Knallertisch

Der Speisesaal war ein Traum. Den Vergleich zur Psychiatrie gewann er locker, aber würde auch einige Vier-Sterne-Hotels überflügeln. Jeder hatte einen festen Platz im Speisesaal, beliebig zugeteilt. Die Tische waren entweder rechteckig oder rund und boten in der Regel Platz für bis zu sechs Personen. Ich war schon gespannt, wer an meinem Tisch sitzen würde. Die Namen auf dem Schild sagten mir gar nichts, niemand, den ich aus dem Zimmer oder aus Gauting kannte.

Spätestens fünf Minuten, nachdem der Tisch versammelt war, war mir klar: Ich habe hier mal wieder hundert Punkte gewonnen (Warum immer ich?). Ein Knaller-Tisch.

Rechts von mir: Ein Mädchen, vermutlich Anfang zwanzig. Komplett schwarz gekleidet, schwarzgefärbte, offene Haare, schwarz getuschte Augen, sehr blasser Teint. Sie aß kaum etwas, sprach beinahe nichts und verließ nach nicht einmal zehn Minuten wieder den Tisch.

Mir gegenüber, wie ich ein Neuankömmling: Typ Aerobic-Trainerin. Die kurzen, blonden Haare fast schon zu einer Art Vokuhila-Fransen-Frisur toupiert, vergleichsweise stark geschminkt, mit einer überdimensionalen Modeschmuck-Kette um den Hals. Das hochmotivierte Strahlen einer Fitnesstrainerin im Gesicht. Alter vermutlich um die vierzig. Und, tatsächlich: Sie ist zwar nicht Aerobic, aber Zumbatrainerin, wie sich sehr bald herausstellte.

Wieder ein Platz weiter: Die neugierige Oma auf Kur, wie aus dem Bilderbuch, inklusive Brille mit Goldrand und mehreren Goldringen an den Fingern, Perlenkette um den Hals. Der rote Lippenstift zog sich von der Oberlippe durch die Falten leicht in Richtung Nase. Und, Sophie, wissen Sie, ich bin schon ganz neugierig: Wo kommen Sie denn nun genau her? Gottseidank ist München groß, dachte ich mir. Das Beste an Ihr: Die dicken Gläser ihrer Brille vergrößerten ihre – zugegeben schönen – wasserblauen Augen um ein Vielfaches. Sie starrte um sich her wie ein Fisch. Oder Mesut Özil.

Links neben mir, direkt vor der Terrasse, also da, wo eigentlich das Licht hereinscheinen sollte: Finster. Bei so viel Leibmasse hatten die Sonnenstrahlen keine Chance. Das Alter war schwer zu schätzen, auch sie war nicht besonders redselig. Witzigerweise war sie die Einzige, die weder Suppe noch Salat noch Nachtisch aß. Abgesehen natürlich von dem schwarzen Mädchen. Aber die aß einfach gar nichts.

Groteske Zusammenstellung, ein Knallertisch. Ein Platz am Tisch ist noch frei. Ich bin gespannt. (Und heilfroh, dass ich Johanna für die restlichen 22,5 Stunden des Tages habe!)

Kommentar verfassenAntwort abbrechen