Heute

Ein gutes Jahr ist das nun her.

Heute, im Dezember 2016, arbeite ich nicht mehr in München. Wohne nicht mehr in München. Habe keine eigene Wohnung mehr. Ich habe nicht einmal mehr die gleiche Handynummer – das allerdings zufällig.

Mein ganzes Leben hat sich verändert, ich habe die Gelegenheit genutzt, noch einmal von vorn anzufangen. Ich habe meine Spielfigur tatsächlich wieder auf Los gesetzt.

Und trotzdem fühlt es sich nicht an, wie von vorne anzufangen. Es macht einfach alles Sinn, als wäre der Plan schon immer so gewesen. Ich bin wieder ich, aber ich bin nicht mehr die gleiche. Und mir geht es – meistens – deutlich besser als die vergangenen fünf Jahre.

Aber nie hätte ich mir träumen lassen, wie anstrengend es würde, mein Leben wieder zurückzugewinnen. Während meine Welt stehen geblieben war, und ich mich nun fast ein halbes Jahr lang nur mit mir selbst beschäftigte hatte, hatte sich die Welt draußen weitergedreht. So viel war an mir vorbeigezogen! Wo anfangen? Ich zog wieder in meine eigene Wohnung ein. Wie war das schön! Ich saß stundenlang da, hörte Musik – endlich wieder Musik! – und schaut mich einfach in meiner Wohnung um. In meiner Wohnung, die ganz allein mir gehörte. Ich fand ein wunderbares Yoga-Studio, mindestens einmal die Woche ging ich dorthin. Ich begann langsam meine Liste, die ich mit der Therapeutin erstellt hatte, abzuarbeiten. Langweilig wurde mir nicht.

Schwieriger, als mich zu beschäftigen, war es, wieder Anschluss zu finden. Die engsten Freunde waren für mich auch in den letzten Monaten dagewesen. Wir trafen uns zum Mittagessen, zum Kaffee trinken, oder kochten zusammen. Auch wenn ich nach wie vor nicht abends mit feiern ging – es war recht schnell wie immer. Sehr viel schwieriger war es mit losen Bekannten; und noch viel schwieriger mit guten Freunden, die sich in den letzten Monaten kaum oder sogar gar nicht gemeldet hatten. Hatten Sie sich nicht gemeldet, weil sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollten? Mit der Situation überfordert waren? Das eigene Leben sie gerade mehr als ausreichend in Schach hielt? Oder weil es gar nicht auffiel, dass ich fehlte? Sollte ich einen Schritt entgegen gehen – oder Schlussstriche ziehen? Welche Freundschaften und Bekanntschaften brauchte ich überhaupt? Wie viele Freundschaften und Bekanntschaften taten mir überhaupt gut?

Ich wusste nicht so wirklich, wie mein „neues“ Leben aussehen würde. Aber ich wusste, ich würde mehr Zeit für mich brauchen. Nicht nur im Moment, sondern auch auf Dauer. Und ich wollte auch mehr Zeit für mich, für die Dinge und Menschen, die mir wirklich wichtig waren.

Und ich merkte schnell, dass ich immer noch deutlich mehr Zeit für mich brauchte, als erwartet. Ich plante immer noch mit der alten Franzi. Mit meiner Energie, meinem Arbeitstempo, meiner Flexibilität. Aber das war alles noch nicht wieder da. Ich schaffte es nicht einmal einen Tag lang, meinen wunderbar vorgeplanten Tagesablauf einzuhalten. Ich war viel zu langsam. Und dann einfach auch viel zu schnell k.o. Ich heulte meiner Therapeutin die Ohren voll und wollte nicht mehr einsehen, dass das einfach immer noch alles so lange dauern sollte. Ich müsse mehr Geduld mit mir haben. Diesen Spruch konnte ich mittlerweile nicht mehr hören. Natürlich hatten sie alle Recht damit! Aber woher die Geduld nehmen?

Das Thema Wiedereingliederung erledigte sich mit der Zeit von selbst. Erst erreichte ich die Zuständigen in der Personalabteilung nicht. Dann musste ich um einen Monat schieben, ich war noch nicht fit genug. Im Januar schob ich auf Februar. Ich war immer noch nicht fit genug. In der Zwischenzeit wurde der Plan, eine neue Ausbildung zu machen, immer konkreter. Ende Januar, es war ja bisher alles viel zu glatt gelaufen, hatte ich dann plötzlich und gleichzeitig Ärger mit der Krankenkasse und wegen meines Zwischenzeugnisses. Beides überflüssig, aber eigentlich absolut händelbar – nicht für mich jedoch. Es war zu viel, dafür war ich noch nicht stabil genug. Bis ich mich wieder richtig aufgerappelt hatte, war es Ende März. Da hatte ich dann nicht mehr die Lust und auch keine Zeit für eine Wiedereingliederung: Wenn ich im Herbst die Ausbildung beginnen wollte, musste davor ich noch zwei Monate Praktikum absolvieren; fünf Wochen Auszeit in Norwegen und – mein Traum würde tatsächlich wahr – Olympische Spiele in Rio waren für Juni bis August fix gesetzt. Unter keinen Umständen würde ich diese beiden schieben! Oder gar absagen.

Ich schob das Praktikum so weit nach hinten, wie es nur ging und unterschrieb in der Zwischenzeit einen Aufhebungsvertrag. So wirklich fit war ich immer noch nicht, und ich hatte Angst. Was, wenn es immer noch nicht ging? Aber es funktionierte. Nicht immer ganz einfach. Aber es tat gut, wieder einen geregelten Tagesablauf zu haben. Wieder zur Arbeit zu gehen, und wenn es nur ein Praktikum war. Ich hatte endlich wieder eine Aufgabe.

Norwegen war ein Traum. Fünf Wochen wandern, schlafen, essen, vierundzwanzig Stunden am Tag draußen sein. Und dann kam Rio. Diesmal hatte ich, noch weniger als vor de Praktikum, eine Ahnung, wie das ganze ausgehen würde. Aber die Vorfreude überwog die Angst sehr deutlich. Rio war mein großes Ziel gewesen. Es würde, anders als geplant, ein Härtetest werden, der erste, und ein ziemlich heftiger. Meine Ärztin war nicht wirklich begeistert, als sie ein paar Wochen davor davon erfuhr, aber ich war nicht aufzuhalten. Ich liebe Rio. Südamerika. Die olympische Idee. Das Reisen. Mich in einer anderen Sprache zu bewegen. Ich liebe Sportevents, ich liebe es, fremde Menschen aus anderen Kulturen kennen zu lernen, ich bin neugierig. Ich liebe es, wenn ein gutes Team funktioniert und ein Projekt Spaß macht, wenn alle Räder in einander greifen. Und ich wollte endlich ans Meer! Und es klappte. Es ging gut. Exakt ein Jahr nach der Einweisung in die Psychiatrie war ich wieder da. Zu einhundert Prozent.

Seit Rio ist nun wieder ein halbes Jahr vergangen. Ich bin umgezogen, mache meine Ausbildung, habe wieder einen Alltag. Ich lache wieder, mehr noch, und lauter, als früher: Allein schon, dass ich Lachen kann, ist ein Grund zu Lachen. So ganz einhundert Prozent waren das immer Sommer dann leider doch noch nicht. Einhundert Prozent für zwei Wochen, ja. Aber es reichte noch nicht für ständig.

Mit dem Ausschleichen der Escitalopram begann ich Ende August, nach Rio. Jede Stufe spürte ich exakt. Ewig hat es gedauert, drei Monate. Das Therapierezept lief nach einem Dreivierteljahr im September, kurz vor dem Umzug, aus. Im Oktober hatte ich dann schließlich den zuletzt heißersehnten, langweiligen Alltag wieder. Es tat gut! Aber nun musste ich tatsächlich all das umsetzen, was ich in der Klinik gelernt hatte. Körperlich war ich wieder fit – aber wie ich mit brenzligen Situationen umgehen sollte, hatte ich bis dato nur in der Theorie gelernt. Erinnerungen an die Zeit in der Klinik, teils starke Stimmungsschwankungen, anstrengende Wochen oder einfach dumme Menschen – die stehen dann einfach vor dir, auch wenn du sie gerade nicht brauchen kannst. Ich stehe nicht mehr im Mittelpunkt (das habe ich zugegebenermaßen durchaus genossen), denn ich bin ja wieder gesund und habe den „Sonder-Kümmer-Status“ verloren. Und vor allem bin ich jetzt auf mich alleine gestellt. Keine Medikamente, keine Therapeuten, keine Käseglocke. Es geht mal richtig, richtig gut. Mal richtig gut. Mal gut. Aber manchmal eben auch fast nicht. Aber zum Glück sind das nur noch einzelne Tage. Und auch die werden weniger.

7 thoughts on “Heute

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  1. Ich wünsche dir ganz viel Kraft im neuen Jahr. Mit deinen blogpost könnte ich mich teilweise sehr gut identifizieren. U.a. Wenn es um das Thema Freunde bzw. Bekanntschaften geht und man sich die Frage stellt warum der/ diejenige sich nicht mehr meldet? Besteht kein Interesse mehr? Etc. das ist etwas was mich zurzeit beschäftigt

    Liebe Grüße
    Chantal

    1. Hi Tina,
      freut mich, dass du den Blog liest 🙂
      Wenn du mit „präsent“ sein meinst, dass du einfach da bist, auf Nachrichten antwortest, mal vorbeischaust, einen Kuchen mitbringst oder zum Spazieren gehen, einer kleinen Fahrradtour oder einer kleinen Joggingrunde motivierst, denke ich nicht. Es fehlt in der Depression ja auch der Antrieb – und dann ist es gut, wenn den jemand von außen ersetzt.
      Ein bisschen Rückzugsmöglichkeiten solltest du aber dennoch gewähren und vor allem keine großen Anstrengungen erwarten – also nicht die anstrengendste Radtour, nicht die große Laufrunde, nicht gleich die Gartenparty.
      Ich selbst war tatsächlich oft genervt, wenn jemand zu oft gecheckt hat, wie es mir geht, was ich tue – aber ich denke, dass merkst du ja dann auch, und meistens war ich im Nachhinein sehr froh darum. Vielleicht die Frequenz ein bisschen anpassen, oder die Art und Weise zu fragen. Aber auf keinen Fall ganz aufhören! Und es nicht zu persönlich nehmen, wenn jemand nicht nach „normalen sozialen Normen“ reagiert… das ist nämlich verdammt anstrengend.
      Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen!
      Sophie

      1. Liebe Sophie,
        danke dir für deine Nachricht.
        Kann ich dich auch in geschützterem Raum anschreiben und dir Fragen stellen? Nicht so öffentlich, wie hier im Blog, der mir aber sehr gefällt!☺️
        Lg Tina

  2. Hallo Sophie,

    ich bin mir jetzt nicht sicher, ob du meine Frage erhalten hast. Kann ich dir auch Fragen stellen, die nicht öffentlich über den Blog gehen?

    Lg Tina

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