Nur Zaungast

Heute, an meinem letzten Kliniksonntag, traf ich mich mit zwei Freunden in München. Wir waren in einer beeindruckenden Fotoausstellung und schlenderten anschließend lange an der Isar entlang.

Ich kenne die beiden seit einigen Jahren. Eigentlich sind es Arbeitskollegen, aber wir haben mehr Zeit beim Sport oder auf Feiern zusammen verbracht als auf gemeinsamen Projekten. Ich hatte sie seit Juni nicht mehr gesehen. Ich freute mich und es war dann wirklich ein schöner Nachmittag – dennoch: Ich fühlte mich irgendwie fremd.

Ich kann gar nicht genau sagen, was es war. Als ob ich alles um mich herum anders wahrnehmen würde als die beiden. Ich brauchte mehr Zeit, um die Fotos, all die Sinneseindrücke zu verarbeiten, die auf mich einstürmten. Als ob ich lange, sehr viel länger als nur diese viereinhalb Monate nicht dagewesen wäre. Ein bisschen wie ein Kind, das von für Erwachsene selbstverständlichen Dinge fasziniert ist. Ich war vorsichtiger, etwas mehr auf der Hut als die anderen beiden. Für mich war das ganze einfach nicht so selbstverständlich. Es war ein vorsichtiges Herantasten an die Normalität. So ganz angekommen war ich da leider noch nicht und ich hatte das Gefühl, nur Zaungast zu sein. Zaungast der Normalität.

Eroberung der Cafeteria

Manche Patienten, die gingen, schmissen richtige Abschiedspartys. Es soll sogar der ein oder andere Tropfen Alkohol dabei geflossen sein. Was hier übrigens prinzipiell gar nicht verboten war: Selbst in der Cafeteria gab es Wein und Bier zu kaufen. Es wurde allerdings Buch geführt und vermerkt, wenn sich jemand auffällig verhielt, d.h. viel Alkohol konsumierte. Was irgendwie wenig sinnig war, da wir das Klinikgelände ja sowieso jederzeit verlassen durften. Also auch mal einen trinken gehen, wenn einem denn der Sinn danach war.

Johanna aber wollte keine Abschiedsparty, dazu war sie einfach nicht im Stande. Wir tranken nachmittags eine heiße Schokolade (mit Sahne!) zusammen, ich half ihr, ihre Sachen zum Auto zu bringen. Nach dem Abendessen drehten wir eine letzte gemeinsam Runde durch die Felder neben der Klinik und schlossen uns danach der Sängergruppe an. Vergangene Woche hatten wir einen Neuzugang bekommen: einen Musiklehrer. Der – für meine Ohren – richtig gut am Klavier war, jedes Lied, das wir vorschlugen, auswendig spielen und singen konnte. Endlich Musik und Stimmung hier! Mir ging es ja wieder gut, ich singe gern, Singen tut auch sowieso gut (das hatten wir vor ein paar Wochen ja schon mal), also überredeten wir ihn dazu, übers Wochenende ein paar Liederbücher mitzubringen, so dass wir gemeinsam singen konnten. Wir hatten den Raum mit Klavier nur etwa eine Stunde, aber die haben wir genutzt. Kreuz und quer durch das Liederbuch, jeder schlug einmal sein Lieblingslied vor, von „Leaving on a Jet Plane“ über „Irgendwann bleib i dann durt“ bis zu den „Country Roads“. Tat das gut!

Und danach – Johanna verabschiedete sich nach oben, sie wollte alleine sein – hatte ich zum ersten Mal seit Wochen wirklich Lust, noch mit den anderen gemeinsam in der Cafeteria zu sitzen. Die Wattrunde, wieder mit dem Musiklehrer und dem Weltreisenden, und noch irgendeinem, den ich zuvor noch nie gesehen hatte, brauchte einen vierten Mann. Wie lange hatte ich schon nicht mehr Watten gespielt? Das waren wohl Jahre! Mein Papa, universeller Watt- und Schafkopfkönig, hatte meiner Schwester und mir das Spiel beigebrachte, vermutlich noch bevor wir lesen und schreiben konnten. Den Großteil der Urlaubsabende, egal ob in der Türkei oder beim Schifahren in Österreich, hatten wir kartenspielend verbracht. Meine Schwester und mein Vater gewannen immer, die hatten das Glück gepachtet (oder waren einfach besser im Bescheißen), Mama und ich verloren. So gut wie immer. Spaß hat’s trotzdem gemacht. Und Spaß machte es auch mit den Dreien hier. Und hier gewann ich sogar hin und wieder. J Die Ausbildung beim Wattkönig machte sich bezahlt. So ausgelassen war ich schon lange nicht mehr gewesen. Und das Schönste – der Lärmpegel machte mir kaum etwas aus. Bis um zehn kartelten wir, dann wurde es doch langsam ein bisschen zu viel und ich verabschiedete mich nach oben ins Zimmer. Der Kopf war wieder ein bisschen voll, es war wieder ein bisschen zu viel gewesen. Aber egal. Es hatte so gut getan!

Morgen Abend hatten wir uns wieder zum Volleyball verabredet – Chris letzter Abend, aber nächste Woche – ich freute mich schon auf die nächste Wattrunde.

Und schon wieder busy…

Nach Wochen und Monaten ohne jeden Termin war ich jetzt schon fast wieder „busy“: Morgen, Freitag, der Termin für den Abdruck meiner Schiene. Die Krankenkasse hatte sie mir ohne Murren im Schnellverfahren genehmigt. Burnout-Patienten hatten wohl einen Freischein für solche Dinge. Am Samstag sollte das Wetter schön werden. Ich durfte ja am letzten Wochenende nicht nach Hause. Also hatte ich mir den Ammersee vorgenommen. Am Sonntag wollte ich mich mit zwei Freunden in München treffen und eine Fotoausstellung besuchen. Am Montag war dann Tinas Abschied. Dienstag hatte ich ein Erstgespräch mit einer Therapeutin in München. Mittwoch dann sämtliche Abschlussuntersuchungen und am Donnerstag um 9.15 Uhr das Entlassungsgespräch. Und zwischendrin: Packen und alles für zu Hause vorbereiten. Zurück in die Realität. Oder zumindest eine Vorstufe davon.

Die Kunst des Pendelns

Es geht mir wieder gut. Das Thema Eingliederung ist erstmal auf unbestimmt verschoben, das Kriegsbeil zwischen meiner Therapeutin und mir ist begraben. Die schwer bis leicht depressiven Zustände sind weg. Ich bin vielleicht nicht hyperaktiv und überdreht gut drauf, aber ich habe Antrieb und bin im positiven Bereich, sofern ich keinen Druck verspüre.

Und dann bin ich wieder im alten Kreislauf: Ich fühle mich gut. Also will ich etwas machen. Das geht gut und macht Spaß. Also mache ich noch etwas. Und noch was. Und dann geht es mir von einer Minute auf die andere wieder schlecht.

Ich will ganz, ganz sicher nicht noch einmal zurück und die Abwärtsspirale erleben oder auf der untersten Treppenstufe rumkrebsen. Und gerade deswegen: Ich werde das Gefühl nicht los, dass der schwerste Teil erst noch kommt. Mir geht es gut, wenn ich ein gewisses Niveau an Aktivität und sozialen Kontakten habe. Aber ich darf nicht wesentlich darunter oder darüber kommen. Und diesmal unterstützen auch keine Medikamente oder Vorgaben von Therapeuten oder Ärzten. Das muss ich diesmal ganz alleine auspendeln.