Bereits am Samstag ging es mir wieder recht gut – ich sag’s ja, Meisterin der Verdrängung – und das Bergweh befiel mich. Um aber wandern zu gehen, war ich zu schwach und das Wetter zu heiß. Also suchte ich mir eine Alternative: Ich würde meine Freundin am Chiemsee besuchen, von dort die Berge zumindest sehen und somit endlich wieder aus dem kleinen Radius zu Hause ausbrechen.
Meine Mutter war nicht sehr begeistert von der Idee, dass ich, drei Tage nach dem sie mich aus München abholen musste, alleine an den Chiemsee fahren wollte – bei wenig Verkehr würde das ca. 1,5 Stunden dauern. Ich setzte mich durch, ich fühlte mich gut. Ich stand natürlich im Stau, und brauchte beinahe zweieinhalb Stunden, aber das Autofahren tat mir gut. (Ich bin ein Dorfkind – ohne Auto sind wir alle nicht ganz vollständig.)
Am See war es wunderschön. Wir lagen an einer kleinen Bucht am Ostufer, wo außer uns nur fünf, sechs andere Leute waren. Der Blick auf die Berge über den See hinweg war traumhaft und zahllose Segler und Stand-Up-Padler kreuzten auf dem Bayerischen Meer hin und her. Wunderschön. Ruhig. Und beruhigend. Wir ließen uns stundenlang im teils badewannenwarmen Wasser treiben, schleckten Eis und wurden spontan noch mit selbstgemachten Buchteln verwöhnt. Es war wirklich ein perfekter, fast schon kitschiger Tag, an dessen Ende ich noch ausgelassen im Wasser plantschte, die Sonne, die sich langsam senkte, sich wunderbar golden im Wasser reflektierte. Wieder zu Hause – diesmal ohne Stau – ging es mir so gut wie seit Wochen nicht mehr. Das war der erste Tag seit meiner Krankschreibung, also seit etwas mehr als sechs Wochen gewesen, den ich voll und ganz hatte genießen können.
Vielleicht auch gerade weil ich unbewusst langsam lernte, mit den kleinen Freuden und den kleinen Schritten zufrieden zu sein.
