Buchtipp: Schwimmen mit Elefanten

Die Japanerin Yoko Ogawa verfasst den Roman im Jahr 2009, ins Deutsche übersetzt wurde er 2014.

Eine Elefantendame auf dem Kaufhausdach, ein Schachgenie, das in einem ausrangierten Bus wohnt, ein Mädchen, das in einer schmalen Mauerritze aufwächst und schließlich im geheimnisvollen Schachklub unter dem Meer wieder auftaucht und nicht zuletzt der kleine Aljechin, der Kater Pawn und die Läufer: Ein Roman, verrückt, manchmal grotesk, hin und wieder absurd, ohne deutlichen Spannungsbogen und dennoch lesenswert: Die Autorin bedient sich einer hinreißenden Sprache und gefühlvoller Poesie, sie erweckt ihre fantastischen, sehr eigenwilligen Figuren zart, aber dennoch kraftvoll zum Leben und überwindet mit ihnen die Grenzen des Verstands, sie verdreht unsere Wahrnehmung und Weltanschauung manchmal regelrecht. Wenn dieses Buch ein Film wäre, käme es dem etwas mystischen „Grand Budapest Hotel“ wohl am nächsten.

Der Roman ist nicht unbedingt eine einfache Lektüre – wunderschön und aufregend aber für alle, die sich an hin und wieder faszinierend absurden Geschichten und vor allen Dingen an der fantasievollen Sprache Ogawas erfreuen und natürlich Schachfans. Schachgrundkenntnisse sind wohl hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig.

Kognitives Training

Dienstagfrüh war ich schon deutlich wacher als Montagfrüh. Diesmal war kein Morgensport möglich. Um neun Uhr war ich zum ersten Mal für „kognitives Training“ angemeldet.

Unser Däne, ein sehr gebildeter, aber auch anspruchsvoller Mitpatient, hatte diese Therapie ziemlich belächelt – da muss man zehn Obstsorten mit A aufzählen! (Kriegt ihr das aus dem Stegreif hin? Ich nicht). Er hatte umgehend die Therapie verlassen, sogar während der Stunde. Ich war eigentlich ganz froh um die Beschäftigung, Johanna war auch dabei, und außerdem war ich neugierig, was denn nun tatsächlich hinter dieser Therapie steckte. Ich hatte ein paar Arbeitsblätter im Stationszimmer gesehen, die ein bisschen wie die Freiarbeit oder Zusatzarbeit aus der Grundschule wirkten, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass das wirklich Teil einer Therapie sein sollte.

Um neun also fanden Johanna und ich uns in dem kleinen Therapieraum ein. Die Psychologin, die den Kurs betreute, war schon da, außerdem noch sechs andere Patienten: die ältere Dame auf meiner Station, die mich so sehr an meine Tante erinnerte, der Inder, der den ganzen Tag kein Wort sagte, der junge Mann mit der Glatze, der eigentlich sympathisch aussah, sich an den Armen ritzte und sichtlich aggressiv war, eine weitere junge Frau, die sehr dünn und blass war, und noch eine andere ältere Dame, die ich nicht kannte, sowie ein weitere junger Mann. Ein bunt gewürfelte Truppe, wie immer hier.

Dann teilte die Psychologin doch tatsächlich ein Arbeitsblatt aus. Wir hätten zehn Minuten Zeit, dieses zu bearbeiten. Auf dem Blatt befand sich ein Quadrat, in dem Qs, Ös und Os scheinbar beliebig angeordnet waren. Man musste herausfinden, wie oft sich eine bestimmte Anordnung dieser drei Buchstaben in dem Quadrat befand, sie einkreisen und zählen. Na gut. Ich war nun einmal in dieser Therapie eingeteilt, also würde ich nicht gleich bei der ersten Aufgabe meckern. Die Buchstaben-Kombinationen waren schnell gefunden, das Zählen fiel mir nicht ganz so leicht wie sonst (Buchstaben waren schon immer meine besseren Freunde), trotzdem war ich als Este fertig. Nach etwa fünf Minuten hatten auch die Letzten in der Gruppe das Blatt fertig bearbeitet. Die Ergebnisse wurden überprüft. Es gab leider keine roten oder grünen Stempel dafür wie in der Grundschule, das hätte gepasst. Bis auf zwei hatten alle die richtige Anzahl.

Die Psychologin teilte das nächste Arbeitsblatt aus. Ein Affe hatte die Länder der Teilnehmer an den Olympischen Spielen durcheinandergebracht. Man musste den Buchstabensalat in Ordnung bringen und ein Lösungswort herausfinden. Man musste also herausfinden, welches Land mit Anpama gemeint war. Na? Panama. Ich war in nicht einmal einer Minute fertig und beschloss, dass der Däne diesmal ausnahmsweise recht gehabt hatte. Ich würde mich wieder aus der Therapie abmelden lassen, das war für mich überflüssig. Die übrigen neun Minuten verbrachte ich mit der eingehenden Betrachtung des Therapieraums. In den letzten zwanzig Jahren seit der Grundschule hatte ich dann doch irgendwann gelernt, ruhig zu warten, ohne zu stören, bis alle fertig waren. Diese Aufgabe war für die anderen, insbesondere die älteren Damen, scheinbar noch trickreicher gewesen als die erste.

Das letzte Arbeitsblatt war über und über mit Zahlen bedeckt. Man musste bei 115 angefangen, die Quersumme errechnen, diese zur Ausgangszahl addieren, diese Ergebnis wiederum in dem Zahlensalat suchen, einkreisen, die beiden Zahlen verbinden, bis man wieder an der Ausgangszahl 115 angekommen war. Dadurch sollte auf dem Zahlensalat ein Bild entstehen. Zahlen. Mochte ich noch nie besonders und werde ich auch nie besonders mögen. Klar kann ich die Quersumme von 115 rechnen – 1+1+5 macht 7 – aber das war weit, weit anstrengender als die beiden kompletten ersten Blätter gemeinsam. Ich musste meinen Kopf richtig verbiegen. Und ich war vielleicht langsam dabei! Dann machte ich sogar noch einen Fehler, den ich nur durch Spicken bei Johanna korrigieren konnte. Nicht nur Johanna war vor mir fertig – und vor allen Dingen ohne Fehler – sondern auch die drei Jungs. Dem dünnen Mädchen war alles egal, die umkringelte nur lustlos immer wieder eine Zahl. Und mein Kopf fühlte sich schon wieder an, als wäre er kurz vor dem Platzen. Ganz so, als hätte er sich beim Frühsport ungehörig, ja fast zu viel, verbiegen müssen. Hui. Das war beängstigend. Ich hatte mich mit Buchstaben schon immer leichter getan als mit Zahlen, das war mir nichts Neues. Aber dass der Unterschied momentan so extrem war. Krass. Viel Denksport brauchte ich heute nicht mehr. Vielmehr eine Pause für mein geschundenes Hirn. Böse Zahlen! Würde das von alleine wieder weggehen, wenn es mir besser ging? Hoffentlich. Andererseits sprach die Tatsache, dass es dafür extra eine Therapie gab, eher dafür, dass man das ebenfalls alles wieder trainieren musste: Kognitives Training.

Das Zwieback-Ritual

Montagmorgen war ich wie immer hundemüde und völlig erschöpft aus einem sehr unruhigen Schlaf aufgewacht. Wiegen, Blutdruck messen, Tabletten holen, Therapieplan holen, frühstücken, beim Frühstück überlegen, welche Therapien ich heute mitmachen wollte bzw. musste. Wie meistens wurden es montags die Allgemeine Gymnastik – immer noch auf Seniorenniveau, dann das Walken / Intervalltraining nach der Visite um viertel nach elf. Nach dem wie immer bescheidenen Mittagessen stand montagnachmittags um 15.00 Uhr AGT, die Achtsamkeits- und Genusstherapie auf dem Plan. Das hatte sich, neben Yoga und Atemübungen am Donnerstagmorgen, sehr schnell zu meiner Lieblingstherapie gemausert. Die AGT-Stunden waren inhaltlich angenehm, die Gruppe war sehr angenehm und auch die Therapeutinnen verbreiteten eine angenehme, harmonische Atmosphäre. Nach der ersten Stunde, in der wir uns dem Geruchssinn und den Genussregeln widmeten, nahmen wir uns nach und nach die einzelnen Sinne vor. Dabei sollten wir unsere Genussfähigkeit wieder entdecken, Achtsamkeit üben und Selbstfürsorge lernen.

Heute war der Hörsinn an der Reihe. Auf dem kleinen Tisch, auf dem immer die Elemente unserer Sinnes-Entdeckungsreise aufgebaut waren, lagen diesmal Orff-Instrumente wie Klangstäbe, ein Regenmacher, Kastagnetten, aber auch Alltagsgegenstände wie Ketten, Besteck, und so weiter. Wie immer sollten wir uns intensiv, achtsam, also so, als ob wir dieses Geräusch zum allerersten Mal in unserem Leben hören würden, mit denDingen beschäftigen. Der Regenmacher, das leise, tiefe Rasseln der Kette oder das Klackern der Murmeln im Beutel waren angenehm für mich. Alles andere war Lärm. Unbewusst rückte ich immer weiter in den Hintergrund, bis ich kaum mehr Teil des Kreises war. Mir war das alles zu laut. Die Geräusche taten in den Ohren weh. Ich merkte das auch in der Feedbackrunde, in der wir unsere Erfahrungen mit den „neuen“ Sinneserlebnissen teilten, an. Ich bin momentan sowieso sehr, sehr geräuschempfindlich. Und das merke ich auch jetzt. Mir ist das beinahe alles zu laut und unangenehm. Dennoch entschloss ich mich, weiter in der Gruppe zu bleiben, die Stunde war sowieso beinahe vorbei. Es fehlten nur noch der Kreativteil und die Abschlussmeditation.

Wir setzten uns also alle an den Tisch, an dem wir immer bastelten. Diesmal erhielt jeder von uns fünf DinA6-Blätter und auf dem Tisch stellte die Kunsttherapeutin eine Menge Wachsmalkreiden bereit. Ich habe nun fünf verschiedene Geräusche vorbereitet, die ihr malen sollt. Malt einfach auf je eines der Blätter, was für euch zu diesem Geräusch passt. Eine Form. Ein Bild. Was ihr möchtet. Die Geräusche waren: Wellenrauschen. Vogelgezwitscher. Das Muhen von Kühen. Klassische Orchestermusik. Das Typische Freibad- und Spielplatz-Stimmen-Gewirr. Bei dem Stimmengewirr waren wir uns relativ einig, dass das unangenehm war. Bei allen anderen Geräuschen fiel ich sehr aus dem Rahmen. Das Rauschen war viel, viel zu laut, genauso wie das Muhen. Das Gezwitscher einfach nur grell, so dass ich es kaum aushielt und mir nach wenigen Sekunden die Ohren zuhielt. Auf mein Blatt malte ich orangenfarbene Blitze. Ebenso das Orchester. Au. Ich hielt es nicht aus. Mein Kopf explodierte beinahe. Das war das erste Mal, dass ich in der abschließende Feedbackrunde feststellen musste, dass es mir deutlich schlechter ging als zuvor. Allen anderen ging es wie immer besser oder zumindest nicht schlechter nach dieser eutyhmen (=was der Seele gut tut) Therapie. Zum Abschluss las uns die Therapeutin noch eine kurze Geschichte vor:

 

Der Weg des Weisen

Ein weiser, alter Mann, der eine ungeheure Ruhe ausstrahlte, wurde von einem anderen geplagten Menschen gefragt:

„Wie machst du das, immer so ruhig zu sein?“

„Ganz einfach“, antwortete der Weise, „wenn ich schlafe, schlafe ich, wenn ich aufstehe, stehe ich auf, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich esse, esse ich, wenn ich arbeite, arbeite ich, wenn ich höre, höre ich, wenn ich spreche, spreche ich.“

„Wie, das verstehe ich nicht! Das tue ich doch auch. Trotzdem bin ich so nervös!“, antwortete der andere.

„Nein, du machst es anders: Wenn du schläfst, stehst du schon auf, wenn du aufstehst, gehst du schon, wenn du isst, arbeitest du schon, wenn du hörst, sprichst du schon!“

 

Nach der anstrengenden Stunde brauchte mein Kopf erst einmal Ruhe. Ich ging alleine im Wald spazieren, ganz darauf bedacht, nur zu gehen, und den Wald zu riechen, die Sonne, den Wind zu spüren. Es war zwar schon ein wenig kühler, aber immer noch ausreichend warm, um im T-Shirt und in der kurzen Hose draußen zu sein. Beim Abendessen genossen Johanna, Steffi und ich dann unser tägliches kulinarisches Highlight: Zwieback mit Butter. Man konnte zum Abendessen nicht nur Brot, Semmeln, oder Knäckebrot bestellen, sondern auch Zwieback. Und tatsächlich lieferte der Essenservice täglich ein paar Orginal-Brandt-Zwiebäcke an! Mmmmh. Wie früher daheim. Waren die gut!! Man merkt, unsere Ansprüche ans Essen waren nach zwei Wochen in dieser Klinik sehr weit gesunken… Morgen würden wir uns zur Abschiedsfeier Pizza bestellen!

Nachdem wir unser Zwiebackritual beendet hatten, schnappten wir uns meine Slackline und gingen noch einmal hinaus in den kleinen Park vor dem Klinikeingang. Um acht war wie immer Zapfenstreich, um neun standen wir in der Drogenschlange für die Schlaftabletten, um zehn die Schotten dicht. Morgen war der letzte Tag mit meiner „Gang“. Die vorletzte Nacht mit Johanna im Zimmer. Hoffentlich würde das Bett nicht gleich wieder belegt werden.

Danke, Anke

Video

Vielleicht hat der ein oder andere von euch die Reportage von Anke Engelke im Ersten am Montag gesehen. Ich habe zufällig reingezappt – und bin hängengeblieben. Warum müssen wir alle funktionieren? Warum wollen wir alle perfekt sein? Warum der Stress?

Anke Engelke stellt viele Fragen und sucht, auf den verschiedensten Wegen, Antworten. Bei uns, den normalen Menschen, bei Psychologen und Neurologen und Zukunftsforschern. Absolut sehenswert.

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Generation Y

Diese Generation Y. Angeblich bin ich auch eine von denen. Was uns auszeichnet? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Natürlich, ich habe auch den ein oder anderen Artikel gelesen. Angeblich könnten wir es uns leisten, auf die Work-Life-Balance zu beharren, da die Wirtschaft sich um uns reisst.

Zwei Fragen: Wirklich? Und was ist eine „Work-Life-Balance“ eigentlich? Sich zum Ausgleich des stressigen Berufslebens noch ein stressiges Privatleben anzuschaffen? Das habe ich ganz gut hingekriegt. Klar, ich habe viel erlebt. Eine Zeit lang hat mir das auch gut getan. Ganz nach dem Prinzip, dem auch unsere euthyme Genuss- und Achtsamkeitstherapie folgt: Man kann die Seelenwaage, die viele schlechte Dinge ins Ungleichgewicht gebracht haben, mit vielen schönen Dingen wieder ins Gleichgewicht bringen. In unserer Therapiestunde waren die schlechten, negativen Dinge einfache Steine, die in der einen Schale einer alten Handwaage lagen. Auf die andere Schale legten wir nach und nach schöne, bunte Glassteine – und siehe da. Irgendwann war das Gleichgewicht wieder hergestellt. Ich spreche aus Erfahrung – es hilft. Aber nicht langfristig.

Wieder zurück zur Generation Y: Ich glaube, es ist vor allen Dingen eines, dass die sogenannte „Generation Y“ eint. Wir hatten bzw. haben alle Möglichkeiten – die Welt liegt uns zu Füßen. Unsere Eltern haben uns oftmals eine behütete Kindheit geboten und sie haben die finanziellen Mittel, uns eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Uns stehen alle Türen offen. Aber, und das ist der eigentliche Unterschied meine ich: Uns stehen alle Türen offen. Wir haben die Qual der Wahl. Woher wissen, welche Ausbildung, welcher Studiengang  der richtige ist? Ist es richtig, die Heimat zu verlassen? Oder doch zu Hause bleiben? Wie kann man denn noch mithalten, wenn Auslandserfahrung, zahllosen Praktika und Mehrsprachigkeit beinahe jeder vorweisen kann, in einer Welt, in der es schlecht ist, Durchschnitt zu sein?

Ich habe mein Abitur mit 1,4 bestanden. Ich hätte Medizin oder Jura studieren können. Ich entschied mich für Sportmanagement. An einer FH. Eigentlich hätte ich lieber Sportwissenschaften, Germanistik oder Romanistik studiert. Aber – auch wenn ich mich weder für die konservative Banklehre noch für das bodenständige BWL-Studium entschied – brach dann doch meine Erziehung durch. Jobaussichten für Sportwissenschaftler, Germanisten und Romanisten? Eher schlecht. Also wurde es der Kompromiss – Wissenschaft mit Wirtschaft. Ich habe das Studium genossen und ich habe im Anschluss, wenn auch zugegebenermaßen mit etwas Glück, den perfekten Job gefunden. Trotzdem: In manchen Momenten, in denen ich nachdenklich wurde und werde, in denen es mir vielleicht gerade nicht so gut geht, überfällt mich immer wieder der gleiche Gedanke:

Habe ich das Richtige getan?

Das, so denke ich heute, macht die Generation Y aus: Uns stehen alle Türen offen, aber damit liegt auch unser Lebensglück komplett in der eigenen Hand. Wir müssen – und wollen! – unsere Lebensentscheidungen selbst treffen. Und können dann aber in der Konsequenz niemanden außer uns selbst für Misserfolge verantwortlich machen. Keine Eltern. Keine Wirtschaftskrisen. Kaum noch gesellschaftliche Konventionen. Und schon gar keinen Krieg oder Diktaturen. Wir sind verantwortlich. Im Guten wie im Schlechten. Diese Last wiegt manchmal schwerer auf uns, als wir alle denken. Wir wollen alles optimieren, weil wir theoretisch die Möglichkeit dazu haben ein perfektes, glückliches Leben führen. Und vergessen dabei, dass wir auch nur Menschen sind. Wie unsere Eltern. Und Großeltern. Eben nicht perfekt. Sondern nur Menschen.

Die Macht der Gedanken

Montagmorgen war ich wie immer todmüde. Die erste Nacht in der Klinik schlief ich, trotz der Tabletten, sehr schlecht. Ich schlief spät ein, wachte oft auf. Ruth, die meistens schon um sechs das Zimmer verließ um zu Rauchen (in der Raucherecke im Innenhof, verbrachte sie auch beinahe den ganzen Tag), hörte ich nie. Sie war unglaublich leise und nahm große Rücksicht auf mich und Johanna, die wir beide immer noch schliefen. Uns weckte dann – wenig sanft – die Schwester bzw. der Pfleger, der mir um halb acht meine Thyroxintabletten ans Bett brachte. Ich bekam die Augen kaum auf. Aber es half nichts, um acht Uhr gab es Frühstück, bis viertel vor neun, und in dieser Zeit mussten wir außerdem zum Blutdruckmessen und Wiegen, sowie unsere Tabletten und Therapiepläne im Stationszimmer abholen. Das Frühstück auszulassen war keine Option, schließlich war das wenigstens essbar. Nachdem Frühstück – nun seit zwei Wochen das exakt gleiche – ging ich zum Morgensport, da wachte man zumindest halbwegs auf.

Um viertel nach elf stand  Walken auf dem Programm. Steffi, Johanna und ich machten in der Regel Intervalltraining. Eine der beiden Trainerinnen lief mit uns die Strecke, die die anderen gingen. Mittlerweile lief ich die Strecke im Intervall total locker. Meine Hüftschmerzen waren in der vergangenen Woche komplett zurückgegangen. Im letzten Teilstück das wir gingen, ging ich zufällig neben der Trainerin her. Wir unterhielten uns, und sie fragte mich, ob meine Hüftschmerzen hier denn nun besser geworden waren. Ich hatte ihr vergangene Woche bereits erzählt, dass das lediglich eine extrem Verspannung des Hüftbeugers war, die immer schlimmer wurde, je schlechter es mir ging beziehungsweise je mehr Stress ich hatte. Dann, plötzlich, fragte sie mich: Man soll das ja nicht alles überbewerten und zu sehr esoterisch sein – aber gab es denn etwas, im übertragenen Sinne, wo Sie keinen Schritt weiter gehen wollten?

Ich stockte. Daran hatte ich noch nie gedacht. Aber Ja. Den Punkt gab es. Zum etwa gleichen Zeitpunkt sowohl in der Arbeit als auch privat. Krass. Sollte es wirklich möglich sein? Da fiel mir meine Logopädin wieder ein. Ich hatte ihr Anfang Juli auch von meiner Krankschreibung erzählt. Sie meinte nur, dass sie das häufig erlebe. Diese Schwierigkeiten mit der Stimme, gerade Kehlkopfentzündungen, würden oft bei Burnout-Patienten auftreten. Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr gehört zu werden, nichts mehr zu sagen zu haben, versage oft die Stimme tatsächlich.

Sollte es wirklich möglich sein?

In der ersten Yoga-Stunde hier in der Psychiatrie hatte die Yogalehrerin  eine beeindruckende, etwa 70-jährige Frau mit schulterlangen, grauen Haaren, die immer noch extrem fit war – einfache Einführungsübungen mit uns gemacht. Wir sollten uns hinlegen, oder hinsetzen – es waren drei, vier solcher Übungen – und uns mit aller Kraft auf den linken Fuß, den rechten Daumen, etc. konzentrieren. Und tatsächlich: Ich spürte eine Veränderung. Der Fuß wurde wärmer und schwerer, wenn ich mich darauf konzentrierte, wie schwer mein Fuß auf der Matte lag. Mein Finger fing an zu bitzeln, wenn ich meine ganze Energie dorthin schickte.

Kann es wirklich sein, dass wir die Macht der Gedanken gnadenlos unterschätzen? Vom Unterbewusstsein gar nicht erst zu reden?

Pippi Langstrumpf macht Pause

Kurzmitteilung

Ich sitze auf einer alten Holzbank in der Sonne und sinniere vor mich hin. Es geht mir gerade gut. Und ich habe hier viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin 27. Jung, würden die meisten wohl sagen. Und trotzdem fühle ich mich gerade uralt.

Ich habe in den letzten Jahren mehr von der Welt gesehen, als ich es mir noch vor zehn Jahren nie hätte träumen lassen. Ich habe ein halbes Jahr am anderen Ende der Welt gelebt und in der Magellanstraße Pinguine beobachtet. Ich bin weit gereist, alleine, auf mich gestellt. Ich habe Menschen kennen gelernt, von allen Ecken und Enden der Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich habe Olympische Spiele miterlebt. Das Blitzlichtgewitter auf roten Teppichen war ein selbstverständlicher Teil meiner Arbeit gewesen. Ich habe gelacht, gefeiert, geliebt, geweint, getrauert, gekämpft. Ich habe gelebt; das Leben, mein Leben, geliebt. In den letzten Wochen nun habe ich Tiefen entdeckt, von denen ich nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Dass es sie in mir gibt.

Ich war lange Zeit meine eigene Pippi Langstrumpf. Unaufhaltsam bin ich durch die Welt gezogen, frei, glücklich, wunderbar. Ich habe mir mit 27 Jahren die meisten Träume, die ich als Kind hatte, erfüllt. Ich habe mehr erlebt, mehr gesehen und mehr gelernt, als ich mir das je erträumt habe. Ich komme mir wirklich vor, als wäre ich bereits uralt. Was soll da noch kommen?

Und dann, keinen Augenblick später, fühle ich mich wieder wie nach dem Abi. Ich stehe an einer Weggabelung. Mir stehen vielleicht sogar noch mehr Türen offen als vor knapp zehn Jahren. Die Entscheidung ist leider nicht einfacher geworden. Mittlerweile habe ich gelernt, dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt. Das Umwege manchmal die schöneren, besseren Wege sind. Aber nach wie vor stellt sich die gleiche Frage: Welcher Weg ist richtig? Welche Umwege lohnt es zu gehen?

Wenn das Leben Monopoly wäre, stünde ich nun wieder auf „Los“. Begeben Sie sich direkt dorthin. Ziehen Sie nicht 2000,- DM ein. Ob mir das nun passt oder nicht.

Beerenzeit

Meine Schwester holte mich um Punkt acht ab. Wir fuhren nach Hause; diesmal spürte ich keine Angstzustände. Vielleicht war ich einfach zu erledigt dafür. Daheim frühstückten wir auf der Terrasse in der Sonne. Es war bereits Ende August, und es war immer noch unglaublich warm und schön. Es tat unendlich gut, zu Hause zu sein, in der Sonne zu sitzen, gemütlich zu frühstücken – mit gutem Essen, richtigen Brezen, selbstgemachter Marmelade und frischen Himbeeren aus dem Garten. Und vor allem tat es richtig gut, endlich Ruhe und Zeit zu haben, um mit meiner Schwester zu reden. Wir hatten uns seit meiner Krankschreibung nur einige einzelne Tage gesehen, davon nur einen nicht in der Psychiatrie. Klar wusste sie, dass ich krankgeschrieben war, es mir nicht gut ging, dass ich in der Psychiatrie war. Aber ich hatte ja nicht mehr telefoniert, kaum noch Nachrichten geschrieben und meine Eltern hatten ihr wohl auch die Details vorenthalten. Vielleicht, weil sie dachten, dass wir sowieso in Kontakt stünden. Vielleicht, weil sie meiner Schwester die Reise nach Sri Lanka nicht verderben wollten. Vielleicht aber auch einfach, weil sie selber gar nicht wussten, wie sie es hätten ausdrücken sollen. Jedenfalls, glaube ich, dass meine Schwester erst so richtig begriff, wie schlimm es um mich stand, als meine Mutter ihr sagte, sie solle nicht mehr zurück nach London fliegen, sondern ihre Masterarbeit zu Hause fertig schreiben, da sie mich unmöglich allein lassen konnten. Dass überhaupt meine Mutter sie nicht darum bat oder es ihr vorsichtig nahelegte, sondern -wie ich mittlerweile meine mitbekommen zu haben – ihr klipp und klar eröffnete, dass sie hier gebraucht wurde. Punkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das, seit wir beide ausgezogen waren, überhaupt jemals vorgekommen war.

Wir unterhielten uns  sehr lange. Sie wollte wissen, was passiert war, und warum. Mehrmals in diesen drei Stunden, die wir draußen am Frühstückstisch saßen, standen ihr die Tränen in den Augen und mir versagte die Sprache. Und mir stehen auch jetzt beim Schreiben, ein ganzes halbes Jahr später, wieder die Tränen in den Augen. Es tat mir gut zu sehen wie sie sich bemühte, zu verstehen. Zu sehen, dass sie besorgt war. Zu sehen, dass ich alles andere als egal war. (Natürlich wusste ich das – aber die letzten Tage war ich wieder das kleine Häufchen Depression und Angst gewesen. Da war das nun umso wichtiger.) Sie sagte sogar tatsächlich das Fest ab und verabredete sich stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Schwimmen. Dann bin ich wenigstens abends wieder da, wenn Helene weg ist, meinte sie. Das fand ich gut. Sehr gut sogar. Sie fuhr dann also, und ich widmete mich meiner neuen bevorzugten Sommertätigkeit zu Hause: Beeren pflücken. Ich war ja bereits im vergangenen Jahr über zwei Wochen rätselhaft (dieses Rätsel war mittlerweile immerhin gelöst…) krank gewesen. Nach einer kurzen Kehlkopfentzündung war ich zwei Wochen lang viel zu erschöpft gewesen, um überhaupt auch nur eine Stunde spazieren zu gehen. Auch da hatte ich meine Tage damit verbracht, abwechselnd einfach nur im Garten meiner Eltern zu sitzen und die Eichhörnchen, meine Katze und die vielen Vögel zu beobachten und Beeren zu pflücken. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Walderdbeeren – da gab es einiges zu tun. Ich schnappte mir also ein kleines Schüsselchen und ging auf Beerenjagd.

Den Nachmittag verbrachte ich ganz entspannt mit Helene – es gab unter anderem Vanilleeis mit frischen Himbeeren. Wir aßen sogar noch zusammen zu Abend. Meine Schwester war inzwischen wieder gekommen, dann wieder gegangen und war ein paar Häuser weiter immer noch bei ihrer Freundin. Ich war zu Hause und sah fern. Es wurde langsam dunkel. Ich war alleine zu Hause. Und die Angst kam wieder. Ich schrieb meiner Schwester eine Whatsapp-Nachricht, wie lange sie wohl noch bei ihrer Freundin wäre. Die Nachricht kam nicht an. Dann schrieb ich ihrer Freundin. Kam auch nicht an. Natürlich hätte ich auch einfach auf dem Festnetz anrufen können. Ich bin mir sicher, die beiden wären sofort dagewesen. Aber ich wollte nicht diejenige sein, die heulend wie ein kleines Kind nicht alleine sein konnte. Also nahm ich die Mirtazapin und  legte mich – ausnahmsweise mit Katze – ins Bett. Das Schnurren tat gut. Die Angst wurde trotzdem nicht weniger. Dennoch schlief ich relativ schnell ein.

Der Sonntag verlief ähnlich ruhig. Mir ging es gut, solange ich nicht viel machen musste. Am Nachmittag waren wir sogar noch zu zweit beim Baden am See. Die Sonne und das Wasser waren wohltuend.

Abends fuhr mich meine Schwester wieder zurück in die Klinik. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Ich war erschöpft. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ich mich auf die Klinik freute. Aber ich sehnte mich nach meinem Schutzort. Und ich freute mich auf Steffi und Johanna. Bis Mittwoch hatte ich sie ja noch.

Besuchszeit

Außer Katrin und meiner Familie war in der ersten Woche noch eine andere gute Freundin, Maria, bei mir zu Besuch gewesen. Am Donnerstag, gestern, war ich mit Helene am Wörthsee schwimmen gewesen und für heute Abend hatten sich Hanni und Marlene angekündigt. Sie würden nach dem Abendessen – also gegen sechs – vorbeikommen. Auch wenn ich die Besuche einigermaßen dosieren musste, da es doch recht anstrengend war, freute ich mich über jeden sehr. Und wenn es auch nur eine halbe Stunde war.

Johanna wohnte mehr als drei Stunden entfernt, bei ihr war ein Besuch einfach beinahe unmöglich, aber Steffi war wie ich aus München. Sie war neidisch, als sie hörte, dass ich schon wieder Besuch bekäme. Aber von mir weiß auch fast niemand, dass ich hier bin, merkte sie dann noch etwas nachdenklich an.

Jeden Tag ab 12.30 Uhr bis 20.00 Uhr durfte Besuch kommen und gehen. Eine andere Burnoutpatientin bekam beispielsweise beinahe jeden Abend von ihrem Mann Besuch, der frische Wäsche brachte und manchmal auch Essen. Andere, die sehr nahe wohnten, fuhren hin und wieder einfach nach Hause. Oft kamen auch Kinder zu Besuch und sehr hoch im Kurs standen auch Hunde. Wieder andere aber waren eher genervt, wenn die Junkie-Tochter mal wieder Geld brauchte und nur aus diesem Grund zum ersten Mal in vier Wochen völlig ungewaschen und fertig in der Klapse antanzte, um bei der Mama, die mit Depressionen hier fest hing, Geld zu schnorren. Manche bekamen gar nie Besuch. Und andere blieben sogar freiwillig am Wochenende in der Psychiatrie. Nicht, weil sie psychisch nicht in der Lage waren, wie meine Zimmernachbarin Ruth, die wegen einer Angststörung nicht mehr Bahn fahren konnte, aber auf die S-Bahn angewiesen war. Sondern weil sie wirklich vollkommen freiwillig blieben. Sie waren lieber hier. Ich will mir nicht vorstellen, wie trostlos diese Zuhause aussehen. Wenn ihnen sogar die Psychiatrie als bessere Alternative erscheint.

Ich jedenfalls verbrachte mit meinem Besuch nicht viel Zeit innerhalb der Klinikmauern. Die meisten waren neugierig, und wollten einfach sehen, wie es denn in einem echten Irrenhaus so aussieht – und wirkten manchmal beinahe enttäuscht, weil es so unspektakulär war. Manche Mitpatienten hielten es aber auch so, den Besuch gar nicht erst herein zu beten, um ihm den Anblick der doch manch trostlosen Gestalten zu ersparen. Ich war immer wieder froh, mal etwas anderes als die Klinik zu sehen. Oft fuhren wir nach der kurzen Stippvisite an einen der vielen Seen in der Umgebung – was sich bei dem heißen Wetter ja auch Ende August immer noch anbot – oder gingen zumindest eine lange Runde spazieren. So auch mit Hanni und Marlene. Erst gingen wir hoch ins Zimmer, dann eine kleine Runde durch den Wald und schließlich veranstalteten wir noch eine Art Picknick auf dem Parkplatz. Fast wie Urlaub. Wenn ich nicht um Punkt acht wieder in der Psychiatrie hätte sein müssen. Und mein Kopf nicht mal wieder kurz vor Anschlag gewesen wäre.