Ein bisschen Ferienlager

Nach dem Seniorensport war ich dann jedenfalls wieder wach, holte mir brav meine Zehn-Uhr-Medikamente ab (Eisentabletten und Vitamin-C-Pulver), und wartete auf die Visite. Die Ärztin war erfreut, genauso wie ich, dass es mir so gut ging. Außerdem drückte sie mir einen Zettel in die Hand: Am Nachmittag würde meine erste „richtige“ Therapie beginnen: Achtsamkeits- und Genusstherapie. Vor allen Dingen Burnout-Patienten würden davon profitieren, meinte sie. Ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen, aber ich war froh, dass ich endlich, abgesehen von dem wöchentlichen Gespräch mit einer Psychologin à 50 Minuten, feste Therapietermine hatte. Im Laufe des Tages sollte ich dann außerdem noch eine Einladung zur Kunstthemengruppe und zur Depressionsgruppe (beides am Dienstag) erhalten.

Anschließend ging ich mit der Gruppe walken, danach gab es Mittagessen. Ich hatte schnell gelernt, ausschließlich nach den Beilagen zu bestellen. Kartoffeln, Gemüse oder Reis schmeckten zwar auch nicht, aber sie waren im Gegensatz zu Fleisch, Fisch oder Tortellini immerhin genießbar.

Am Wochenende war mir in meiner Wohnung meine Slackline in die Hände gefallen und ich hatte sie mit in die Psychiatrie gebracht. Seit zwei Jahren lag sie in einer Ecke herum, ohne dass ich sie auch nur einmal aufgebaut hatte, wie immer: keine Zeit dafür. Aber Slacklinen war eigentlich gerade genau das Richtige, dachte ich mir. Zwar nicht zu anstrengend, aber doch Sport – und vor allem zwingt die Line einen, sich ausschließlich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren – und verdrängt damit jeden anderen (depressiven) Gedanken.

Johanna war von der Idee begeistert, Steffi noch etwas skeptisch. Nach einem langen Spaziergang durch Wald und Felder – das war der Kompromiss gewesen – schnappten wir uns also unsere Handtücher oder Decken, was wir eben hatten, ein paar Zeitschriften, Wasserflaschen, Sonnenbrillen und die Slackline und richteten uns in dem kleinen Park vor dem Klinikeingang gemütlich ein. Die Bäume standen dort in idealem Abstand und durch das bereits lichte Blätterdach drang genau so viel Sonne, dass es nicht zu heiß, aber auch nicht zu kühl war.

Wie fühlte es sich gut an, mal wieder auf der Line zu stehen! Besonders gut ging es nach zwei Jahren ohne Übung nicht mehr, aber egal. Ich machte etwas, das mir Spaß machte, das mir lag, etwas, bei dem ich mich nur auf mich konzentrieren konnte. Außerdem war ich nicht umsonst mehr als zehn Jahre lang Übungsleiterin gewesen: Ich konnte Johanna und auch die anfangs skeptische Steffi für das Slacklinen begeistern und schon bald schafften sie es, ohne meine Hilfe einige Schritte alleine auf der Line zu balancieren. Und wie sie sich freuten! Besonders über Johannas strahlendes Gesicht, als sie es das erste Mal schaffte, ganz allein von einem Baum zum anderen zu queren, freute ich mich mehr als über meine eigenen Erfolge. Ich war endlich wieder in meinem Element.

Zwischendrin machten wir es uns auf unseren Decken in der Sonne gemütlich, lasen, dösten, und ich beobachtete auch einfach gerne, wie der Wind das grüne Blätterdach über uns hin und her bewegte. Wir hätten genauso gut im Englischen Garten liegen können. Es war, wenn man den Kopf nicht nach rechts zum Klinikeingang drehte, fast ein bisschen wie Ferienlager.

Sunday Funday

Am Sonntag ging es mir gut. Die Sonne schien, es war warm, ich war ausgeschlafen und ausgesprochen fröhlich gestimmt. Heute wurde für meine Großeltern Messe gelesen und die ganze Verwandtschaft – darunter meine liebste Tante, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte – würde danach gemeinsam Essen gehen. Ich hatte mich entschieden, mitzugehen. Zum einen, weil ich in den letzten Wochen immer mehr spürte, wie gut mir diese eine Stunde Ruhe, Rhythmus und Fallenlassen im Gottesdienst tut, zum anderen, weil es hinterher sehr, sehr gutes Essen geben würde – wovon ich in den nächsten Tagen wieder nur träumen können würde.

Der Gottesdienst war dann tatsächlich sogar sehr interessant, weil ihn ein indischer Bischof, der auf Gastaufenthalt in seiner Partnergemeinde war, hielt. Zum einen war er – für deutsche Verhältnisse – verrückt gekleidet, zum anderen erzählte er in seiner Predigt ausführlich aus Indien.

Danach fuhren wir alle gemeinsam in die Gastwirtschaft, wo meine Schwester schon auf uns wartete. Für mich gab es Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln – das beste Schnitzel weit und breit! – und, wie immer auf unseren Familientreffen, wurde lautstark über den Tisch hinweg über Gott und die Welt diskutiert, auf eine angenehme, gemütliche und oft auch lustige Art und Weise. Es strengte mich erstaunlicherweise gar nicht sonderlich an. Ich fühlte mich immer noch gut! Danach fuhr ich mit meiner Mutter nach München, da ich noch einige Dinge aus meiner Wohnung holen wollte, wie Laufschuhe, etc. Wir spazierten noch eine Weile an der Isar entlang, die ich in den letzten Wochen schon sehr vermisst hatte, anschließend fuhren wir wieder zurück nach Hause. Nach dem Abendessen – Sonntagabend klassisch Brotzeit – fuhr mich mein Vater wieder zurück in die Klinik, ich musst ja um spätestens acht Uhr wieder einpassieren. Es war ein Tag wie immer gewesen, ich war fröhlich, entspannt, meine Hüfte schmerzte zum ersten Mal seit Monaten überhaupt nicht. Es ging mir richtig, richtig gut.

Die  Vorfreude auf die Psychiatrie hielt sich in Grenzen. Erst als ich, in der Junkie-Schlange für die Nachtmedikation stehend, auch Johanna vom „Heimaturlaub“ zurückkommen sah, wurde meine Stimmung wieder etwas besser. Dennoch schlief ich in der Nacht sehr schlecht. Am nächsten Morgen war ich wie gerädert, und bekam beim Frühstück meine Augen kaum auf.

 

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„Silver Linings“ bedeutet übersetzt Silberstreif, also der goldfarbene oder silbrige Rand, den Wolken haben, wenn die Sonne hinter ihnen steht. Im Englischen existiert zudem das Sprichwort „every cloud has its silver lining“, was frei übersetzt in etwa „es ist nie alles schlecht“ bedeutet.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen („Silver Linings Playbook“), verzeiht mir daher bitte, wenn sich der ein oder andere englische Ausdruck hier einschleicht.

Pat ist nach Jahren in der Nervenheilanstalt wieder zu Hause. Seine Mutter hat ihn endlich heimgeholt und er ist glücklich: Sein Bruder hat ihm eine Saisonkarte für sein Footballteam geschenkt und „apart time“, die Trennungszeit von seiner Ehefrau Nikki, scheint nun auch bald vorbei zu sein. Nur bekommt er sie nicht zu Gesicht. Keiner weiß, wo sie ist, auf Fragen weichen ihm alle aus. Außer seiner neuen Bekannten Tiffany.Sie ist die Schwägerin seines besten Freundes, verwitwet, nymphoman, depressiv. Sie verspricht ihm, Briefe zwischen ihm und Nikki zu vermitteln – aber nur, wenn Pat dafür mit ihr gemeinsam für den Tanzwettbewerb „Dance against Depression“ trainiert. Dafür muss er aber einige Heimspiele sausen lassen…

Matthew Quicks Hauptpersonen, im Film gespielt von Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, freunden sich an. Aus den beiden Außenseitern wird ein starkes Team, gegenseitig helfen sie sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Eine bewegende, traurige, auf jeden Fall beeindruckende Geschichte über uns alle, Football, Tanzen, Liebe und Leidenschaft.

In diesem (seltenen) Fall sind sowohl Buch als auch Film sehr, sehr empfehlenswert. Das Buch, das gänzlich aus Pats Perspektive heraus erzählt wird, erlaubt uns tiefgründigere Einblicke in seine Gedankenwelt: Wie er die Welt nach Jahren in der Anstalt sieht. Was die „apart time“ für ihn bedeutet. Der Film dafür bietet zahlreiche Football- und Tanzszenen, deren Ausdruckskraft wir im Buch nur erahnen können sowie, nicht zu vergessen, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence und Robert de Niro.

Ein Buch und Film für alle: Für die Jungs gibt es Football (Philadelphia Eagles!), für die Mädels tolle Tanzszenen und die Liebesgeschichte, für alle gemeinsam gibt das ein rundes Gesamtbild ab. Unbedingt lesens- bzw. sehenswert!

Das Buch gibt’s nicht nur am Amazonas, sondern u.a. auch hier: Hugendubel.de

Vom anderen Stern

Als wir nach etwa einer Stunde Fahrt zu Hause ankamen, waren Anspannung und Nervosität – schnipp – weg. Die Katze stand zur Begrüßung vor der Haustür bereit und ich freute mich sehr, einfach zu Hause zu sein. Meine Schwester war auch da, die Sonne schien, es war schön.

Ich wusch Wäsche, packte meine Tasche gleich neu, radelte eine große Runde mit meiner Schwester, backte einen Kuchen. Und dann nahm ich mir viel Zeit, um mich für die Feier am Abend fertigzumachen. Wahrscheinlich doppelt so viel Zeit, als ich mir unter normalen Umständen genommen hätte. Ich freute mich sehr, aber ich war mindestens genauso nervös. Ich hatte nicht unbedingt Angst, eine Panikattacken oder einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Aber ich war trotzdem nicht so wie immer. Vermutlich wusste außer den beiden Gastgebern und dem einen Kumpel niemand von der Tatsache, dass es mir nicht besonders gut ging, geschweige denn, dass ich eigentlich gerade in der Psychiatrie war. Eine Irre auf Heimaturlaub quasi. Ich kannte wohl alle, die eingeladen waren, aber die meisten nicht besonders gut. Ich nahm mir wir, direkt zu sagen, was mit mir los war, wenn das Thema im Gespräch irgendwie darauf käme. Dass ich gerade in einer Psychiatrie war. Irgendwie dachte ich wohl, dass es ganz gut für mich wäre, mich zu zwingen, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken, es laut auszusprechen. Es gab nichts, wofür ich mich schämen musste. Also konnte ich auch ohne Probleme jedem sagen, was Sache war. Und wenn ich wirklich kippen sollte – also sich mein Zustand verschlechtern sollte – konnte ich einfach nach Hause fahren. Mittlerweile erkannte ich auch die frühen Anzeichen, so dass mir genügend Zeit bleiben würde. Und notfalls hatte ich Helene, meine beste Freundin, auf die ich zählen konnte. Ich sah gut aus, ich war immer noch sehr freudig gestimmt und fühlte mich sicher, und ich hatte einen guten Notfallplan. Trotzdem war ich nervös.

Ich war, wie vereinbart, eine Stunde vor den anderen Gästen da, so dass wir noch etwas Zeit hatten zu ratschen – immerhin hatten wir uns über ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Die Feier fand im Elternhaus von Helenes Mann statt. Dort gab es einen schönen Garten mit angeschlossenem Wintergarten, der ideal für warme Sommernächte war und in dem schon so manche Party stattgefunden hatte – das erste Mal war ich vor ungefähr zehn Jahren hier gewesen.

Als ich ankam, war bereits alles in hektischer Aufruhr, und ich half Helenes Schwestern noch mit den letzten Vorbereitungen. Schließlich war alles fertig, die Gastgeber fertig geduscht und schön gemacht, und Helene zog mich zur Bar. Nächstes „Problem“: Ich durfte ja nichts trinken. Daran hatte ich nicht gedacht. Bestimmt würde jeder fragen, warum ich nichts trinke. Wahrscheinlich würden alle denken, ich wäre schwanger. Wobei das eigentlich auch egal war. Sollten sie doch. Kein Ding, meinte Helene und mischte mir einen alkoholfreien Cocktail, es merkt sowieso keiner, dass da kein Alkohol drin ist. Dankbar probierte ich ihre Mischung. Schmeckte sehr gut.

Außer mir waren bisher nur ihre Geschwister da, die ich ebenfalls schon mehrere Monate nicht mehr gesehen hatte. Wir begannen uns, zu unterhalten, und schließlich war ich auch an der Reihe. Ich erzählte von meinem Burn-Out. Ich merkte ihren Gesichtern an, dass sie einigermaßen schockiert waren. Sie stellten Fragen, aus denen echtes Interesse sprach, und ich hörte keine dumme Bemerkung. Und, wo bist du jetzt gerade? Bist du zu Hause? In einer Psychiatrie. Sag in einer Psychiatrie! Komm schon!, wollte ich mich selbst dazu zwingen. Wenn es ausgesprochen wäre, würde  es bestimmt nur noch halb so schlimm sein. Aber es ging nicht. In einer Klinik, sagte ich nur. Ich war erleichtert, dass das Thema gleich zu Anfang vom Tisch war. Aber die entspannte Stimmung, die zumindest bei den anderen geherrscht hatte, war hinweg. Und ich fühlte mich nach wie vor unsicher und zerbrechlich, irgendwie fehl am Platz.

Nach und nach kamen die anderen Gäste, auf Fragen, wie es mir ginge, antwortete ich dann einfach mit „gut“. Ich wollte nicht lügen. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nicht angebracht war, die Wahrheit zu sagen. Es fühlte sich nicht richtig an, sie war – wie ich – fehl am Platz. Ich wollte unbedingt gerne dabei sein, vor allen Dingen endlich einmal die kleine Tochter von Hannes sehen, aber genießen konnte ich die Party nicht. Zwischendrin flüchtete ich immer mal wieder in die Küche, weg von der Gesellschaft, und die Beschäftigung mit den Ofenkartoffeln lenkte mich von allem anderen ab. Nach drei Stunden ging ich dann – ich konnte nichts mehr aufnehmen, mein Kopf war kurz vor dem Platzen, und ich spürte, wie ich mich langsam wieder von mir selbst verabschiedete.

Ich verabschiedete mich also von Helene und ihrem Mann und verdrückte mich durch den Hintereingang.

Einerseits freute ich mich – ich hatte sie endlich wieder gesehen und war länger da gewesen, als ich gedacht hatte. Andererseits war ich mir die meiste Zeit vorgekommen, als wäre ich von einem anderen Stern. Ich gehörte nicht dazu. Das machte mich traurig. Erst recht, wenn ich an frühere Partys dort dachte. Würde es je wieder so werden, wie es mal gewesen war?

Ich nahm meine Mirtazapin und legte mich ins Bett. Ich war sehr erschöpf und schlief trotz meines vollen Kopfes bald ein.

Autofahrende Angstzustände

Da ich mein Auto nicht dabei hatte – und offiziell hatte ich ja unterschrieben, dass ich nicht Autofahren würde – hatte ich meine Abholung um Punkt acht Uhr morgens, also genau zur Türöffnung, bestellt.

Nur nichts wie raus hier. Frühstücken würde ich daheim. Ich stand also bereits um kurz vor acht unten im Foyer, hatte meine Patientenkarte abgegeben – der Herr am Empfang hatte bereits mittels Scanner überprüft, ob mein Verlassen ordnungsgemäß war – aber die Tür war noch zu. Um Punkt acht betätigte der Rezeptionist dann endlich den Türöffner. Mit mir warteten bereits Johanna und Stefanie, sowie zwei ältere Herren, die ich aber nicht kannte.

Wir verabschiedeten uns draußen auf der Treppe, die beiden gingen zu ihren Autos. Ich wartete auf meinen Vater. Ich wurde langsam ungeduldig, ich wollte endlich weg hier. Um zehn nach acht rief ich zu Hause an, um herauszufinden, wann er denn losgefahren war. In diesem Moment kam er vorgefahren.

Ich freute mich sehr, ihn zu sehen. Er stieg extra aus, umarmte mich, und strahlte auch sichtlich. Ich stellte meine Tasche in den Kofferraum, und wir fuhren los. Ich erzählte ein bisschen aus der Klinik, er erzählte mir, was es im Dorf so Neues gab, dann wurde ich still. Ich saß auf dem Beifahrersitz, mittlerweile waren wir auf der Autobahn, und ich bekam plötzlich sehr schlecht Luft, spürte einen heftigen Druck auf meiner Brust, ich war am ganzen Körper angespannt, biss die Zähne zusammen, meine Beine und Hände begannen, nervös zu zittern. Mittelschwere Angstzustände. Dabei fuhr mein Vater nicht schnell und es war kaum Verkehr. Es bestand absolut keine Gefahr, ich verstand selbst nicht so recht, woher das so plötzlich kam. Sie wurden zwar nicht schlimmer, soweit konnte ich sie im Zaum halten – der tiefen Bauchatmung sei Dank – aber sie gingen auch nicht vollständig weg. Zu meinem Vater sagte ich nichts. Wir hätten ja nichts an der Situation ändern können. Wenn ich heim wollte, musste ich zumindest Beifahrer sein können. Und ich wollte unbedingt nach Hause. Also hielt ich es aus.

 

Buchtipp: Das Haus der vergessenen Bücher

Zitat

Wir tauchen ein in das Jahr 1919, mitten in Brooklyn. In einem kleinen, aber sehr feinen Antiquariat namens „Parnassus“ spukt es. Eigentlich nur der Geist und das Wissen alter Bücher – neuerdings geben sich dort aber auch so allerlei schwarze Gestalten aus der Welt der Geheimdienste die Ehre.

Christopher Morleys Roman „Das Haus der vergessenen Bücher“ erschien im amerikanischen Original erstmals 1919. 1890 geboren war er ein regelrechter „Vielschreiber“: Er ist Autor von mehr als 50 Romanen, Sachbüchern und Essays und schrieb für die New York Evening Post.

Ich fand es sehr spannend, während der Lektüre einen authentischen Einblick in das (Liebes- und Arbeits-) Leben in Brooklyn kurz nach dem ersten Weltkrieg zu bekommen. Vorneweg: den Deutschen ist man dort gar nicht wohlgesonnen!

Außerdem war es wirklich ein ungewohntes, erfreuliches Lesevergnügen, sich mal wieder von einem klassischen Erzähler durch den Roman führen zu lassen. In der moderneren, heute erhältlichen Literatur begegnen wir schließlich diesem althergebrachtem  Erzählstil kaum noch. Morleys Erzähler, der gefühlt an einem kalten Winterabend in der gemütlichen Stube im Lehnstuhl sitzend spricht, führt den Leser galant durch das Werk. Er spricht ihn direkt an, liefert Hintergrundwissen und weist auch schon mal im Sternchentext darauf hin, dass *Leser, die keine Buchhändler sind, sich die zweite Hälfte des Kapitels Maiskolbenklub schenken können.

„Das Haus der vergessenen Bücher“ ist ein kluges, dennoch unterhaltsames Werk, dessen heute selten gewordener Erzählstil eine erfrischende Abwechslung bietet. Absolut lesenswert – insbesondere für kleine und große Literaturfans!

 

„Meiner Meinung nach ist jeder ein Verräter an der Menschheit, der nicht seine ganze Kraft dem Versuch widmet, weitere Kriege zu verhindern.“

Roger Mifflin, Inhaber des „Parnassus“

Wie immer eben

Als ich am Freitag aufwachte, war der Tag schlecht. Ich war depressiv, hatte überhaupt keinen Antrieb. Am liebsten wäre ich im Bett liegengeblieben. Ich musste allerdings frühstücken, sonst würde ich bis zum Mittagessen verhungern, soviel Obst hatte ich dann doch noch nicht gebunkert. Also quälte ich mich aus dem Bett. Ich bin auch ohne Depression ein kleiner Morgenmuffel, aber an diesem Morgen sprach man mich besser gar nicht erst an. Und machte schon gar keine Witze. Alles ödete mich an und ich war genervt von diesem Rückfall. Trotzdem – ich musste ja mindestens zwei Therapien am Tag belegen – ging ich, wie geplant, zum autogenen Training. Anfangs nervte mich auch das. Aber die vollkommene Konzentration auf meinen Körper entspannte mich. Während der halben Stunde, in der ich abwechselnd in meinen rechten Arm und mein linkes Bein hineinspürte, oder die Lehne des Stuhls an meinem Rücken bewusst annahm, wurde mein Kopf ruhig und die depressiven Gedanken verschwanden. Im Anschluss mischte ich noch die Damen und Herren der allgemeinen Gymnastik auf. Auf einen neuen Muskelkater!, dachte ich mir, aber der blieb glücklicherweise aus. Hinterher ging es mir wieder richtig gut – keine Spur mehr von Depression oder Antriebslosigkeit.

Am Wochenende würde ich außerdem heimfahren und endlich meine beste Freundin wiedersehen, die aus Kalifornien zurück war. Sie und ihr Mann hatten zu einer Wiedersehensparty eingeladen. Im Juli hatte ich noch sofort zugesagt – in einem Monat würde ich ja wohl wieder fit sein; zwei Wochen vor der Party hatte ich komplett abgesagt; jetzt war ich voller Elan, und beschloss auf jeden Fall hinzugehen, auch wenn ich vielleicht nur zwei Stunden dort sein könnte. Ich telefonierte mit einem Kumpel, der auch eingeladen war, um herauszufinden, ob es vielleicht ein Geschenk gäbe. Er klopfte dumme Sprüche, witzelte über die Tatsache, dass ich in einer Psychiatrie war, erzählte von seiner kleinen Tochter – und alles war wie immer. Es fühlte sich in mir drin auch an wie immer. Ich war da. Und ich begann, mich aus ganzem Herzen auf die Party zu freuen. Mich erfasste eine solche Freude, wie ich sie seit Monaten nicht mehr verspürt hatte. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht, das für den restlichen Tag nicht mehr zu verjagen war. Mir ging es so unglaublich gut. Wie immer eben!

Neues aus der Anstalt

Mir ging es besser, und ich begann wieder, mehr zu sprechen. Nicht wie früher, über alles und mit jedem, aber zum Beispiel mit meinen Zimmergenossinnen Johanna und Ruth und mit einer weiteren neuen Patientin namens Stefanie. Mit Johanna und Steffi verbrachte ich die meiste Zeit. Die beiden waren wegen Depressionen hier – so wie wohl beinahe die Hälfte der Patienten. Die andere Hälfte war wegen Suchtproblemen da, in erster Linie AlkoholikerInnen (mit der „Jahrestagung der anonymen Alkoholiker“ hatte ich an meinem ersten Tag also gar nicht so unrecht gehabt). Vereinzelt gab es Patienten, die z.B. unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder dem Borderline-Syndrom litten.

Johanna war ein durch und durch fröhlicher und offener Mensch und durch sie kam ich mit mehr Mitpatienten in Kontakt, als mir genaugenommen lieb war. Grob gesagt ließen sich die Patienten in zweierlei Arten aufteilen: Die, die ihre Krankheit bis ins Detail analysiert hatten und über nichts anderes sprachen und auch andere über nichts anderes befragten: „Und, in welcher Dosierung bekommst du Mirtazapin?“ oder „Welcher Schweregrad wurde bei deiner Depression diagnostiziert?“, der andere Teil – so wie ich – wollte einfach möglichst wenig davon hören und so viel Normalität als nur irgend möglich wahren. Vermeintlich harmlose Frage wie „Wie geht’s?“ oder auch das schon etwas konkretere „Und, warum bist du hier?“ waren gänzlich verpönt – und das über alle „Kreise“ hinweg. Ich selbst habe mich erst nach etwas mehr als zwei Wochen getraut, Johanna zu fragen, warum sie eigentlich genau da war und ob ihr kleiner Tick, eine Art Schluckauf, auch ein Symptom war, und das, obwohl ich beinahe den ganzen Tag mit ihr verbrachte.

Es wäre bestimmt wahnsinnig spannend gewesen in der Psychiatrie, in dieser Station, eine kleine Milieu-Studie zu betreiben. Von Schülern und Studenten über Bankangestellte, Friseurinnen, Landschaftsgärtner, Hausfrauen, Bäuerinnen, Kindergärtnerinnen, Immobilienmakler, Vermögensberater, Hartz-4-Empfänger, Berufssoldaten: Alle waren da. Es war völlig faszinierend, wie sich, selbst in der tiefsten Depression oder den fiesesten Entzugserscheinungen, trotzdem, ungeachtet der Diagnose, die gleichen Gruppen zusammenfanden wie überall in der deutschen Gesellschaft,

Sport ist Mord

Am nächsten Tag, wir schreiben den Mittwoch, stand erstmals Bewegung auf dem Programm, „Allgemeine Gymnastik“. Ich hätte auch noch die anstrengendere Funktionsgymnastik zur Auswahl gehabt, aber da ich seit Monaten keinen Sport mehr gemacht hatte, entschied ich mich für die leichtere Variante.

Außer mir sammelten sich in dem kleinen Gymnastikraum nach und nach knapp zwanzig Personen. Ich war die jüngste, der Großteil der Teilnehmer war wohl zwischen vierzig und siebzig, in etwa gleich viele Männer wie Frauen. Ich war auch die Einzige, die das trug, was man landläufig als Sportkleidung bezeichnen würde. Teilweise kamen die Patienten sogar im Kleid, in Jeans und offenen Hausschuhe – und konnten oder wollten einfach nicht kapieren, warum die Trainerin daran Anstoß nahm.

Was dann folgte, war eine halbe Stunde bessere Seniorengymnastik. Alles im Stehen, vor allem wurden die Beinmuskulatur und die Rumpfstabilisatoren trainiert. Das war alles anstrengender als es aussah, und ich kam ins Schwitzen.

Die nächsten zwei Tage kam ich die Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock kaum mehr hoch und runter. Ich hatte einen ordentlichen Muskelkater. Von der Seniorengymnastik. Die Ex-Leistungsturnerin hat Muskelkater von der Seniorengymnastik. Besser nicht weiter darüber nachdenken…