Es wäre so leicht

Johanna ging es momentan auch wieder richtig beschissen. Und trotzdem fuhr sie jedes Wochenende beinahe drei Stunden nach Hause und wieder zurück in die Klinik. Es war mir ein Rätsel, wie sie das machte. Wenn es mir schlecht ging, konnte ich kaum Autofahren. Zum einen, weil ich mich einfach nicht auf das Autofahren konzentrieren konnte – ich war dann oft auch einfach kaum da und schaffte es einfach nicht, länger als eine Minute tatsächlich bewusst Auto zu fahren – zum anderen, weil ich – again – Angst vor mir hatte. Es wäre so leicht, einfach das Lenkrad herumzureißen. In den Baum zu fahren. Da gab es keine Hürde und damit auch keine Zeit, um sich selbst wieder einzufangen.

Mein Wochenende war beschissen. Ich war nervös und unglaublich angespannt. Träumte wieder Albträume. Der Tornado tobte meistens. Ich konnte nichts anfangen. Und am Sonntagabend dann, vor der Rückfahrt, hatte ich tatsächlich zum ersten Mal seit dem Sommer wieder Suizidgedanken. Was wäre wenn.

Ich schob sie beiseite. Ich bildete mir das nur ein. Ich kann das. Und ich kann auch mit dem Auto selbst in die Klinik zurückfahren. Es blieb mir außerdem ja gar nichts über. Meinen Eltern wollte ich auf keinen Fall von meinen Gedanken erzählen. Ich kann das!

Und natürlich ging es.

Tatsächlich aber meinte Johanna am nächsten Morgen zu mir. Franzi, weißt du, als ich gestern hier her zurückgefahren bin, habe ich das erste Mal verstanden, was du meinst. Es wäre so leicht, gerade auf der Autobahn. Es ist furchtbar, dass wir so etwas überhaupt denken. Aber es wäre so leicht.

Wir beiden wollten aber nicht. Nur unser Kopf ab und zu. Aber gottseidank sind wir nicht nur unser Kopf.

Kommentar verfassen

Bereitgestellt von WordPress.com.

Up ↑

Entdecke mehr von Grüße aus der Psychiatrie

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen