klinik voll belegt war, 180. Momentan waren es etwas weniger, da noch Urlaubszeit war. Schließlich stoppte sie etwa in der Mitte des Gangs vor einer Zimmertür, zauberte einen kleinen Papierstreifen aus ihren Unterlagen hervor, und schob ihn in das Schild, das links neben der Tür angebracht war. Auf dem Papierstreifen stand mein Name, er war nun zwischen zwei anderen angebracht. Das Zimmer war also voll belegt. Ihnen gehört das mittlere Bett, erklärte sie mir. Sie öffnete die Tür, schritt vor mir her, begrüßte meine beiden zukünftigen Zimmerkolleginnen und kündigte an, dass sie „die Neue“ mitbrächte. Beide waren gerade da, ich schüttelte den beiden die Hände. Die Namen habe ich direkt wieder vergessen. Die, die an meinem Kopfende schlief, war in etwa 50 Jahre alt und wirkte ein bisschen griesgrämig, die andere war noch sehr jung, sogar deutlich jünger als ich und machte einen ersten schüchternen, aber netten Eindruck. Mein Bett war beinahe eine kleine Koje. Am Kopf- und am Fußende waren etwa vierzig Zentimeter große Holztrennwände angebracht um mein Bett etwas abzuschirmen, gegenüber war der Schrank. Mir gehörte jeweils das mittlere Bett, der mittlere Schrank (der doppelt so groß war wie der in der Psychiatrie), das mittlere Regalbrett, und, wie ich weiter erfuhr, jeweils der mittlere Haken für die kleinen und großen Handtücher im Bad. Wir hatten zwar alle die gleiche Bettwäsche, die Handtücher waren aber verschiedenfarben, um Verwechslungen zu vermeiden. Meine waren rosa. Das Zimmer war zwar kleiner als das in der Psychiatrie, wirkte aber gemütlicher. Und: es hatte einen riesengroßen Balkon mit zwei Liegestühlen und einer Wäscheleine, von dem aus man über die Wiesen blickte.
Meine beiden neuen Mitbewohnerinnen hatten sich wieder in ihre Kojen zurückgezogen und mir wurde geheißen, nur mein Gepäck abzustellen, die Führung würde gleich weiter gehen. Ich wollte mich eigentlich einfach endlich ins Bett legen. Aber gut. Die Führung ging weiter.
Lassen Sie sich nicht verwirren! Ihr Zimmer ist im dritten Stock, gegenüber der Station V, aber sie gehören der Station II an. Aha. Sie zeigte mir den Gruppen- und Fernsehraum in meinem Stockwerk, dann gingen wir zwei Stockwerke tiefer, wo sich mein Stationszimmer befand – entsprechend der Logik, die bereits hinter der Zimmerzuteilung stand, war das der Station II im 1. Stock. Dort drückte sie mir einen Bogen in die Hand, einen DASS-Bogen nannte sie ihn, den ich von nun an jeden Mittwoch auszufüllen und in den dafür vorgesehenen Briefkasten neben dem Stationszimmer zu werfen hätte. Dann gingen wir weiter ins Erdgeschoss, wo sie mir den Wasserspender zeigte, die Flaschen dafür könne man in der Cafeteria kaufen, die medizinische Zentrale kennen Sie ja schon, hier erhalten Sie ihre Medikamente und können sich im Notfall melden, ging der Informationsfluss weiter, dann ging es den Gang gerade aus zum Speisesaal, der war hell und gemütlich, wie in einem Vier-Sterne-Hotel eingerichtet. Sie zeigte mir meinen Tisch und meinen festen Platz, direkt am Fenster, erklärte mir, dass ich heute das Menü 1 erhalten würde – oder sind Sie Vegetarierin? – Nach einem kurzen Abstecher ins Kellergeschoss, wo sich die physikalische Therapie befand, ging es weiter in den Neubau, der am gegenüberliegenden Ende des Gebäudes angeschlossen war. Dort zeigte sie mir das „Atrium“, einen hellen Raum, der vom Keller bis Dach offen und lichtdurchflutet war. Hier können Sie entspannen, lesen, puzzeln, die Puzzles und einige Bücher stehen in den Regalen zur freien Verfügung, sagte sie. Ich blickte verwundert auf die zahlreichen halbfertigen Puzzles, die am Boden verteilt waren, und auf die vier Personen, die gerade in dem Raum lasen, vor einem Tablet hingen oder tatsächlich puzzelten. Wann hatte ich das letzte Mal ein Puzzle gemacht? Der Raum wirkte wirklich einladend. Sie zeigte mir die Tür, wo ich mich später am Tag noch zum Eingangs-Computer-Test einfinden müsste, dann gingen wir wieder nach oben. Ich fragte zaghaft, ob es denn irgendwo Tee oder zumindest heißes Wasser gäbe? Ja, gibt es, den ganzen Tag gibt es in der Cafeteria umsonst Tee. Ich war glücklich. Sie erklärte mir noch, dass sich später am Tag noch mein Pate bei mir melden würde, also ein anderer Patient, der die Aufgabe hatte, mir die ganze Klinik zu zeigen und mir in den ersten Tagen zur Seite zu stehen. Außerdem würden man mir im Laufe des Tages noch die Termine für die Aufnahmeuntersuchungen und das Aufnahmegespräch mit meiner Therapeutin „durch die Tür durchschieben“. Aha. Wie auch immer, mir war alles egal im Moment. Ich wollte endlich meinen Tee. Bekam ihn auch. Schnappte mir die Tasse, entführte sie (vermutlich illegal) aus der Cafeteria in mein Zimmer, die ältere Dame war nicht mehr da, das Mädchen lag immer noch, wohl schlafend, auf ihrem Bett. Ich trank den Tee, antwortete auf Johannas Whatsapp-Nachricht, sie hatte mich wohl schon gesucht, und kuschelte mich in mein Bett. In einer Stunde war schon Mittagessen. Bis dahin würde ich mich nicht mehr bewegen.
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