Wieder zurück

Heute würde ich zum allerletzten Mal über das Wochenende nach Hause fahren. In weniger als zwei Wochen, genauer in 12 Tagen, würde ich entlassen werden. Nach einer gefühlten Unendlichkeit in Kliniken durfte ich wieder heim. Ich war noch nicht komplett fit, aber es war an der Zeit, wieder in mein Leben zurückzukehren. Ich fühlte mich gut.

Ich genoss die Autofahrt, über die Landstraße quer durch Oberbayern, an einem sonnigen Morgen. Und beinahe schon daheim beschloss ich: Es war Samstagvormittag! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie die Turnhalle riecht. Meine Mädels, also die Mädels, die ich zehn Jahre lang trainiert hatte, würden da sein. Ich bog nach links ab statt nach rechts. Ich musste in die Turnhalle.

Ich war aufgeregt, parkte ein, drehte hektisch den Schlüssel, zog ihn aus der Zündung und rannte fast den Fußweg entlang zum Halleneingang. Wie hatte ich diesen Geruch vermisst! Wie hatte ich mein zweites zuhause vermisst! Und die Mädels! Es war ein bisschen ungewohnt, einfach so, grundlos, plötzlich mitten in eine laufende Trainingsstunde zu platzen. Die Mädels waren auch einigermaßen überrascht, mich zu sehen. Aber sie freuten sich. Und ich freute mich. Wieder zurück zu sein. Willkommen zu sein, mit offenen Armen empfangen zu werden. Einfach wieder in der Halle zu sein. Wie früher. Ich war, wie immer in der letzten Zeit, ziemlich emotional und konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Aber endlich – es waren Glückstränen.

Johannas Geburtstag

Mir ging es wieder gut. Nach den beschissenen Wochen, die hinter mir lagen, fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Ich hatte wieder einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Wieder ein großes Stück des Knotens entwirrt.

Heute hatte Johanna Geburtstag. Ihr ging es immer schlechter. Sie hatte Schwierigkeiten mit den Medikamenten, es passte nichts, und die Therapie griff überhaupt nicht. Dabei sollte sie sogar eine Woche vor mir entlassen werden. Eine Verlängerung war nicht mehr möglich – es war schlichtweg kein Bett mehr frei. Sie nahm mittlerweile sogar, wenn es gar nicht anders ging, Tavor ein. Tavor stellt alles ruhig. Vor allem das Hirn.

Was sollte ich ihr also schenken? Johanna hatte eine Art „Skill Box“, die ihr eine Mitpatientin aus der Psychiatrie im Sommer geschenkt hatte. Skill Boxen werden in der Therapie häufig für Borderliner genutzt. Wie eine Art Notfallkoffer enthält sie Dinge, die einen in psychisch schwierigen Situationen wieder zurückholen. Bei Johanna war das zum Beispiel ein Mandala-Malbuch und Stifte, ein kleiner Knetball, ein Heft mit positiven Sprüchen, aber auch – und die, finde ich, sollte jeder von uns immer, egal wie gut oder schlecht uns gerade so geht – parat haben: Erinnerungen an tolle Momente und Menschen, denen wir etwas bedeuten und die uns etwas bedeuten. Bei mir zu Hause und auch jetzt in der Klinik habe ich zum Beispiel immer eine Pinnwand oder ein Magnetboard, auf dem ich nicht Einkaufszettel und To-Do-Listen sammle, sondern Eintrittskarten von Fußballspielen und Konzerten, Fotos oder Postkarten von lieben Menschen, Einladungen oder einfach Zettel und Karten mit klugen oder witzigen Sprüchen. Also Dinge, die jederzeit ein Lachen, ein Lächeln und vor allen Dingen ein gutes Gefühl hervorrufen. Und wenn man auch nur einmal am Tag bewusst auf diese Pinnwand blickt, zaubern sie einem einmal am Tag ein warmes Gefühl ums Herz. Und wird daran erinnert, dass es einen Grund gibt, weiterzukämpfen.

Ich wollte Johanna irgendetwas schenken, was sie auch zu Hause begleiten würde. Ich würde nicht da sein können und nicht immer erreichbar sein. Durch Zufall fand ich in meinem Lieblingsladen in der Stadt, der mich hier schon einige hundert Euro gekostet hatte (Bücher, Bücher, und vor allem Bücher), einen wunderschönen kleinen Schutzengel. Mit passendem Spruch, wie die Faust aufs Auge. Das passte. Der passte in die Skill-Box. Der Schutzengel wäre da, wenn ich es nicht sein könnte und würde auf sie aufpassen. Johanna war trotz allem so tapfer. Sie würde es schaffen. Da war ich mir sicher. Sie selbst war langsam tatsächlich am Zweifeln.

 

 

Rollenspiel

Donnerstag. Ich hatte einen neuen Plan: Er fühlte sich richtig und gut an. Und ich fühlte mich tausendmal leichter. Pilates tat unglaublich gut (der störende ältere Herr vom letzten Mal war diesmal, nach intensiver Einweisung durch die Trainerin, ruhig). Und in meiner Einzeltherapie heute würde ich meiner Therapeutin meinen neuen Plan präsentieren. Sie war nicht sonderlich begeistert davon, dass ich mir bis Neujahr Zeit geben wollte – viel zu lange, wie sie meinte – aber sie akzeptierte, dass ich die Eingliederung mit meiner Ärztin zu Hause planen wollte. Einzige Bedingung: Ich legte ihr bis nächste Woche einen detaillierten Tages- und Wochenablaufplan für die Zeit bis zum Start der Eingliederung vor. Läuft.

Schließlich widmeten wir uns dem Gespräch mit meinem Chef. Was wollte ich sagen? Und vor allem: was erwartete ich mir davon? Lange, lange Zeit hatte ich gehofft, ein solches Gespräch würde irgendetwas ändern. Obwohl ich eigentlich insgeheim immer wusste, dass es das nicht tun würde. Genau deshalb hatte ich mir wohl auch die letzten Monate so schwer getan, ein direktes Gespräch unter vier Augen zu suchen. Mittlerweile war ich zu der Einsicht gekommen, dass das Gespräch wohl an seinem Verhalten vermutlich nichts ändern würde, ich es aber brauchte. Ich wollte einfach meine Sicht der Dinge darlegen – ob sie angenommen wurde oder nicht, ich brauchte klare Verhältnisse um mir damit innerlich die Basis für einen Neuanfang zu schaffen. Ich erwartete nichts mehr. Ich musste mit mir selbst klar kommen, und dazu brauchte ich das Gespräch. Das akzeptierte – zu meiner Überraschung – dann auch meine Therapeutin. Unter diesen Umständen sei es sinnvoll, ein Gespräch zu führen. Ich hatte bereits nach der Gruppentherapie versucht, einen Brief zu verfassen. Hatte aber schnell festgestellt, dass viele der Punkte, die ich anbringen wollte, sinnlos waren. Weil sie entweder zu persönlich oder zu kritisch waren, als dass man auf deren Basis ein halbwegs vernünftiges Gespräch hätte führen können. Ich wollte nicht mehr das kleine Mädchen, also vor allem: das verletzte Kind sein, sondern ein ebenbürtiger Gesprächspartner auf Augenhöhe. Also hatte ich mich neu sortiert. Und übte nun mit meiner Therapeutin im Rollenspiel.

Spaß war das keiner. Aber es war notwendig. Selbst wenn mir „nur“ die Therapeutin gegenüber saß, die weder optisch noch sonst irgendwie Ähnlichkeiten mit meinem Chef hatte, verwandelte ich mich anfangs – zack: in ein kleines Mäuschen! Bei meinen 1,77m. Es dauerte tatsächlich die komplette Therapiestunde, bis ich es hinbekam, während des Gesprächs auf Augenhöhe zu bleiben. Das mein „Chef“ nicht das „Verletzte Kind“ in mir Ansprach, sondern den „Gesunden Erwachsenen“. Da waren sie wieder, meine Freunde.

Ein neuer Plan

Überhaupt, so eine verrückte Sache. Vielleicht hat ja auch meine Therapeutin Recht. Vielleicht laufe ich davon. Vielleicht habe ich tatsächlich nur Angst vor der Arbeit. Vor meinem Chef. Vor meinem Arbeitgeber. Und muss das genauso wie meine Angst vor Umkleidekabinen aktiv bekämpfen?

Dass ich, Stand heute, nicht fit genug bin, um in den nächsten Wochen wieder zu arbeiten, steht außer Frage. Aber dann wäre eine Eingliederung vielleicht tatsächlich nicht so dumm. Sechs Wochen, um zu sehen, ob ich wieder voll belastbar bin. Sechs Wochen, um einen vernünftigen Abschied zu nehmen und nicht einfach so zu verschwinden. Sechs Wochen, um mir (und auch allen anderen zu zeigen), dass ich es (wieder) kann. Sechs Wochen und dann könnte ich ja immer noch kündigen.

Ich rechnete mir aus, wie viele Urlaubstage ich hatte. Die verfallen ja nicht, und ich baue mit jedem Monat, ganz genau so, als würde ich arbeiten, zwei weitere auf. Vielleicht wäre es tatsächlich gar keine so dumme Idee: Sechs Wochen Eingliederung, um zu sehen, ob ich fit bin. Dann kündigen. Und eben dann erst Weltreise. Oder so.

Ich telefonierte mit der Ärztin, die mich zu Hause betreut hatte. Schilderte ihr die Situation, dass die Klinik eben wollte, dass ich direkt wieder zu arbeiten begänne, ich mich aber nicht in der Lage sähe. Ich wollte eine zweite Meinung und wissen, ob sie gegebenenfalls ebenfalls eine Eingliederung betreuen könnte. Ja, natürlich könne sie das. Wichtig wäre es aber erstmal, wieder außerhalb der „Käseglocke Klinik“, in der ich mich seit nun über zehn Wochen befand, Fuß zu fassen, im eigenen Leben wieder anzukommen.

Langsam nahm ein neuer Plan in meinem Kopf Form an: Mitte November werde ich entlassen. Sechs Wochen lang wollte ich mir dann Zeit geben, wieder zu Hause anzukommen, und all das, was ich in der Arbeit wieder können musste, also z.B. Reisen und Feiern, testen. Und dann ab 1. Januar mit der Eingliederung beginnen. Die würde bis Mitte Februar dauern, ich könnte anschließend kündigen und dann wollte ich mir ab etwa April bis mindestens August eine Pause gönnen.

Verrückte Sache

Mittwoch. Mittwoch heißt Angsttherapie. Und Angsttherapie heißt meine Einzel-Therapeutin. Und meine Einzeltherapeutin bestand darauf, dass ich diesmal ein Thema hatte. Ich hatte da eine andere Meinung. Aber sie duldete keine Widerrede. Also hatte ich zum ersten Mal ein Thema.

Obwohl ich nun schon seit sage und schreibe acht Wochen in dieser Gruppe war, mich wohlfühlte, die Leute kannte, widerstrebte es mir eigentlich ziemlich, mein „Problem“ vor der Gruppe auszubreiten. Es hatte schließlich wenig mit Angst zu tun, fand ich. Die Therapeutin sah das offensichtlich anders. Also sollte ich nun mit der Gruppe gemeinsam eine Strategie für das Gespräch mit meinem Chef, das ich führen wollte, entwickeln. Also erzählte ich zuerst meine Geschichte. Und dann steuerten die anderen ihren Input bei. Der tatsächlich hilfreich war.

In der Gruppe waren mittlerweile ein etwa 45-jähriger Ingenieur, ebenfalls wegen Burnout in Behandlung, und eine Studentin, die wegen PTBS hier war. Völlig unterschiedlich, alle beide. Logisch. Und völlig unterschiedlich auch ihr Feedback. Aber beides megawichtig.

Die Studentin meinte, ganz ehrlich, wenn du in dem Gespräch zu weinen beginnst, dann ist das eigentlich kein Problem. Es wird nur zum Problem, wenn dein Gegenüber nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Merk dir das: Nicht du bist das Problem – du bist ja auch nur ein Mensch –, sondern der, der mit dir als Mensch nicht umgehen kann oder will, hat das Problem.

Und der Ingenieur erklärte mir, dass mein Chef ja auch nur mein Chef sei. Nicht mehr. Nicht weniger. Der selber einen Chef hat. Mit dem er selbst vielleicht auch Probleme hat. Und eine Personalabteilung im Nacken. Und wenn es blöd läuft, sogar einen Betriebsrat.

Da habe ich monatelang, ja mittlerweile jahrelang das Problem hin und her gewälzt, fünftausendmal Gespräche ersonnen und es trotzdem nicht geschafft, eine andere Perspektive einzunehmen. Dazu mussten erst zwei wildfremde Menschen kommen. Und sie haben sogar Recht. Verrückte Sache.