Verrückte Sache

Mittwoch. Mittwoch heißt Angsttherapie. Und Angsttherapie heißt meine Einzel-Therapeutin. Und meine Einzeltherapeutin bestand darauf, dass ich diesmal ein Thema hatte. Ich hatte da eine andere Meinung. Aber sie duldete keine Widerrede. Also hatte ich zum ersten Mal ein Thema.

Obwohl ich nun schon seit sage und schreibe acht Wochen in dieser Gruppe war, mich wohlfühlte, die Leute kannte, widerstrebte es mir eigentlich ziemlich, mein „Problem“ vor der Gruppe auszubreiten. Es hatte schließlich wenig mit Angst zu tun, fand ich. Die Therapeutin sah das offensichtlich anders. Also sollte ich nun mit der Gruppe gemeinsam eine Strategie für das Gespräch mit meinem Chef, das ich führen wollte, entwickeln. Also erzählte ich zuerst meine Geschichte. Und dann steuerten die anderen ihren Input bei. Der tatsächlich hilfreich war.

In der Gruppe waren mittlerweile ein etwa 45-jähriger Ingenieur, ebenfalls wegen Burnout in Behandlung, und eine Studentin, die wegen PTBS hier war. Völlig unterschiedlich, alle beide. Logisch. Und völlig unterschiedlich auch ihr Feedback. Aber beides megawichtig.

Die Studentin meinte, ganz ehrlich, wenn du in dem Gespräch zu weinen beginnst, dann ist das eigentlich kein Problem. Es wird nur zum Problem, wenn dein Gegenüber nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Merk dir das: Nicht du bist das Problem – du bist ja auch nur ein Mensch –, sondern der, der mit dir als Mensch nicht umgehen kann oder will, hat das Problem.

Und der Ingenieur erklärte mir, dass mein Chef ja auch nur mein Chef sei. Nicht mehr. Nicht weniger. Der selber einen Chef hat. Mit dem er selbst vielleicht auch Probleme hat. Und eine Personalabteilung im Nacken. Und wenn es blöd läuft, sogar einen Betriebsrat.

Da habe ich monatelang, ja mittlerweile jahrelang das Problem hin und her gewälzt, fünftausendmal Gespräche ersonnen und es trotzdem nicht geschafft, eine andere Perspektive einzunehmen. Dazu mussten erst zwei wildfremde Menschen kommen. Und sie haben sogar Recht. Verrückte Sache.

 

 

3 thoughts on “Verrückte Sache

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  1. Deine Sichtweise ist die Summe Deiner Gefühle und Erfahrungen.
    Es ist verdammt schwer, anders auf die Dinge zu schauen, wenn es um EIGENE Dinge geht, denn für dieses „Anders“ hat das Gehirn einfach keine Vorlagen, die es abrufen könnte.

  2. Hi,
    vielleicht interessiert dich mein Roman zu Erlebnissen in der psychosomatischen Klinik Amitola:
    Mary Joy, Amitola. Wege zum Ich. BoD 2016
    Ich wünsche weiterhin hilfreiche Erlebnisse,
    Mary.

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