Verdrängung wirkt Wunder

Mittlerweile war ich eine Meisterin der Verdrängung. Ich packte das komplette Wochenende in eine Kiste, schloss sie dreifach ab. Solange mich niemand darauf ansprach, war alles gut.

Ich verbrachte Montag und Dienstag bei meinen Eltern, mein Bewegungsradius war auf ca. 1km beschränkt, aber damit konnte ich mittlerweile gut leben. Am Mittwoch war ich wie immer bei meiner Logopädin – um wenigstens ein bisschen Normalität aufrecht zu erhalten. Danach fuhr ich in meine Wohnung. Meine Eltern hatten einen Termin bei meiner Allgemeinärztin, den ich für sie ausgemacht hatte. Zu ihrer eigenen Beruhigung, aber in erster Linie eigentlich zu meiner eigenen. Alle Fragen, die sie der Ärztin stellten, würden sie hoffentlich mir nicht mehr stellen. Wir trafen uns danach zum Mittagessen im Biergarten am Viktualienmarkt. Abends traf ich mich mit einem Kollegen, wieder im Biergarten. Mir ging es sehr gut, und es tat auch unglaublich gut, aus dieser ganzen Burn-Out-Scheiße auszubrechen und zumindest für ein paar Stunden wieder „normal“ zu sein.

Am nächsten Tag hatte ich dann Kopfweh – die zwei Radler waren wohl zu viel gewesen – und einen Termin bei meiner Therapeutin im BOZM. Vormittags schaute ich mir nochmal ein paar Klinikbewertungen an und stieß auf einen interessanten SZ-Artikel zum Thema Burnout. Bei der Liste der Symptome fielen mir einige Dinge auf, die ich bisher noch gar nicht näher beachtet hatte, ganz besonders: die Unfähigkeit, sich emotional abzugrenzen. Volltreffer. Ich erinnerte mich an den Besuch im Museum am 9/11-Memorial in New York im Dezember. Ich musste die Ausstellung nach etwa zwei Dritteln verlassen, danach hatte ich eine unerklärliche, riesige Angst vor der Stadt und krallte mich auf dem Rückweg zum Hotel richtiggehend an meinem Freund fest. Ich erinnerte mich an den epileptischen Anfall eines Kollegen in London, der mich so schockierte, dass ich anschließend mehrere Stunden unfähig war, weiterzuarbeiten. Ich erinnerte mich an den Germanwings-Absturz im März, der mich für eineinhalb Tag in Schockstarre versetzte, ohne dass ich im Geringsten persönlich betroffen gewesen wäre. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von diesen Dingen losreißen.

Mein Bericht vom Wochenende versetzte die Therapeutin in Alarmbereitschaft. Ein Klinikaufenthalt war mittlerweile nicht mehr nur eine Option, sondern die einzige Alternative, da meine beiden Ärztinnen beinahe gleichzeitig für drei Wochen in Urlaub gehen würden und ich zusehends instabiler wurde. Sie telefonierte persönlich mit meiner Allgemeinärztin und einem Psychiater, um schnellstmöglich alle notwendigen Formalitäten und Gutachten für einen Klinikaufenthalt zu veranlassen. Leider mahlen auch hier die Mühlen langsam, der nächste Termin bei einem Psychiater war erst in eineinhalb Wochen möglich. Sie verschrieb mir ein Antidepressivum, Escitalopram. Außerdem gab sie mir ein kurzes Programm zur Selbstrettung mit an die Hand: Wenn die Panik kam, sich bewusst auf die Umgebung und die eigenen Bewegung konzentrieren. Tief und ruhig atmen. Langsam die „bedrohliche“ Umgebung verlassen. Und sie gab mir einen Stein mit. Einen tiefblauen Lapislazuli. Ich sollte an etwas Schönes, Entspannendes denken, und die Energie auf den Stein lenken. Ich entschied mich für das Meer. Der Stein wurde mein Meer. Wenn ich ihn in der Hand drückte, konnte ich relativ einfach das Meer und die Ruhe, die es in mir auslöst, herbeirufen. Den Lapislazuli hatte ich in den nächsten Wochen immer bei mir.

Der Termin hatte mich aufgewühlt. War ich vorher schon nervös und angespannt gewesen, war ich nun vollkommen kraftlos. Der Weg mit dem Fahrrad zurück in meine Wohnung schien mir endlos lang, ich hatte keine Kraft mehr dafür. Ich wollte nach Hause, zu meinen Eltern, in mein Bett. Aber davor würde ich noch einige Sachen packen müssen und die Wohnung in einen Zustand bringen, so dass sie auch ein, zwei Wochen alleine überlebte. Es türmte sich ein riesengroßer Berg vor mir auf, und ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, zur Talstation der Gondel zu kommen. Ich rief meine Mutter an. Sie musste mir helfen. Ich schaffte das nicht mehr allein. Ich schaffte es gerade noch, wieder in meine Wohnung zu kommen, und rollte mich dort wie eine Katze unter meiner Bettdecke zusammen, drückte mich in das hinterste Eck. Dort blieb ich reglos, bis schließlich meine Mutter kam. Sie packte meine Sachen, räumte die Wohnung auf, ich saß nur auf dem Bett und schaute ihr stumm zu, antwortete auf ihre Fragen und gab ein paar Anweisungen. Schließlich fuhr ich mit ihr nach Hause, mein Auto blieb in München. Ich traute mich nicht mehr, selbst zu fahren.

Zuhause angekommen legte sich die Anspannung wieder, die Energie kam jedoch nicht zurück. Am nächsten Morgen nahm ich die erste Escitalopram.

Kommentar verfassenAntwort abbrechen