Nach dem Seniorensport war ich dann jedenfalls wieder wach, holte mir brav meine Zehn-Uhr-Medikamente ab (Eisentabletten und Vitamin-C-Pulver), und wartete auf die Visite. Die Ärztin war erfreut, genauso wie ich, dass es mir so gut ging. Außerdem drückte sie mir einen Zettel in die Hand: Am Nachmittag würde meine erste „richtige“ Therapie beginnen: Achtsamkeits- und Genusstherapie. Vor allen Dingen Burnout-Patienten würden davon profitieren, meinte sie. Ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen, aber ich war froh, dass ich endlich, abgesehen von dem wöchentlichen Gespräch mit einer Psychologin à 50 Minuten, feste Therapietermine hatte. Im Laufe des Tages sollte ich dann außerdem noch eine Einladung zur Kunstthemengruppe und zur Depressionsgruppe (beides am Dienstag) erhalten.
Anschließend ging ich mit der Gruppe walken, danach gab es Mittagessen. Ich hatte schnell gelernt, ausschließlich nach den Beilagen zu bestellen. Kartoffeln, Gemüse oder Reis schmeckten zwar auch nicht, aber sie waren im Gegensatz zu Fleisch, Fisch oder Tortellini immerhin genießbar.
Am Wochenende war mir in meiner Wohnung meine Slackline in die Hände gefallen und ich hatte sie mit in die Psychiatrie gebracht. Seit zwei Jahren lag sie in einer Ecke herum, ohne dass ich sie auch nur einmal aufgebaut hatte, wie immer: keine Zeit dafür. Aber Slacklinen war eigentlich gerade genau das Richtige, dachte ich mir. Zwar nicht zu anstrengend, aber doch Sport – und vor allem zwingt die Line einen, sich ausschließlich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren – und verdrängt damit jeden anderen (depressiven) Gedanken.
Johanna war von der Idee begeistert, Steffi noch etwas skeptisch. Nach einem langen Spaziergang durch Wald und Felder – das war der Kompromiss gewesen – schnappten wir uns also unsere Handtücher oder Decken, was wir eben hatten, ein paar Zeitschriften, Wasserflaschen, Sonnenbrillen und die Slackline und richteten uns in dem kleinen Park vor dem Klinikeingang gemütlich ein. Die Bäume standen dort in idealem Abstand und durch das bereits lichte Blätterdach drang genau so viel Sonne, dass es nicht zu heiß, aber auch nicht zu kühl war.
Wie fühlte es sich gut an, mal wieder auf der Line zu stehen! Besonders gut ging es nach zwei Jahren ohne Übung nicht mehr, aber egal. Ich machte etwas, das mir Spaß machte, das mir lag, etwas, bei dem ich mich nur auf mich konzentrieren konnte. Außerdem war ich nicht umsonst mehr als zehn Jahre lang Übungsleiterin gewesen: Ich konnte Johanna und auch die anfangs skeptische Steffi für das Slacklinen begeistern und schon bald schafften sie es, ohne meine Hilfe einige Schritte alleine auf der Line zu balancieren. Und wie sie sich freuten! Besonders über Johannas strahlendes Gesicht, als sie es das erste Mal schaffte, ganz allein von einem Baum zum anderen zu queren, freute ich mich mehr als über meine eigenen Erfolge. Ich war endlich wieder in meinem Element.
Zwischendrin machten wir es uns auf unseren Decken in der Sonne gemütlich, lasen, dösten, und ich beobachtete auch einfach gerne, wie der Wind das grüne Blätterdach über uns hin und her bewegte. Wir hätten genauso gut im Englischen Garten liegen können. Es war, wenn man den Kopf nicht nach rechts zum Klinikeingang drehte, fast ein bisschen wie Ferienlager.
