Heute bin ich genau drei Wochen in der Psychiatrie. Es geht mir sehr viel besser als vor meiner Einlieferung. Zum einen haben die Tabletten, die mir meine Psychologin in München noch verschrieben hat, beinahe zeitgleich mit der Einlieferung angefangen zu wirken – und mittlerweile weiß ich, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass die ersten Medikamente anschlagen UND keine Nebenwirkungen verursachen. Zum anderen fühle ich mich gut aufgehoben.
Dennoch: Die kleinste Überanstrengung oder Stress bemerke ich sofort. Ich habe gelernt, wie ich dagegen ankämpfen kann und rutsche nicht mehr ab. Aber das kostet mich unheimlich viel Kraft. Nach wie vor gibt es Tage, an denen ich schlecht gelaunt bin oder Tage, an denen ich einfach keine Energie habe. Ich muss mich langsam an meinen „neuen“ Körper und vor allem ein meinen „neuen“ Kopf gewöhnen.
Ein Beispiel, um euch zu verdeutlichen, was ich meine:
Ich habe lange geturnt. Die Grundbewegungen, wie das Rad, habe ich wohl tausendfach ausgeführt. Mein Kopf und meine Nervenbahnen wissen genau, was sie tun sollen. Ich Fachjargon nennt man das Automatisierung. Mein Körper reagiert also genau so, wie er es die letzten tausend Mal getan hat. Aber meine Muskeln und Sehnen sind wegen des mangelnden Trainings nicht mehr dehnbar genug. Das Ergebnis: Ich turne zwar das Rad korrekt, spüre aber die Dehnung in der Oberschenkelmuskulatur. Wenn es noch schlechter läuft, hole ich mir sogar eine Zerrung.
Genauso fühlt sich im Moment sehr vieles an.
Ich weiß, dass ich die Quersumme zu ihrer Zahl addieren und das Ergebnis dann in einem Feld von 30 Zahlen finden kann. Aber es kostet mich so viel mehr Energie als früher. Das Ergebnis: Mein Kopf fühlt sich nach einem einfachen Arbeitsblatt an, als würde er platzen.
Ich weiß, dass ich eine halbe Stunde Fitnesstraining meinem Körper eigentlich locker zumuten kann und kann eigentlich sehr genau einschätzen, wo die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit liegen. Aber mein Kopf und Nervensystem haben sich meinem „neuen“ Körper noch nicht angepasst. Ich zwinge mich also oft unbewusst zu Leistungen, die meinen Körper momentan überfordern. Merke es aber erst hinterher – wenn ich nach einer halben Stunde Training nicht mehr in der Lage bin, meinen Arm über den Kopf zu heben und zwei Stunden in beinahe totaler Erschöpfung Hörbuch höre, bis ich auch nur Duschen kann – wie heute Vormittag passiert, als ich zum ersten Mal an der anspruchsvolleren Sportgruppe teilnahm.
Ich weiß, dass mir in einer vollen Kirche auch an einem Festtag keinerlei Gefahr droht. Die auftretenden Gedanken, die sich um Enge und Fluchtmöglichkeiten drehen, in Zaum zu halten, kostet mich jedoch alle Konzentrationsfähigkeit, die ich noch habe. Mein Kopf braucht danach eine lange Ruhepause.
Nicht zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass Heilung in meinem Fall heißt, mich neu auf mich einzulassen.
In einem schlauen Artikel, ich weiß leider nicht mehr, wo er erschienen ist, habe ich kürzlich einen sehr klugen Satz gelesen: Reisen bedeutet, sich selbst (und der eigenen Kultur) fremd werden.
Ich denke, das sollten wir alle öfter tun. Nicht unbedingt Reisen. Das ist zwar schön, aber nicht notwendig. Wir sollten öfter einfach mal einen Schritt zurücktreten von dem, was wir glauben zu sein, und uns ganz neutral analysieren. Ohne Wertung, alle Regeln und Voreingenommenheiten über Bord geworfen. Sind wir wirklich der Mensch, der wir eigentlich sein wollen?

Ich verfolge deinen Blog schon von Anfang an u freue mich immer über neue Einträge von dir. Vor allem dieser Artikel gibt echt zu denken… Find ich super, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst!!
Danke danke danke 🙂