Jeanette

Johanna war noch keine halbe Stunde weg, da war das Bett schon neu belegt. Ich war momentan vielleicht etwas übersensibel. Aber kennt ihr auch Menschen, die einfach alles um sich herum erdrücken, einfach nur, weil sie da sind? Kennt ihr das? Ich jedenfalls hatte sie noch nicht einmal ganz gesehen, aber ich spürte diese Welle schon, als ich gerade die Zimmertür öffnete, um mich nach dem Sport zu duschen. Eine Aura. Die das ganze Zimmer ausfüllte. Für mich und meinen aktuell auch etwas größeren Raumbedarf war kein Platz. Zwei riesige, teils mit braunem Packband geklebte Koffer lagen im Zimmer herum, Tupperboxen in den verschiedensten Größen waren auf dem rechten und dem mittleren Fensterbrett aufgebaut worden, Taschen und Jacken lagen verteilt auf zwei der drei Stühle – unter anderem auf meinem Handtuch! – und mittendrin stand Jeanette. In etwa so groß wie ich, also gute 1,75m, eine braune, nicht unbedingt modische Kurzhaarfrisur, flatternde Kleidung, die eher an einen Thailand-Rucksack-Trip erinnerte als an irgendetwas anderes, altmodische Brille, pummelig.

„Hallo, ich bin Jeanette!“, schleuderte sie mir entgegen, noch bevor ich überhaupt bis zu meinem Bett vorgedrungen war. Ich wich zurück. Ich hatte das Gefühl, als würde das Zimmer beben, so laut und durchdringend war ihre Stimme. Viel zu laut. Eh, hallo, antwortete ich. Ich war überfordert. Johanna hatte vor nicht einer halben Stunde die Klinik verlassen und nun war da dieses – ich blickte noch einmal fassungslos über das Chaos hinweg, dass diese Person innerhalb von nur wenigen Minuten angerichtet hatte – Monstrum?! Ich blickte hilfesuchend zu Ruths Bett. Ruth war nicht da. „Kann ich ins Bad?“, fragte ich nur, wartete aber die Antwort aber gar nicht erst ab, sondern schloss mich umgehend im Badezimmer ein. Hier hatte sie noch keine Spuren hinterlassen. Ich duschte recht ausführlich – was mit dem Duschkopf auf Hüfthöhe gar nicht so einfach war – und versucht dabei, meine Gedanken neu zu ordnen und zu sammeln.

Ich hatte vergessen, frische Kleidung mit ins Bad zu nehmen. Verdammt. Als ich, in mein Handtuch gewickelt, kurz aus dem Bad hüpfte, um frische Unterwäsche und zumindest meine Jogginghose aus meiner Tasche am Bett herauszufischen, hallte es „und, wie lange bist du schon da? Ich habe gehört, hier soll es gut sein, ich habe mich hier selbst eingewiesen. Wirkt auch alles viel freundlicher als in Haar!“ Zwei Wochen, murmelte ich verschreckt und huschte wieder zurück ins Bad. Hilfe. Haar? Haar? Das Haar? Das, mit dem wir uns als Kinder immer gegenseitig aufgezogen hatten? Wenn du dich weiter so aufführst, dann bringen wir dich nach Haar? Ins Irrenhaus? Puh. Die Männer mit den weißen Kitteln. Ja gut, ich war auch in einer Psychiatrie. Aber Haar war irgendwie…eine andere Nummer. Wenn wohl auch nur gefühlt. Ich nahm mir Zeit, so lange ich es in dem kleinen, dampfigen Bad aushielt, cremte mich ein, zog mich an, bürstete und föhnte meine Haare. Aber schließlich musste ich doch wieder nach draußen. Ich war kaum zwei Schritte im Zimmer, da dröhnte diese Stimme schon wieder. „Weißt du schon, wie lange du noch hier bist?“ Heilfroh antwortete ich, eine Woche noch, und nannte ihr die Klinik, in die ich wechseln würde. „Ach, deswegen bin ich eigentlich hier! Da will ich auch unbedingt hin und ich habe gehört, dass man von hier aus sehr schnell einen Platz kriegt!“ Achso? Schön. Ich schnappte meinen Laptop, mein Handy und meine Wasserflasche und flüchtete regelrecht aus dem Zimmer. Hilfe, dachte ich nur. Ich zog die Tür hinter mir zu und schrieb Johanna eine Whatsapp-Nachricht: „Hilfe! Dein Bett ist schon wieder belegt. Ich bin gerade geflüchtet… bist du gut angekommen?“

Hinter dem Aufenthaltsraum war noch ein kleines Eckchen, in dem sich der Fernseher und der Billardtisch befanden, außerdem zwei kleine runde Tische und ein paar Stühle aus hellem Holz. Der Fernseher lief beinahe den ganzen Tag, auch der war mir zu laut, aber gerade war er aus. Ich setzte mich also dahin, und begann zu schreiben. Nach einer Weile tippte mich jemand an der Schulter an, ich schrak zusammen. Es war Ruth. Ob sie mich aus dem Zimmer verjagt hätte, fragte sie mich sichtlich verstimmt. So hatte ich sie noch gar nicht erlebt. Sie war sonst eine Seele von Mensch. Nein, antwortete ich ihr, ich bin freiwillig gegangen. Ich habe es da drin nicht mehr ausgehalten. Hm, brummte Ruth. Ich auch. Ich vermisse Johanna jetzt schon… Dito. Damit ging sie wieder, ich schrieb weiter. Wie konnte ein eigentlich geräumiges und sogar halbwegs gemütliches Zimmer (wir hatten sogar eine Orchidee und eine riesige Sonnenblume auf dem Fensterbrett) binnen Minuten auf einen Käfig zusammen schrumpfen, aus dem alle freiwillig flüchteten?

3 thoughts on “Jeanette

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  1. Hmja, das klingt ja weniger erbaulich (mal zur Abwechslung, meist klingen deine Beiträge ja doch recht positiv…kommt mir jedenfalls so vor…)
    An sich würde ich ganz gern hin und wieder mal einen kleinen Kommentar dalassen, meistens bin ich mir aber einfach zu unsicher, ob ich den dann auch so formuliert bekomme, dass du ihn gern liest (oder zumindest er nicht stört).
    Dazu kommt ja der Faktor, dass du insgesamt schon zeitlich weiter bist, wenn ich das richtig verstehe, also ist „Jeanette“ hoffentlich mittlerweile wieder Geschichte (oder du hast einen Weg gefunden, dich mit ihr zu arrangieren? Gibt ja viele Wege nach Rom…).
    Um das ganze Internet-würdig abzuschließen: …. und jetzt weiss ich auch nicht.
    (Und an sich natürlich weiterhin gute Besserung! 😉 )

    1. Hi Johannes, schön von dir zu hören! Klar kannst du Kommentare dalassen – die stören ja auch nicht, ganz im Gegenteil, ich freu mich drüber. Ja stimmt, ich bin schon ein wenig weiter, das Schreiben dauert doch länger als gedacht, das war ja alles bereits im September. Aber ganz fit bin ich leider immer noch nicht. Naja, mit Jeanette, ihr werdet ja sehen wie es weitergeht…sie wird wieder auftauchen. Aber gottseidank nie wieder in meinem Zimmer 🙂 Viele Grüße! Franziska

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