Ich glaube an Gott.

Was mein Burn-out und ein indischer Ashram mit der Taufe meiner Tochter zu tun haben.

Sechs Kinder aus zwei Schulklassen gehen dieses Jahr in unserem Dorf zur Kommunion. Nach fast fünfzehn Jahren in München und anderswo bin ich seit kurzem wieder zurück, mit Haus und neuerdings auch Kind, ganz, wie es sich gehört. Taufen, geschweige denn die Erstkommunion allerdings, gehört sich offenbar jedoch nicht einmal mehr dort. Bei meiner eigenen Erstkommunion im Jahr 1997 waren wir, wenn ich mich richtig erinnere, 18 Kinder, aus einer Grundschulklassen mit etwa 24 Schülern. Das Verhältnis hat sich mehr als umgekehrt. Taufen, weil man es halt so macht, gilt also nicht einmal mehr in Regionen, die bis vor kurzem noch katholische Hochburgen waren. Das gängigste Argument ist eher, dass man einer Diskussion mit den Großeltern des (Nicht-)Täuflings aus dem Weg gehen wollte. Erst recht gilt das in meiner akademikerlastigen Freunde-Blase. Da gibt es zwar mittlerweile sehr viele Kinder – aber nur ganz vereinzelt Taufen. Von genau einem Kind weiß ich sicher, dass es getauft wurde. Das hat seit kurzem ein Geschwisterchen.

„Ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob ich Simon taufen lasse. Das fängt ja schon dabei an, dass ich gar keinen passenden Paten mehr weiß. Es ist ja niemand mehr in der Kirche, nicht einmal mehr sein Vater“, erzählte mir meine Freundin neulich. Wieder die gleichen Argumente: Kirchensteuer, Missbrauchskandale, Glauben sei einfach nicht mehr zeitgemäß im Informationszeitalter, die Kirche hätte verpasst, mit der Zeit zu gehen, ich gehe ja sowieso nicht hin.

Ich kenne und verstehe die Argumente, ich kann die meisten mehr als nachvollziehen. Trotzdem habe ich meine Tochter im Dezember taufen lassen. Warum, wenn ich doch genausowenig wie alle anderen die Missbrauchskandale oder die Position der Frau im kirchlichen Dienst durch die römisch-katholische Kirche (und man könnte die Liste bestimmt noch eine Weile fortsetzen) billige?

Gegenfrage: Wer hat denn aufgehört, Fußball zu spielen, weil die FIFA gerade alles daran setzt in Deutschland die katholische Kirche als unbeliebteste Organisation abzulösen? Ja, die TV-Zuschauerzahlen mögen zurückgegangen sein. Aber selbst aufhören zu spielen? Das ginge doch zu weit.

Genauso geht es mir: Ich kann nicht einfach aufhören zu glauben. Tatsächlich habe auch ich mit Mitte zwanzig gedacht, der Glaube und Gott spielten in meinem Leben keine nennenswerte Rolle mehr. Obwohl ich in einem erzkatholischen Dorf auf dem oberbayerischen Land aufgewachsen bin, in einer Familie, in der es bis weit in die 2000er noch völlig selbstverständlich war, dass man sonntags in die Kirche geht und dass der freie Tag an Fronleichnam für die Prozession da ist und nicht für den Wanderausflug. Aber mit jedem Umzug, mit dem Studium, später dem Arbeiten, meinem völlig veränderten Lebensumfeld verschwand Stück für Stück der Glaube aus meinem Leben. Was war davon übriggeblieben? Hin und wieder ein Kirchgang mit meinen Eltern und das ein oder andere Opferlicht, das ich für eine schwer erkrankte Tante anzündete.

Plötzlich aber kam der Glaube zu mir zurück. An meinem absoluten Tiefpunkt angekommen, in der Psychiatrie – wer den Blog schon länger verfolgt oder das Buch gelesen hat, kennt die Geschichte schon – zog mich eine liebgewonnen Mitpatientin in die kleine Klinikkapelle. Ein Fürbittenbuch lag aufgeschlagen da. Unwillkürlich griff ich zum Stift: Zum allerersten Mal in meinem Leben hatte ich wirklich eine Bitte an Gott. Ich suchte Halt, etwas oder jemanden, der meinen freien Fall bremste. Niemand mehr – nicht meine Eltern, nicht meine Freunde, die Arbeit oder sonst etwas – hatte mir in diesem Zustand helfen können.

Da war kein Lichtschein, Jesus stieg nicht von seinem Kreuz herab, ich habe keine Erklärung dafür, wie und warum, aber während ich meine Gedanken in dem Fürbittenbuch niederschrieb, kehrte eine Art Urvertrauen zurück. Ich fiel nicht mehr, ich wurde plötzlich getragen.

Sinn, Glaube oder Spiritualität, lernte ich viel später, werden in der Forschung als ein elementarer Faktor für Resilienz gehandelt. Der Glaube, oder besser: der Wunsch nach etwas unbegreifbarem, spirituellem, ist aus unserer Welt nicht verschwunden. Er hat sich verändert, dem Zeitgeist, dem Informationsalter angepasst. Nicht ohne Grund sind Yogakurse, Meditationsreisen oder Astrologinnen ausgebucht. Auch der Ashram, den ich, wieder ein paar Jahre später für eine Woche in Indien besuchte, war ausgebucht. Und gar nicht so billig. In den täglichen Gesprächsrunden zur Yoga-Philosophie mit dem Yogi stellte ich nach einigen Tagen schließlich fest: ich war fast als einzige „nur“ auf der Suche nach Ruhe. Die anderen rangen um etwas ganz anderes. Um Halt, Sinn, spirituelle Führung, wie man es auch immer nennen mag. In der letzten Yoga-Philosophie-Runde sprach ich den Yogi schließlich darauf an. Er verstünde sehr gut, antwortete er, was die meisten Westeuropäer, die zu ihm kamen, suchten, und fühle sich geehrt. Er frage sich jedoch immer wieder, warum sich diese Menschen es so schwer machten und ausgerechnet bei ihm, in einer vollkommen andersartigen Kultur und Religion danach suchten. Es gäbe doch sicher für uns Westler leichter zugängliche und verständlicher Wege, diesen Fragen nachzugehen, als altindische Yogasutren zu studieren.

Ich hatte Glück: unauffällig, ganz nebenbei, mit jedem Gutenachtgebet, mit Antworten auf meine vielen Fragen aber vor allem durch ihr Vorleben haben meine Eltern mit Unterstützung der ganzen Familie, ganz unterschiedlichen Pfarrern, Religionslehrern und einer – damals noch lebendigen – Kirchengemeinde mir von klein auf beigebracht, wie das geht, zu glauben. Mich hat das mit 27 gerettet.

Und deshalb ist meine Tochter getauft. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, ihr genau das mit auf den Weg zu geben, was auch meine Eltern mir mitgegeben haben: einen unaufgeregten, differenzierten, aber fest verankerten Glauben, Vertrauen in Gott und die Gewissheit, dass sie gut ist, genauso wie sie ist. Damit – und ich wünsche es ihr ganz sicher nicht – auch sie Halt und Hilfe findet, wenn ich ihr nicht mehr helfen kann.

Ob ich das nicht auch ohne Papst und Co. hinbekäme? Vielleicht schon. Aber Fußballspielen lernen die Kinder doch auch am besten im Verein.  

Tipps gegen den inneren Schweinehund

Passend zum letzten Blogtext – und weil ich mich nach der Babypause selbst gerade auch wieder aufraffen muss und will – habe ich hier für euch meine Tipps gegen den inneren Schweinhund (wenn man das in einer depressiven Phase überhaupt noch so nennen kann) zusammen gestellt. Die ersten beiden Punkte sind sicher für jeden hilfreich, aber tatsächlich elementar z.B. gegen das Morgentief einer leichten bis mittleren Depression. Wenn der Antrieb biochemisch nicht mehr im Gehirn entsteht, muss er von außen ersetzt werden: Durch eine zweite Person oder durch Gewohnheiten und Rituale, die so fix im Tagesablauf stehen, dass sie auch in schlechten Zeiten durchgezogen werden – wie Essen, aufs Klo oder zur Therapie gehen. Bei einer schweren Depression ist das nochmal eine ganz andere Hausnummer, I know. Da sind erstmal Ärzte und Therapeuten gefragt. Aber alle anderen, here you go:

  • Jemanden mit ins Boot holen: es hilft schon, wenn derjenigen euch nur scheinheilig fragt, wie es denn beim Schwimmen/Yoga/Laufen war. Idealerweise kommt der Co-Matrose gleich mit oder, beim Laufen zum Beispiel, man telefoniert währenddessen miteinander (das haben Johanna und ich z.B. ab und zu gemacht).
  • Alles so vorbereiten und planen, dass man gar keine Zeit hat, es sich noch anders zu überlegen. Wer erst noch die Laufschuhe suchen muss, geht viel weniger wahrscheinlich laufen wie derjenige, der sie sich am Vorabend schon an die Tür gestellt hat. Wenn der Babysitter kommt, muss man dann auch Sport machen. Die Sportblöcke sollten so fest verankert im Tages-/Wochenplan stehen wie Frühstück und Mittagessen.

Ganz grundsätzlich aber sollte man sich – wenn man denn den guten Vorsatz langfristig angehen will – auch diese Fragen stellen:

  • Was mache ich denn gerne? Wirklich Fitness oder Joggen, nicht lieber Fußball wie früher? Oder vielleicht was ganz neues oder ausgeflipptes ausprobieren – wie wär’s denn mit Indiaca oder Salsa? Möglicherweise führt auch schon Theater spielen in der Laienspielgruppe zu mehr Bewegung?
  • Macht die Sportart zu dieser Jahreszeit gerade Sinn? Die Hürde, im Winter oder im Hochsommer laufen zu gehen, liegt viel höher als im Frühjahr oder Herbst.
  • Welche Emotionen und/oder Ergebnisse erwarte ich? Sport ist anstrengend. Man sieht nicht zwangsläufig heiß und sexy aus (auch wenn Instagram meint, dass muss so), Muskelkater kann richtig, richtig fies sein und manchmal dauert es tatsächlich ein paar Wochen, bis man sich richtig „gut“ dabei fühlt. Eine schwankende Form ist außerdem völlig normal – es geht nicht immer bergauf.
  • Sind meine Ziele realistisch? Ein Halbmarathon ist auch für trainierte Läufer ein großes Ziel. Wie wär’s stattdessen erstmal mit der kleinen Parkrunde, den fünf Bahnen schwimmen, ruhig einem ganzen Jahr „Anfänger“-Stunden im Pilatesstudio oder die Route im 4. Grad – aber dafür regelmäßig?

Ich hoffe, die Tipps helfen euch weiter – vielleicht habt ihr sogar noch andere? Dann gern her damit! Wer genau wissen will, wie ich meine Tage nach der Entlassung aus der Klinik strukturiert habe und damit auch tatsächlich in Bewegung geblieben bin, findet einiges dazu im 4. Teil meines Buchs oder im entsprechenden Blogartikel. Viel Spaß am Sport, richtig dosiert ist er nicht Mord! Wie immer, eure Sophie

Kein Platz für Freude

Da habe ich es nun endlich geschafft, tatsächlich ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen – und dann kann ich mich noch nicht mal richtig drüber freuen, geschweige denn die Motivation finden, es zu vermarkten.

Stattdessen: Leere. Und: tausend andere Dinge noch zu tun, bevor meine Tochter auf die Welt kommt. Statt mich zu freuen und stolz zu sein, hakte ich nur einen weiteren Punkt auf meiner To-Do-Liste ab, mit dem Kopf schon beim nächsten. Vielleicht mag das auch an den Schwangerschaftshormonen gelegen haben, die mich zu diesem Zeitpunkt herunterregulierten, als hätte ich Tavor geschluckt. Wahrscheinlich aber war es wie so oft eine Mischung aus beidem: Unfassbar viel zu tun, die ganzen zwei Jahre zuvor, zu viel manchmal, jede winzige Auszeit musste erkämpft werden, und wurde dann doch wieder von so manchem Handwerker oder Wohnungsbewerber, der nur dann kann (und, haha, oft nicht mal auftauchte), zunichte gemacht. Der Geburtsvorbereitungskurs war eine Oase der Ruhe. Zwei Stunden mit meinem Partner, in denen es mal nicht, aber auch gar nicht, ums Haus ging. Sondern nur um uns. Zuhören, Kuscheln, mehr mussten wir nicht tun.

Ich kenne das:

Es ist so viel zu tun, dass man gar keine Zeit mehr findet, sich über Erreichtes zu freuen.

Das Leben geht drunter und drüber, so dass man gar keine Zeit mehr findet, schöne Momente zu genießen.

Man ist vollauf damit beschäftigt, das Tempo zu halten – würde man einen Augenblick innehalten, fiele man vom Rad.

Die Geburt meiner Tochter und die ersten Monate mit ihr haben mir eine Atempause gewährt, alles andere wurde unwichtig. Das Rad fuhr plötzlich von allein sehr viel langsamer, ohne dass ich fiel. Ich musste nicht mal mehr treten und blieb trotzdem oben. Mittlerweile habe ich Lust, mich nicht mehr nur ausschließlich treiben zu lassen, das auslaufende Rad wieder ein wenig anzutreiben.

Ich bin wieder da, ganz gemütlich zumindest.

„Hervorragend geschrieben und kurzweilig“

Hervorgehoben

Ich freue mich riesig, dass es „Grüße aus der Psychiatrie“ als erstes BoD-Buch überhaupt am 2. November in die Kurzkritiken des Münchner Merkurs geschafft hat – und dann auch noch solch ein Ritterschlag. Aber lest selbst:

Mach‘ ich eine verdiente Pause oder bin ich einfach faul?

Kennt ihr das? Ich liege in der Sonne, oder einfach im Bett, schaue irgendeine Serie, vielleicht habe ich davor sogar schon etwas erledigt. Die To-Do-Liste ist aber selten ganz aufgearbeitet und dann fängt es in mir schon an:

Du bist faul! Tu was!, motzt der innere Kritiker.

Aber Pausen und auch Faulsein sind super wichtig, fördern sogar die Kreativität, das weißt du doch spätestens seit dem Burn-out, kontert irgendeine andere Stimme.

Ja, was tue ich denn da gerade? Faulenzen? Oder Pause machen?

Normalerweise habe ich einen Dienstplan. Da ist fein geregelt, wann ich Pause habe und wann nicht, da kann ich das easy unterscheiden. In den Monaten, in denen ich krankgeschrieben war, ist ja jetzt auch schon eine Weile her, hatte ich mir ein ganz gutes Gerüst entwickelt, und – da war ich krankgeschrieben. Da sollte ich per definitionem faulenzen (also gesund werden). Momentan bin ich im Beschäftigungsverbot, das heißt: zwar in anderen Umständen, aber (glücklicherweise!) definitiv nicht krank. Und im Haus und am Buch und am Bürokratie-Schreibtisch gäbe es genug zu tun, die To-Do-Listen werden nicht kürzer. Und je länger dieses Beschäftigungsverbot dauern, desto mehr kämpfe ich innerlich mit meiner Produktivität bzw. Faulheit.

Ich weiß, dass dieses „immer Arbeiten, immer produktiv sein“ ein ganz stark in mir verhafteter Glaubenssatz ist, sehr deutsch, zu viele Bauernhof-Gene vermutlich. Seit mir das in der Therapie so bewusst wurde, hatte ich das ganz gut im Griff – aber ich habe seither immer entweder mit einen Lehrplan mit Prüfungen oder eben geregelte Arbeitszeiten gelebt, die mir sehr gut halfen, diesen Glaubenssatz einzugrenzen. Wenn für die Prüfung gelernt war oder Feierabend, war eben Feierabend, wohlverdient.

Nun, so den ganzen Tag zu Hause ohne einen festen Plan von außen, kämpfen die beiden Stimmen in meinem Kopf. Einen Masterplan, die beiden zur Ruhe zu bringen, habe ich noch nicht entwickelt. Zeitpläne, To-Do-Listen helfen zwar, aber so ganz zur Ruhe kommt der Kritiker nicht. Wenn mir nicht gerade ohnehin vor lauter Müdigkeit auch tagsüber die Augen zufallen (wie macht man das nur, wenn man sich parallel noch um ein Kind und nen Job kümmern muss?!), muss ich mir selbst die Pausen richtig zugestehen. Eiei. Diese Glaubenssätze sind ganz schön hartnäckig, das Arbeiten daran hört einfach nicht auf. Tipps, anyone? Gern in den Kommentaren 🙂

Lebenszeichen

Spoiler: Ein Haus zu bauen – noch dazu in Eigenregie – ist tatsächlich so stressig wie immer alle behaupten. Es raubt einem jede freie Minute, Energie und mir auch die Ruhe, die ich zum Schreiben dringend brauche. Deshalb war es hier in den vergangenen Monaten so still.

Ein paar kleine Fortschritte gibt es dennoch zu vermelden, hin und wieder habe ich mir doch ein wenig Zeit und Energie abgeknapst: der Klappentext ist fertig, die Quellen sind größtenteils recherchiert und ich habe zwei tolle KollegInnen finden können, die mir in Sachen Korrektorat und Cover unter die Arme greifen (und nach wie vor auf meinen Input warten). Ein Tag Arbeit wäre das, schätze ich. Nicht viel, eigentlich. Aber den Prio eins Platz belegt eben gerade das Haus. Noch habe ich die Hoffnung allerdings nicht aufgegeben, dass es mit dem Estrich im Untergeschoss in ein paar Woche ruhiger wird.

Und, das will ich bei all dem Gejammere nicht vergessen: Zwar steht das Buchprojekt über einen kleinen Ausschnitt meiner Vergangenheit gerade still – dafür kann ich aber tagtäglich zusehen, wie mein zukünftiges Zuhause Form annimmt. So stressig es gerade ist – tauschen möchte ich auf gar keinen Fall.

Aufklärung in den Lehrplan!

Kurzmitteilung

Einige Abiturienten aus dem Süden Münchens haben nicht nur einen vielbeachteten Film über Depression gedreht („Grau ist keine Farbe“), sondern auch eine Petition gestartet: Die Aufklärung über psychische Krankheiten wie eben die Depression soll fester Bestandteil des Lehrplans werden! Diese Woche sprachen sie deshalb vor einem Ausschuss des Bayerischen Landtags. Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich das mehr als gut finde.

Wer die Petition unterstützen will klickt, einmal bitte hier:

Link zur Petition

Und wer mehr darüber lesen will, klickt bitte hier:

Link zur Website des Filmprojekts „Grau ist keine Farbe“

Link zum Artikel des Bayrischen Rundfunks zur Ausschusssitzung des Landtags

Buchtipp: Sophia, der Tod und ich

Lang, lang ist es her, dass ich hier den letzten Buchtipp veröffentlicht habe. Weil ich leider nicht mehr so viel zum Lesen komme, seit mich die Ausbildung beschäftigt, weil die Bücher, die ich gelesen habe, nicht wirklich empfehlenswert waren und weil ich sage und schreibe das komplette vergangene halbe Jahr mit der spanischen Originalversion von „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ verbracht habe…

Jedenfalls habe ich vergangenes Wochenende im unaufgeräumtesten Bücherregal aller Zeiten bei einem Kumpel eben Thees Uhlmanns „Sophia, der Tod und ich“ entdeckt. Obwohl nicht absehbar war, dass ich im nächsten halben Jahr – danke, Staatsexamen – wirklich Zeit haben würde zu Lesen, lieh ich es aus. Prompt wurde ich in der darauffolgenden Woche krank und war heilfroh, dass da nun immerhin noch ein Buch in meinem Regal stand, das weder Fachliteratur noch bereits gelesen war.

Uhlmann liest sich leicht und locker. Er nimmt einen direkt mit in die Welt seines Ich-Erzählers. Und der sinniert über Kaffeeduft, alte Polen, Fußballspiele und eine alte Liebe, an was man eben so denkt – bis plötzlich der Tod vor ihm steht.

Doch das Sterben geht schief. Gründlich sogar – und so bleibt nicht nur der Protagonist vorerst am Leben, sondern er behält den Tod an seiner Seite. Mitten im Leben. Schönschönschön? Ja nu, erklärt ihr mal eurer Ex-Freundin, eurer Mutter und dem eigenen Sohn, den ihr seit sehr, sehr langer Zeit nicht gesehen habt, dass das neben euch der Tod ist. Immerhin: Der Tod ist sehr freundlich und kommt gut an.

Uhlmanns Geschichte ist von vorn bis hinten verrückt, manchmal tiefenphilosophisch oder traurig, aber gleich im nächsten Moment wieder urkomisch und einfach schön. Sophia, der Tod und ich – 318 Seiten Lebensfreude.

Die große Pause

Was war das Beste an der großen Schule? Die große Pause natürlich!

Früher oder später sind wir alle aus der Schulzeit rausgewachsen – und irgendwie haben wir damit auch die große Pause verloren. Wir sind zu erwachsen, um herumzutollen, und überhaupt – für solchen Unsinn haben wir doch gar keine Zeit mehr. Dabei sind Pausen wichtig: Wir brauchen sie dringend, sie geben frische Energie und erlauben unseren Gedanken, neue Ideen zu spinnen.

Es muss ja nicht immer die große Pause sein. Zwischen meiner Ausbildung, der Vorbereitung auf das Staatsexamen und den vielen anderen kleinen Dingen, die sonst noch so zu erledigen sind, finde ich oft auch keine zwanzig Minuten. Aber fünf Minuten – die gehen immer! Die fallen meistens nicht einmal auf.

Ihr wisst aber nicht, was ihr in den fünf Minuten Pause dann überhaupt tun könntet? Weil sie zu kurz zum Joggen oder Kaffeetrinken sind? Ich habe da ein paar Ideen für euch. Zum Auspowern während eines langen Schreibtischtages, zum Runterkommen nach einem anstrengenden Meeting oder einfach, um dem Kopf eine kurze Pause zu gönnen.

Meine zehn Lieblingspausen:

  1. Fünf Minuten lang einfach den Himmel bewundern, die Wolkenformationen und das Farbenspiel genießen
  2. Schaukeln
  3. Wenn die Sonne scheint: die Sonnenstrahlen auf der Haut genießen
  4. Trampolin springen
  5. Lieblingsmusik laut aufdrehen und mitsingen!
  6. Lieblingsmusik laut aufdrehen und abspacken!
  7. Jonglieren
  8. Fünf Minuten lang einfach meinen Atem beobachten
  9. Kickern
  10. Vom nächsten Ausflug oder Urlaub träumen

Viel Spaß bei eurer nächsten kleinen Pause! 🙂

Zum ersten Mal

Am Heiligen Abend war in diesem Jahr meine Oma zu Besuch. Meine Oma ist mittlerweile stolze 93 Jahre alt. Wie jedes Jahr stellten wir uns vor der Bescherung zum klassischen Familienfoto auf. Erst mit Oma, dann mit Tante, dann nur wir Schwestern – schließlich drückte ich meiner Oma die Kamera in die Hand. „Oma, kannst du bitte noch ein Foto von uns machen?“ „Ich?! Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Foto gemacht!“

Wir anderen waren alle ziemlich erstaunt. Auf die Idee, dass unsere Oma noch nie selbst ein Foto gemacht haben könnte, wären wir nie gekommen. Ich erklärte ihr, auf was sie achten muss und welcher Knopf der Auslöser war – und dann schoss meine Oma mit 93 Jahren ihr allererstes Foto. Sie war riesig stolz drauf.

Es ist nie zu spät, irgendwas zum ersten Mal zu machen. Und es ist auch nie zu spät damit anzufangen, etwas anders zu machen als die 93 Jahre zuvor.

Wir alle waren ziemlich gerührt. Und ich begann, darüber nachzudenken, welche Dinge ich in diesem Jahr zum ersten Mal gemacht habe. Die Liste ist – wenn man so darüber nachdenkt – tatsächlich ziemlich lang.

Ich habe mich zum ersten Mal getraut einen Doppelsalto zu springen.

Ich war zum ersten Mal Pilgern.

Ich habe zum ersten Mal mit psychiatrischen Patienten gearbeitet.

Zum ersten Mal erschienen meine Texte auf der Stern-Startseite. 

Ich habe zum ersten Mal Fußball gespielt.

Ich habe zum ersten Mal Schupfnudeln selbst gemacht. 

Den Rest behalte ich für mich und ich glaube, ich muss auch noch ein paar Nächte über diese Liste schlafen  – mir fällt bestimmt nicht alles auf Anhieb ein. Mein Vorsatz für’s nächste Jahr: Dabei zu bleiben, Dinge zum ersten Mal zu machen.

 

Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.

Henry Ford