Am nächsten Tag wachte ich wieder erst mittags auf. Ich hatte schon wieder vierzehn Stunden geschlafen. Aber ich war gut aufgelegt. Unmittelbar nachdem ich das feststellte, überfiel mich ein Aktionismus. Bloß nicht nichts tun, so dass mein Hirn wieder Zeit hätte, sich selbstständig zu machen. Ich schnappte mir eine halbe Banane, zog meine Laufsachen an und lief los. Ich hatte Lust zu joggen – was bei mir eher die Ausnahme war. Während des Laufens überlegte ich mir, dass ich mich doch heute mal bei meinem Kollegen melden könnte. Oder bei einer der zwei Freundinnen, die heute aus Rhodos wiederkamen. Ich bin keine große Läuferin und meine Runde ist lächerliche drei Kilometer lang, aber nicht einmal die schaffte ich ganz. Was aber okay war. Ich dehnte noch ein bisschen, duschte. Ich war schon wieder ein bisschen erschöpft, also ließ ich alle Pläne fallen und entschloss mich, doch nach Hause zu fahren. Ich wusste, meine Mutter hatte Kuchen gebacken, und bei dem Wetter wäre es herrlich, mit meinen Eltern entspannt auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und natürlich den Kuchen zu essen. Ich schrieb meiner Mutter eine kurze Whatsapp-Nachricht, dass ich jetzt auf dem Weg nach Hause sei.
Die Autobahn war frei, das letzte Stückchen Landstraße ging gut, der Wind fegte durch das offene Fenster, das Leben war schön.
Daheim angekommen stellte ich fest, dass niemand zu Hause war. Meine Mutter hatte auf die Nachricht nicht einmal geantwortet. Nicht einmal die Katze, die sonst immer von irgendwoher zur Begrüßung anmaunzte, war da.
Klick.
Es gab niemanden, in dessen Leben es einen Unterschied machte, ob ich da war oder nicht. Es war allen egal. Ich hielt es nicht mehr aus, ich selbst zu sein. Ich wollte raus, raus aus meinem Körper. Weg von hier, weg von meinem Leben. Ich rastete aus.
Nach etwa einer Stunde, in einem kurzen Moment, konnte ich immerhin so weit denken, dass ich in die Küche ging, und mir aus dem Apothekerschrank das kleine Döschen mit den Pulsatilla-Kügelchen schnappte. Die hatte ich vor Wochen, nach dem Kreislaufzusammenbruch, von meiner Mutter bekommen. Alle zwei Tage zwei, um die Nerven zu beruhigen. Ich kippte mir einen Teil der Kügelchen auf die Handfläche, es müssen wohl so zehn gewesen sein, und schluckte sie. Ich ging nach oben, ich zitterte immer noch am ganzen Körper, mir war heiß und kalt, und legte mich ins Bett. Ich schloss die Augen. Keine gute Idee. Ablenken. Ich muss mich ablenken. Also schnappte ich mir mein Tablet und schaute wieder Big Bang Theory. Das hatte gestern ja auch funktioniert. Nach drei Folgen merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Die Nerds und die Kügelchen begannen zu wirken.
Dann hörte ich die Haustür. Meine Mutter, erkannte ich an der Art, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich war sofort wieder wütend. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ihr vorgeworfen, dass sie nicht da war. Gleichzeitig war mir sonnenklar, dass auch sie ein eigenes Leben hatte. Und vor allen Dingen auch ein Recht darauf. Ich blieb oben in meinem Bett liegen und schaute eine weitere Folge Big Bang Theory. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf konzentrieren, also ging ich doch runter. Sie war im Wohnzimmer und saß auf der Couch. Sie schaute in den Fernseher, fragte mich etwas, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich antwortete nicht. Sie blickte mich an. Und sah sofort, dass gar nichts stimmte. Mein Gott, Sophie, was ist denn los? Ich begann zu heulen. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ich stand einfach da und heulte. Sie stand auf. Nahm mich in die Arme und fragte mich nochmal, was ist denn los? Weil ich jetzt nicht da war, wie du gekommen bist?
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann so ganz genau passierte. Jedenfalls saß ich, von Heulkrämpfen geschüttelt, nicht mehr viel mehr als ein Häufchen Elend, vor Kälte und schluchzen zitternd, neben ihr. Sie versuchte, aus mir herauszubringen, was denn los war. Zwischen den Schluchzern brachte ich in Satzfetzen noch die einzelnen Gedanken vor, die wieder in meinem Kopf Karussell fuhren.
Sie wollte mich in die nahegelegene psychiatrische Notaufnahme bringen. Ich weigerte mich. Sie hielt mich eine ganze Zeit lang weiter umarmt, und ich heulte mit dem Kopf auf ihrer Schulter weiter, bis meine Tränen aus waren und ich keine Kraft mehr hatte, zu zittern. Ich schaute wie betäubt ein paar weitere Folgen Big Bang Theory, nahm die nächste Mirtzapin und schlief irgendwann ein.
Bei der Aufnahmeuntersuchung in der psychiatrischen Klinik (ja, es widerstrebt mir immer noch das Wort Psychiatrie zu schreiben) zwei Wochen später erfuhr ich, wie man die Gedanken, die mein Karussell an diesem Sonntag bestimmten, im Fachjargon nennt: passive Suizidgedanken; damit wären wir dann im ICD-Diagnoseschlüssel bei F 32.2., schwere depressive Episode.