Geburtstagsbesuch

Auch am Tag nach meinem Geburtstag war meine Stimmung ausgesprochen gut. Der kleine Schock, den mir das Aufeinandertreffen mit Jeanette am Vortag bereitet hatte, war der Erleichterung gewichen, dass sie also nicht in meinem Zimmer war. Und die Klinik hier war definitiv groß genug, um ihr aus dem Weg gehen zu können.

Das morgendliche Laufen war schön, die Angstgruppe war wie immer angenehm (meine Therapeutin war im Urlaub, da ersparte ich mir sogar den vorwurfsvollen Blick, wenn ich behauptete, kein Thema zu haben). Beim Mittagessen dann erzählte Julia am Tisch, dass sie nun auch ihren Entlasstermin genannt bekommen hatte. Sie war eine gute Woche nach mir gekommen, also Mitte September, und würde Anfang November die Klinik wieder verlassen. Die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich angekommen war, wusste bereits seit einiger Zeit, dass sie exakt sechs Wochen in der Klinik bleiben würde. Das war die Standardzeit, die offenbar von den Krankenkassen jedem Patienten zugestanden wurde. Ich war nun schon in der vierten Woche hier und hatte immer noch kein Datum genannt bekommen. Das war unüblich. Sicher, ich war aus der Psychiatrie überwiesen worden, vielleicht wurde da generell der Aufenthalt länger genehmigt, dennoch ging diese Thematik nicht ganz spurlos an mir vorüber. Alle, wirklich alle, hatten bereits ein Entlassdatum genannt bekommen. Auch Johanna. In der Regel waren es eben die sechs Wochen, bei schwereren Fällen auch mal etwas länger. Die Patienten, die wegen posttraumatischen Belastungsstörungen da waren, bildeten die große Ausnahme – sie verbrachten teils ein halbes Jahr am Stück in der Klinik. Aber selbst die wussten, wie lange sie hier waren. Nur ich nicht. Ich versuchte, den Gedanken, dass ich ein derart schwerer Fall sei, dass man bei mir noch gar keine Dauer absehen konnte, zu verscheuchen. Ich war genaugenommen auch sehr froh darum, dass ich noch keinen Entlasstermin hatte. Mir ging es zwar seit ich hier war stimmungsmäßig ziemlich gut, was Erschöpfung und Energie aber betraf, hatte ich kaum Fortschritte gemacht. Egal. Vergiss es, konzentriere dich auf dich, das passt schon alles so.

Die Kunsttherapie machte mir mittlerweile richtig Spaß. Die Zusammensetzung der Gruppe hatte sich ein wenig verändert und damit waren auch die Damen, die so schön malten, mittlerweile in der Unterzahl. Die Themen waren zwar nicht besonders viel besser geworden, aber ich fand immer wieder neue Malfarben oder Bastelutensilien im Therapieraum. Ich tobte mich aus.

Am Nachmittag bauten wir endlich mal wieder die Slackline auf, um das sonnige Wetter noch zu genießen und abends, nach dem Abendessen, bekam ich Geburtstagsbesuch. Marlene und Hanni kamen extra den weiten Weg aus München und hatten sogar einen selbstgebackenen Kuchen dabei. Wir setzten uns in die Cafeteria – heute war es entweder weniger laut als sonst oder ich war ein bisschen stabiler als sonst – und ratschten. Sie brachten ein bisschen Normalität mit in meine Klinik-Käseglocke. Ließen mich am Leben draußen teilhaben und vor allem hatten mir die beiden schon über die ganzen Monate hinweg nie auch nur einen kurzen Moment das Gefühl gegeben, dass ich mich irgendwie verändert hätte oder irgendetwas anders sei. Nicht einmal, als sie mich in der Psychiatrie besuchten. Dann war die Franzi eben jetzt in der Psychiatrie. Na und?

Auch der Tag nach meinem Geburtstag war ein sehr schöner Tag gewesen. Mir ging es richtig gut. Ich hoffte inständig, dass die gute Stimmung weiter anhalten würde.

Kommentar verfassenAntwort abbrechen