Die Nacht war angenehm – keine der beiden anderen schnarchte. Ich hörte weder die Nachtschwester, noch sonst irgendetwas. Morgens um kurz nach sechs klingelte mein Wecker. Ich blieb liegen. Ich konnte einfach nicht aufstehen. Ich war einfach total krank. Bis mich um zwanzig nach Sieben die Ältere etwas unsanft wachrüttelte. Die würden stinksauer werden, wenn ich nicht spätestens um halb sieben zum Blutabnehmen unten stünde, meinte sie. Also wälzte ich mich widerstrebend aus dem Bett, putzte die Zähne im Schnelldurchgang, fuhr mir einmal kurz mit der Bürste durch die Haare, zog eine Jogginghose und einen Pulli an und trottete nach unten zur medizinischen Zentrale. Dort wartete schon eine ganze Schlange. Nach der Erfahrung von gestern fragte ich diesmal gleich, wohin sie wollten. Zwei waren noch vor mir in der Blutentnahme-Schlange. Schließlich war ich dran. Mittlerweile war das reine Routine für mich geworden. Rechten Arm hinhalten, Faust ballen, in die andere Richtung schauen, auf den Piecks warten, Faust öffnen. Und dann Pflaster aufdrücken. Sie drückte mir noch ein Becherchen für die Urinprobe in die Hand. Das hätte ich bis neun Uhr an der „MZ“ abzugeben und ich war entlassen. Ich ging hoch. Bevor ich mich wieder ins Bett fallen ließ, nahm ich noch die Thyroxintablette, die letzte der Tagesration, die man mir in der Psychiatrie noch mitgegeben hatte. Nach dem Frühstück würde ich mir in der medizinischen Zentrale, die hier kurz MZ genannt wurde, welche holen müssen. Ich schlief wieder bis acht. Dann stand ich auf, zog mich um, widmete meinen Haaren und meinem Gesicht etwas mehr Hingabe als noch eine Stunde zuvor und ging zum Frühstück. Die ältere Frau hatte das Zimmer bereits verlassen, das Mädchen schlief noch. Das Frühstück war richtig gut. Mal abgesehen von der Oma, die mich, noch bevor ich saß, bereits mit der ersten Frage bombardierte. Uuuuund, Sophie, wie hast du denn die erste Nacht geschlafen? Es gab Semmeln, Brezen, verschiedene Sorten Brot, Bircher-Müsli, normales Müsli, Kellogs und Smacks, es gab Obstsalat, Wurst, Käse, Marmelade, Eier… die Auswahl war bedeutend besser, als ich es von diversen Dienstreisen gewohnt war. Lecker. Nach dem Fraß der letzten drei Wochen war das hier der Himmel.
Schließlich ging ich nach oben, um meine Tabletten zu nehmen – eine Ration für die folgenden zwei Tage hatten mir die Pfleger aus der Psychiatrie mitgegeben – und packte alle meine Medikamente, das mittlerweile gelbe Becherchen sowie den Zettel, auf dem Termin bei der Ärztin vermerkt war und ging wieder nach unten, zur medizinischen Zentrale. Nun saß ich also schon zum zweiten Mal heute vor der gleichen Tür in der Warteschlange. Diesmal wurde ich namentlich von einer Ärztin aufgerufen. Nachdem sie zu allererst eine Erkältung diagnostizierte und Halsschmerztabletten und Nasentropfen auf der Liste meiner Bedarfsmedikation (diese Medikamente konnte ich mir jederzeit, eben wenn ich Bedarf hatte, an der MZ holen) ergänzt hatte, führte sie die gleichen Reaktions- und Reflextests bei mir durch wie die Psychiaterin in der Psychiatrie. Ich wurde gewogen – ich hatte trotz des miserablen Essens in den letzten Woche nur geringfügig abgenommen – der Blutdruck wurde mal wieder gemessen – alles wie immer. Dann ging ich gemeinsam mit der Ärztin die Medikamente durch, die ich aktuell einnahm, zusammen mit der Dosierung. Sie notierte alles in einer Akte, so dass ich ab morgen meine Medikation jeweils morgens in der MZ abholen konnte. Sie würden die Blutwerte überprüfen, und dann gegebenenfalls die Medikation anpassen. In der Regel würde sie sonst nur abgeändert, wenn es denn therapeutisch Sinn machte. Gut zu wissen. Sie drückte mir noch ein Aufklärungsblatt zum Thema Psychopharmaka in die Hand, das ich unterschrieben in der Station II abgeben sollte. Langsam sollte ich mir für diese Zettelwirtschaft einen Ordner anlegen, die kleine Pinnwand über meinem Bett reichte nach einem Tag schon nicht mehr aus. Schließlich musste ich mich noch für Sportaktivitäten entscheiden – jeden Tag eine. Ich hatte die Auswahl zwischen morgendlichem Kreislauftraining um halb sieben, Walken um Acht, individuellem Gerätetraining, Rückengymnastik und Wassergymnastik. Im Gegensatz zum Frühstück fand ich diese Angebot ein wenig dünn. Ich entschied mich für dreimal Walken – Montag, Mittwoch, Freitag – und zweimal Wassergymnastik. Genau wie Johanna. So konnte ich weiter Intervalltraining machen, das hatte ja zuletzt in der Psychiatrie sehr gut getan und auch immer besser geklappt, und Wassergymnastik wäre wenigstens mal etwas Abwechslung. Das war nun aber noch nicht die Anmeldung gewesen, erfuhr ich gleich: Das musste ich selbst machen, und zwar zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr an einem kleinen Schalter im Bereich der physikalischen Therapie. Okay.
Danach setzte ich mich in die Schlange für die EKGs. Mittlerweile war auch das reine Routine für mich. Die Saugnäpfe kitzelten angenehm und nach zehn Minuten war alles vorbei. Damit war mein offizielles Tagesprogramm um halb elf beendet, nur die diversen Bögen und Formulare warteten auf ihre Bearbeitung. Aber das hatte Zeit.
Erstmal holte ich mir Halsschmerztabletten in der MZ, einen Tee und legte mich wieder ins Bett, bis zur Führung mit meiner Patin. Die war wie erwartet super anstrengend. Sie zeigte mir zwar alles, das Schwimmbad, die große und die kleine Turnhalle, den Computer für die Essensbestellung, sogar die Lehrküche, verschiedenste Büros etc. Aber plapperte in einem fort durch und hatte eine ziemlich anstrengende Art, ständig Bestätigung von mir zu erwarten. Ich war heilfroh, als ich sie wieder los war. Und ich könnte mich natürlich jederzeit bei ihr melden, sie wäre ja nur zwei Zimmer weiter! Halleluja. Lasst mich doch einfach alle in Frieden. Irgendwie schaffte ich es, sie sogar noch vor dem Mittagessen abzuschütteln. Das war wie am Tag davor bereits auch sehr lecker, aber im Gegensatz zu gestern plätscherte das Tischgespräch angenehm vor sich hin, und ich musste kaum ein Wort sagen, sondern konnte einfach zuhören. Vielleicht war der Knallertisch doch nicht so übel wie ich anfangs dachte.
Den Rest des Tages verbrachte ich, mit Ausnahme eines langen Spaziergangs mit Johanna, diesmal bei Sonnenschein, im Bett. Endlich durfte ich krank sein.
