Hilfe, ich bin in der U-Bahn!

Die nächsten beiden Tage waren nicht mehr ganz so anstrengend. Zwischen meinen Therapien las und schrieb ich viel, saß viel Zeit im Atrium (der Raum mit den Puzzles) und machte lange Spaziergänge mit Johanna. Abends um neun war ich in der Regel bereits eingeschlafen. An diesem Wochenende würde ich nicht nach Hause fahren. Die Ruhe hier tat mir gut und am Samstag wollte ich außerdem in die Berge. Hanni, eine gute Freundin, feierte Geburtstag – auf der Kampenwand. Nach langem Hin und Her hatte ich mich entschieden, mitzukommen. Ich würde selbst nach München fahren, ab dort würde ich dann bei Hanni mitfahren. Die Wanderung nach oben würde ich mitnehmen, das wären ca. 600 Höhenmeter, mit etwas Kraxelei zum Schluss. Abfahren würde ich jedoch mit der Gondel. Notfalls könnte ich bereits vor dem Gipfel aussetzen, da sich auf Höhe der Gondelbahn die Hütte befand, zu der die Gruppe dann später auch wieder absteigen würde. Plan A, B und C standen also, ich war flexibel.

Das hieß allerdings auch, dass ich meine Bergschuhe vorher aus meiner Wohnung holen müsste. Aus München. Also schloss ich mich Johanna und ihren beiden Zimmergenossinnen an, die am Freitagnachmittag mit dem Zug nach München zum Einkaufen fahren wollten. Ich würde dann eben mit der U-Bahn weiter in meine Wohnung fahren, die Schuhe holen, um dann die anderen wieder am Bahnhof zu treffen. Erst im Zug fiel mir auf, was ich da tat. Ich fuhr Zug. Und ich war seit Monaten nicht mehr U-Bahn gefahren. Das mochte ich noch nie besonders gern, ich fuhr lieber oberirdisch, da sah man wenigstens etwas von der Stadt. Aber ich hatte es ja zuletzt noch nicht einmal mehr mit dem Radl in der Stadt ausgehalten. Geschweige denn in der S-Bahn. Und jetzt musste ich U-Bahn fahren…

Die Zugfahrt ging erstaunlich gut, ich war von den anderen Mädels abgelenkt. Aber die stiegen in Pasing aus. Und von dort aus musste ich allein und dann noch dazu mit der U-Bahn bis zu meiner Wohnung gelangen. Meine neuen Angststörungen waren mir noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie von vornherein vermied; sie überraschten mich immer wieder. Ich überlegte kurz, ob ich irgendwie anders, mit dem Taxi oder mit dem Bus fahren könnte. Aber nein. Ich sollte nicht vermeiden und außerdem, schalt ich mich selbst, mich nicht so anstellen. Was sollte denn schon passieren? Die paar Stationen würde ich wohl aushalten. Und dann hatte ich sowieso einen schönen, beinahe einstündigen Spaziergang durch den Englischen Garten vor mir. Bis zum Hauptbahnhof war dann auch alles in Ordnung. Die Fahrt mit der U-Bahn zum Sendlinger Tor und das Umsteigen waren auch noch okay. Aber ich spürte schon, wie ich zusehends angespannter wurde. Als sich am Marienplatz meine U-Bahn dann füllte, war die Panik da. Mein Magen und mein Kreislauf spielten verrückt, ich zitterte innerlich, als ob ich starken Schüttelfrost hätte, mir wurde kalt und heiß gleichzeitig. Aber ich ließ die Stange nicht los. Ich starrte auf den Boden der U-Bahn, versuchte zu ignorieren, dass die U-Bahn immer noch voller wurde und bemühte mich, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und den Boden aufmerksam, oder besser achtsam, zu betrachten. Dieser grau-schwarze Boden in den U-Bahnen ist allerdings wirklich keine Schönheit. Es klappte so halbwegs. Ich riss mich zusammen und widerstand dem Fluchtimpuls, stieg nicht vorher aus, sondern hielt bis zu meiner geplanten Endstation durch. Aber dann rannte ich beinahe aus dem U-Bahnhof. Suchte die nächste Toilette, trank meine halbe Flasche leer, aß beinahe meine komplette „Notfallschokolade“ und versuchte, mich wieder zu sammeln und verließ den U-Bahnhof. Oben, mitten an der Münchner Freiheit, einem Verkehrsknotenpunkt der Münchener Innenstadt, war es nie leise. Aber jetzt war der Lärm geradezu ohrenbetäubend für mich. Ich stopfte mir meine Ohropax in die Ohren. Das war etwas besser, aber noch lange nicht gut. Ich musste hier weg. Das war alles zu viel, zu laut. So schnell ich konnte bewegte ich mich in Richtung Englischer Garten. Doch selbst hier, am Kleinhesseloher See, war es noch so laut, dass ich es kaum aushielt. Ich wäre meinem dröhnenden Kopf am liebsten davon gelaufen. Dass das nicht funktionierte, wusste ich aber mittlerweile. Daher bemühte ich mich, den Lärm zu ignorieren und ging, beinahe laufend, weiter. Erst als ich im grundsätzlich deutlich ruhigeren Nordteil des Gartens angekommen war, wurde es langsam besser. Ich ging bewusst langsamer, die Ohropax blieben drin. Schließlich wurde es esser, die Bewegung tat gut (irgendwie musste ich diesen Fluchtinstinkt ja beruhigen) und ich fand einen schönen, ruhigen Platz an der Isar in der Sonne und blieb dort eine halbe Stunde sitzen. Ich beobachtete – mal wieder – die Enten. Wie die Sonne im Fluss glitzerte. Die Möwen umherflogen und die Bäume sich leicht im Wind bewegten. Schließlich nahm ich auch die Ohropax raus. Es passte wieder alles, ich hatte mich beruhigt. In meiner Wohnung packte ich meine Bergschuhe ein, goss meine Orchidee, die meine Abwesenheit bislang ganz gut überlebt hatte, hörte Musik (nirgends in der Klinik gab es Musik und auch kein W-Lan auf dem Zimmer, das fehlte mir sehr) und genoss es ganz einfach, in meiner Wohnung zu sein. Schließlich musste ich wieder los. Erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn, dann am Hauptbahnhof in den Zug steigen, in den die anderen dann in Pasing zusteigen würden. Ich ging also zum Bus, stieg in die U-Bahn um. Nach mehreren Stationen in der U-Bahn fiel mir plötzlich auf, dass ich U-Bahn fuhr. Irgendwie hatte ich das total vergessen, war ganz automatisch wie immer aus dem Bus aus- und in die U-Bahn eingestiegen, ohne mir einen Kopf zu machen. Und es blieb auch so. Keine Angst. Keine Panik, nicht einmal eine leichte Anspannung verspürte ich. Das war doch verrückt! Aber ich war froh drum.

 

Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Der Mittwoch würde mein erster „voller“ Tag sein: Walken bzw. Laufen, Angstgruppe, Kunsttherapie.

Die Frühstückszeiten kollidierten leider ungünstig mit der Walkingzeit: Frühstück gab es nur bis viertel vor neun, das hieß also, man sollte vorher frühstücken, wenn man nicht riskieren wollte, nichts mehr zu erwischen.

Um acht sammelten sich dann alle Patienten, die am Walking teilnehmen mussten/wollten in dem Nebenraum des Foyers, wo sich die schwarzen Bretter und der Wasserspender befanden. Es waren um die zwanzig. Eine Physiotherapeutin hakte unsere Namen auf einer Liste ab, ich folgte Johanna nach draußen und sie lief direkt los. Müssen wir denn nicht auf die Therapeutin warten?, fragte ich einigermaßen verwirrt. In der Psychiatrie war sehr stark darauf geachtet worden, dass kein Patient außer Sichtweite war. Nein, antwortete mir Johanna. Manche würden uns auf der Runde entgegen gehen, andere hakten sogar einfach nur ab.

Es war schön, wieder mit Johanna zu laufen, ich hatte das wirklich vermisst. Danach dehnten wir uns noch ein wenig, wie wir das in der Psychiatrie unter Anleitung der Therapeutin immer gemacht hatten und trennten uns. Ich holte meine Morgenration Tabletten an der MZ und ging in mein Zimmer, um mich fertig zu machen. Um 9.20 Uhr begann die Angstgruppe. Ich wollte nicht gleich bei der ersten Stunde zu spät kommen.

Die Runde war etwas kleiner als tags zuvor die der Burnout-Gruppe, die Atmosphäre war nicht nur angenehm, sondern richtig herzlich. Auch hier stellten sich wieder alle vor und sagten, wie es ihnen jeweils ging. Anstatt zu sagen, was sie sich heute Gutes tun würden, fügten sie an, ob sie ein Thema für die Gruppe hätten. Da waren Gabi, eine rundliche Fünfzigerin, mit einem unglaublich herzigen Lachen. Chris, 27, Typ Gangsta, wegen Agoraphobie hier. Tabea, eine sehr taff wirkende 23-Jährige, die definitiv nicht auf den Mund gefallen war. Ebenso Agoraphobie. Martín, Burnout und Angststörungen. Ich. Tina, die Zimmernachbarin von Johanna, Agoraphobie und Julia, eine junge Frau Anfang dreißig, hier wegen posttraumatischer Belastungsstörungen. Sie hatte für heute ein Thema. Geleitet wurde die Gruppe von meiner Therapeutin und einer zweiten Therapeutin der Station II. Wie meine Therapeutin war sie Anfang 30, hübsch und hatte eine sehr angenehme, lebenslustige, manchmal auch selbstironische Art, auch sie stellte sich vor. Anschließend wurden die Gruppenregeln erläutert. Die Wichtigste: Alles bleibt in diesem Raum. What happens in Angstgruppe, stays in Angstgruppe.

Ich stellte sehr schnell fest, dass diese Gruppe sehr viel anders als die Burnoutgruppe war. Es fehlte der Beamer, der Stuhlkreis war geschlossen. Es ging nicht um irgendein Skript, sondern um uns. Jeder konnte jedes Thema einbringen, erfuhr ich. Ich habe kein Thema, sagte ich, und erntete dafür einen leicht kritischen Blick meiner Therapeutin. Ich habe so etwas noch nie gemacht, ich würde es mir gerne erst einmal ansehen, verteidigte ich mich. Außerdem hatte schließlich Julia ein Thema. Es war eine Familienskulptur. Die Therapeutin erklärte Martín und mir kurz, dass Julia uns nun entsprechend einer Schlüsselsituation in ihrer Kindheit „aufstellen“ würde: Jeder von uns würde eine Rolle übernehmen, wie Vater, Mutter oder Geschwister. Dann würde uns Julia entsprechend dem damaligen Beziehungsverhältnis im Raum aufstellen – zum Beispiel einen übermächtigen Vater auf den Stuhl, oder eine Person, die Desinteresse zeigte, mit dem Rücken zur anderen gewandt. Dann würde zusätzlich jeder einen Satz zugeteilt bekommen, der spezifisch für diesen Menschen und diesen Zeitpunkt in Julias Leben war. Wir würden diesen Satz dann, in der Skulptur stehend, laut in einer bestimmten Reihenfolge sagen und dies dreimal wiederholen. Danach würde Julia selbst Teil der Skulptur werden, um tief in die ausgewählte Szene einzutauchen. Dann hatte sie die Möglichkeit, sich selbst, also ihre Figur innerhalb der Skulptur neu auszurichten und sich einen neuen Satz für sich selbst zu suchen, so dass sie in der Situation gestärkt wurde. Dann würden wir wieder alle unsere Sätze aufsagen, und Julia könnte so erfahren, dass sie diese Situation selbst verändern und für sich leichter machen konnte. Und ihr damit das Schlimmste nehmen.

Aja. Ich konnte mir nicht so wirklich vorstellen, was nun passieren würde und wie denn bitte schön durch das Aufstellen von anderen Leuten sich eine Situation verändern sollte, die Jahre her war. Aber gut. Ich musste mich darauf einlassen, deshalb war ich hier.

Julia war sichtlich nervös und hatte Angst, es schien sie arge Überwindung zu kosten. Nach und nach stellte sie uns auf. Es war eine Trennungsszene. Ich war die kleine Schwester, stand neben der großen Schwester und blickte auf den abweisenden Rücken der Mutter. Nur Julia und die Therapeutin sprachen, wir anderen standen still und stumm auf unseren Positionen. Schließlich hatte jeder einen Satz zugewiesen bekommen. Wir würden nun, jeder nacheinander, dreimal diesen Satz sagen, genau so betont wie von Julia vorgegeben. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, was mein Satz war, ich weiß aber noch sehr genau, dass ich mich dabei auf einmal sehr verloren fühlte. Die Emotionen, die sich durch das laute Aufsagen der Sätze, durch die Wiederholungen und ganz einfach auch durch die Positionen, die wir im Raum einnahmen entwickelten, waren enorm. Das Ganze hatte überhaupt nichts mit mir und meinem Leben zu tun, ich bin noch nicht einmal ein Trennungskind. Trotzdem fühlte ich plötzlich wirklich wie die kleine Schwester in dieser Skulptur. Julia stand mittlerweile selbst in der Skulptur, war völlig aufgelöst und weinte. Sie konnte kaum noch ihren Satz sagen.

Sie tat mir so unendlich leid, es war so schwer, sie so zu sehen; dabei kannte ich sie erst seit einer halben Stunde. Ich war auch eine große Schwester. Ich konnte ihr so gut nachfühlen. Aber ich durfte mich aber nicht aus meiner Position herausbewegen. Die Therapeutin reichte ihr schließlich die Box mit den Taschentüchern und ich bemerkte, dass auch die anderen zu kämpfen begannen. Alle aber bemühten sich sehr, ihre Rolle beizubehalten. Es war wirklich unwahrscheinlich, welch intensive Emotionen plötzlich in dem kleinen Konferenzraum herrschten, in dem vor nur zwanzig Minuten noch fast jeder gesagt hatte, dass es ihm gut ging und dass er ruhig war.

Dann aber durfte Julia ihre eigene Position verändern und sich einen neuen Satz geben. Und plötzlich veränderte sich das ganze Gefüge. Julias Stimme wurde mit dem neuen Satz kräftiger, sie fing sich und hörte auf zu schluchzen. Noch dreimal wiederholten wir alle unseren Satz und mit jedem Mal schien Julia zu wachsen. Schließlich lösten wir uns aus der Skulptur und gaben Julia unmittelbar  Feedback: Wie es für uns auf unseren Positionen gewesen war und wie wir sie wahrgenommen hatten.

Am Ende der Stunde war ich komplett verwirrt. Auch die anderen hatten berichtet, dass es schwer für sie gewesen war. Aber keinen hatte diese Skulptur anscheinend so sehr mitgenommen wie mich. Ich hatte Julia so sehr nachfühlen können. Gut,  es war mein erstes Mal gewesen. Und gut, ich hatte in den letzten Monaten schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich mich kaum noch von den Emotionen anderer abgrenzen konnte. Aber schließlich fiel mir ein weiterer, möglicher Zusammenhang auf, über den ich bisher keine Sekunde nachgedacht hatte. Nach der plötzlichen Erkrankung meines Vaters hatte ich mich ähnlich gefühlt wie Julia in der Skulptur, die sie eben aufgestellt hatte. In einem völlig anderen Ausmaß und in einer völlig anderen Situation. Aber im Grund genommen ganz genauso wie Julia damals.

Diese erste Angstgruppenstunde war extrem anstrengend für mich gewesen, ich hatte einen verdammt vollen Kopf mit vielen neuen Gedanken. Ich verzog mich auf mein Zimmer, setzte mich in einen der Liegestühle auf dem Balkon in die Sonne und hing meinen Gedanken nach, versuchte, sie zu sortieren, schrieb einiges auf. Nach dem Mittagessen, um 13 Uhr, war meine erste Kunsttherapie.

Auch hier stellten sich wieder alle vor, auch hier sagte jeder, wie es ihm gerade ging. Auf dem Tisch vor uns hatte die Kunsttherapeutin, die genauso war, wie man sich eine Kunsttherapeutin so vorstellt, zahlreiche Papierschnipsel ausgebreitet; es waren Zeitungsauschnitte mit Sprüchen drauf. Wir sollten uns einen aussuchen, der uns ansprach. Ich war wie immer fasziniert davon, wie jeder innerhalb von wenigen Augenblicken einen Spruch für sich fand, ohne groß Nachdenken zu müssen und ohne, dass es Streitigkeiten gab. Ich entschied mich für „Everyday Amazing“. Jeden Tag wunderbar. Heute aus Protest. Ich wollte wieder zurück zu meinem alten „Everyday Amazing“.

Die Therapeutin hievte mehrere Stapel Zeitschriften auf den Tisch. Wir sollten eine Collage anfertigen, die zu unserem Schnipsel passte. Ich blätterte in den Zeitschriften, fand einige gute Headlines, die ich ausschnitt. Fand einige Gesichter in Illustrierten, mit denen ich in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hatte. Und spürte, wie mir immer, je länger ich herumblättert, mir mehr und mehr die Luft wegblieb, ich schließlich Herzstechen bekam, mein Kreislauf beinahe wegsackte. Verdammt. Ich war mittlerweile vor allen Dingen genervt von diesen Anfällen, wusste ich ja, dass mir keinerlei Gefahr drohte, lediglich meine Psyche wieder Spielchen spielte. Natürlich hätte ich einfach die Therapeutin informieren und die Therapie verlassen n. Aber der Gedanke kam mir gar nicht erst, das fiel mir tatsächlich erst jetzt ein, als ich nun diesen Text schreibe. Ich atmete stattdessen tief ein und aus, beendete, was ich gerade getan hatte – nämlich die Zeitungen durchzublättern – legte sie alle beiseite, so dass ich sie nicht mehr sah und stand auf, versuchte, etwas Abstand zum Auslöser zu gewinnen. Langsam und bedacht holte ich mir Papier und Kleber, setzte mich wieder und begann, meine Ausschnitte aufzukleben, die Collage zu erstellen. Es legte sich wieder. Als ich weitere Ausschnitte suchte, nahm ich bewusst nur Zeitschriften in die Hand, die mir in der Arbeit nie untergekommen waren. Die NEON zum Beispiel und das sz-magazin. Das ging viel besser. Und ich fand meine Collage am Ende richtig gut! Mit einem Elefanten in der Mitte. Hinterher mussten wir der Therapeutin noch unsere Bilder erklären, obschon sie sowieso alle ziemlich selbsterklärend waren. Damit war die Therapie nach zwei Stunden, um drei, endlich vorbei.

What a day. Ich war froh, endlich Zeit für mich zu haben. Mein Kopf war voll von neuen Gedanken und alten Überlegungen. Für den Abend hatte ich mich mit Johanna für die Infrarot-Kabine eingetragen. Das würde, abgesehen vom Essen, der einzige weitere Programmpunkt heute sein. Ich brauchte die Zeit und die Ruhe, um meinen Kopf wieder zu sortieren. Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Elefant im Wald

Das ist nur Kunstfell!

Die Burnout-Gruppe

Ich war sehr gespannt auf meine allererste Gruppentherapie: die Burnout-Gruppe. Sie wurde von Therapeutinnen der Station V geleitet. Warum ich nicht in der Burnout-Station oder wie in der Psychiatrie in einer Depressionsgruppe landete, sondern stattdessen in der Angst-Station aufgenommen wurde, war mir ein Rätsel gewesen und würde es auch bis zum Schluss bleiben.

Natürlich hatte ich bereits in der Psychiatrie erste Gruppentherapien gehabt und Johanna hatte mir auch schon ein bisschen aus ihren Gruppen erzählt. Aber ich war trotzdem ziemlich unsicher, was mich in diesen Stunden erwarten würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit Wildfremden über meine innersten Ängste zu sprechen. Das fiel mir nach wie vor auch gegenüber den Psychologen schwer, obwohl ich mich langsam daran gewöhnte.

Nach dem Mittagessen am Dienstag machte ich mich also auf zu meinem ersten Termin der Burnout-Gruppe. Praktischerweise war der Gruppenraum auf meinem Stockwerk, so dass ich ihn nicht lange suchen musste. Als ich hineinging, saßen dort bereits zwei Männer, vermutlich in ihren späten Vierzigern. Ob ich hier richtig wäre? Es entwickelte sich ein bejahender, humorvoller Wortwechsel, die beiden waren mir auf Anhieb sympathisch, ich fühlte mich wohl. Ich setzte mich auf einen der noch zahlreichen freien Stühle in dem Stuhlhalbkreis. Die beiden Männer scherzten weiter, und ich war augenblicklich in sehr gute Stimmung und fühlte mich richtig wohl. Das war in den letzten Monaten äußerst selten vorgekommen. Der eine, Thomas hieß er, der mir von den beiden angenehmer war, sprach ganz genauso wie jemand, den ich gut kannte und mochte. Der gleiche Dialekt, der gleiche Tonfall. Ich kam aber einfach nicht drauf, wer es war. Bis schließlich, einige Minuten später, der Groschen fiel. Mein Ex-Freund. Und, Tatsache: Thomas war aus der gleichen Stadt. Dort hatte ich mich bis zuletzt immer wohl gefühlt. Gut aufgehoben und geliebt.

Während ich fieberhaft versucht hatte, herauszufinden, an wen mich Thomas so erinnerte, waren die weiteren Gruppenmitglieder in den Raum gekommen, auch die Therapeutin, die am anderen Ende des Raumes, zu dem sich der Stuhlkreis hin öffnete, eine weiße Leinwand herunterließ und via Laptop und Beamer eine Präsentation öffnete. Da außer mir ein weiteres neues Gruppenmitglied hinzugekommen war, bat die Therapeutin die Teilnehmer, zu der üblichen Willkommensrunde eine kurze Vorstellung hinzuzufügen. Jeder sollte zu Beginn einer jeden Stunde sagen, wie er sich denn fühlte – das kannte ich schon aus der Psychiatrie – und, das war in der Burnout-Gruppe speziell – erklären, was er sich heute schon Gutes getan hatte oder noch Gutes tun werde. Okay.

Es waren außer mir und dem zweiten neuen, einem Spanier, weitere acht Personen in der Gruppe. Die Männer waren leicht in der Überzahl, ich schien die jüngste zu sein. Eine junge Frau war in meinem Alter, 28, erklärte, sie wäre schon seit fünf Wochen hier und würde die Klinik in zwei Wochen bereits verlassen. Mit dem Skript der Burnoutgruppe war sie beinahe schon fertig, daher wäre das ihre vorletzte Stunde in dieser Gruppe. Sie würde sich heute ein gutes Stück Kuchen in der Cafeteria gönnen. Ein junger Mann, Jonas, war 36, ebenso schon eine ganze Zeit hier. Er würde zum Abendessen in die einzige Pizzeria im Ort gehen und sich eben dieses Abendessen gönnen. Thomas hatte heute die letzte Stunde und würde abends Volleyball spielen. Martín, der Spanier, war bereits seit zwei Wochen in der Klinik, wie ich auch eigentlich der Angststation zugeteilt und war heute Morgen joggen. Das hatte er sich heute Gutes getan. Ich war die Sophie, seit einer Woche hier, wegen Burnout, Depression und Angstzuständen. Ich war gerade etwas aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Vor allem war ich mir nicht sicher, ob ich eine so lange Gruppenstunde überhaupt schon aushalten würde. Sonst ginge es mir, abgesehen von einer leichten Erkältung, ganz gut. Ich würde nachher draußen spazieren gehen.

Danach übernahm die Co-Therapeutin das Wort und begann mit uns eine geführte Entspannungsübung. Das war ebenfalls fester Bestandteil dieser Therapie. In jedem Termin würde eine andere Übung vorgestellt werden, so dass wir, die Teilnehmer, herausfinden konnten, welche für uns am besten funktionierte um diese dann auch selbstständig anwenden zu können. Daher musste jeder von uns nach er der Übung kurz erklären, ob es gelungen war, zu entspannen und wie es sich anfühlte.

Dann nahm die Therapeutin die Beamer-Bedienung in die Hand und die Co-Therapeutin drückte Martín und mir das ominöse Skript, in einem hässlichen senfgelben Schnellhefter gebunden, in die Hand. Es war ganz schön dick. Ich hatte Vorlesungen gehabt, deren Skripte dünner waren. Diese Therapie hatte einen stark psycho-edukativen Fokus, erklärte die Therapeutin. Sie würde, mit einer Kollegin im Wechsel, das Skript von Anfang bis Ende durchgehen, das würde im Schnitt vier Wochen dauern. Wir, die Patienten, stießen einfach hinzu, wenn ein Platz frei war, und würden dann eben vier Wochen der Therapie beiwohnen, bis wir das ganze Skript einmal durchgearbeitet hätten. Wir waren schon beinahe am Ende des Skripts. Nächste Woche würde ihre Kollegin dann übernehmen.

Die weitere Stunde lang fühlte ich mich beinahe wie in der Uni: Vor der Präsentation stehend erläuterte uns die Therapeutin zahlreiche theoretische Dinge. Es war tatsächlich nichts Neues dabei, ich hatte darüber entweder schon gelesen, oder bereits in der Psychiatrie davon gehört. Abgelöst wurde das ganze durch eine kurze Partnerübung und eine zehnminütige Pause, die wir – die Burnoutgruppe – unbedingt einzuhalten hatten. Es war weder besonders anstrengend, noch besonders aufregend. Die Atmosphäre war angenehm, es war gut auszuhalten, und ich hoffte, dass die Themen im Laufe der Wochen interessanter werden würden. Nach der Abschlussrunde – wir mussten erzählen, wie es uns denn jetzt ginge – und der Verabschiedung von Thomas war meine erste Gruppenstunde um kurz vor drei beendet. Ich war beinahe etwas enttäuscht, weil sie so unspektakulär gewesen war.

Ein voller Terminkalender

Am Sonntag war ich – wie erwartet – zu gar nichts zu gebrauchen. Das Mittagessen war eigentlich schon zu anstrengend. Ich versuchte, so wenig Sinnesreize wie überhaupt möglich zu generieren, schließlich musste ich ja immerhin noch selbst mit dem Auto bis in die Klinik fahren.

Ich war zwar wirklich gerne zu Hause, und das nicht nur wegen der Katze, aber wenn meine Schwester und meine Eltern da waren, wurde mir das momentan sehr schnell zu viel. Die Klinik –  obwohl ich noch nicht einmal eine Woche dort verbracht hatte – wurde mein neuer Sehnsuchtsort. Dort fühlte ich mich wohl. Dort hatte ich Ruhe. So viel davon, mit dem Blick vom Balkon in die Weite, ohne auch nur ein einziges Haus vor dem Horizont zu sehen. Und wenn ich mein Handy ausschaltete, war ich für die Außenwelt unerreichbar. Und deshalb fuhr ich diesmal beinahe direkt nach dem Mittagessen los.

Die knapp einstündige Fahrt war lang. Sehr lang. Und auch sehr anstrengend. Aber ich kam gut an. Der Tag war für mich vorbei. Ich malte noch in meinem neuen Malbuch und las etwas.

Montagvormittag traf ich mich mit Johanna auf einen großen Spaziergang und verbrachte sonst den Tag sehr zurückgezogen. Im Laufe des Nachmittags trudelten drei Zettel in unserem Zimmer ein. Alle drei waren für mich: eine Einladung zur „Schematherapie Angst“, mittwochs und freitags um 9.20 Uhr, eine Einladung zur Burnout-Gruppe, dienstags und donnerstags um 13.00 Uhr und zur Kunsttherapie I, montags und mittwochs um 13.00 Uhr. Das waren die drei Gruppen, die ich in Absprache mit meiner Therapeutin besuchen würde. Offensichtlich war ich recht schnell in diese Gruppen hineingekommen. Meine Nachbarin, die ältere Dame, quittierte die Zettel nur mit einem schlecht gelaunten „ich bin schon seit zwei Wochen hier und ich habe nichts zu tun, und überhaupt ist man hier so allein gelassen“. Ich brummte nur zustimmend, um einer weiteren Jammertirade auszuweichen. Ich war mir gar nicht so sicher, ob ich überhaupt so froh über den vollen Zeitplan sein sollte. Die Burnout-Gruppe dauerte beinahe zwei Stunden am Stück. Ich konnte mich noch gar nicht so lange konzentrieren. Und dann hatte ich im Anschluss daran auch noch –  zumindest in dieser Woche – einen fünfzigminütigen Termin bei meiner Therapeutin. Langweilig würde mir nicht werden. Wohl eher das Gegenteil. Ich trug die Termine in meinen Kalender ein. Sie überschnitten sich wenigstens nicht mit den Sportterminen und bisher auch nicht mit den beiden je fünfzigminütigen Therapiegesprächen, die ich pro Woche hatte. Einzig Montagvormittag und Freitagnachmittag hatte ich noch frei.

Die Hochzeit

Am Samstag stand ich früh auf. Ich war in guter Stimmung, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Ich frühstückte, holte meine Wochenendration Tabletten in der MZ und fuhr nach Hause. Es war wenig Verkehr, ich war sogar etwas früher als geplant zu Hause.

Meine Eltern und meine Schwester waren bereits mitten in den Vorbereitungen, das Bad voll belegt. Ab zehn Uhr waren wir beim Brautpaar, ein paar Ortschaften weiter, zum Weißwurstfrühstück eingeladen, die Trauung war für den Mittag angesetzt. Wir würden mit zwei Autos fahren, so dass ich jederzeit nach Hause konnte.

Die Versuche, mir ein neues Kleid zu kaufen, waren ja kläglich gescheitert. Aber ich habe einen eleganten Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Online-Shopping. Ich hatte bereits einen hellrosafarbenen, knielangen Plissée-Rock und dazu passende Sandalen zu Hause, beides wunderbar auch für eine Hochzeit geeignet. Dazu hatte ich mir eine weiße Spitzenbluse bestellt. Und, seien wir mal ehrlich, um „offline“ eine Bluse zu finden, die so gut zu dem Rock passte, hätte ich mir vermutlich wochenlang die Füße wund gelaufen.

Meine Schwester glättete mir meine Haare, da ich das auch nach vier Wochen mit kurzen Haaren immer noch nicht so richtig drauf hatte, und schließlich waren auch wir fertig. Meine Eltern waren schon vor etwa einer halben Stunde losgefahren.

Das Brautpaar hatte an der Garage ein Zelt angebaut, was aber eigentlich, denn es war ein strahlend schöner Herbsttag, gar nicht notwendig war. Sie hatten sogar eine ganze Blaskappelle engagiert, die während des Weißwurstfrühstücks spielte. Das würde eine richtig urige bayrische Bauernhochzeit geben.

Die Blaskapelle war allerdings verdammt laut. Viiieeeeel zu laut. Ich schnappte mir also zwei Weißwürste, mit süßem Senf und Breze versteht sich, setzte mich zu meiner Verwandtschaft an einen etwas abgelegenen Tisch und bemühte mich, die Musik zu ignorieren. Glücklicherweise musste die Kapelle auch hin und wieder eine Pause einlegen, ein Wohlgenuss für meine armen Ohren. Beim nächsten Einsatz der Musik war ich wieder weg. Langsam wurde es außerdem voll. Ich beschloss, erstmal auf die Toilette zu gehen. Die war im Haus, das war wunderbar weit weg von der Blasmusik. Auf dem Weg dahin konnte man wunderbar mit den verschiedensten Menschen ratschen. Unterwegs erfuhr ich, dass einer meiner Cousins seinen neuen Hund dabei hätte, einen Boarder-Collie-Welpen.

Der Welpe musste natürlich Gassi geführt werden. Ideal! Also suchte ich den Hof nach dem Hund ab, fand ihn (und meine Cousin am anderen Ende der Leine) schon halb auf dem Feldweg, ignorierte mein absolut Feldweg-untaugliches Schuhwerk und beschäftigte mich in der nächsten halben Stunde mit dem Hund, fernab von dem ganzen Trubel.

So in der Art ging der Tag weiter: Die Hochzeit war wunderschön, die Stimmung war toll, das Wetter perfekt und ich schaffte es, in einer Mischung aus Dabeisein und Mich-doch-immer-wieder-ausreichend-abseits-zu-halten, relativ lange relativ gut durchzuhalten. Ich tanzte sogar und dann, als es zum Brautverziehen in den sonnigen Biergarten unter alten, knorrigen Kastanien- und Obstbäumen ging, war mir alles egal. Die Band war verdammt laut, aber dagegen hatte ich Ohropax. Ich konnte trotzdem noch mitsingen, ich hörte nach wie vor alles, ich stand, wie alle anderen, auf den Stühlen, feuerte den Bräutigam an, bis er seine Braut endlich wieder ausgelost hatte, ich genoss es. Und es tat so gut! Ich fühlte mich, inmitten meiner ganzen Verwandtschaft, so sicher und so geborgen, dass ich zwischendrin, als mir dieser Gedanken durch den Kopf schoss, beinahe vor Glück angefangen hätte zu weinen. Ich war nicht allein. Nein. Ich hatte sie alle. Ich konnte auf jede Einzelne meiner Tanten, jeden Onkel, jede Cousine und jeden Cousin zählen. Und vor allen Dingen auf meine Schwester und meine Eltern. Ich war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit glücklich, und zwar aus ganzem Herzen, ich hätte die Welt umarmen mögen.

Zum Schluss sattelte die Band auf AC/DC um, das war dann leider samt Ohropax zu laut. Das Brautstehlen hatte schon über eine Stunde gedauert, ich war erschöpft, verdrückte mich einmal mehr auf die Toilette und dann in einen eher abseits gelegenen Teil des Biergartens, wo sich die kleinen Kinder mit ihren Omas aufhielten.

Ich hatte meine Belastungsgrenze mehr als ausgereizt. Ich war auch schon wesentlich länger dabei gewesen, als ich mir je erhofft hatte. Es gab Abendessen. Danach würde ich fahren. Es ging nicht mehr. Als die Band draußen aufhörte, zog ich mir die Ohropax aus den Ohren. Und wenige  Sekunden später stopfte ich sie wieder rein. Es war viel, viel, viel zu laut. Es war nicht mehr auszuhalten. Insbesondere, da nach dem Brautverziehen und vor dem Abendessen der allgemeine Alkoholpegel auf Hochzeiten generell am höchsten war. Und ich stocknüchtern und völlig erschöpft. Das Abendessen war dennoch sehr, sehr lecker. Die Nachspeise konnte ich zu meiner Enttäuschung leider nicht mehr abwarten, ich verabschiedete mich. Meine Verwandten hatten sich sehr gefreut, mich zu sehen, zu sehen, dass ich dabei war und wieder lachen konnte. Und ich musste mit niemandem diskutieren, warum ich denn nun schon ginge. Meine Schwester kam mit mir mit, sie wollte mich offensichtlich nicht alleine gehen lassen.

Ich fuhr selbst, die Feier war etwa zwanzig Minuten von zu Hause entfernt gewesen. Es war eine altbekannte Strecke, die ich schon hundertmal in meinem Leben gefahren war. Trotzdem war ich heilfroh, als ich endlich, endlich sicher zu Hause war. Meine Konzentration war so rapide gesunken, dass ich nach zehn Minuten Fahrt das Gefühl hatte, mich nicht länger als 100m auf die Fahrbahn und das Fahren konzentrieren zu können. Auf meine Schwester konnte ich auch nicht zählen. Sie saß zwar neben mir, aber ganz abgesehen davon, dass sie nicht nüchtern war, hatte sie ihre Brille nicht auf. Ich würde den Baum nicht mal sehen, wenn ich schon dagegen gefahren wäre, meinte sie nur. Hilfreich.

Ich fuhr also langsamer, stehen bleiben wollte ich zwei Kilometer von zu Hause entfernt allerdings auch nicht mehr. Wir kamen sicher zu Hause an. Ich fiel tot ins Bett.

Am nächsten Tag wusste ich nicht einmal mehr, dass meine Schwester mit mir nach Hause gefahren war.

 

Ausflug

Ach, wie schön das Leben doch sein konnte! Draußen schien die Sonne, das Mittagessen war sehr gut gewesen und der Knallertisch entwickelte sich richtig positiv. Wir hatten eine Neue dazubekommen. Auch so ganz und gar nicht der Typ Mensch, mit dem ich normalerweise zu tun hätte – aber es war mittlerweile genau diese total verrückte Mischung, die den Tisch ausmachte. Jede von uns führte draußen ein völlig anderes Leben, allein schon, weil wir alle unterschiedlich alt waren. Und deshalb hatte jede von uns so unglaublich unterschiedliche Dinge zu erzählen. Ein wenig fühlte ich mich wie auf Reisen. Unterwegs trifft man immer auf Menschen, mit denen man zu Hause vermutlich kein Wort wechseln würde. Einfach, weil es sich nie ergäbe. Und mit jedem Menschen, mit jeder neuen Ansicht, lernt man dazu; begreift Neues oder rückt die eigenen Ansichten wieder zurecht. Es war meistens hochinteressant, was die anderen zu erzählen hatten. Wenn es mir gut ging, freute ich mich auf jedes Essen. Wenn es mir schlecht ging, war es aber auch völlig okay, dass ich sofort, nachdem ich gegessen hatte, wieder den Tisch verließ.

Heute ging es mir gut. Ich hatte ja noch keine Therapien und Johanna und Tina hatten Freitagnachmittag immer frei. Die Sonne schien, ein Tapetenwechsel würde sicherlich nicht schaden und so beschlossen wir drei, einen Ausflug in die nächste Stadt zu machen. Ein bisschen bummeln und Eis essen. Die anderen beiden waren schon hier gewesen und kannten sich aus. Ich war noch nie dort gewesen, obwohl ich die einzige Münchnerin war und somit sehr in der Nähe wohnte. Und das Städtchen war wunderbar malerisch, ein wenig mittelalterlich geprägt, mit vielen kleinen Gässchen, wunderbaren Häusern und einem Flussufer in der Altstadt. Und vielen schönen Geschäften! Direkt am Hauptplatz, wo Johanna das Auto abstellte, begann die kleine Einkaufsstraße. H&M, Thalia, Street One oder S.Oliver waren da, aber auch sehr viele kleine Geschäfte, die keiner Kette angehörten. Johanna hatte, seit es ihr wieder gut ging, das Einkaufsfieber gepackt. Sie hatte zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder überhaupt wirklich Freude an etwas und das machte sich auch beim Shoppen bemerkbar. Zielstrebig steuerten die beiden also das erste Geschäft an, das sich von einer Glasfront aus, die so breit war wie der Laden selbst, tief in das Gebäude hineinwand. Ein schöner Laden. Ich brauchte zwar nichts, aber ein bisschen stöbern konnte ja nicht schaden. Ich folgte also Johanna und Tina. Die beiden liefen zielstrebig auf die ersten Ständer zu. Ich blieb wie angewurzelt vor der Türschwelle stehen. Als wäre eine Wand vor mir heruntergefahren. Ich konnte dieses Geschäft nicht betreten. Ich konnte keinen Schritt weiter gehen.

Ich stand da und wollte eigentlich rein. Aber  es ging nicht. Ich konnte nicht durch diese Mauer gehen, die sich da plötzlich vor mir aufgetan hatte. Ich gab mich geschlagen. Fünfzig Meter weiter war offensichtlich eine Buchhandlung, eine ganze Reihe Buchregale und Ständer mit Postkarten standen davor. Ich rief Johanna und Tina zu, dass ich dort auf sie warten würde. Johanna wusste ja, dass ich mit dem Einkaufen Schwierigkeiten hatte. Tina schaute mich fragend an. Ich sagte ihr nur, ich kann nicht, das geht gerade einfach nicht. Sie stellte keine Fragen, die beiden meinten nur, sie würden dann sowieso gleich zur Buchhandlung kommen.

Ich stöberte also ein wenig in den Bücherkisten und bis Johanna und Tina kamen hatte ich mich wieder beruhigt. Die Gefahr war schließlich gebannt. Ich betrat kein Kleidergeschäft mehr. Andere Geschäfte aber waren kein Problem. Ich entdeckte ein paar hundert Meter weiter sogar mein neues Lieblingsgeschäft: Eine liebevoll eingerichtete, großzügige Buchhandlung (es gibt in diesem Städtchen offensichtlich sehr viele Leser) mit spannend ausgewähltem Sortiment, die zudem einige Dekoartikel, Schreibwaren und Künstlerbedarf führte. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Weiter hinten im Laden entdeckte ich, wonach ich insgeheim gesucht hatte: Ein Malbuch.

Ruth, meine Zimmergenossin in der Psychiatrie, hatte sich an einem meiner letzten Tage ein Mandala-Malbuch gekauft. Mandala kannte ich bis dahin nur aus der Freiarbeit in der Grundschule. Ich hatte die damals geliebt. Und auch Johanna hatte vor kurzem eines geschenkt bekommen. Johanna hatte in der Psychiatrie auch in der Ergotherapie, in der ich nie war, zuletzt hauptsächlich Zentangel gemalt. Für mich war das einfach systematisches Gekritzel, wie früher in der Schule am Heftrand. Aber sie machte das gerne, es tat ihr gut. Buntstifte hatte ich mir im Juli bereits gekauft, da eine gute Freundin mir vorgeschlagen hatte, ich könnte doch ein wenig malen? An mir war aber keine große Künstlerin verloren gegangen, deshalb hatte ich die dann doch kaum benutzt. Aber diese Malbücher waren wirklich schön. Ich suchte mir also eines aus, eines mit Tieren natürlich, und entdeckte hinterher bei Tchibo sogar noch ein 10er-Pack bunte Gelstifte, die ich auch mitnahm.

Damit war unsere Shoppingtour beendet und wir setzten uns in ein kleines Eiscafé am Flussufer und gönnten uns etwas Gutes. Es war einfach schön mit den beiden. Wir verstanden uns gut, ohne jeden Druck, es gab keine komischen Nachfragen, wir unterhielten uns über völlig normale Dinge, über die Klinik und Mitpatienten und ließen uns von dem glitzernden Wasserspiel zwischen Sonne und Stauwehr faszinieren. Es war ein wunderschöner Nachmittag. Dass ich nicht in das Geschäft gehen konnte und meine Ängste offenbar doch noch intensiver waren, als ich mir selbst gegenüber und auch der Psychologin gegenüber zugeben wollte, war schon lange wieder vergessen.

 

Fragen über Fragen

Am Freitag – warum auch immer – ging es mir viel besser. Vielleicht, weil das Wochenende nahte und ich mich trotz allem auf die Hochzeit meiner Cousine freute. Außerdem schien die Sonne.

Nach dem Frühstück absolvierte ich einen kleinen Marathon: Zwischen 8.30 und 9.00 Uhr musste ich mich endlich beim Sport melden und mich wie mit der Ärztin besprochen eintragen lassen. Ich meldete mich für die Wassergymnastik nächste Woche wegen meiner Erkältung auch gleich wieder ab, und für Pilates, das wurde zusätzlich zum Pflichtprogramm angeboten, an. Dann ging es zwei Stockwerke höher, zur Station. Auf der Tür stand deutlich, dass man nur während der Sprechzeiten – also zwischen Viertel und fünf vor neun – klopfen durfte. Sonst, auch bei Notfällen, hätte man sich immer an die MZ zu wenden. Das machte in meinen Augen so gar keinen Sinn. Wo sollte ich mich denn bei Notfällen hinwenden, wenn nicht an die Station? In der MZ waren ja normalerweise keine Ärzte. Und schon gar keine Psychologen. Und überhaupt war mir immer noch schleierhaft, wer eigentlich mein erster Ansprechpartner war. Die Klinik hier war so komplett anders organisiert als die Psychiatrie. Dort war man immer zu mir gekommen. Ich musste mich um nichts kümmern. Hier war es offensichtlich genau andersrum. So ganz stieg ich da noch nicht durch.

Mit mir standen mittlerweile etwa fünf andere Patienten vor dem Zimmer herum und ich wurde immer wieder gefragt, auf wen ich denn warten würde. Meine Psychologin war wohl noch gar nicht da, obwohl es schon fünf vor neun war. Dafür sprach mich die Ärztin an, die mich am Mittwoch untersucht hatte. Meine Leberwerte wären nicht in Ordnung. Ob ich das wüsste? Nein, das war mir neu. Das hätte den Kollegen in der Psychiatrie schon auffallen sollen. Da würde ich wohl meine Medikamente nicht vertragen. Jedenfalls musste das geklärt werden. Und damit ließ sie mich stehen. Meine Leberwerte waren nicht in Ordnung. Sie glichen mehr denen eines starken Alkoholikers, hatte sie gesagt. Das war nicht gut. Aber was bedeutete das nun? Ich wollte meine Medikamente nicht absetzen müssen! Hatte ich doch bei genug anderen gesehen, was das dann hieß. Da konnte man mich ja gleich in ein Loch stoßen. Ich hatte keine Zeit, darüber weiter nach zu denken, weil endlich meine Psychologin kam. Sie unterschrieb den Urlaubsschein, und erwähnte, dass ich keinesfalls Alkohol trinken sollte, da meine Leberwerte so schlecht waren. Ja, und, was heißt das, konnte ich zumindest sie fragen. Das müsse sie auch erst mit der Ärztin besprechen, und weg war sie. Ich stand wieder da.

Ich war einigermaßen genervt von diesen Mini-Sprechstunden auf dem Gang und halben Informationen. Ich hatte immer noch nicht umrissen, wohin ich mich mit meinen Fragen wenden sollte, und fühlte mich alleingelassen. Als ich meine Zimmerkollegin fragte, ging die in einer jammerigen Schimpftirade über die „unmögliche“ Organisation auf, die aber auch alles andere als hilfreich war. Johanna war da eine bessere Hilfe. Sie erklärte mir beim Mittagessen, dass mein erster Ansprechpartner immer die Therapeutin war, nicht, wie in der Psychiatrie, die Ärztin. Und dass ich alle Themen eben dann in den Therapiestunden mit ihr besprechen sollte, oder in der täglichen zehnminütigen Sprechstunde einen Termin mit der Ärztin, den Therapeuten oder meinem Co-Therapeutin ausmachen sollte. Und mit allem, was dringend war, sollte ich mich an die MZ wenden. Sprich: Wenn ich etwas brauchte, musste ich mich darum kümmern. Ich wurde nicht mehr bemuttert und überwacht wie in der Psychiatrie. Das war gut – ein weiterer, großer Schritt Richtung Selbstständigkeit. Eigentlich ganz normal, wie eben „draußen“ auch. Keine große Sache, sollte man meinen. Meine alte Flexibilität war jedoch irgendwie dahin. Das war eine riesige Umstellung, die mich im Moment an die Grenze meiner nervlichen Belastbarkeit trieb.

Ein weiterer, großer Vorteil der wiedergewonnen Freiheit und Selbstständigkeit war aber, dass ich zu jeder Tageszeit ein- und ausgehen konnte, wie ich wollte. Einfach so. Ohne, dass die Pförtnerin erst meinen Patientenausweis überprüfte. Oder mir gar die Tür öffnen musste. Ich konnte einfach am Empfang vorbeispazieren und rausgehen. Ins Dorf. Oder einfach spazieren. Oder sogar mit meinem Auto irgendwohin fahren. Ich war wieder frei.

Tag Nr. 2

Die Nacht war angenehm – keine der beiden anderen schnarchte. Ich hörte weder die Nachtschwester, noch sonst irgendetwas. Morgens um kurz nach sechs klingelte mein Wecker. Ich blieb liegen. Ich konnte einfach nicht aufstehen. Ich war einfach total krank. Bis mich um zwanzig nach Sieben die Ältere etwas unsanft wachrüttelte. Die würden stinksauer werden, wenn ich nicht spätestens um halb sieben zum Blutabnehmen unten stünde, meinte sie. Also wälzte ich mich widerstrebend aus dem Bett, putzte die Zähne im Schnelldurchgang, fuhr mir einmal kurz mit der Bürste durch die Haare, zog eine Jogginghose und einen Pulli an und trottete nach unten zur medizinischen Zentrale. Dort wartete schon eine ganze Schlange. Nach der Erfahrung von gestern fragte ich diesmal gleich, wohin sie wollten. Zwei waren noch vor mir in der Blutentnahme-Schlange. Schließlich war ich dran. Mittlerweile war das reine Routine für mich geworden.  Rechten Arm hinhalten, Faust ballen, in die andere Richtung schauen, auf den Piecks warten, Faust öffnen. Und dann Pflaster aufdrücken. Sie drückte mir noch ein Becherchen für die Urinprobe in die Hand. Das hätte ich bis neun Uhr an der „MZ“ abzugeben und ich war entlassen. Ich ging hoch. Bevor ich mich wieder ins Bett fallen ließ, nahm ich noch die Thyroxintablette, die letzte der Tagesration, die man mir in der Psychiatrie noch mitgegeben hatte. Nach dem Frühstück würde ich mir in der medizinischen Zentrale, die hier kurz MZ genannt wurde, welche holen müssen. Ich schlief wieder bis acht. Dann stand ich auf, zog mich um, widmete meinen Haaren und meinem Gesicht etwas mehr Hingabe als noch eine Stunde zuvor und ging zum Frühstück. Die ältere Frau hatte das Zimmer bereits verlassen, das Mädchen schlief noch. Das Frühstück war richtig gut. Mal abgesehen von der Oma, die mich, noch bevor ich saß, bereits mit der ersten Frage bombardierte. Uuuuund, Sophie, wie hast du denn die erste Nacht geschlafen? Es gab Semmeln, Brezen, verschiedene Sorten Brot, Bircher-Müsli, normales Müsli, Kellogs und Smacks, es gab Obstsalat, Wurst, Käse, Marmelade, Eier… die Auswahl war bedeutend besser, als ich es von diversen Dienstreisen gewohnt war. Lecker. Nach dem Fraß der letzten drei Wochen war das hier der Himmel.

Schließlich ging ich nach oben, um meine Tabletten zu nehmen – eine Ration für die folgenden zwei Tage hatten mir die Pfleger aus der Psychiatrie mitgegeben – und packte alle meine Medikamente, das mittlerweile gelbe Becherchen sowie den Zettel, auf dem Termin bei der Ärztin vermerkt war und ging wieder nach unten, zur medizinischen Zentrale. Nun saß ich also schon zum zweiten Mal heute vor der gleichen Tür in der Warteschlange. Diesmal wurde ich namentlich von einer Ärztin aufgerufen. Nachdem sie zu allererst eine Erkältung diagnostizierte und Halsschmerztabletten und Nasentropfen auf der Liste meiner Bedarfsmedikation (diese Medikamente konnte ich mir jederzeit, eben wenn ich Bedarf hatte, an der MZ holen) ergänzt hatte, führte sie die gleichen Reaktions- und Reflextests bei mir durch wie die Psychiaterin in der Psychiatrie.  Ich wurde gewogen – ich hatte trotz des miserablen Essens in den letzten Woche nur geringfügig abgenommen – der Blutdruck wurde mal wieder gemessen – alles wie immer. Dann ging ich gemeinsam mit der Ärztin die Medikamente durch, die ich aktuell einnahm, zusammen mit der Dosierung. Sie notierte alles in einer Akte, so dass ich ab morgen meine Medikation jeweils morgens in der MZ abholen konnte. Sie würden die Blutwerte überprüfen, und dann gegebenenfalls die Medikation anpassen. In der Regel würde sie sonst nur abgeändert, wenn es denn therapeutisch Sinn machte. Gut zu wissen. Sie drückte mir noch ein Aufklärungsblatt zum Thema Psychopharmaka in die Hand, das ich unterschrieben in der Station II abgeben sollte. Langsam sollte ich mir für diese Zettelwirtschaft einen Ordner anlegen, die kleine Pinnwand über meinem Bett reichte nach einem Tag schon nicht mehr aus. Schließlich musste ich mich noch für Sportaktivitäten entscheiden – jeden Tag eine. Ich hatte die Auswahl zwischen morgendlichem Kreislauftraining um halb sieben, Walken um Acht, individuellem Gerätetraining, Rückengymnastik und Wassergymnastik. Im Gegensatz zum Frühstück fand ich diese Angebot ein wenig dünn. Ich entschied mich für dreimal Walken – Montag, Mittwoch, Freitag – und zweimal Wassergymnastik. Genau wie Johanna. So konnte ich weiter Intervalltraining machen, das hatte ja zuletzt in der Psychiatrie sehr gut getan und auch immer besser geklappt, und  Wassergymnastik wäre wenigstens mal etwas Abwechslung. Das war nun aber noch nicht die Anmeldung gewesen, erfuhr ich gleich: Das musste ich selbst machen, und zwar zwischen 8.00 Uhr und 9.00 Uhr an einem kleinen Schalter im Bereich der physikalischen Therapie. Okay.

Danach setzte ich mich in die Schlange für die EKGs. Mittlerweile war auch das reine Routine für mich. Die Saugnäpfe kitzelten angenehm und nach zehn Minuten war alles vorbei. Damit war mein offizielles Tagesprogramm um halb elf beendet, nur die diversen Bögen und Formulare warteten auf ihre Bearbeitung. Aber das hatte Zeit.

Erstmal holte ich mir Halsschmerztabletten in der MZ, einen Tee und legte mich wieder ins Bett, bis zur Führung mit meiner Patin. Die war wie erwartet super anstrengend. Sie zeigte mir zwar alles, das Schwimmbad, die große und die kleine Turnhalle, den Computer für die Essensbestellung, sogar die Lehrküche, verschiedenste Büros etc. Aber plapperte in einem fort durch und hatte eine ziemlich anstrengende Art, ständig Bestätigung von mir zu erwarten. Ich war heilfroh, als ich sie wieder los war. Und ich könnte mich natürlich jederzeit bei ihr melden, sie wäre ja nur zwei Zimmer weiter! Halleluja. Lasst mich doch einfach alle in Frieden. Irgendwie schaffte ich es, sie sogar noch vor dem Mittagessen abzuschütteln. Das war wie am Tag davor bereits auch sehr lecker, aber im Gegensatz zu gestern plätscherte das Tischgespräch angenehm vor sich hin, und ich musste kaum ein Wort sagen, sondern konnte einfach zuhören. Vielleicht war der Knallertisch doch nicht so übel wie ich anfangs dachte.

Den Rest des Tages verbrachte ich, mit Ausnahme eines langen Spaziergangs mit Johanna, diesmal bei Sonnenschein, im Bett. Endlich durfte ich krank sein.

 

Eine neue Therapeutin

Hinter der orangen Tür wartete ein schmaler Gang, von dem zahlreichen Türen abgingen. Eine davon führte in das Büro meiner neuen Therapeutin. Es war mit einem Schreibtisch, einem Schrank und zwei bequemen Sesseln sowie einem Magnetboard eingerichtet. Außerdem hatte es ein Fenster, das die  ganze Breite des Raumes einnahm, durch das man auf die weiten Wiesen hinter dem Haus blicken konnte. Sie bat mich, auf einem Sessel Platz zu nehmen und setzte sich selbst, mir gegenüber, auf den anderen.

Sie war vermutlich Anfang dreißig, hübsch und hatte eine unglaublich positive Ausstrahlung. Sie begrüßte mich sehr herzlich und bat mich, ihr zu erzählen, warum ich hier war. Ich begann also zu erzählen, dass ich aus der Psychiatrie überwiesen worden war. Dorthin war ich wegen Burnout, Depressionen und Panikattacken eingewiesen worden. Und begann dann genauer (aber sowieso schon knapper als noch die ersten Male) zu erzählen, was sich vor einer Einweisung in die Psychiatrie alles ereignet hatte. Ich weinte. Die Erinnerungen an manchen Situationen steckten nach wie vor unglaublich tief und weckten riesige Angst und Verzweiflung. Sie schob mir die Taschentücher hin, die auf einem kleinen Tischchen schon bereit standen, und sprach mir kurz tröstend zu. Dann unterbrach sie mich. Ich sehe schon, das ist eine lange Geschichte. Wir haben aber heute nur 50 Minuten Zeit. Daher schlug sie vor, dass sie mir nun erstmal erklären würde, wie die Therapie hier vor sich gehen würde, damit dies zu Anfang geklärt war und wir uns anschließend ganz mir widmen konnten. Ok. Ich war es nicht gewohnt, von einer Therapeutin unterbrochen zu werden. Aber gut. Sie erklärte also, dass ich, solange ich in der Klinik war, wöchentlich zwei Termine bei ihr hätte, à 50 Minuten. Wir würden zwar auch an der aktuellen Verfassung arbeiten, aber vor allen Dingen mit psychotherapeutischen Schemata, die ich noch kennen lernen würde. Außerdem erklärte sie mir, dass ich auf der Station war, die sich speziell mit Angststörungen befasste. Das verwirrte mich. Zum einen, war ich doch schließlich in der Psychiatrie in der Depressionsgruppe gewesen. Zum anderen gab es, das wusste ich aus der Beschreibung, eine eigene Burnout-Station in der Klinik. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, ihr zugeteilt zu werden. Nun gut. Ich sagte das der Therapeutin. Sie antwortete, dass die Zuteilungen gemäß des Anmeldebogens gemacht wurden. Wenn es wirklich nicht passen sollte, dann könne man mich natürlich jederzeit einer anderen Station zuteilen. Aber ich hätte doch sehr starke Angstsymptome? Ja schon, antwortete ich ihr. Aber nur wegen des Burnouts. Ich erklärte ihr, dass ich bisher davon ausgegangen war, dass diese nervigen Angstzustände von alleine wieder weggehen würden, wenn ich wieder fitter war. Das kann schon so sein, antwortete sie mir. Ich hatte selbst auch einen Patienten, bei dem das in der Tat so war. Generell aber ist es immer besser, direkt an der Angst zu arbeiten. Die entwickelt man in der Regel auch aus einem bestimmten Grund. Ich gab mich geschlagen. Im Anschluss gab sie mir ein mehrseitiges Schriftstück, den Behandlungsvertrag. Den sollte ich mir bis nächste Woche durchlesen, unterzeichnen und wieder mitbringen. Wenn ich dazu Fragen hätten, dann würde sie die gerne in der nächsten Stunde mit mir klären. Außerdem übergab sie mir einen sehr langen Anamnesebogen. Er hatte wohl an die zehn Seiten. Den sollte ich bitte auch bis zur vierten Stunde ausgefüllt mitbringen. Und, zum Abschluss der Stunde, möchte ich gerne von Ihnen wissen: Warum sind Sie hier? Was ist Ihr Ziel? Ich blickte sie wohl etwas verwirrt an, denn sie fuhr fort, weiter zu erläutern. Naja, was möchten Sie denn hier lernen? Was versprechen Sie sich denn von dem Aufenthalt hier? Naja ich möchte wieder ich selbst sein, sagte ich ihr. Glücklich. Keine Depression, keine Ängste, wieder Energie haben. Und ich möchte vor allem verstehen, warum mir das alles passiert ist. Nach einer kurzen Pause, setzte ich nach. Und wie ich es hinkriege, dass mir so etwas nie wieder passiert. Wir vereinbarten die nächsten Termine und damit war meine erste Therapiestunde in der Psychosomatik vorbei.

Ich war wieder müde ohne Ende, und ging direkt, mit kurzem Umweg über die Teestation in der Cafeteria, in mein Zimmer, legte mich ins Bett. Ich war zu k.o., um auch noch das Gepäck zu holen. Nachher würde ich sowieso mit Johanna rausgehen. Ich lag also wieder in meinem Bett, bis zum Abendessen, völlig erschöpft und fast schon überfordert von den vielen neuen Eindrücken. Und von der Tatsache, dass ich irgendwie allein auf mich gestellt war. Das war ungewohnt.

Das Abendessen, es gab ein großes, kaltes Buffet, war sehr lecker. Dass es keinen Zwieback gab, machte gar nichts aus – schließlich hatte ich die Auswahl zwischen Semmeln, in etwa vier verschiedenen Brotsorten und diversen Knäckebrot-Arten. Das Tischgespräch bei uns wurde vor allen Dingen von der Kur-Oma und der Aerobic-Trainerin geführt. Letztere machte einen wirklich netten Eindruck. Sonst war sowieso nur noch ich am Tisch, und ich war zu k.o. um groß etwas zur Unterhaltung beizutragen. Überhaupt war es in dem Speisesaal sehr laut. Daher verabschiedete ich mich rasch wieder und wartete draußen im Eingangsbereich auf Johanna. Wir gingen eine kleine Runde spazieren, die kleine Walkingrunde entlang. Das Wetter war nicht besonders, aber wir hatten beide die frische Luft dringend nötig. Johanna erzählte mir viel von der Klinik, ich konnte  zuhören und musste kaum reden. Der Weg, den wir entlanggingen, folgte einem Bach, der ganz ungezwungen durch ein kleines Wäldchen mäanderte, wir kamen an einer kleinen Schafherde vorbei und zahlreichen Maisfeldern. Wunderschön ruhig war es hier. Auf dem Rückweg holten wir den Rest meines Gepäcks aus dem Auto, verabschiedeten uns, und ich fiel keine Stunde später tot ins Bett. Es war gerade mal halb neun, als ich mein Buch zu klappte. Ich war hundemüde. Und morgen musste ich spätestens um halb sieben zur Blutabnahme in der medizinischen Zentrale erscheinen.