Ich bin 27, in einem anderen Leben PR-Managerin und nun seit sechs Wochen wegen Burn-Out krankgeschrieben. Der Tag an dem ich krankgeschrieben wurde ist seither meine eigene Stunde Null. Lange, sehr lange, habe ich gekämpft. Um mein Leben, meinen Job, meine Beziehung, mich selbst. So lange, bis ich selbst nicht mehr da war und es zur dauerhaften Krankschreibung einfach keine Alternative mehr gab. Noch vor einem halben Jahr attestierte ich einer Bekannten, die mit chronischen Symptomen monatelang krankgeschrieben war, insgeheim Schwäche. Oh, wie schäme ich mich heute dafür.
Ich will hier nicht schreiben, aus welchen Gründen ich in eine Erschöpfungsdepression samt Panikattacken und Angstzuständen gerutscht bin. Das wäre zum einen eine sehr langwierige, komplizierte – manchmal absurde – aber immer traurige Geschichte. Selbst wenn ich nur diese Zeilen tippe, und in meinem Kopf einige Bilder ablaufen und sich mir aufdrängen, merke ich, wie meine Stimmung zunehmend schlechter wird. Enttäuschung, und vor allem tiefe Traurigkeit will sich langsam einstellen. Ich muss mit aller Macht dagegen ankämpfen.
Ich beginne trotzdem kurz vor meiner Stunde Null.
Nicht einmal ein Kreislaufzusammenbruch im Büro war mir Warnung genug. Von all den vorangegangen Anzeichen abgesehen. Teils, weil ich selbst endlich realisiert habe, wie sehr ich mich bereits von mir selbst entfernt hatte, teils um meinen Freund und meine Eltern zufrieden zu stellen, wandte ich mich an das Burn-Out Zentrum München mit dem mein Arbeitgeber kooperiert. Der nächste Termin: In zwei Wochen. Zwei unendlich lange Wochen. In denen meine Beziehung final zerbrach – eine Last weniger, erkannte mein derangiertes Ich lediglich – und in denen ich noch um einige Stufen tiefer rutschte. Auf dem Weg in die Arbeit wünschte ich mir, andere Radfahrer mögen mich umfahren, so dass ich verletzt für einen mehrwöchigen Aufenthalt im Krankenhaus landete. Ich ging Blutspenden, in der Hoffnung, dass ich dabei umkippen würde. Ich fühlte mich mir selbst so fremd, so leer, völlig ohne jede Emotion, so dermaßen verschwunden und verloren, dass ich plötzlich nachvollziehen konnte, warum sich jemand ritzt. Dann würde ich immerhin den Schmerz spüren.
Die Psychologin erklärte mir nach einem langen Gespräch ziemlich deutlich, an was ich leide. Diese Erkenntnis, die Diagnose Burn-Out, schwamm schon lang durch mein Gehirn. Lange, zu lange, wollte ich es nicht wahrhaben. Ich hatte doch immer alles mit links geschafft. Ich war doch stark. In dem Augenblick, in dem mir die Psychologin erklärte, dass sie nicht damit rechne, dass ich in diesem Kalenderjahr nochmal arbeiten würde – also ein ganzes halbes Jahr – habe ich das zwar wahrgenommen, aber nicht realisiert. Ich war zu erschöpft dazu. Ich wollte einfach nur schlafen.
Dieser Termin war an einem Freitag. Der Termin bei der Allgemeinärztin, die mir im BOZM empfohlen wurde, da sie mich nicht selbst krankschreiben konnten, war erst am darauffolgenden Dienstag. Am Montag hatte ich einen entspannten Termin außer Haus mit netten Kollegen, den ich gerne noch wahrnehmen wollte. Am Dienstag, dem 30. Juni, der Termin war erst mittags, plante ich insgeheim meine Übergabe. Doch soweit kam ich nicht mehr. Es war eigentlich ein normaler Tag, doch für mich war es die Hölle. Zwei Meetings überstand ich nur, indem ich mich mit aller Macht aufs „Aus-dem-Fenster-starren“ konzentrierte – und darauf, mir jede Äußerung zu verkneifen. Bloß nichts sagen – etwas Positives würde es nicht sein. „Reiß‘ dich zusammen, diesen Vormittag hältst du jetzt auch noch durch“ redete ich mir selbst zu.
Aber schließlich war ich nicht einmal mehr in der Lage, meinem Chef in die Augen zu sehen. Als er mich direkt ansprach, brach ich heulend, im 30-Mann-Großraumbüro, an meinem Schreibtisch zusammen. Der Chef fragte, ob er mir helfen könnte und bot schließlich an, alles weitere, was zu besprechen war, auf den nächsten Tag zu verschieben. Mehr als „ich mache die Reisekostenabrechnung noch fertig und gehe dann nach Hause“ brachte ich nicht mehr hervor. Ich war völlig am Ende.
Die Ärztin schrieb mich zwei Stunden später für vier Wochen krank. Diagnose Erschöpfungszustand.
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