Manche Patienten, die gingen, schmissen richtige Abschiedspartys. Es soll sogar der ein oder andere Tropfen Alkohol dabei geflossen sein. Was hier übrigens prinzipiell gar nicht verboten war: Selbst in der Cafeteria gab es Wein und Bier zu kaufen. Es wurde allerdings Buch geführt und vermerkt, wenn sich jemand auffällig verhielt, d.h. viel Alkohol konsumierte. Was irgendwie wenig sinnig war, da wir das Klinikgelände ja sowieso jederzeit verlassen durften. Also auch mal einen trinken gehen, wenn einem denn der Sinn danach war.
Johanna aber wollte keine Abschiedsparty, dazu war sie einfach nicht im Stande. Wir tranken nachmittags eine heiße Schokolade (mit Sahne!) zusammen, ich half ihr, ihre Sachen zum Auto zu bringen. Nach dem Abendessen drehten wir eine letzte gemeinsam Runde durch die Felder neben der Klinik und schlossen uns danach der Sängergruppe an. Vergangene Woche hatten wir einen Neuzugang bekommen: einen Musiklehrer. Der – für meine Ohren – richtig gut am Klavier war, jedes Lied, das wir vorschlugen, auswendig spielen und singen konnte. Endlich Musik und Stimmung hier! Mir ging es ja wieder gut, ich singe gern, Singen tut auch sowieso gut (das hatten wir vor ein paar Wochen ja schon mal), also überredeten wir ihn dazu, übers Wochenende ein paar Liederbücher mitzubringen, so dass wir gemeinsam singen konnten. Wir hatten den Raum mit Klavier nur etwa eine Stunde, aber die haben wir genutzt. Kreuz und quer durch das Liederbuch, jeder schlug einmal sein Lieblingslied vor, von „Leaving on a Jet Plane“ über „Irgendwann bleib i dann durt“ bis zu den „Country Roads“. Tat das gut!
Und danach – Johanna verabschiedete sich nach oben, sie wollte alleine sein – hatte ich zum ersten Mal seit Wochen wirklich Lust, noch mit den anderen gemeinsam in der Cafeteria zu sitzen. Die Wattrunde, wieder mit dem Musiklehrer und dem Weltreisenden, und noch irgendeinem, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, brauchte einen vierten Mann. Wie lange hatte ich schon nicht mehr Watten gespielt? Das waren wohl Jahre! Mein Papa, universeller Watt- und Schafkopfkönig, hatte meiner Schwester und mir das Spiel beigebrachte, vermutlich noch bevor wir lesen und schreiben konnten. Den Großteil der Urlaubsabende, egal ob in der Türkei oder beim Schifahren in Österreich, hatten wir kartenspielend verbracht. Meine Schwester und mein Vater gewannen immer, die hatten das Glück gepachtet (oder waren einfach besser im Bescheißen), Mama und ich verloren. So gut wie immer. Spaß hat’s trotzdem gemacht. Und Spaß machte es auch mit den Dreien hier. Und hier gewann ich sogar hin und wieder. J Die Ausbildung beim Wattkönig machte sich bezahlt. So ausgelassen war ich schon lange nicht mehr gewesen. Und das Schönste – der Lärmpegel machte mir kaum etwas aus. Bis um zehn kartelten wir, dann wurde es doch langsam ein bisschen zu viel und ich verabschiedete mich nach oben ins Zimmer. Der Kopf war wieder ein bisschen voll, es war wieder ein bisschen zu viel gewesen. Aber egal. Es hatte so gut getan!
Morgen Abend hatten wir uns wieder zum Volleyball verabredet – Chris letzter Abend, aber nächste Woche – ich freute mich schon auf die nächste Wattrunde.