Johanna – der einzige Mensch in der Psychiatrie, mit dem ich bisher mehr als zwei Worte gewechselt hatte – war am Samstag in aller Frühe Richtung Heimat aufgebrochen. Meine zweite Zimmergenossin war schon nicht mehr im Zimmer, als die Schwester mich um halb acht weckte und mir meine Thyroxintablette (wegen der Schilddrüsenentzündung) gab.
Ich blieb noch ein bisschen im Bett liegen, ich durfte sowieso erst in einer halben Stunde etwas essen. Heute würde mich Kathrin besuchen kommen. Einerseits war mir überhaupt nicht nach Reden, andererseits freute ich mich sehr, sie endlich wiederzusehen. Außerdem würde ich sonst den ganzen Tag in diesem Gefängnis festsitzen. Und wir würden mindestens einmal essen gehen. So viel hatte ich an dem einen halben Tag, an dem ich erst hier war, nämlich schon kapiert: Das Mittagessen war nur in Ausnahmefällen genießbar.
Frühstück gab es zwischen acht und neun Uhr morgens, keine Minute länger, vorher mussten alle Patienten zum Blutdruckmessen antreten. Gewogen wurde alle zwei Tage im Wechsel. Und manche Pfleger fragten auch nach der Beschaffenheit des Stuhlgangs.
Der Aufenthaltsraum hallte unglaublich. Ich setzte mich wieder an den Platz, den ich gestern schon eingenommen hatte. Allein, abseits, an der Wand. Mir gegenüber, am nächsten Tisch, saß ein großer, schlaksiger, eigentlich hübscher junger Mann – in etwa so alt wie ich. Er hatte die dunklen Augen auf den Tisch gerichtet, er hob sie während des ganzen Essens nicht einmal. Hinter mir war eine Runde Frauen, alle zwischen vierzig und sechzig, auf der anderen Seite, an der zweiten Tischreihe, saßen vor allen Dingen Männer. Die meisten wohl um die vierzig. Einige stark tätowiert, einige ziemlich unförmig. Insgesamt war es eine sehr heterogene Mischung im Speisesaal. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft.
Zum Frühstück hatte ich mir Müsli mit Joghurt, eine Vollkornsemmel mit Honig und Obst bestellt. Saft gab es nicht, also trank ich Wasser. Nach dem Frühstück nahm ich meine Morgenration Tabletten am Stützpunkt ein – und wehe ich schluckte nicht offensichtlich genug – und ging wieder ins Zimmer.
Kathrin würde etwa um halb elf hier sein. Ich zog mich an, richtete die Haare halbwegs und beschloss, mich mit einem Buch in den Innenhof zu setzen. Vor meinem Fenster war zwar eine Art Balkon, die Schwester hatte mich gelinde gesagt jedoch einfach ausgelacht, als ich am Vortag fragte, ob man dahin auch rausgehen könnte. Nicht einmal die Fenster waren zu öffnen, immerhin konnte man sie kippen. Einige der metallenen Gitterstühle waren noch nicht belegt, ich schnappte mir einen roten und rückte ihn, durch das dürre Gras und welke Laub, unter dem Baum heraus in die Sonne. Eigentlich war an diesem Tag – am Tag des Dorffests – immer schönes Wetter. Das war unsere eigene Regel. In diesem Jahr wohl nicht. Es war kalt, obwohl die Sonne schien, und es war Regen vorhergesagt. Immerhin etwas. Ich würde nicht das beste Fest aller Zeiten verpassen.
Ich las also in der Sonne, unbehelligt von den Mitpatienten, als plötzlich Kathrin vor mir stand. Da bist du, sagte sie. Ich sah ihr an, dass sie sichtlich froh war, mich gefunden zu haben. Ich war schon oben in deinem Zimmer, die Frau dort sagte, dass du im Innenhof bist. Und ich habe mich vorhin beinahe nicht die Treppe in deine Station hochgehen trauen. Da kam mir einer entgegen, der sah ziemlich furchteinflößend aus. Ich musste grinsen. Ich wusste, wen sie meinte. Der sah in der Tat ziemlich furchteinflößend aus. Beinahe am ganzen Körper tätowiert, zahlreiche Piercings, lange, nicht gerade gepflegte Haare, meistens weite, schwarze Kleidung. Er sah eher nach „hinterm Bahnhof rechts“ oder „unter der Brücke, dritter Karton von vorn“ aus, als nach allem, was ich so gewohnt war. Aber so viel hatte ich in den 24 Stunden, die ich auf der Station war, schon mitbekommen: Er war einer der Nettesten hier. Ich sagte ihr das, das beruhigte sie ein wenig.
Dann fuhren wir los – in Begleitung durfte ich ja Gottseidank raus – und drehten einige Runden um einen kleinen, unglaublich süß gelegenen See im nächsten Dorf. Wir hatten uns seit Monaten nicht gesehen, zwar oft telefoniert in der letzten Zeit, aber das war nicht das Gleiche. Es tat unglaublich gut, endlich auch mal viele der Dinge loswerden zu können, die sich am Telefon einfach nicht sagen lassen. Ich fühlte mich gut aufgehoben und sicher bei ihr. Und ich musste auch nicht die ganze Zeit reden. Eine ganze Weile waren wir beinahe schweigend gelaufen. Eine ganz neue Erfahrung für mich. Anschließend aßen wir noch in einem Biergarten zu Mittag. Gegen drei war ich wieder zurück in der Klinik. Den restlichen Tag verbrachte ich mit Lesen, Die-Bäume-vor-meinem-Fenster-Anstarren (schon faszinierend, welche kleinen Details man entdecken kann!) und So-zu-Tun-als-ob-ich-schliefe.
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