Könnt ihr euch noch erinnern, dass ich mich ganz am Anfang geärgert hatte, nicht einfach alles hingeschmissen und die lang ersehnte Weltreise gemacht zu haben?
Seit drei Wochen etwa war nun ein neuer Patient hier in der Klinik. Meine letzte Stunde in der Burnout-Gruppe war seine erste gewesen. Er war 30, also auch eher jung, auch aus München. Ich hatte anfangs mit Thomas nicht viel zu tun, er schien zwar nett, aber nach wie vor brauchte ich noch viel zu viel Zeit für mich, als dass ich mich effektiv um Kontaktaufnahme bemüht hätte. Johanna und vielleicht noch meine beiden Zimmerkolleginnen waren die einzigen, die ich in meine Käseglocke ließ.
Johanna, die selbst in ihren schlechtesten Tagen noch deutlich kontaktfreudiger war als ich, war es schließlich, die mir erzählte, dass am Montagabend statt einem „normalen“ Film Thomas einen Film von seiner Weltreise zeigen würde. Genaugenommen war es eine zweiteilige, musikhinterlegte Diashow. Waren das schöne Bilder. Und Erinnerungen an Momente, an Sehenswürdigkeiten, aber vor allen Dingen an das wunderbare Gefühl des Unterwegs-Seins, der Freiheit, der Neugier und vor allem dem unglaublich großen Gefühl, an einem Ort zu sein, von dem man so lange geträumt hat. Bei den zwölf Aposteln an der Great Ocean Road oder tatsächlich im australische Outback zu übernachten, Zeuge eines spontanen Hakas einer neuseeländischen Schulklasse an einem Traumstrand zu werden, einen kleinen Seestern in der Hand zu halten, Schiffe dabei zu beobachten, wie sie die Schleusen des Panama-Kanals durchqueren. Ein Bild von Neuseeland reicht – und schon ist mein Kopf voller Momente und Menschen.
Nach dem Diavortrag unterhielt ich mich zum ersten Mal länger mit Thomas. Er war ein halbes Jahr unterwegs gewesen. Wann das denn gewesen sei, fragte ich? Vor nicht einmal einem ganzen Jahr.
Die Weltreise hatte gut getan. Aber sie war nicht die Lösung gewesen. Ein halbes Jahr lang war alles gut – ein halbes Jahr war eben auch alles Belastende weit weg. Aber zu Hause bleibt – in der Regel – alles, wie es ist. Kein halbes Jahr hat es gedauert, bis die Symptome Thomas wieder eingeholt haben.
