Neues aus der Anstalt

Mir ging es besser, und ich begann wieder, mehr zu sprechen. Nicht wie früher, über alles und mit jedem, aber zum Beispiel mit meinen Zimmergenossinnen Johanna und Ruth und mit einer weiteren neuen Patientin namens Stefanie. Mit Johanna und Steffi verbrachte ich die meiste Zeit. Die beiden waren wegen Depressionen hier – so wie wohl beinahe die Hälfte der Patienten. Die andere Hälfte war wegen Suchtproblemen da, in erster Linie AlkoholikerInnen (mit der „Jahrestagung der anonymen Alkoholiker“ hatte ich an meinem ersten Tag also gar nicht so unrecht gehabt). Vereinzelt gab es Patienten, die z.B. unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder dem Borderline-Syndrom litten.

Johanna war ein durch und durch fröhlicher und offener Mensch und durch sie kam ich mit mehr Mitpatienten in Kontakt, als mir genaugenommen lieb war. Grob gesagt ließen sich die Patienten in zweierlei Arten aufteilen: Die, die ihre Krankheit bis ins Detail analysiert hatten und über nichts anderes sprachen und auch andere über nichts anderes befragten: „Und, in welcher Dosierung bekommst du Mirtazapin?“ oder „Welcher Schweregrad wurde bei deiner Depression diagnostiziert?“, der andere Teil – so wie ich – wollte einfach möglichst wenig davon hören und so viel Normalität als nur irgend möglich wahren. Vermeintlich harmlose Frage wie „Wie geht’s?“ oder auch das schon etwas konkretere „Und, warum bist du hier?“ waren gänzlich verpönt – und das über alle „Kreise“ hinweg. Ich selbst habe mich erst nach etwas mehr als zwei Wochen getraut, Johanna zu fragen, warum sie eigentlich genau da war und ob ihr kleiner Tick, eine Art Schluckauf, auch ein Symptom war, und das, obwohl ich beinahe den ganzen Tag mit ihr verbrachte.

Es wäre bestimmt wahnsinnig spannend gewesen in der Psychiatrie, in dieser Station, eine kleine Milieu-Studie zu betreiben. Von Schülern und Studenten über Bankangestellte, Friseurinnen, Landschaftsgärtner, Hausfrauen, Bäuerinnen, Kindergärtnerinnen, Immobilienmakler, Vermögensberater, Hartz-4-Empfänger, Berufssoldaten: Alle waren da. Es war völlig faszinierend, wie sich, selbst in der tiefsten Depression oder den fiesesten Entzugserscheinungen, trotzdem, ungeachtet der Diagnose, die gleichen Gruppen zusammenfanden wie überall in der deutschen Gesellschaft,

Kommentar verfassenAntwort abbrechen