Auf dem Hohen Peißenberg

Bild

Wieder Freitag. Traumwetter. Johanna war nicht da, sie war diesmal schon von Freitag auf Samstag nach Hause gefahren. Und ich wollte in die Berge. Keine große Tour, aber ich wollte raus aus der Klinik, schließlich hatte ich den ganzen Nachmittag frei. Ich hatte mir überlegt, ob ich jemand anderes fragen sollte, ob er nicht mitkommen wollte auf den Hohen Peißenberg, aber dann ging ich doch lieber allein. Ich hatte mir eine wirklich entspannte Tour ausgesucht, mit einem angeblich traumhaften Panoramablick über die Seen und die Ammergauer Alpen.

Allein schon die Anfahrt war ein Traum. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, warm, mit einer ganz leichten Brise. Entspannte Musik, die Autofenster offen, die Haare im Wind, mitten durch die kurvigen Landstraßen Oberbayerns, durch kleine Dörfer mit malerischen Bauernhöfen, Kuhweiden, Wiesen, Wälder und Klöster in einer sanften grünen Hügellandschaft.

Ich genoss es, ich kam mit dem Schauen beinahe nicht hinterher. Ich war glücklich, so wie es war, froh, dass ich allein unterwegs war. So ein schöner Flecken Erde. Schließlich parkte ich das Auto und ging los. Die Wanderung war mehr ein ausgiebiger, teils steiler Spaziergang, im Wald, an Feldern vorbei, bis auf ein Hochplateau, an mehreren einzelnen, abgeschiedenen Bauernhöfen vorbei, bis zum Hohen Peißenberg. Dort oben befindet sich eine Wallfahrtskirche, eine Wirtschaft und ein – warum auch immer – Küchenstudio. Man hätte auch mit dem Auto hochfahren können, der Parkplatz war nicht sonderlich voll, es war ja Freitag, zwei Reisebusse standen da. Ich setzte mich auf eine Bank in die Sonne, und sog das Alpenpanorama auf, das sich vor mir ausbreitete. Ich war nicht besonders hoch, aber es reichte, vor mir wuchsen die Alpen in die Höhe. Berge lösen bei mir immer eine Art Demut aus – so erhaben, wie sie dort vor einem liegen, so unverrückbar – und gleichzeitig Neugier. Was mag wohl hinter ihnen sein? Wie mag es wohl hinter ihnen sein?

Schließlich streckte ich mich aus, legte mich auf die Bank in die Sonne. Ich war am Leben. Es war nicht alles gut, aber gerade schon. Es war ein wunderschöner Tag. Ich war zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt gerade war. Ich war glücklich. Ich war ruhig, ich war bei mir angekommen. Nach einer Weile stand ich schließlich auf und beschloss, mir das Gipfelplateau ein wenig genauer anzusehen. Dort oben war ein großer Friedhof, ihm gegenüber ein großes, gemütlich wirkendes Gasthaus, das auf eine sonnige Panoramaterrasse einlud. Dazwischen eingeklemmt ein Wohnhaus und das Küchenstudio. Die Kirche lag ein Stückchen weiter, am Ende des Plateaus. Die Hauptkirche wurde gerade renoviert und war deshalb gesperrt, die kleine Marienkappelle aber war offen. Ich ging hinein, setzte mich in eine der Bänke. Ich war allein, ich genoss die Ruhe, die zwar gleich, aber gleichzeitig doch ganz anders war als die zuvor, draußen auf der Bank.

Ich begann mit leiser, kaum hörbarer Stimme zu singen. Segne du, Maria, segne mich dein Kind. […] Segne all mein Denken, segne all mein Tun, lass in deinem Segen Tag und Nacht mich ruh’n. Ich versank in diesem Lied, in diesem Wunsch, in diesem Bitten.

Es klang schon öfter an, manchmal sehr deutlich, manchmal eher zwischen den Zeilen. Mein Glaube hatte mich in den letzten Wochen aufgefangen. Als es am allerschlimmsten war, als es mir am allerschlechtesten ging, so schlecht, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben für mich betete, als meine Angst am größten war, hat mich mein Glaube aufgefangen. Ich konnte plötzlich loslassen, mich an einem Punkt, an dem ich selbst mit Willen und Verstand nicht weiter kam, jemandem Größeren überantworten. Der Gedanke, dass das alles einen Sinn hätte, auch wenn es gerade schwer war, darin einen Sinn zu erkennen. Das Gott einen Plan für mich, für jeden von uns hat und dass jeder gut ist, so, wie er ist, jeder so, wie er ist, es wert ist, geliebt zu werden: Es gibt keinen tröstenderen Gedanken, kein befreienderes Wissen. Vergeben bedeutet auch und vor allem Loslassen. Ein Rosenkranz ist nichts anderes als eine Meditation. Eine Stunde Gottesdienst ist eine Auszeit vom Alltag, eine Auszeit, um zu sich selbst und dann auch zu Gott zu finden. Ich glaube an Gott, ja. Im Glauben finde ich meine innere Mitte, meine innere Kraft.

Die meisten von uns hier suchen Halt. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Für mich war dies der einzig richtige Weg, gleichzeitig ein Schritt zurück in meine Kindheit und nach vorne in meine Zukunft. Ab dem Tag, an dem ich meinen weiteren Weg in Gottes Hand legte, ging es mir besser. Ich fühlte mich befreit. Es gibt sicher viele andere Wege und Varianten. Ganz egal aber, wie: Wer seine Mitte nicht findet, kann nur schwer seinen Ruhepunkt finden.

Ich genoss die Geborgenheit, die Akustik, der Klang meiner Stimme, die Worte des Liedtextes und sog diese Kraft in mich auf. Ich blieb noch eine Weile ruhig sitzen, dann zog es mich aber wieder nach draußen in die Sonne. Ich machte mich auf den Rückweg, dann auf die Heimfahrt und versuchte, die Kraft und Energie, die mir der Ausflug gegeben hatte, aufzubewahren. Abends dann spielten wir in der Turnhalle wieder zusammen Volleyball. Zu acht, immer beinahe die gleiche Runde, kaum Regeln, unterschiedlichste Niveaus. Es tat gut, sich auszutoben, oft ging wirklich ein gutes Spiel zusammen, besonders Chris, der Gangsta, tat sich hervor – nicht nur als cooler Player, sondern auch als Organisator, er trommelte die Leute zusammen, war gerecht und fair, kümmerte sich. Auch das: Ein bisschen Normalität. Ein bisschen Ventil. Lachen, leben, auspowern, bis keiner mehr konnte. Gemeinsam.

Kopf gegen Berg II

Bild

Am Freitagabend war ich quasi direkt nach dem Abendessen total erledigt ins Bett gefallen. Nun war Samstagmorgen, ich freute mich auf den Ausflug in die Berge – ich sah sie zwar auch von unserem Balkon aus, aber das war nicht das Gleiche – und fühlte mich wieder den Umständen entsprechend fit, für die Herausforderung gewappnet.

Ich war auch beinahe pünktlich bei Hanni angekommen. Wir waren zu dritt im Auto, das war gut. Ich saß hinten und konnte ein bisschen entspannen, was nach der beinahe einstündigen Autofahrt auch bereits sehr dringend notwendig war. Dummerweise hatte ich meine Ohropax vergessen. Am Berg selbst hielt ich mich ziemlich zurück. Ich kannte nicht alle, die dabei waren, ich war nicht scharf darauf, zu reden, ich wollte einfach in den Bergen sein und wandern. Das Geburtstagskind blieb die meiste Zeit in meiner Nähe, dafür war ich ziemlich dankbar. Der erste Teil des Weges war ein Forstweg, nach einiger Zeit aber  verwandelte er sich in einen schmalen Pfad. Das war anstrengend für mich, und ich fiel ans Ende der Gruppe zurück. Hanni und eine andere Freundin passten sich meinem Tempo an. Schließlich gab es eine Pause, die Wandergruppe musste schließlich fotografisch festgehalten werden, was mir die Gelegenheit gab, durch zu schnaufen. Man konnte den Gipfel bereits sehen, es lag vielleicht noch eine Stunde Weg vor uns. Bis zur Hütte war es nur noch eine halbe Stunde. Aber ich wollte ganz hoch, und bisher war ich zwar körperlich etwas angestrengt, aber meine Konzentration war noch gut, und der Weg wurde wieder breiter und ebener. Wir wanderten also gemütlich über einen breiten Weg auf das Plateau, auf dem sich die Hütte befand, ratschten, es war angenehm. Nach einer kurzen Pause nahmen wir dann das letzte Stück in Angriff. Der Pfad wurde immer schmaler, bis sich nur mehr ein Steig durch die Felsen wand. Ich fiel immer weiter zurück. Es wurde steiler und anstrengender, aber vor allem wurde der Weg immer unebener und ich musste immer besser aufpassen, wo und wie ich meine Schritte setzte. Ich brauchte immer wieder kurze Pausen. Schließlich waren wir an den Kraxelstellen, die teils auch etwas ausgesetzt waren, angekommen. Eine wunderschön Route, genau wie ich es eigentlich mag – nicht nur langweiliges Wandern, sondern ein bisschen Action. Ein paar Bergfexe aus der Gruppe waren regelrecht wie Gemsen über die Felsen gehüpft und schon lange oben. Ich brauchte länger. Ich musste vor jedem Schritt, den ich setzte, zweimal den Untergrund checken, ob er stabil genug war, oder ein Stein nicht doch wackelte. Sonst sah ich das auf den ersten Blick. Mit jedem Schritt nahm meine Konzentration rapide ab. Hanni und Sophie waren immer noch bei mir, eine ging vor mir, eine hinterher. Sie schafften es, das ganz zufällig aussehen zu lassen und ich war gottfroh drum, dass sie bei mir blieben. Normalerweise, das wusste ich aus Erfahrung, wären die beiden schon lange oben gewesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren auch wir, die Nachhut, oben angekommen. Ich war völlig k.o., meine Beine zitterten, mein Kopf brauchte eine Pause. Aber ich war glücklich. Ich war oben, ich hatte es geschafft und es die Kraxelei hatte mir trotz allem Spaß gemacht.

Die anderen hatten bereits den ganzen Gipfel beschlagnahmt, wir machten eine lange Pause mit Brotzeit und Gipfelgeburtstagskuchen, bevor wir den Rückweg antraten. Es ging über die gleiche Strecke zurück, und ich war heilfroh, dass die gefährlichen Stellen gleich am Anfang zu überwinden waren. Die Pause oben hatte nicht ausgereicht, um meine Konzentration wieder halbwegs herzustellen. Ich brauchte ewig bis zu der Hütte – mit Sicherheit doppelt so lange wie angegeben, und brauchte dort auch ziemlich lange, bis ich zumindest wieder soweit war, den Gesprächen der anderen zuzuhören. Nach etwa zwei Stunden brachen die anderen auf zum Abstieg und ich marschierte ein kurzes Stück auf einem breiten Forstweg zur Gondel und fuhr ab. Unten angekommen war ich froh, erstmal alleine zu sein und Ruhe zu haben. Ich saß beinahe zwei Stunden einfach auf einer Bank in der Sonne und beobachtete die Umgebung um mich herum, und tat nichts, bis Hanni endlich mit dem Auto kam, um mich aufzusammeln. In München aßen wir noch gemeinsam zu Abend, für das Klinikabendessen wäre ich bereits zu spät, und dann machte ich mich auf den Heimweg. Nach etwa einer Viertelstunde Fahrt bekam ich leichte Angstzustände. Stechen in der Brust. Mein Atem verkrampfte. Ich hatte diese Symptome mittlerweile wirklich satt, ich war nur noch genervt davon. Ich fuhr einfach nur Auto, nicht einmal schnell, es kaum Verkehr, es gab mal wieder überhaupt keinen Grund dafür. Jetzt erst recht, dachte ich mir, und begann aus Protest lauthals im Radio mitzusingen. Und siehe da: Solange ich sang, waren die Angstsymptome verschwunden. In dem Buch, das ich gerade las, „Anti-Stress-Yoga“ von Anna Trökes, hatte die Autorin erklärt, dass man mit Singen – da ging es allerdings eher um die yogischen Mantras – sein Unterbewusstsein austricksen könne. Wenn jemand singt, kann keine Gefahr bestehen. Also kann er auch keine Angst haben. Funktioniert bei mir wunderbar! Ich habe meine Angst einfach ausgetrickst. 2:0 für mich!

Jetset im Kopf

Bild

Es war wieder Freitag. Der dritte, den ich in der Psychiatrie verbachte. Es ging mir besser wie am ersten, dem Tag meiner Einlieferung. Aber es ging mir auch sehr viel schlechter als vergangenen Freitag. Da war ich ja in richtiger Hochstimmung gewesen, voller Vorfreude auf das Wochenende. Diesen Freitag ging es mir nicht gut. Die Episode am Dienstag hatte mich unwahrscheinlich viel Kraft gekostet. Und gestern hatte ich wieder Herzstechen und die alten Stress-Symptome gehabt. Helene und ihr Mann waren zu Besuch gewesen, wir waren Schwimmen und standen auf der Heimfahrt im Stau – ich drohte zu spät zurück in die Klinik zu kommen. Ich war mit der Bewältigung des Klinikalltags hier wieder beinahe überfordert. Zudem würden Johanna und Steffi nächste Woche die Klinik verlassen. Ich wäre dann allein in diesem Irrenhaus. Und Johanna saß mir beinahe schon seit zwei Tagen mehrere Stunden täglich heulend oder eben gerade nicht mehr heulend, aber hundeelend im Bett gegenüber. Ich fühlte mich wieder schwach, sehr schwach. Ich fühlte mich allein. Und ich hatte Angst vor dem Wochenende. Meine Eltern waren eine Woche in Urlaub gefahren, meine Schwester war daheim. Eigentlich hatte sie wieder zurück nach London fliegen wollen, um ihre Masterarbeit abzugeben. Aber sie blieb hier. Sie würde sie per Post einschicken. Auch wenn es mir niemand so gesagt hatte, vermutete ich, dass meine Mutter sie wohl dazu verdonnert hatte. Damit ich eine Anlaufstelle hatte während ihres Urlaubs. Ich war dankbar dafür. Auch wenn ich es natürlich selbst nie gewagt hätte, sie selbst darum zu bitten.

Am Montag hatte sie mich gefragt, ob es für mich okay wäre, wenn sie am Samstag mit ihren Freundinnen auf ein Volksfest – den Barthelmarkt – fahren würde. Sie wäre dann von mittags bis nach Mitternacht unterwegs, also den ganzen Samstag. Klar, das passt schon, sagte ich am Montag. Da ging es mir noch gut. Mittlerweile hatte sich die Situation allerdings wieder arg gedreht. Und ich lag nach dem Morgensport wieder in meinem Bett und kämpfte mit der Angst, die im Laufe des Tages wieder von mir Besitz ergriff. Die mir die Brust eindrückte, mich klein machte, die mir die Kehle zuschnürte. Ich wollte nicht, dass meine Schwester wegen mir nicht feiern gehen konnte. Ich fühlte mich schlecht dabei. Aber ich wusste irgendwie auch keine andere Alternative. Ich hatte solche Angst davor, allein zu sein, Angst davor, dass ich dann wieder komplett kippen würde, und Angst davor, dass ich dann schließlich vielleicht nicht, wie am Dienstag, die Kontrolle behalten würde. Ich hatte Angst davor, dass ich mir selbst etwas antun könnte.

Schließlich schrieb ich Helene. Sie war eigentlich mit ihrem Umzug Anfang nächster Woche mehr als beschäftigt. Sonst würde ich meine Schwester bitten müssen, abzusagen. Es ging einfach nicht anderes. Helene hatte Zeit. Sie würde am Nachmittag vorbeikommen, und dann, wenn ich wirklich nicht alleine sein konnte, könnte ich ja einfach mit zu ihr mitkommen und ihr beim Packen zusehen oder sogar helfen.

Ich telefonierte dann mit meiner Schwester, sagte ihr, dass es mir nicht besonders gut ginge, dass aber Helene morgen vorbeikommen würde, und notfalls, sagte ich, würde ich eben zu meiner Tante gehen – die auch im selben Ort wohnt. Sie klang etwas besorgt und meinte dann auch, so besonders viel Lust hätte sie sowieso gerade nicht auf das Fest, sie sei noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit. Vielleicht würde sie auch gar nicht fahren. Jedenfalls machten wir aus, dass sie mich morgen früh um Punkt acht abholen würde und wir danach gemeinsam frühstücken würden. So richtig gesehen und lange miteinander gesprochen hatten wir das letzte Mal in London, einen Tag vor meiner Krankschreibung, auf meiner bisher letzten Dienstreise. Also vor beinahe zwei Monaten.

Nachdem ich das geklärt hatte, wurde ich etwas ruhiger. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf lief heute aber wieder recht munter und turbulent. Ich war traurig, fühlte mich von der Welt verlassen. Mir ging es einfach schlecht. Nach dem Mittagessen lag ich schon wieder in meinem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, aber diesmal hörte ich zumindest Musik. Jojo hatte Therapie, Ruth saß in ihrem Bett und strickte an Herzchen-Socken. Das Lied, das auf egoFM gespielt wurde, war traurig. Und ich begann zu weinen. Ich hatte keinen expliziten Grund. Ich war einfach traurig. Die Welt war grau, der Schleier war wieder da. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein. Aber meine Welt war grau. Freudlos. Traurig. Ich lag einfach in meinem Bett und schluchzte. Zum ersten Mal, seit ich hier war. Die Apathie war der Trauer gewichen.

Da spürte ich sanft eine Hand auf meiner Schulter, so unerwartet jedoch, dass ich richtig erschrak. Aber es war nur Ruth. Sie beugte sich besorgt, beinahe schon mütterlich, über mich. Sophie, flüsterte sie, was ist denn los? Ich weiß nicht, schluchzte ich. Nichts eigentlich. Das Lied ist so traurig. Ruth streichelte noch ein paar Mal über meinen Arm. Kann ich etwas für dich tun?, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Nein, es geht schon. Das Lied ist einfach so traurig gerade.

Später am Tag versuchte ich es dann noch mit Musik und Entspannung. Das war in etwa das einzige der über zwanzig Therapieprogramme, das unserem anspruchsvollen Dänen, Marc, zusagte. In der Schule hatten Fantasiereisen bei mir immer gut funktioniert, ich mochte sie gerne. Aber diesmal nicht. Ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich konnte mich nicht entscheiden, an welchem Strand ich gerade war. Ich war die ganze Zeit nur am Überlegen, welcher der Strände, die ich kannte, für den Zweck am besten passte. Mein Kopf jettete von Italien (Bibione) an die Ostsee (Heiligendamm), von Neuseeland (Hahei) nach Panama (San Blas Inseln). Von Entspannung keine Spur. An all diesen Orten war ich entspannt gewesen und glücklich gewesen – aber jetzt nicht. Das Karussell drehte mit Strandbildern, aber immer noch auf Hochtouren.

Kitz auf der Lichtung

Bild

Am Montag ging es erst richtig los:

  • 7:00 Uhr: Blut abnehmen und Urin-Probe abgeben
  • 7:30 Uhr: Thyroxin-Tablette nehmen
  • 8:00 Uhr: Blutdruckmessen, Wiegen
  • 8:10 Uhr: Frühstück
  • 8:30 Uhr: Morgenration Tabletten einnehmen
  • 9:00 Uhr: EKG

Puh. Was für ein Stress. So viele verschiedene Dinge hatte ich schon lange nicht mehr an einem Tag erledigt. Es fühlte sich richtig gut an! Um 9:30 Uhr hörte ich mir dann sogar noch die Einführungsveranstaltung für die verschiedenen Entspannungstechniken, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation – was auch immer das war – an, die ein, und das fiel mir dann doch auf, ziemlich gut aussehender Psychologe hielt. Damit hatte ich mein Soll für diesen Tag dann erledigt. Das fühlte sich richtig gut an. Ich hatte alles geschafft, was ich tun sollte! Und zwar ohne Schwierigkeiten.

Im Anschluss stand die Visite an. Ich bekam Freigängerstatus und durfte während der Besuchszeiten, also wochentags von 13.00 Uhr bis 20.00 Uhr und am Wochenenden  von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr die Klinik auch alleine verlassen.

Johanna nahm mich nachmittags auf einen ausgiebigen Spaziergang mit. Erst ging es durch einen Schleichweg durch das Unterholz vom Kasernengelände auf einen Waldweg, und von dort dann eine lange, große Runde über Felder und Wälder um die Klinik herum. Unterwegs entdeckten wir plötzlich, keine zehn Meter von uns weg, ein Reh mit zwei kleinen Kitzen. Sie standen mitten auf einer Wegkreuzung, die Bäume ringsum schlossen sich über ihnen zu einem Bogen und trotzdem brach ein einziger großer Sonnenstrahl durch, so dass das Reh und die beiden kleinen Kitze wie im Scheinwerferlicht standen. Wie gemalt. Wunderschön. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch kein Rehkitz in freier Wildbahn gesehen, und dann gleich zwei! Und dann noch so schön! Und sie blieben tatsächlich einige Sekunden stehen und fixierten uns, bevor sie zurück ins Unterholz sprangen.

Ein Tag am Meer

Bild

Chiemsee

Chiemsee

Bereits am Samstag ging es mir wieder recht gut – ich sag’s ja, Meisterin der Verdrängung – und das Bergweh befiel mich. Um aber wandern zu gehen, war ich zu schwach und das Wetter zu heiß. Also suchte ich mir eine Alternative: Ich würde meine Freundin am Chiemsee besuchen, von dort die Berge zumindest sehen und somit endlich wieder aus dem kleinen Radius zu Hause ausbrechen.

Meine Mutter war nicht sehr begeistert von der Idee, dass ich, drei Tage nach dem sie mich aus München abholen musste, alleine an den Chiemsee fahren wollte – bei wenig Verkehr würde das ca. 1,5 Stunden dauern. Ich setzte mich durch, ich fühlte mich gut. Ich stand natürlich im Stau, und brauchte beinahe zweieinhalb Stunden, aber das Autofahren tat mir gut. (Ich bin ein Dorfkind – ohne Auto sind wir alle nicht ganz vollständig.)

Am See war es wunderschön. Wir lagen an einer kleinen Bucht am Ostufer, wo außer uns nur fünf, sechs andere Leute waren. Der Blick auf die Berge über den See hinweg war traumhaft und zahllose Segler und Stand-Up-Padler kreuzten auf dem Bayerischen Meer hin und her. Wunderschön. Ruhig. Und beruhigend. Wir ließen uns stundenlang im teils badewannenwarmen Wasser treiben, schleckten Eis und wurden spontan noch mit selbstgemachten Buchteln verwöhnt. Es war wirklich ein perfekter, fast schon kitschiger Tag, an dessen Ende ich noch ausgelassen im Wasser plantschte, die Sonne, die sich langsam senkte, sich wunderbar golden im Wasser reflektierte. Wieder zu Hause – diesmal ohne Stau – ging es mir so gut wie seit Wochen nicht mehr. Das war der erste Tag seit meiner Krankschreibung, also seit etwas mehr als sechs Wochen gewesen, den ich voll und ganz hatte genießen können.

Vielleicht auch gerade weil ich unbewusst langsam lernte, mit den kleinen Freuden und den kleinen Schritten zufrieden zu sein.

#CatContent

Bild

Verdrängung wirkt nach wie vor Wunder und ein guter Blog braucht seinen #CatContent, habe ich gehört.

Ich hatte endlich die Motivation, meine neue Kamera auszupacken und zu testen. Mangels Alternativen musste meine #Katze als Modell herhalten.

Mittlerweile gibt es ja einige Studien, die beweisen wollen, dass #CatContent tatsächlich unsere Stimmung bessert und uns entspannt. Am verrücktesten finde ich ja dieses Projekt aus den USA. Die Kätzchen tun mir zwar irgendwie leid, trotzdem ist das ganze faszinierend:

https://www.youtube.com/watch?v=35T8wtmTbVg

Es geht doch nichts über eine schnurrende Katze auf dem Bauch.

(Die leichte Vibration des Schnurrens lässt nicht nur ihre eigenen gebrochenen Knochen sehr schnell heilen (deshalb wohl die sieben Leben), sondern versetzt auch unseren Körper in eine angenehme, beruhigende Schwingung.)

Im Schatten der Zugspitze

Bild

Nach dem kurzzeitigen Aktionismus schlich sich wieder etwas Ruhe ein. Ich hatte mir mit den Arztterminen ein Auffangnetz verschafft und meine Eltern hörten damit auch endlich auf, mich täglich nach der neuesten Entwicklung zu fragen. Die meisten dieser „Anfragen“ habe ich recht unwirsch weggewischt. Aus dem einfachen Grund: Ich wusste ja selbst nicht, was passierte und wie es weitergehen würde, welcher der richtige Weg war. Ich war unfähig, Entscheidungen zu treffen – also verdrängte ich alles, so gut es ging.

Ich fuhr mit einer Freundin drei Tage nach Grainau. Ich war dankbar und glücklich, dass sie sich extra für mich freigenommen hatte. Aber wirklich freuen konnte ich mich auf die Tage dort nicht. Genaugenommen war es mir ganz egal, wo und mit wem ich war.

Bereits auf der Fahrt merkte ich, wie gut es tat, rauszukommen und „meine“ Berge endlich wieder zu sehen. Das Hotel lag wunderschön ruhig an einem kleinen See. Die Zimmer sauber und ordentlich, das Essen sehr gut und das Personal sehr freundlich.

Nur wenige Stunden nach unsere Ankunft im Hotel klingelte plötzlich mein Handy. Die Personalabteilung hatte mir eine E-Mail geschickt. Sie würden mir gute Besserung wünschen und baten mich, mich bei Ihnen zu melden. Wenn ich mehrere Monate ausfallen würde, müssten sie einen Ersatz suchen. Zack! Da fegte der Tornado wieder in meinem Kopf. Ich versuchte die E-Mail zu verdrängen. Ich war in Grainau. Quasi im Urlaub. Ich wollte mich nicht damit beschäftigen. Aber der Tornado wollte sich nicht legen.

Wenig später, als ich die Kraft dafür gesammelt hatte, rief ich also unsere Personalerin an. Ich sagte ihr, dass ich noch nichts Genaues wüsste, und mich nach dem Termin bei meiner Ärztin wieder bei ihr melden würde. Damit war sie zufrieden. Ich legte auf. Doch den ganzen Abend flogen in meinem Kopf wieder Gedanken an die Arbeit umher. Das ging mir auf die Nerven. Ich ging mir auf die Nerven. Meine Freundin ging mir auf die Nerven. Wir stritten uns. Das ging mir auch auf die Nerven. Ich ging raus und lief zwei Runden um den kleinen See, versuchte mich zu beruhigen. Es gelang mir etwas. Schließlich gingen wir ins Bett. Es war circa elf.

Um zwölf stand ich wieder auf. Ich hatte noch keine Sekunde geschlafen. Ich setzte mich in einen der Balkonsessel und starrte den dunklen, nachtschwarzen Wald gegenüber an. Ich fröstelte. Eine ganze Weile saß ich dort, bis es mir endgültig zu kalt wurde, und legte mich wieder ins Bett. Ich weiß nicht, wie lang ich noch wach gelegen war. Am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Aber immerhin war ich – für meine aktuellen Verhältnisse – gut aufgelegt.

Nach einem ausgiebigen Frühstück zogen wir los. Wir wollten zur Höllentalklamm und dann zum Eibsee. Alles zu Fuß, versteht sich. Das Wandern tat mir gut. Grainau ist ein wunderschöner Flecken Erde und gerade die Höllentalklamm und der Eibsee, der direkt unter der Zugspitze liegt, lassen einen vor Ehrfurcht staunen. Wir wanderten beinahe fünf Stunden am Stück. Erst einen schönen, teilweise steilen und anstrengenden Steig hinauf zum Eingang der Klamm. In den Felshöhlen und Steiggittern der Klamm beobachteten wir begeistert den glasklaren, türkisblauen Bergbach, der sich irrwitzig die schmale Klamm hinunterstürzte und wanderten dann zweieinhalb Stunden auf beinahe ebenen Forstwegen bis zum Eibsee. Ich war weitgehend still, meine Freundin übernahm das Reden; eigentlich war mir das zu viel, ich hätte gerne Stille gehabt. Aber es tat mir gut. Negative Gedanken hatten so den ganzen Tag fast keine Chance, sich in mir auszubreiten, denn mein Gehirn war mit der Verfolgung der beinahe atemlosen Erzählungen und dem Wandern an sich bereits vollkommen beschäftigt. Als wir endlich am Eibsee ankamen, war ich zwar körperlich ziemlich erschöpft, mein Geist war aber zum ersten Mal seit Wochen völlig entspannt. Ich schwamm eine große Runde im Eibsee, der erstaunlich warm war, und genoss es, mich auf dem Rücken liegend durch das Wasser treiben zu lassen und dabei die Zugspitze und die umliegenden Berggipfel zu beobachten. Danach saßen bzw. lagen wir auf einem großen Fels am Ufer in der Sonne. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich die Schönheit der Natur um mich herum in vollen Zügen genießen, ohne dass mich irgendwelche störenden Gedanken aus dem Hier und Jetzt rissen. Ich spürte die Sonne, die das Wasser langsam von meiner Haut trocknete und sie wärmte. Den Wind, der mit meinen nassen Locken spielte. Ich atmete die Bergluft tief ein und sog die Ruhe, mit der der See vor mir lag, auf. Den Abend verbrachten wir im Spa-Bereich. In der finnischen Sauna mit Blick auf die Zugspitze und den Sternenhimmel ließen wir den Tag ausklingen. Ich schlief trotz der 90° dort beinahe ein. Und auch eine Stunde später in meinem Bett hatte ich zum ersten Mal seit Wochen keine Einschlafschwierigkeiten.

Am nächsten Tag besuchten wir noch das Königsschlösschen „Linderhof“ – ein wunderschöner Bau in einem noch schöneren Garten. Ich bemerkte zwar, dass mir die schlechte Luft in den alten Räumlichkeiten zu schaffen machte, hatte aber keinerlei Probleme damit, mit den zwanzig anderen Besuchern in den teils sehr kleinen Räumen „eingepfercht“ zu sein. Auch am Samstag schlief ich gut. Und am Sonntag fühlte ich mich sogar so fit, dass ich mich mit ein paar Kollegen zum Beach-Volleyball-Spielen traf. Ich hatte richtig Spaß am Spiel und konnte zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig lachen. Selbst, dass der Beach-Volleyball-Platz in unmittelbare Nähe zum Firmengelände lag, machte mir nichts aus. Es war so schön.