Filmtipp: Garden State

Auf dem Rückflug aus Rio, Simon & Garfunkel im Ohr, meinte mein Nachbar, dass ich mir unbedingt „Garden State“ anschauen müsse. Nun, das habe ich drei Tage später getan. Und ihr solltet das auch tun 🙂

Es ist das Regiedebut von Scrubs-Star Zach Braff, der gleichzeitig die Hauptrolle spielt. Ein unerwartetes, aber nettes Wiedersehen. Genauso wie übrigens auch mit Sheldon Cooper aus Big Bang Theory, der eine kleine, aber legendäre Rolle übernimmt.

Die Story ist liebenswert verquer, eine Liebesgeschichte, die ob der Charaktere der beiden Hauptfiguren und dem Drumherum beinah ins Hintertreffen gerät. So hört er auch genau da auf, wo andere Liebesfilme erst beginnen und endet, passend, mit der Frage: „Und was machen wir jetzt?“.

Der Film lässt einen ob aberwitziger und skurriler Szenen laut auflachen, und im nächsten Moment nachdenklich über das Leben und den manchmal darin herrschenden Wahnsinn sinnieren.

Aber so ist das Leben. Es ist doch immer noch irgendwo das Leben. Es ist da und manchmal tut es scheiß weh. Und am Ende ist es alles was wir haben!

Passend zu diesem Blog, spielen Psychopharmaka, Psychiater, psychische bzw. neurologische Krankheiten eine weitere Hauptrolle. Aber auf angenehme Art und Weise: Sie sind einfach da, unaufdringlich, und werden im Nebensatz diskutiert. Insgesamt erinnert der Film ein wenig an „The Perks Of Being A Wallflower“.

Habe ich außerdem erwähnt, dass Natalie Portman die weibliche Hauptrolle spielt?

Elterngespräch

Gerade bei psychischen Krankheiten ist das persönliche Umfeld in der Regel stark mit betroffen. Umso sinnvoller sind daher Eltern- oder Paargespräche.

Zum einen haben die Angehörigen so die Möglichkeit, Genaueres über das Krankheitsbild zu erfahren und insbesondere auch, wie damit umzugehen ist. Zum anderen bietet sich in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit, Punkte anzusprechen, die die Beziehung zwischen den beiden Menschen betreffen, die Auswirkungen auf die Krankheit haben / hatten.

Ich nähere mich langsam der 30. Insbesondere in einer ländlichen Umgebung hält sich immer noch stark das Bild, das man mit 30 seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, eine gute Zeit, um zu heiraten, Haus zu bauen und Kinder zu kriegen. Ganz unabhängig davon würde ich mir wünschen, endlich irgendwo anzukommen. An einem Ort, von dem ich weiß, dass dies keine Zwischenstation auf meinem Lebensweg ist, mit Menschen, die mich nicht nur in einem Lebensabschnitt begleiten werden. Aber leider ist dem nicht so. Und das zählt leider einfach auch zu den Dingen, die sich mit einem eisernen Willen nicht regeln lassen. Also treibe ich weiter so vor mich hin, ob mir das gefällt oder nicht. Ich kann es nicht ändern. Die meiste Zeit ist das auch völlig okay für mich.

Stressig wird es aber, wenn das ohnehin bereits fragile Bauwerk, das ich mir dazu aufgestellt habe, dann von außen belastet wird. Wenn etwa wiederholt erwähnt wird, Hm, mit 25 war ich schon vier Jahre mit meinem jetzigen Mann zusammen. Wenn der Chef erklärt, man käme ja jetzt in ein Alter, in dem man sich ja auch grundsätzliche Fragen stellen müsste.

Verdammt, Leute, ich wüsste doch auch gerne, wo es mich hin treibt! Und mit wem! Aber ich weiß es nicht! Also lasst mich damit in Ruhe. Löst euch endlich von euren fixen Plänen und Vorstellungen – meint ihr denn, mir geht es anders? Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. Wie wahr dieser Spruch ist, habe ich in diesem Jahr oft genug erfahren müssen.

Jedenfalls hatte ich gestern auch noch das Elterngespräch. Ich war davor ziemlich aufgeregt gewesen. Aber es lief gut. Die Therapeutin war toll (ganz entgegen zu gestern) und ich war stolz auf mich und meine Eltern. Alleine, dass sie da waren, tat mir unglaublich gut.

Danach gingen wir in die Cafeteria, einen Kaffee trinken. Als wir durch die Glastüren traten, saßen am rechten Ende des Raumes eine Gruppe Jugendlicher, alle mit einem Zettel auf der Stirn. Als wir bestellten, blickte mein Vater unauffällig zu ihnen hinüber. Leise und etwas unsicher fragte er mich, ob das denn auch eine Therapie wäre? Ich musste schmunzeln. Vor zwei Sekunden hatte ich selber überlegt, was denn die U20er da treiben. Passte auch wunderbar in das verquere Bild, dass einem Hollywood von einer Gruppentherapie vermittelt. Aber nein, antwortete ich. Die spielen nur „Wer bin ich?“.

 

Beate

Heute stelle ich euch meine neue beste Freundin, die Beate vor. Die ist auch gut bekannt mit einer anderen, neuen Bekannten, der Amygdala.

Nachdem in einem eher ausschweifenden Blitzlicht meine Therapeutin in Sachen Wiedereingliederung den Degen niedergelegt hatte und meine Wut verraucht war, gingen wir zur Tagesordnung über. Chris hatte heute, zum zweiten Mal überhaupt, ein Thema. Er war, wie bereits erwähnt, wegen Agoraphobie da. Darum ging es aber diesmal gar nicht. Er hatte einen riesigen Schritt gewagt und alle seine Medikamente abgesetzt. Zum einen kämpfte er nun seit zwei Wochen mit den Entzugserscheinung, zum anderen wusste er jetzt, wo sie nicht mehr gedämpft wurden, einfach nicht mehr wohin mit seinen Emotionen. Ich hatte es beim Volleyball auch schon bemerkt – teils wurde er nun richtig aggressiv, selbst beim kleinsten Auslöser. Er wollte nun also wissen, wie er denn damit umgehen sollte, oder besser, wie er seine Gefühle, die ja offensichtlich da waren, irgendwie in Schach bekommen konnte. Ignorieren ging nämlich nicht.

Da kommt die gute Amygdala ins Spiel. Die Amygdala, oder Mandelkern, steuert, vereinfacht gesagt, entsprechend den Sinnesreizen, die wir wahrnehmen, Emotionen aus. Das ganze geschieht unbewusst und noch bevor wir aktiv, bewusst und verstandesbetont auf diese reagieren können.

Erinnert ihr euch beispielsweise noch an  Ex-Ex-Freund, von dem ich vor Monaten geschrieben habe? Fast zwei Jahre später, man sollte vielleicht hinzufügen, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon überhaupt nicht mehr gut ging und ich zudem auch nicht ganz nüchtern war (Alkohol und Amygdala verstehen sich suuuuper…), war ich mit meinem damals aktuellen Freund auf einer Party. Ich kenne beinahe niemanden außer ihm. Er verschwindet auf die Toilette. Er ist lange weg. Und zufällig bemerke ich, dass auch seine Ex-Freundin, die ich an dem Abend zum ersten Mal sah, auch weg ist. Dejà-vu. Zack. Plötzlich war ich nur noch Gast in meinem Film. Mein Körper spielte automatisch absolute Panikreaktionen ab, ich hatte Mühe, mich vor einer Flucht (d.h. wie damals abhauen) – oder Angriffsreaktion (d.h. schreiend die Toiletten stürmen) abzuhalten. Und das alles, obwohl ich ganz genau wusste, dass dieser Moment überhaupt nichts mit dem vor zwei Jahren zu tun hatte und ich mir wirklich, wirklich keine Sorgen machen musste. Zumindest nicht wegen der Ex-Freundin. Ich hatte kaum eine Chance gegen mein Unterbewusstsein, ich wusste gar nicht so recht, was los war.

Das war nun ein Extrembeispiel. Aber so schaltet die Amygdala oft heftige emotionale Reaktionen zu einer Wahrnehmung, bevor wir bewusst dagegen steuern können. Oft nehmen wir die Reaktion auch gar nicht als abnormal wahr. Wir spüren sie ja, wie jede angemessene Reaktion auch. Also muss sie doch okay sein. Das Problem ist also, erst einmal herauszufinden, welche Emotion angemessen ist und welche die gute Amygdala übersteuert.

Das war auch genau das, was nun Chris wissen wollte. Wie zum Teufel kann ich Gefühle, die nun einmal da sind, und heftig da sind, einfach „weg“ machen? Die Antwort darauf weiß BEATE:

Benennen des aktuellen Gefühls

Erkennen des biographischen Zusammenhangs

Anerkennen der Dysfunktionalität (oder „Realitätscheck“)

Trennen von spontanem Verhaltensimpuls

Einüben / Experimentieren mit einem neuen Verhaltensmuster entsprechend des eigentlichen Bedürfnisses

Also:

B:

Mein Gefühl war, extremst verletzt worden zu sein.

E:

Der biographische Zusammenhang war in diesem Fall überdeutlich, habe ich ja schon erwähnt.

A:

Ich erkannte, dass die Situation zwar ähnlich war, aber nicht gleich und vor allem die handelnden Personen und deren Vorgeschichte eine ganz andere war.

T:

Ich trennte mich (wenn auch nur unter höchstem Kraftaufwand) von einem unsinnigem Flucht- oder Angriffsimpuls.

E:

Probierte eine neues Verhalten aus: Nämlich ruhig, ohne Vorwurf (zumindest dachte ich, dass es so wäre), das Thema sofort anzusprechen.

Der Abend endete zwar trotzdem nicht wie gewünscht. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Das Karussell ist wieder da…

Wer mit der Burn-Out-Gruppe fertig ist – das sind ca. vier Wochen – verlässt dann in der Regel zwei Wochen später die Klinik und beginnt wieder zwei Wochen später mit der Eingliederung. Ich habe zwar immer noch keinen Entlasstermin, der ursprüngliche war vor zwei Wochen auf unbestimmte Dauer verschoben worden, aber allein die Möglichkeit, dass ich Mitte November eventuell schon wieder arbeiten müsste, machte mich panisch. Ich war froh über jeden normalen Tag, den ich ohne Depressionen, Angst- oder Erschöpfungszustände verbrachte. Ich war froh, wenn ich den Klinikalltag gut bewältigen konnte. Nach einer Stunde kochen brauchte ich zwei Stunden Pause. Meine Konzentration verabschiedete sich nach wie vor nach spätestens einer Stunde. Ich hatte seit drei Monate nicht mehr in meiner eigenen Wohnung übernachtet, weil ich nicht gut allein sein konnte. Ich hatte Schwierigkeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, mir war an manchen Tagen das Ticken der Uhr zu laut. Die Urlaubsvertretung meiner Therapeutin schaffte es relativ pragmatisch, diese Angst zu verscheuchen. Jetzt schauen sie erst einmal, dass sie wieder wissen, wer sie sind und was sie wollen. So lange es ihnen nicht gut geht, werden sie krankgeschrieben werden. Das beruhigte mich ungemein.

Keine Woche später hatte ich wieder einen Termin mit meiner eigentlichen Therapeutin, die gerade wieder aus dem Urlaub zurück war.

Wir müssen uns ja noch über ihre Entlassung unterhalten. Am 5. November ist ja der Termin. Was haben sie denn mit der Sozialberatung wegen der Eingliederung besprochen?

Mir blieb der Mund offen stehen, zack, war die panische Angst, die ich erst vor wenigen Tagen mühsam begraben hatte, wieder da.

Aber, davon weiß ich ja noch gar nichts.

Ach so? Ja, dann wurde das wohl vergessen. Es folgte eine kurze Diskussion, in der ich versuchte, meinen Standpunkt auszudrücken, aber ich war so überrumpelt, dass ich die naheliegendsten Argumente – wie etwa „dazu bin ich geistig und körperlich noch nicht in der Lage“ – nicht mehr fand.

Ich bekam also den Auftrag, mich am nächsten Tag bei der Sozialberatung anzumelden.

Nachdem der erste Schock verdaut war, wurde ich wütend. Und panisch. Und ängstlich. Und nervös.

Der Tornado in meinem Kopf legte wieder los. Wieder und wieder spielte sich in meinem Kopf die Szene ab, wie schon so oft verfluchte ich mich auch diesmal, nicht besser reagiert zu haben, ich zählte in meinem Kopf die einzelnen Gründe auf, die es mir unmöglich machten, in fünf Wochen wieder zu arbeiten. Ich kann in München nicht U-Bahn fahren – wie soll ich dann einen Termin in Hamburg wahrnehmen? Dazu müsste ich fliegen. Ich habe noch nicht einmal ein – von der Belastung her normales – Wochenende oder zwei Tage am Stück durchgestanden. Wie sollte ich da wieder arbeiten gehen können? Ich hielt es nach wie vor nicht länger als eine Stunde am Stück in der Cafeteria aus. Wie sollte ich dann mehrere Stunden in einem Vierzig-Mann-Großraumbüro überleben? Allein beim Gedanken daran zog sich bei mir alles zusammen. Ich überlegte hin und her, wappnete mich innerlich für einen Kampf gegen die Therapeuten und die Krankenkasse, ich war nicht mehr in der Lage, aus dem Karussell auszusteigen.

Wenn ich mich beschäftigte, stand es kurzzeitig still. Bei nächster Gelegenheit fuhr es wieder los. Immer schneller. Schließlich lag ich abends im Bett und hatte, genau wie während der letzten Wochen, in denen ich noch arbeitete, das Gefühl, wahnsinnig zu werden, wenn mein Kopf nicht bald aufhörte, sich immer weiter zu kreisen. Ich versuchte es etwa eine Stunde mit schlafen. Keine Chance. Entnervt schaltete ich das Licht wieder an – meine zwei Zimmernachbarinnen freuten sich sicher wie Schnitzel – schnappte mir einen Pullover und marschierte nach unten zur Medizinischen Zentrale. In meinem rosafarbenen-Snoopy-Satin-Schlafanzug, einem grauen Sweatshirt mit großen, bunten Kreisen darauf und Haaren, die kreuz und quer standen. Ich wollte ein Mittel, dass mich ausknockte. Irgendetwas, das so stark war, dass ich meinen Kopf und das verdammte Karussell loswurde. Am besten ein Betäubungsmittel.

Bei mir war keine Bedarfsmedikation festgelegt – abends hatte ich bis vor wenigen Wochen ja die entspannenden Mirtazapin genommen. Das Beste, was sie mir anbieten konnte, waren Baldrian-Pastillen, die wie weiße Smarties aussahen. Herzlichen Glückwunsch. Ich war nicht gerade hocherfreut darüber und stellte mich gedankliche auf eine katastrophale Nacht ein.

Wieder im Bett schrieb ich noch eine Weile mit meiner Schwester hin und her. Und irgendwann wurde ich müde. Ich schlief ein. Ich schlief tief und fest, träumte mal wieder komische, aber immerhin positive Träume. Beim ersten Schrillen des Weckers um 7:00 Uhr war das Karussell wieder da. Also stand ich, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, auf. Frühstückte etwas, obwohl mir eher schlecht war. Um acht war Walken. Das Laufen würde gut tun, da könnte ich mich etwas auspowern und der geistigen Erschöpfung eine körperliche entgegenstellen. Und eigentlich würde ich auch gerne davonlaufen. Ich hatte im Kopf am Vortag bereits Szenarien durchgespielt, wie ich dem Ganzen entfliehen könnte. Was passieren würde, wenn ich aus der Klinik abhauen würde. Generell einfach davonlaufen? Als wir auf die Therapeutin warteten, die uns in der Anwesenheitsliste abhakte, kam ich mit einem Mitpatienten ins Gespräch und irgendwie auf das Thema zu sprechen. Er meinte nur – naja, in der Regel kann man mit denen ja auch reden. Wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht. Er war Traumapatient, die haben in der Regel eine große Erfahrung ,was Kliniken und Krankenkassen betrifft, insofern beruhigte mich das etwas. Das Laufen tat sehr gut. Danach wartete ich während der zehnminütigen Sprechzeit vor dem Stationszimmer auf die Therapeutin, die mich während der Urlaubsvertretung betreut hatte. Ich wollte gern zu ihr wechseln. Ich hatte das Gefühl, sie verstand mich besser. Aber sie kam nicht. Also musste ich wieder los, sonst würde ich es nicht mehr schaffen zu duschen, bevor die Gruppe begann. Die auch noch mit meiner Therapeutin war. Die gerade einer der letzten Menschen war, die ich sehen wollte.

Die Gruppe beginnt immer mit einem kurzen Stimmungsblitzlicht – jeder sagt, wie es ihm gerade geht. Ich sagte, etwas zögerlich: Super angespannt, wütend, ängstlich, beinahe schon panisch. Sie fragte direkt zurück: Auf mich? Ich erklärte ihr das, holte kurz aus – länger als bei einem Blitzlicht eigentlich üblich – was für panische Angst ich derzeit noch davor hatte, wieder arbeiten zu gehen, weil ich einfach spürte, dass sowohl Kopf und Körper noch nicht annähernd bereit dafür waren. Plötzlich zeigte sie Verständnis. Versprach mir, dass wir das Thema noch einmal näher besprechen würden. Danach war ich etwas erleichterter. Die Wut verraucht. Therapeuten sind auch nur Menschen.

Morgen ist das nächste Therapiegespräch. Ich bin gespannt. Aber jetzt wieder zuversichtlich. Den Termin bei der Sozialtherapie habe ich trotzdem.

 

 

Alltag in der Klinik

Montagmorgen. Der mittlerweile 9. Montag in Folge in einer Klinik. Ein Stück Knoten war entwirrt. Aber das Knäuel, das noch übrig war, war immer noch größer. Und ich immer noch im negativen Energiebereich. Die größte Sorge hatte mir die Therapeutin letzte Woche genommen. Ich war etwas erleichtert.

Das Wochenende war okay gewesen. Irgendwie komisch ohne Schwester. Ich war ziemlich antriebslos gewesen. Hatte nicht viel gemacht. Jetzt war ich wieder in der Klinik, mit Johanna beim Laufen gewesen um acht. Das tat gut, auch wenn in den letzten Tagen meine Hüfte wieder begonnen hatte zu mucken. Und neuerdings hatte ich unter dem linken Schulterblatt eine steinharte Verspannung, die ich beinahe bei jeder Bewegung meines Arms spürte. Am Mittwoch war wieder Damensauna. Die Infrarotkabine dort war das Einzige, was diesen Knopf löste.

Ins Klinikleben hatte ich mich mittlerweile total eingewöhnt, ich war ja nun auch schon ein „alter Hase“. Ich hatte nach wie vor nicht besonders tiefergehenden Kontakt mit anderen Mitpatienten außer Johanna, aber ich ging gern abends zum Volleyballspielen oder hin und wieder in den Kunstraum und malte oder töpferte abends. Tagsüber machte ich den ein oder anderen Ausflug, manchmal musste man einfach hier raus. Ich machte für mich ein bisschen Yoga, schrieb, las, ging mit Johanna lange Runden spazieren, malte in meinem Malbuch ein Tier nach dem anderen und zuletzt hatte ich mich an ein großes Puzzle gewagt. Da saß ich, wenn ich das Gefühl hatte, Ruhe zu brauchen, also wenige Reize für meinen Kopf, aber doch Beschäftigung zu brachen, und puzzelte. Es dauert zwei Wochen, bis das erste Puzzle fertig war. Aber es wurde fertig.

Ich hatte nach wie vor keine große Lust, Zeitung zu Lesen. Ich war immer noch viel zu sehr mit mir beschäftigt, als dass ich Energie übrig gehabt hätte, um mir um Dinge wie die Flüchtlingskrise Gedanken zu machen oder mit den Flüchtlingen Mitleid zu haben. Aber ich schnappte mir seit einiger Zeit jeden zweiten Tag abends, wenn der Kiosk schloss, die Abendzeitung, um das Sudoku zu lösen, mein kognitives Training. Mittlerweile schaffte ich, wenn ich mir Zeit ließ und Pausen einlegte, sogar das Mittelschwere.

Mit dem Zimmer hatte ich nach wie vor Glück: Sechs Wochen lang waren wir nur zu zweit gewesen. Seit letztem Mittwoch waren wir nun zu dritt. Eine supernette, etwa 45-jährige Berufsschullehrerin aus Norddeutschland, die Leben in die Bude brachte. Wie ich war sie wegen Burnout hier.

Kurzmitteilung

Ich bin wieder da 🙂 Mir geht’s gut, und einen besseren Ort für ein einjähriges Psychiatriejubiläum als die Copacabana hätte ich mir definitiv nicht wünschen können…

Jedenfalls, freut euch, es geht weiter im Text!

Carioca way of life…