Buchtipp: Momo

Ich kann es selbst nicht ganz glauben, dass ich es geschafft habe, 27 Jahre alt zu werden ohne je auch nur ein Buch von Michael Ende gelesen zu haben. An Ostern las ich erstmals „Die Unendliche Geschichte“ und vor einigen Wochen nun, auf einen Tipp hin, „Momo“. Ich kannte auch die Filme nicht. Einzig ein Theaterstück über den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpusch hatte ich in der zweiten Klasse gesehen.

Unglaublich, dass Ende das Märchen von der Zeit und seiner Retterin, Momo, bereits vor vierzig Jahren verfasst hat. Es ist nach wie vor aktuell, vielleicht sogar aktueller denn je. Ende entwirft eine Phantasiewelt, die in unserem eigenen Universum angedockt ist, mit Figuren, die man einfach ins Herz schließen muss, angefangen vom Straßenkehrer Beppo, dem Mädchen, das immer auf die kleine Schwester aufpassen muss, hin zur Schildkröte Kassiopeia und natürlich Momo selbst.

Ich möchte das Buch euch allen ans Herz legen – ganz besonders den Talenten, die es (so wie ich bisher auch) sehr gut schaffen, sich Tag für Tag und Woche für Woche so voll zu packen, dass für die einfachen und schönen Dinge unversehens irgendwie keine Zeit mehr bleibt.

Zeit ist nicht Geld – Zeit ist Leben. Wer an der Zeit spart, spart am Leben.

Ein Tag, so wichtig wie Weihnachten

Kurzmitteilung

Am Mittwoch – mir ging es nach wie vor verhältnismäßig gut, was heißt, dass ich zumindest keine schwere depressive Episode mehr gehabt hatte – klingelte plötzlich mein Handy. Meine Allgemeinärztin war dran. Sie hatte mit ein paar Kliniken telefoniert und eine gefunden, die mich morgen bereits aufnehmen könnte.

Ich war völlig überfahren. Die Wartezeiten der Kliniken, die Burn-Out-Patienten behandeln, liegen in der Regel bei mehreren Wochen, wenn nicht Monaten. Ich hatte mich zwar gedanklich darauf eingestellt, dass ich demnächst in eine Klinik gehen würde, hatte aber nicht damit gerechnet, dass das vor September überhaupt möglich wäre. Außerdem war am Samstag ein großes Dorffest – das für uns alle in etwa den gleichen Stellenwert hat wie Weihnachten. Ich wollte unbedingt dabei sein, selbst wenn ich nur für einige wenige Stunden und bestimmt nicht bei der eigentlichen Party dabei sein könnte.

Von einer Minute auf die andere wurde ich wieder zum Nervenbündel, das still und stumm (viel geredet hatte ich in den letzten Wochen ja sowieso nicht) in der Ecke saß und vor sich hin starrte. Ich hatte Angst, wusste aber nicht so genau vor was. Der Gedanke an die Klinik lähmte mich. Ich googelte sie, sie machte einen ganz passablen Eindruck. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie war der offizielle Titel.

Der Tag ging, der nächste kam. Ich hatte nicht mehr bei der Ärztin angerufen, ich hatte heute sowieso einen Termin bei ihr. Der Aufnahmetermin war verstrichen.

Meine Mutter musste zur Ärztin mitkommen, ich hatte ständig das Gefühl, dass ich meinen Körper mehr von außen steuerte als dass ich wirklich da war, ich war nicht in der Lage, Auto zu fahren. Die Fahrt war bereits anstrengend genug. Es war alles so schnell, obwohl meine Mutter sicher keinen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. Wir fuhren über die Ingolstädter und die Leopoldstraße zum Parkhaus an der Oper. Ich musste mich im Auto bereits an meinem Lapislazuli festklammern. Es war zu laut, zu schnell, zu viele Sinneseindrücke. In der Tiefgarage war es dunkel, die Decken tief, kein Ausgang in Sicht, die Luft schlecht. Ich musste mit mir kämpfen. Wollte nicht zusammenbrechen. Ich versuchte, ruhig die Tiefgarage zu verlassen, ganz gelang es mir nicht. Oben war es dann nicht viel besser. Für einen Donnerstagvormittag waren verhältnismäßig viele Passanten unterwegs, Obststände standen am Marienhof, Radfahrer fuhren durch die Fußgängerzone, es war laut. Es war Horror. Ich krallte mich immer mehr an meinem Stein fest und manövrierte mich hin zur Praxis – ich war schon wieder aus meinem Körper geflüchtet und hielt mich in einer diffusen Wolke irgendwo über mir auf. Meine Mutter konnte kaum mit mir Schritt halten. Und wenn ihr jetzt glaubt, dass man mir das angesehen hätte: Sicher nicht. Ich hatte mich – bewusster und mit sehr viel mehr Interesse daran als noch zwei Monate vorher –  für den Arzttermin schick gemacht. Langer Chiffon-Rock, passende grün-goldene Sandalen, eine weiße Bluse, die Haare extra gestylt, meine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase – ich sah mehr nach Urlaub aus als nach Arzt.

Den Großteil des Gesprächs übernahmen meine Mutter und meine Ärztin. Ich war immer noch beinahe so stumm wie ein Fisch und apathisch. Ich wollte unbedingt an dem Fest dabei sein. Meine Ärztin war aber gut darin, mir bzw. meinem Verstand einzureden, dass das alles andere als eine gute Idee war und meine Mutter hatte sichtlich große Angst, dass ich durch den ganzen Trubel und vor allen Dingen das Alleinsein zu Hause wieder in eine schwere depressive Episode rutschen würde und sich – vielleicht sogar noch schlimmere – Szenen wie am vorletzten Wochenende abspielen würden. Also stimmte ich zu. Die Ärztin telefonierte mit der Klinik. Am nächsten Tag um 10.00 Uhr war meine Aufnahme vereinbart.

Ich sah zwar irgendwie ein, dass das vernünftig war. Aber ich wollte nicht. Ich wollte beim Fest dabei sein.

Am Abend sollte der Aufbau beginnen. Eigentlich war ich dabei Stammgast. Beim Aufbau, beim Verkauf, beim Abbau. Ich war beim Schwimmen gewesen und auf dem Heimweg sah ich ein paar Leute bereits arbeiten. Ich beschloss, runter zu gehen, und zumindest dabei noch ein wenig meinen Beitrag zu leisten, wenn ich sonst schon nicht dabei sein konnte. Ich zog mir alte Shorts und ein T-Shirt an, und machte mich fest entschlossen auf den Weg, um dabei zu helfen. Es ging nur darum, Tische aufzubauen, die Theke einzurichten, mit etwa zehn anderen, die ich alle gut kannte. Kein großer Menschenauflauf also, alles unter freiem Himmel. Das kriege ich hin.

An der letzten Ecke, kurz bevor sie mich gesehen hätten, drehte ich wieder um. Ich konnte einfach nicht.

Da gab irgendetwas in mir auf. Ich hatte nichts mehr zu wollen. Ich hatte endlich meinem Körper zu gehorchen. Er hatte gewonnen. Niedergeschlagen, fast schon gebrochen, ging ich wieder nach Hause. Weinen konnte ich nicht mehr. Ich saß auf der Terrasse und starrte geradeaus hinaus in den Garten.

Morgen war wohl ein guter Tag, um in die Klinik zu gehen.

 

Filmtipp: Vielleicht lieber morgen („The Perks Of Being A Wallflower“)

Vorneweg: Der Film basiert auf einem Buch von Stephen Chbosky, das ich jedoch nicht gelesen habe.

Charlies bester – und einziger – Freund hat sich umgebracht. Und Charlie selbst ist auch nicht gerade das, was man generell als psychisch stabil bezeichnen würde. Er ist ein Mauerblümchen (Englisch: „Wallflower“), ein Außenseiter. Zufällig lernt er nach einigen Wochen an der High School ein älteres Geschwisterpaar kennen und freundet sich mit den beiden an. Durch sie entdeckt er eine völlig neue Welt. Er wird in ihren Freundeskreis integriert, und lernt das kennen, was, wie ich finde, im englischen Titel sehr schön mit „Das Gute daran, ein Mauerblümchen zu sein“ umschrieben wird. Er lernt sein Leben und sich zu lieben, so wie es ist – dank seiner neuen Freunde. Natürlich ist damit nicht alles in Ordnung – aber ich möchte nicht zu viel vorweg greifen.

Der ganze Film ist düster gehalten, und doch von durchdringender Freude am Leben und an der Wirklichkeit geprägt. Er bewegt, und regt gleichzeitig zum Nachdenken an. Ein großartiges Werk, mit einer tollen Emma Watson, fernab vom gewöhnlichen Hollywood.

Es hat sich ausgelockt!

Am nächsten Tag geisterte ich die meiste Zeit im Haus umher. Meine Gedanken kreisten immer wieder. Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen. Warum war das ausgerechnet mir passiert? Ich fühlte nach wie vor eine große Angst. Und immer wieder: All of my kindness was taken as weakness. All meine Nettigkeit war als Schwäche aufgefasst worden. Ich war einfach zu nett gewesen – was manche Menschen einfach gerne ausnutzen, das war nun auch keine besonders neue Erkenntnis. „Das junge Blondchen mit dem Lockenkopf, die ist so nett, die kann man gut ausnutzen.“

Die Locken müssen ab, schoß durch meinen Kopf. Der Impuls wurde so stark, dass ich wirklich mit dem Gedanken spielte, die schulterlangen Locken, die ich bis dato liebte, auf der Stelle mit der Haushaltsschere abzuschneiden. Hauptsache, ich sah nicht mehr süß und nett aus.

Ich machte einen Termin beim Friseur. Als die Haare dann endlich, endlich ab und glatt waren, keine Spur mehr von Locken und „süß“, war ich zufrieden. Und für einen kurzen Moment sehr glücklich. Nicht mit mir, Freunde!

Ein Tag am Meer

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Chiemsee

Chiemsee

Bereits am Samstag ging es mir wieder recht gut – ich sag’s ja, Meisterin der Verdrängung – und das Bergweh befiel mich. Um aber wandern zu gehen, war ich zu schwach und das Wetter zu heiß. Also suchte ich mir eine Alternative: Ich würde meine Freundin am Chiemsee besuchen, von dort die Berge zumindest sehen und somit endlich wieder aus dem kleinen Radius zu Hause ausbrechen.

Meine Mutter war nicht sehr begeistert von der Idee, dass ich, drei Tage nach dem sie mich aus München abholen musste, alleine an den Chiemsee fahren wollte – bei wenig Verkehr würde das ca. 1,5 Stunden dauern. Ich setzte mich durch, ich fühlte mich gut. Ich stand natürlich im Stau, und brauchte beinahe zweieinhalb Stunden, aber das Autofahren tat mir gut. (Ich bin ein Dorfkind – ohne Auto sind wir alle nicht ganz vollständig.)

Am See war es wunderschön. Wir lagen an einer kleinen Bucht am Ostufer, wo außer uns nur fünf, sechs andere Leute waren. Der Blick auf die Berge über den See hinweg war traumhaft und zahllose Segler und Stand-Up-Padler kreuzten auf dem Bayerischen Meer hin und her. Wunderschön. Ruhig. Und beruhigend. Wir ließen uns stundenlang im teils badewannenwarmen Wasser treiben, schleckten Eis und wurden spontan noch mit selbstgemachten Buchteln verwöhnt. Es war wirklich ein perfekter, fast schon kitschiger Tag, an dessen Ende ich noch ausgelassen im Wasser plantschte, die Sonne, die sich langsam senkte, sich wunderbar golden im Wasser reflektierte. Wieder zu Hause – diesmal ohne Stau – ging es mir so gut wie seit Wochen nicht mehr. Das war der erste Tag seit meiner Krankschreibung, also seit etwas mehr als sechs Wochen gewesen, den ich voll und ganz hatte genießen können.

Vielleicht auch gerade weil ich unbewusst langsam lernte, mit den kleinen Freuden und den kleinen Schritten zufrieden zu sein.

Dear JK Rowling…

Die meisten von euch kennen Harry Potter, richtig?

Dann kennt ihr auch die Dementoren. Ich habe die Bücher leider gerade nicht zur Hand, aber ich meine mich zu erinnern, dass JK Rowling sie in etwa so beschreibt: „Sie saugen alles Positive aus dir heraus. Stattdessen erlebst du immer und immer wieder die schlimmsten Erlebnisse deines Lebens.“

Damit hat sie eine sehr treffende Beschreibung der Depression abgegeben. Du bist plötzlich nicht mehr die Summe all der guten Dinge, die dir in deinem Leben begegnet sind, sondern nur mehr die Summe deiner schlimmsten Erlebnisse. Und wie auch gegen die Dementoren hilft die Erinnerung an gute Zeiten, Menschen, die einen lieben. Und wie auch gegen die Dementoren ist es in den schlimmsten Episoden verdammt schwer, diese Gedanken bewusst hervorzurufen – und vor allen Dingen, dann auch an ihnen festzuhalten! (Und damit also einen, wenn auch unsichtbaren, „Patronus“ hervorzuzaubern.)

Selbst die beiden Anfangsbuchstaben sind gleich. Ich will Ihnen nichts unterstellen, liebe JK Rowling. Aber das ist doch kein Zufall?

#CatContent

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Verdrängung wirkt nach wie vor Wunder und ein guter Blog braucht seinen #CatContent, habe ich gehört.

Ich hatte endlich die Motivation, meine neue Kamera auszupacken und zu testen. Mangels Alternativen musste meine #Katze als Modell herhalten.

Mittlerweile gibt es ja einige Studien, die beweisen wollen, dass #CatContent tatsächlich unsere Stimmung bessert und uns entspannt. Am verrücktesten finde ich ja dieses Projekt aus den USA. Die Kätzchen tun mir zwar irgendwie leid, trotzdem ist das ganze faszinierend:

https://www.youtube.com/watch?v=35T8wtmTbVg

Es geht doch nichts über eine schnurrende Katze auf dem Bauch.

(Die leichte Vibration des Schnurrens lässt nicht nur ihre eigenen gebrochenen Knochen sehr schnell heilen (deshalb wohl die sieben Leben), sondern versetzt auch unseren Körper in eine angenehme, beruhigende Schwingung.)

Verdrängung wirkt Wunder

Mittlerweile war ich eine Meisterin der Verdrängung. Ich packte das komplette Wochenende in eine Kiste, schloss sie dreifach ab. Solange mich niemand darauf ansprach, war alles gut.

Ich verbrachte Montag und Dienstag bei meinen Eltern, mein Bewegungsradius war auf ca. 1km beschränkt, aber damit konnte ich mittlerweile gut leben. Am Mittwoch war ich wie immer bei meiner Logopädin – um wenigstens ein bisschen Normalität aufrecht zu erhalten. Danach fuhr ich in meine Wohnung. Meine Eltern hatten einen Termin bei meiner Allgemeinärztin, den ich für sie ausgemacht hatte. Zu ihrer eigenen Beruhigung, aber in erster Linie eigentlich zu meiner eigenen. Alle Fragen, die sie der Ärztin stellten, würden sie hoffentlich mir nicht mehr stellen. Wir trafen uns danach zum Mittagessen im Biergarten am Viktualienmarkt. Abends traf ich mich mit einem Kollegen, wieder im Biergarten. Mir ging es sehr gut, und es tat auch unglaublich gut, aus dieser ganzen Burn-Out-Scheiße auszubrechen und zumindest für ein paar Stunden wieder „normal“ zu sein.

Am nächsten Tag hatte ich dann Kopfweh – die zwei Radler waren wohl zu viel gewesen – und einen Termin bei meiner Therapeutin im BOZM. Vormittags schaute ich mir nochmal ein paar Klinikbewertungen an und stieß auf einen interessanten SZ-Artikel zum Thema Burnout. Bei der Liste der Symptome fielen mir einige Dinge auf, die ich bisher noch gar nicht näher beachtet hatte, ganz besonders: die Unfähigkeit, sich emotional abzugrenzen. Volltreffer. Ich erinnerte mich an den Besuch im Museum am 9/11-Memorial in New York im Dezember. Ich musste die Ausstellung nach etwa zwei Dritteln verlassen, danach hatte ich eine unerklärliche, riesige Angst vor der Stadt und krallte mich auf dem Rückweg zum Hotel richtiggehend an meinem Freund fest. Ich erinnerte mich an den epileptischen Anfall eines Kollegen in London, der mich so schockierte, dass ich anschließend mehrere Stunden unfähig war, weiterzuarbeiten. Ich erinnerte mich an den Germanwings-Absturz im März, der mich für eineinhalb Tag in Schockstarre versetzte, ohne dass ich im Geringsten persönlich betroffen gewesen wäre. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von diesen Dingen losreißen.

Mein Bericht vom Wochenende versetzte die Therapeutin in Alarmbereitschaft. Ein Klinikaufenthalt war mittlerweile nicht mehr nur eine Option, sondern die einzige Alternative, da meine beiden Ärztinnen beinahe gleichzeitig für drei Wochen in Urlaub gehen würden und ich zusehends instabiler wurde. Sie telefonierte persönlich mit meiner Allgemeinärztin und einem Psychiater, um schnellstmöglich alle notwendigen Formalitäten und Gutachten für einen Klinikaufenthalt zu veranlassen. Leider mahlen auch hier die Mühlen langsam, der nächste Termin bei einem Psychiater war erst in eineinhalb Wochen möglich. Sie verschrieb mir ein Antidepressivum, Escitalopram. Außerdem gab sie mir ein kurzes Programm zur Selbstrettung mit an die Hand: Wenn die Panik kam, sich bewusst auf die Umgebung und die eigenen Bewegung konzentrieren. Tief und ruhig atmen. Langsam die „bedrohliche“ Umgebung verlassen. Und sie gab mir einen Stein mit. Einen tiefblauen Lapislazuli. Ich sollte an etwas Schönes, Entspannendes denken, und die Energie auf den Stein lenken. Ich entschied mich für das Meer. Der Stein wurde mein Meer. Wenn ich ihn in der Hand drückte, konnte ich relativ einfach das Meer und die Ruhe, die es in mir auslöst, herbeirufen. Den Lapislazuli hatte ich in den nächsten Wochen immer bei mir.

Der Termin hatte mich aufgewühlt. War ich vorher schon nervös und angespannt gewesen, war ich nun vollkommen kraftlos. Der Weg mit dem Fahrrad zurück in meine Wohnung schien mir endlos lang, ich hatte keine Kraft mehr dafür. Ich wollte nach Hause, zu meinen Eltern, in mein Bett. Aber davor würde ich noch einige Sachen packen müssen und die Wohnung in einen Zustand bringen, so dass sie auch ein, zwei Wochen alleine überlebte. Es türmte sich ein riesengroßer Berg vor mir auf, und ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, zur Talstation der Gondel zu kommen. Ich rief meine Mutter an. Sie musste mir helfen. Ich schaffte das nicht mehr allein. Ich schaffte es gerade noch, wieder in meine Wohnung zu kommen, und rollte mich dort wie eine Katze unter meiner Bettdecke zusammen, drückte mich in das hinterste Eck. Dort blieb ich reglos, bis schließlich meine Mutter kam. Sie packte meine Sachen, räumte die Wohnung auf, ich saß nur auf dem Bett und schaute ihr stumm zu, antwortete auf ihre Fragen und gab ein paar Anweisungen. Schließlich fuhr ich mit ihr nach Hause, mein Auto blieb in München. Ich traute mich nicht mehr, selbst zu fahren.

Zuhause angekommen legte sich die Anspannung wieder, die Energie kam jedoch nicht zurück. Am nächsten Morgen nahm ich die erste Escitalopram.

Angst vor mir

Ab da hatte ich eine riesengroße Angst vor mir selbst.

Was würde das nächste Mal passieren? Was, wenn es noch schlimmer werden würde?

Ich zog vorübergehend wieder bei meinen Eltern ein, war nur noch in München, wenn es notwendig war und ich wusste, ich würde unter Leuten sein. Ich hatte eine unbeschreibliche Angst davor, allein zu sein, eine Angst, die mich langsam von innen her auffraß. Ich konnte und wollte mir nicht ausmalen, zu was mein durchdrehender Kopf noch fähig war.

Mit dieser Angst musste ich ein weiteres, großes Stück meiner Unabhängigkeit aufgeben. Ich merkte, wie auch meine Eltern gesteigerten Wert darauf legten, zu wissen, wo ich war und was ich machte. Wenn meine Mutter aus der Arbeit nach Hause kam, oder mein Vater von einem Termin, und ich war nicht offensichtlich im Wohnzimmer oder hatte eine Nachricht in der Küche hinterlassen, suchten sie das ganze Haus nach mir ab. Als wäre ich wieder ein Kleinkind, unfähig, auf sich selbst aufzupassen.

Aber ich kapierte unbewusst endlich, viel zu spät schon, dass ich mit einem eisernen Willen nichts, und zwar absolut gar nichts, gegen diese Krankheit ausrichten konnte. Bis zu diesem Wochenende war ich insgeheim der Meinung gewesen, dass ich mit Sicherheit ein, zwei Monate schneller wieder fit werden würde, als die Ärzte dachten. Ich war schließlich nicht irgendwer. Ich war ich.

Episode 2

Am nächsten Tag wachte ich wieder erst mittags auf. Ich hatte schon wieder vierzehn Stunden geschlafen. Aber ich war gut aufgelegt. Unmittelbar nachdem ich das feststellte, überfiel mich ein Aktionismus. Bloß nicht nichts tun, so dass mein Hirn wieder Zeit hätte, sich selbstständig zu machen. Ich schnappte mir eine halbe Banane, zog meine Laufsachen an und lief los. Ich hatte Lust zu joggen – was bei mir eher die Ausnahme war. Während des Laufens überlegte ich mir, dass ich mich doch heute mal bei meinem Kollegen melden könnte. Oder bei einer der zwei Freundinnen, die heute aus Rhodos wiederkamen. Ich bin keine große Läuferin und meine Runde ist lächerliche drei Kilometer lang, aber nicht einmal die schaffte ich ganz. Was aber okay war. Ich dehnte noch ein bisschen, duschte. Ich war schon wieder ein bisschen erschöpft, also ließ ich alle Pläne fallen und entschloss mich, doch nach Hause zu fahren. Ich wusste, meine Mutter hatte Kuchen gebacken, und bei dem Wetter wäre es herrlich, mit meinen Eltern entspannt auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und natürlich den Kuchen zu essen. Ich schrieb meiner Mutter eine kurze Whatsapp-Nachricht, dass ich jetzt auf dem Weg nach Hause sei.

Die Autobahn war frei, das letzte Stückchen Landstraße ging gut, der Wind fegte durch das offene Fenster, das Leben war schön.

Daheim angekommen stellte ich fest, dass niemand zu Hause war. Meine Mutter hatte auf die Nachricht nicht einmal geantwortet. Nicht einmal die Katze, die sonst immer von irgendwoher zur Begrüßung anmaunzte, war da.

Klick.

Es gab niemanden, in dessen Leben es einen Unterschied machte, ob ich da war oder nicht. Es war allen egal. Ich hielt es nicht mehr aus, ich selbst zu sein. Ich wollte raus, raus aus meinem Körper. Weg von hier, weg von meinem Leben. Ich rastete aus.

Nach etwa einer Stunde, in einem kurzen Moment, konnte ich immerhin so weit denken, dass ich in die Küche ging, und mir aus dem Apothekerschrank das kleine Döschen mit den Pulsatilla-Kügelchen schnappte. Die hatte ich vor Wochen, nach dem Kreislaufzusammenbruch, von meiner Mutter bekommen. Alle zwei Tage zwei, um die Nerven zu beruhigen. Ich kippte mir einen Teil der Kügelchen auf die Handfläche, es müssen wohl so zehn gewesen sein, und schluckte sie. Ich ging nach oben, ich zitterte immer noch am ganzen Körper, mir war heiß und kalt, und legte mich ins Bett. Ich schloss die Augen. Keine gute Idee. Ablenken. Ich muss mich ablenken. Also schnappte ich mir mein Tablet und schaute wieder Big Bang Theory. Das hatte gestern ja auch funktioniert. Nach drei Folgen merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Die Nerds und die Kügelchen begannen zu wirken.

Dann hörte ich die Haustür. Meine Mutter, erkannte ich an der Art, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich war sofort wieder wütend. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ihr vorgeworfen, dass sie nicht da war. Gleichzeitig war mir sonnenklar, dass auch sie ein eigenes Leben hatte. Und vor allen Dingen auch ein Recht darauf. Ich blieb oben in meinem Bett liegen und schaute eine weitere Folge Big Bang Theory. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf konzentrieren, also ging ich doch runter. Sie war im Wohnzimmer und saß auf der Couch. Sie schaute in den Fernseher, fragte mich etwas, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich antwortete nicht. Sie blickte mich an. Und sah sofort, dass gar nichts stimmte. Mein Gott, Sophie, was ist denn los? Ich begann zu heulen. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ich stand einfach da und heulte. Sie stand auf. Nahm mich in die Arme und fragte mich nochmal, was ist denn los? Weil ich jetzt nicht da war, wie du gekommen bist?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann so ganz genau passierte. Jedenfalls saß ich, von Heulkrämpfen geschüttelt, nicht mehr viel mehr als ein Häufchen Elend, vor Kälte und schluchzen zitternd, neben ihr. Sie versuchte, aus mir herauszubringen, was denn los war. Zwischen den Schluchzern brachte ich in Satzfetzen noch die einzelnen Gedanken vor, die wieder in meinem Kopf Karussell fuhren.

Sie wollte mich in die nahegelegene psychiatrische Notaufnahme bringen. Ich weigerte mich. Sie hielt mich eine ganze Zeit lang weiter umarmt, und ich heulte mit dem Kopf auf ihrer Schulter weiter, bis meine Tränen aus waren und ich keine Kraft mehr hatte, zu zittern. Ich schaute wie betäubt ein paar weitere Folgen Big Bang Theory, nahm die nächste Mirtzapin und schlief irgendwann ein.

Bei der Aufnahmeuntersuchung in der psychiatrischen Klinik (ja, es widerstrebt mir immer noch das Wort Psychiatrie zu schreiben) zwei Wochen später erfuhr ich, wie man die Gedanken, die mein Karussell an diesem Sonntag bestimmten, im Fachjargon nennt: passive Suizidgedanken; damit wären wir dann im ICD-Diagnoseschlüssel bei F 32.2., schwere depressive Episode.