Die neue Krankschreibung in der Hand und die Aussicht, sich erst einmal vier Monate nicht weiter mit der Arbeit auseinandersetzen zu müssen, gaben mir große Ruhe. Es ging mir seit Dienstag ziemlich gut. Am Freitagmorgen hatte ich den zweiten Termin bei der Therapeutin im BOZM. Ich hatte mir die Mirtazapin, die mir meine Allgemeinärztin verschrieben hatte, in der Apotheke geholt. Genommen hatte ich aber noch keine.
Ich war also – wie immer – mit dem Fahrrad unterwegs, an der Isar entlang, quer durch den Englischen Garten und dann noch ein Stückchen durch die Maxvorstadt bis an die Nymphenburgerstraße. Wie schon beim ersten Termin bei ihr, hatte ich das Gefühl, dass es mir eigentlich gerade viel zu gut ging, um jemandem mein Herz ausschütten zu müssen.
Ich musste der Therapeutin dann, wider Erwarten, gar nicht viel erzählen. Nach etwas mehr als einem ersten Blick und meinen ersten Worten meinte sie, ich hätte schon viel früher zu ihr kommen sollen. Sie selbst könne mir nicht allein aus meinem Tief wieder heraushelfen, insbesondere, da meine Krankenkasse die Behandlung bei ihr nicht bezahlen würde. Sie riet mir also, mich bei einer Klinik um einen Platz zu bewerben. Sie nannte mir ein paar, die sie für gut befand, fügte aber auch gleich an, dass die Wartezeiten teils bei mehr als vier Monaten lagen.
Anschließend nahm sie sich einer Schlüsselsituation an, aus der ich, so ihre Meinung, ein kleines Trauma entwickelt hatte. Sie forderte mich auf, ihr zu erzählen, wie ich diesen Moment erlebte hatte – vor allen Dingen, was ich gefühlt hatte. Die Emotionen waren sofort wieder da, obwohl das Ganze bereits vor mehr als einem halben Jahr passiert war. Eine sehr, sehr tiefe Enttäuschung, ein vollständiger Vertrauensverlust, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen; alles, an was ich fest glaubte, wurde einfach umgekehrt und auf den Kopf gestellt.
Ich weinte schließlich so sehr, dass ich kaum noch sprechen konnte. Die Therapeutin bat mich, es mir nochmal zu erzählen. Es ging nicht. Ich konnte mich selbst nicht mehr in diesen Moment hineinzwängen. Alles in mir spreizte sich dagegen. Also schlug sie mir vor, die Situation erst noch einmal im Kopf durchzugehen. Ich tat das, heulte wieder, diesmal stumm. Schließlich schaffte ich es, diesen Moment noch etwa dreimal zu rekapitulieren. Es fiel mir nach wie vor sehr schwer, aber es gelang mir. Und immer mehr nahm ich die Position des Betrachters statt der des Opfers an. Ich schaffte es, dem ganzen einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Es war nun nicht mehr nur unheimlich enttäuschend, sondern vor allem absurd.
Nach eineinhalb Stunden verließ ich das BOZM wieder. Draußen setzte ich mir zuerst meine verspiegelte Sonnenbrille auf – ich hatte mit Sicherheit noch völlig verheulte Augen. Mir war, obwohl die Sonne schien und es bestimmt schon 25° C warm war, eiskalt. Eine ganz eigenartige Kälte, die aus meinem tiefsten Inneren zu kommen schien. Diese 90 Minuten hatten mich verdammt viel Kraft gekostet. Also beschloss ich, ins Café Vorhoelzer zu fahren. Das Studenten-Café auf dem Dach der TU hat eine wunderschöne Sonnenterasse, die einen der besten Ausblicke Münchens bietet. Nah am Königsplatz gelegen überblickt man die Innenstadt mit den Zwillingstürmen der Frauenkirche und dahinter in der Regel die Bergkette der bayrischen Alpen, inklusive Zugspitze. Ich holte mir einen Chai-Latte und einen Schoko-Brownie – es konnte gerade nicht genug Zucker sein – und setzte mich in einen der Liegestühle. Ich war die einzige auf der ganzen Terrasse, die einen warmen Pullover anhatte. Erst, nachdem der Brownie gegessen, der Latte getrunken und die Mathe-Nachhilfestunde neben mir beendet war, war es auch mir endlich warm genug, um den Pulli auszuziehen.
Schließlich hatte ich wieder genügend Energie gesammelt und verließ das Café. Ich beschloss, mir endlich einen neuen Fotoapparat zu kaufen. Meine bisherige, die ich mir extra vor meiner Reise nach Panama und Kolumbien geleistet hatte, war mir nicht wie befürchtet etwa in Bogotà, sondern ein halbes Jahr später in Spanien geklaut worden. Ich fuhr als zum Fotofachgeschäft am Sendlinger Tor und war schon eine halbe Stunde später Besitzerin einer neuen System-Kamera. Nicht das beste Modell, aber für mich würde es reichen. Um die Gunst der Stunde und meine Energie zu nutzen, beschloss ich, noch kurz bei Konen, einem großen Bekleidungsgeschäft, vorbeizuschauen. Bei der Suche nach einem Kleid für die Hochzeit meiner Cousine war ich schließlich immer noch nicht weiter gekommen.
Ich stellte mein Fahrrad an einem Verkehrsschild vor einem der Eingänge an. Drinnen ging ich, nach einem kurzen Orientierungsblick, zügig hinauf in das Stockwerk mit der Abendgarderobe und schlenderte durch die Reihen. Als ich dann begann, die Kleider, die ich auf den ersten Blick für schön befand, einem zweiten, prüfenden Blick zu unterziehen, fing mein Herz plötzlich an zu stechen. Ich versuchte, es zu ignorieren. Aber es wurde mit jedem Schritt und jedem Kleid, das ich anfasste, stärker. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich konnte mich gerade noch zu einem ruhigen Schritt zwingen und verließ schnurstracks das Geschäft. Draußen war das Stechen sofort wieder weg. Ich atmete tief durch und fuhr dann, nun nicht mehr in beinahe Hochstimmung, sondern stark niedergeschlagen durch den Englischen Garten wieder zurück in meine Wohnung.
Ich stelle die Plastiktüte mit der Kamera in ein freies Regalfach, machte mir eine sehr kleine Kleinigkeit zu essen und legte mich hin. Fand aber keine Ruhe, ich musste unbedingt meine Wohnung putzen. Das war in den letzten Wochen zu kurz gekommen. Also begann ich der Reihe nach aufzuräumen, Staub zu wischen, das Bad zu putzen, klopfte mein Schaffell aus, holte den Staubsauger…ich war noch nicht annähernd fertig, aber bereits völlig am Ende. Am liebsten hätte ich meine Mutter angerufen, damit sie vorbeikommt, um bei mir zu putzen. Getan habe ich es natürlich nicht. Stattdessen habe ich weiter geputzt, bis die Wohnung wieder sauber und ich zufrieden war. Aber auch völlig erschöpft. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so erledigt gewesen zu sein. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch mental am Ende. Und das nach dem Putzen meiner 35qm-Wohnung.
Ich hätte einfach gerne ein bisschen geschlafen, aber das ging ja seit Tagen schon nicht mehr. Also ging ich eine kleine Runde an der Isar spazieren, aß eine Kleinigkeit, googelte die Kliniken, die mir die Therapeutin vorgeschlagen hatte und fand auf 3sat eine schweizerische Dokumentation über Murmeltiere. Die Mirtazapin-Tablette, die ich an diesem Tag auf Anraten der Therapeutin das erste Mal nahm, wirkte innerhalb einer Stunde, und ich schlief ein.

Du könntest deine Therapeutin mal auf das Thema Hochsensibilität ansprechen, vielleicht (unter Umständen) hat sie schon mal etwas davon gehört. Falls nicht, gibt es bereits Fachbücher dazu.
https://hochsensibel1753.wordpress.com/der-schlussel/
Liebe Grüße,
Julia