Beste Zeit

Es gibt genau zwei Dinge, die ich überhaupt nicht kann: Geduld haben und Nichts tun.

Dummerweise genau die beiden Eigenschaften, die jetzt, wie mir meine Ärztin tags zuvor nochmal eindrücklich bestätigt hatte, gefragt waren. Wenn es mir schlecht ging, hatte ich mit beidem kein Problem. Es war ja ganz egal, was war und was sein würde. Aber an den wenigen Tagen, an denen es mir gut ging, war auch der Antrieb wieder da. Ich wollte etwas tun, ich konnte nicht still sitzen. Und merkte dann aber schnell, leider erst hinterher, dass ich mit den kleinsten Dingen – wie Kochen oder mit Fernsehfilmen – bereits überfordert war. Es war zu anstrengend und anschließend ging es mir wieder schlecht.

Auch da hatte mir Daniela sehr geholfen. Sie hatte mir ein paar Tipps gegeben, wie ich mich beschäftigen könnte: „Du hast doch früher viel Musik gemacht – probiere das doch einfach mal aus. Ich habe oft Phantasiereisen gemacht und viel Sport getrieben. Oder suche dir einfach einen schönen Platz und lies.“

Auf Lesen hatte ich gerade keine Lust. Ich würde mich sowieso nicht auf das Buch konzentrieren können. Zu den Sportarten, die ich sonst gerne machte, fehlte mir die Kraft.

Ich begann also, meine Blockflöten auszupacken. Ich hatte als Teenager lange Jahre in einem Blockflötenquartett gespielt, nicht nur mit den kleinen, in den falschen Händen quietschenden Sopranblockflöten, sondern auch mit den viel größeren Alt- und Tenorflöten, die einen sehr schönen, tieferen Klang haben. Ich suchte mir ein paar Stücke, die wir früher oft gespielt hatten. Und war total überrascht: In der Regel war bereits nach dem ersten Takt die komplette Melodie wieder in meinem Kopf. Die Finger bewegten sich beinahe von allein, einzig Griffe wie das hohe As hatte ich nicht mehr im Kopf. Es machte mir richtig Spaß.

Und ich ging am nächsten Sonntag in die Kirche. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, das, typisch bayrisch, sehr katholisch geprägt war. Das Kirchenjahr bestimmte den Rhythmus. Auch meine Eltern legten großen Wert auf eine katholische Erziehung. Ich bin heute vielleicht nicht das, was man als fromm bezeichnen würde, aber ich glaube an Gott. Der sonntägliche Kirchgang war in meiner Kindheit selbstverständlich, mit den Jahren aber rückte er immer mehr in den Hintergrund. Zum einen, weil ich nur noch selten an den Wochenenden zu Hause war und es mir komisch vorkam, allein in einer fremden Kirche mit fremden Menschen den Gottesdienst zu besuchen, zum anderen, weil alles andere wichtiger wurde. Und so wurde ich zu einem dieser Menschen, die zwar keinen einzigen hohen Feiertag ohne die heilige Messe feiern – Weihnachten ohne die Christmette ist kein Weihnachten – , aber sonst war der Gottesdienst und alles, was dazu gehört, irgendwie aus meinem Leben verschwunden. Es war einfach nicht „cool“, in die Kirche zu gehen. Genauso wenig wie Blockflöte zu spielen. Irgendwann war dafür in meinem Leben kein Platz mehr.

Ich merkte, wie mir diese beiden Dinge, die früher ein selbstverständlicher Teil von mir gewesen waren, halfen, wieder mehr in Beziehung mit mir selbst zu treten. Ich hatte mich selbst über die letzten Jahre hinweg total verloren. So sehr, dass ich zuletzt keinerlei Emotionen mehr hatte und öfter das Gefühl hatte, meinen Körper von außen zu dirigieren, als noch wirklich in ihm und mit ihm zu leben. So begann ich langsam die komplizierte Suche nach mir selbst. Und ich begann gedanklich an dem Zeitpunkt, von dem ich wusste, dass ich hundertprozentig glücklich und zufrieden gewesen war: Bei der damals 17-jährigen Gymnasiastin, in den Sommerferien vor der Kollegstufe. Um es mit Markus H. Rosenmüller zu sagen: Das war, im Rückblick, meine „Beste Zeit“.

Maßloser Ärger

Es war mittlerweile Ende Juli, ich war seit drei Wochen krankgeschrieben. So langsam aber sicher merkte ich, wie ich körperlich wieder fitter wurde. Die Eisen- und Vitamin-D-Tabletten, die ich jeden Tag nahm, begannen wohl zu wirken. Besser ging es mir aber ansonsten nicht. Die Erschöpfungsdepression hatte mich im Griff.

Ich ärgerte mich maßlos. Und zwar über mich selbst. Dass ich es soweit hatte kommen lassen. Warum hatte ich nicht einfach gekündigt? Alles hingeschmissen und einfach auf die langersehnte Weltreise hinausgezogen? Ich war ja nicht erst seit zwei Wochen unzufrieden gewesen.

Natürlich war mir klar, warum ich das nicht gemacht hatte. Ich war sehr glücklich in meiner Beziehung, und wollte sie um nichts in der Welt riskieren; ich hatte eigentlich gar kein Geld für eine Weltreise und außerdem schmeißt man, da, wo ich herkomme, nicht einfach so seinen Job hin, wenn man noch nichts besseres (!) hat. Das würde einer Niederlage gleichkommen. Und der bessere Job war gar nicht so leicht zu finden. Es war ja lange Zeit mein Traumjob gewesen, perfekt für mich, mit den besten Kollegen und guten Chefs. Auch wenn mir klar war, dass ich jede Entscheidung zu jeder Zeit wieder so treffen würde: Ich ärgerte mich maßlos über mich selbst. Und das nicht nur einmal. Sondern tagelang.

Krankschreibung II

Am nächsten Tag hatte ich bereits um 11.30 Uhr einen Termin bei meiner Allgemeinärztin. Wie schon gestern, vor dem Besuch beim Psychiater, war ich einigermaßen nervös. Hoffentlich schrieb sie mich ohne Diskussion wieder krank. Rational betrachtet stand es eigentlich außer Frage, aber man wusste ja nie.

Ich erzählte ihr, dass ich mich mittlerweile körperlich besser fühlte. Ich erzählte ihr aber auch von der Schlaflosigkeit und dem Egalsein, der Antriebslosigkeit und gleichzeitig der Unfähigkeit, Nichts zu tun, wenn es mir gut ging. Ich erzählte ihr vom Termin beim Psychiater am Vortag. Von dem Gespräch mit der Personalabteilung, dass ich einfach nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.

Sie fragte mich, wie denn mein Gefühl wäre, wann ich wieder arbeiten könnte. Ich antwortete ihr, keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich fügte noch an, vielleicht ginge es ja quasi „über Nacht“ wieder weg? Da musste sie mich – das hatte ich schon befürchtet, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte – enttäuschen. Es dauert in der Regel genauso lange, aus einem Burn-Out herauszukommen, wie es gedauert hat, bis er sich aufgebaut hat. Oder: Wer am allerlängsten dagegen ankämpft, kämpft hinterher auch am allerlängsten, bis er wieder fit ist. Sie riet mir, in der Arbeit erst einmal anzukündigen, dass ich frühestens im Oktober wieder da wäre. Das wären vier Monate, dachte sie laut. Im Nachsatz schob sie hinterher, dass sie aber eigentlich nicht denke, dass ich in diesem Kalenderjahr überhaupt nochmal arbeiten würde.

Sie riet mir außerdem, statt der antriebsfördernden Citalopram, die mir die Psychiaterin am Vorabend verschrieben hatte, erst einmal mit schlaffördernden, weil entspannenden Mitteln zu beginnen. Klingt logisch. Wer unter Schlafmangel leidet, ist selten entspannt und motiviert. Also verschrieb sie mir eine kleine Dosis Mirtazapin. Sie bestätigte mir jedoch, dass es gut war, dass ich dort gewesen war, und dass auch sie der Meinung war, dass eine Psychotherapie dringend notwendig war. Im Gegensatz zum Psychiater, der mich nur auf die Website der kassenärztlichen Vereinigung verwiesen hatte (was wiederum Kopfschütteln bei der Ärztin hervorrief), gab sie mir ein paar Namen von Psychotherapeuten, mit denen die Praxis zusammenarbeitete.

Sie schrieb mich für die nächsten zwei Wochen krank, danach hatte ich, vor ihrem Urlaub, einen erneuten Termin bei ihr. Hierfür müsste ich den Auszahlungsschein von der Krankenkasse dann bitte mitbringen. Ich blickte wohl entsprechend verwirrt, von einem Auszahlungsschein hatte ich noch nie gehört. Ab der sechsten Wochen zahlt nicht mehr der Arbeitgeber, sondern die Krankenkasse übernimmt die Auszahlung des Krankengelds, erklärte die Ärztin mir, in der Regel 70% des Nettogehalts. Dieser Schein ersetzt die Krankschreibung, die man „normalerweise“ an die Krankenkasse schickt. Für den Arbeitgeber hatte ich wieder einen dieser gelb-orangenen Zettel erhalten.

In Sachen Psychopharmaka war ich zwar in meiner ersten Eingebung bestätigt worden, so ganz sicher war ich mir aber immer noch nicht. Ich würde noch den Termin am Freitag bei der Therapeutin im BOZM abwarten.

Beim Psychiater

Die alte, ehemals sehr gute Freundin von mir, Dani (alle Namen geändert), hatte mir den Unterschied zwischen Psychiater und Psychologe bzw. Psychotherapeut erklärt. Ein Psychologe bzw. Psychotherapeut arbeitet mit Gesprächen und Analysen – das sind die mit der berühmten Couch. Ein Psychiater ist quasi der Arzt dahinter, er arbeitet vor allem mit Psychopharmaka – also Happy-Pills und dergleichen. Sie sagte außerdem, dass es der Psychiater wäre, der die ganze Behandlung steuern würde und mich durch diesen Dschungel der tausend Möglichkeiten leiten würde.

Am Montag nach dem schönen Wochenende in den Grainau war ich zwar etwas erschöpft, so dass ich den größten Teil des Tages im Bett zubrachte, aber insgesamt in ganz guter Verfassung. Der Termin war erst am späten Nachmittag und ich beschloss, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Das würde ungefähr eine Dreiviertelstunde dauern, damit hätte ich dann auch die eine Stunde Bewegung an der frischen Luft am Tag, die mir meine Allgemeinärztin „verordnet“ hatte.

Ein Termin bei einem Psychiater. Ich schob den Gedanken weg. Oder versuchte alternativ, mich davon zu überzeugen, dass das ein ganz normaler Arzttermin war. Wie etwa beim Internisten. Ich kannte wohl genauso viele Menschen, die in psychiatrischer Behandlung waren wie in internistischer. Mit dem Unterschied, dass ich von Ersteren bisher gar nichts wusste. Erst in den letzten drei Wochen habe ich erfahren, wie viele Menschen in meinem Umfeld in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung sind oder waren. Das schockierte mich, aber war verständlich. Denn nach wie vor denken wir doch so: Wer beim Psychiater ist, ist geisteskrank. Und das Bild, dass wir alle von einem Irrenhaus und Menschen in psychiatrischer Behandlung haben, ist in der Regel alles andere als positiv.

Ich fuhr also gemächlich quer durch München. Ich fuhr extra langsam, weil es so heiß war, und ich wollte nicht völlig verschwitzt dort ankommen. Bei ungefähr 40° im Schatten war das aber unmöglich. Diese verdammte Hitze. Ich war noch nie ein Freund großer Hitze; 28° Grad reichen mir völlig aus. Aber so geschlaucht wie in diesem Jahr hatte sie mich sonst nicht. Selbst die mehrstündige Wanderung um den Ayers Rock im australischen Outback oder Wanderungen im und am Grand Canyon hatten mich körperlich weniger mitgenommen als dieser heiße Sommer in Deutschland.

Die Praxis lag dann auch noch im vierten Stock ohne Aufzug (oder vielleicht habe ich den einfach übersehen, gut möglich). Immerhin war es schön kühl. Es war ein klassischer Altbau, dicke Mauern, hübsch gestaltetes Treppenhaus. Eigentlich wunderschön, insgesamt hätte es aber mindestens einen neuen Anstrich notwendig gehabt. Genauso die Praxis. Die war eher dunkel, im Stil der Siebzigerjahre eingerichtet. Die Sprechstundenhilfe war sehr freundlich, wusste sofort, wer ich war, und bat mich, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Dort saß nur eine weitere Patientin, sie war etwa im gleichen Alter wie ich. Das Wartezimmer sah aus wie alle Wartezimmer dieser Welt. An den vier Wänden standen bequeme Stühle, vor dem hohen Fenster war ein kleines Tischchen mit allerlei Zeitschriften darauf platziert, ein paar Grünpflanzen in den Ecken und mehr oder weniger dekorative Bilder an der Wand. Das einzige, was vielleicht etwas aus dem Rahmen fiel, war der altmodische Teppich.

Als die Ärztin die andere Patientin zu sich hereinbat, entschuldigte sie sich sehr freundlich bei mir, ich würde noch etwa eine halbe Stunde warten müssen, der Termin eben hätte leider länger als üblich gedauert. Sie machte einen sehr netten Eindruck, wirkte sehr jung auf mich. Es überraschte mich nicht, ich hatte mir ihre Praxis und ihren Lebenslauf vorher im Internet angesehen. Aber trotzdem: Sie war genau das Gegenteil von dem grauhaarigen und bedächtigen Herren, den ich mir bisher als den Prototyp eines Psychiaters vorgestellt hatte. Als sie mich dann hereinbat –  das Sprechzimmer war ähnlich altmodisch eingerichtet wie der Rest der Praxis – war ich etwas befangen. Sie fragte mich, warum ich hier wäre und ich wusste nicht so recht, was ich antworten sollte. Also begann ich, ihr, wie der Psychologin und etwas kürzer gehalten auch der Allgemeinärztin, meine Geschichte zu erzählen. Sie ließ mich eine Zeitlang erzählen, unterbrach mich dann aber. Warum sind Sie denn hier? Was fehlt Ihnen denn? Ja, was fehlte mir denn? Ich hatte mich völlig verändert – aber es war gar nicht so einfach, das jemanden zu erklären, der mich vorher nicht kannte. Also zählte ich auf: Mir ist alles egal, ich mache nichts mehr, ich liege den ganzen Tag im Bett und ich kann nicht mehr einschlafen. Sie machte, wie ich fand, relativ kurzen Prozess. Sie verschrieb mir Citalopram, das wohl gängigste Anti-Depressiva, erklärte mir, wie ich es einzunehmen hatte, und ergänzte, dass es circa drei bis vier Wochen dauern würde, bis es wirkte. Ich sollte Anfang September wiederkommen, da die Praxis erstmal vier Wochen geschlossen war. Ich fragte dann noch nach einer Krankschreibung. Sie meinte, sie könnte mich schon krankschreiben, dann würde aber der Arbeitgeber sehen, dass ich bei einem Psychiater war. Ob mir das recht sei? Nein, war es nicht. Als ich die Praxis verließ, war ich total verunsichert. Ich hatte ja keine Ahnung, was bei einem Psychiater normal war, aber irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache.

Dass Psychopharmaka keine Kopfschmerztabletten sind, weiß man ja. Die Beipackzettel würde ich lieber gar nicht erst auffalten. Und jetzt einfach so mir nichts, dir nichts welche zu nehmen, ohne zu wissen, wie sie eigentlich wirkten…. Nein. Daher löste ich das Rezept erstmal nicht ein. Ich wollte lieber noch die Meinung der Therapeutin und meiner Allgemeinärztin einholen.

 

Danke

Status

Ich bin total überwältigt von eurem Feedback. Knapp 3000 Visits an einem Tag – total irre.

Viele zollten mir ihren Respekt, dass ich das alles so offen zu Schreiben vermag. Ehrlich gesagt, fällt mir das bei den meisten Passagen sehr leicht. Denn ich schreibe nicht über mich. Nicht über die Sophie, die PR-Managerin war. Ich habe mich in den letzten eineinhalb Jahren selbst total verloren. Manchmal bin ich gar nicht mehr da – dann funktioniert mein Körper quasi allein. Manchmal bin ich da und stelle fest, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich diesem Körper und Kopf zumuten kann. Alle automatisierten Abläufe und abgespeicherte Grenzbelastungen stimmen nicht mehr. Je öfter ich das aufgeschriebene lese, desto mehr wird es eine Geschichte, die ich erzähle. Ich erzähle nicht von mir. Ich bin gerade auf Urlaub. Manchmal schaue ich vorbei, so wie jetzt gerade. Manchmal bin ich aber ganz weit weg. Weil ich das alles um mich herum oder in mir drin nicht ertragen kann. Diese Momente sind gottseidank sehr selten geworden. Aber noch immer fühle ich mich unwohl mit diesem Körper, der bei der Seniorengymnastik Muskelkater bekommt und diesem Kopf, der nach einer Stunde Gespräch eine Pause braucht.

Irgendwann werde ich wieder ganz da sein und dann wird mir das Schreiben vielleicht nicht mehr ganz so leicht fallen. Aber in zwei Dingen bin ich mir sehr sicher: Dass mir das Schreiben hilft, diese Episode meines Lebens zu verarbeiten und, dass ich das Richtige tue. Irgendjemand muss doch mal den Mund aufmachen und allen da draußen erzählen, wie scheiße so ein Burnout wirklich ist. Dass man sich nicht einfach ein paar Monate von den Strapazen der ach-so-stressigen-Arbeit oder dem ach-so-stressigen-Privatleben erholt. Sondern, dass man sein Leben verliert. Das, was man geglaubt hat zu sein. Und dass es alles andere als ein Spaziergang ist, wieder annähernd zu dem Punkt zurückzukommen, an dem man aufgehört hat, man selbst zu sein. Ich bin seit zweieinhalb Monaten krankgeschrieben und seit fünf Wochen in klinischer Behandlung – und immer noch meilenweit weg von irgendeiner Art von mir selbst, die fähig wäre, ein normales Leben zu führen.

Ich habe in den letzten Wochen sehr viele verschiedene Menschen kennen gelernt. Und ich ziehe den Hut vor allen, die trotz einer dauerhaften psychischen Erkrankung immer wieder von neuem die Kraft finden, aufzustehen und die immer wieder versuchen, das Beste aus jedem Tag zu machen, egal wie schwer es gerade fallen mag. Und vor allen Dingen mit dem Wissen zu leben, dass da draußen verdammt viele Menschen sind, die einen nicht kennen, von der eigenen Geschichte und Persönlichkeit keine Ahnung haben, aber sich dennoch dazu in der Lage sehen, über einen zu urteilen.

Hut ab vor euch allen. Ihr seid Helden.

Im Schatten der Zugspitze

Bild

Nach dem kurzzeitigen Aktionismus schlich sich wieder etwas Ruhe ein. Ich hatte mir mit den Arztterminen ein Auffangnetz verschafft und meine Eltern hörten damit auch endlich auf, mich täglich nach der neuesten Entwicklung zu fragen. Die meisten dieser „Anfragen“ habe ich recht unwirsch weggewischt. Aus dem einfachen Grund: Ich wusste ja selbst nicht, was passierte und wie es weitergehen würde, welcher der richtige Weg war. Ich war unfähig, Entscheidungen zu treffen – also verdrängte ich alles, so gut es ging.

Ich fuhr mit einer Freundin drei Tage nach Grainau. Ich war dankbar und glücklich, dass sie sich extra für mich freigenommen hatte. Aber wirklich freuen konnte ich mich auf die Tage dort nicht. Genaugenommen war es mir ganz egal, wo und mit wem ich war.

Bereits auf der Fahrt merkte ich, wie gut es tat, rauszukommen und „meine“ Berge endlich wieder zu sehen. Das Hotel lag wunderschön ruhig an einem kleinen See. Die Zimmer sauber und ordentlich, das Essen sehr gut und das Personal sehr freundlich.

Nur wenige Stunden nach unsere Ankunft im Hotel klingelte plötzlich mein Handy. Die Personalabteilung hatte mir eine E-Mail geschickt. Sie würden mir gute Besserung wünschen und baten mich, mich bei Ihnen zu melden. Wenn ich mehrere Monate ausfallen würde, müssten sie einen Ersatz suchen. Zack! Da fegte der Tornado wieder in meinem Kopf. Ich versuchte die E-Mail zu verdrängen. Ich war in Grainau. Quasi im Urlaub. Ich wollte mich nicht damit beschäftigen. Aber der Tornado wollte sich nicht legen.

Wenig später, als ich die Kraft dafür gesammelt hatte, rief ich also unsere Personalerin an. Ich sagte ihr, dass ich noch nichts Genaues wüsste, und mich nach dem Termin bei meiner Ärztin wieder bei ihr melden würde. Damit war sie zufrieden. Ich legte auf. Doch den ganzen Abend flogen in meinem Kopf wieder Gedanken an die Arbeit umher. Das ging mir auf die Nerven. Ich ging mir auf die Nerven. Meine Freundin ging mir auf die Nerven. Wir stritten uns. Das ging mir auch auf die Nerven. Ich ging raus und lief zwei Runden um den kleinen See, versuchte mich zu beruhigen. Es gelang mir etwas. Schließlich gingen wir ins Bett. Es war circa elf.

Um zwölf stand ich wieder auf. Ich hatte noch keine Sekunde geschlafen. Ich setzte mich in einen der Balkonsessel und starrte den dunklen, nachtschwarzen Wald gegenüber an. Ich fröstelte. Eine ganze Weile saß ich dort, bis es mir endgültig zu kalt wurde, und legte mich wieder ins Bett. Ich weiß nicht, wie lang ich noch wach gelegen war. Am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Aber immerhin war ich – für meine aktuellen Verhältnisse – gut aufgelegt.

Nach einem ausgiebigen Frühstück zogen wir los. Wir wollten zur Höllentalklamm und dann zum Eibsee. Alles zu Fuß, versteht sich. Das Wandern tat mir gut. Grainau ist ein wunderschöner Flecken Erde und gerade die Höllentalklamm und der Eibsee, der direkt unter der Zugspitze liegt, lassen einen vor Ehrfurcht staunen. Wir wanderten beinahe fünf Stunden am Stück. Erst einen schönen, teilweise steilen und anstrengenden Steig hinauf zum Eingang der Klamm. In den Felshöhlen und Steiggittern der Klamm beobachteten wir begeistert den glasklaren, türkisblauen Bergbach, der sich irrwitzig die schmale Klamm hinunterstürzte und wanderten dann zweieinhalb Stunden auf beinahe ebenen Forstwegen bis zum Eibsee. Ich war weitgehend still, meine Freundin übernahm das Reden; eigentlich war mir das zu viel, ich hätte gerne Stille gehabt. Aber es tat mir gut. Negative Gedanken hatten so den ganzen Tag fast keine Chance, sich in mir auszubreiten, denn mein Gehirn war mit der Verfolgung der beinahe atemlosen Erzählungen und dem Wandern an sich bereits vollkommen beschäftigt. Als wir endlich am Eibsee ankamen, war ich zwar körperlich ziemlich erschöpft, mein Geist war aber zum ersten Mal seit Wochen völlig entspannt. Ich schwamm eine große Runde im Eibsee, der erstaunlich warm war, und genoss es, mich auf dem Rücken liegend durch das Wasser treiben zu lassen und dabei die Zugspitze und die umliegenden Berggipfel zu beobachten. Danach saßen bzw. lagen wir auf einem großen Fels am Ufer in der Sonne. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich die Schönheit der Natur um mich herum in vollen Zügen genießen, ohne dass mich irgendwelche störenden Gedanken aus dem Hier und Jetzt rissen. Ich spürte die Sonne, die das Wasser langsam von meiner Haut trocknete und sie wärmte. Den Wind, der mit meinen nassen Locken spielte. Ich atmete die Bergluft tief ein und sog die Ruhe, mit der der See vor mir lag, auf. Den Abend verbrachten wir im Spa-Bereich. In der finnischen Sauna mit Blick auf die Zugspitze und den Sternenhimmel ließen wir den Tag ausklingen. Ich schlief trotz der 90° dort beinahe ein. Und auch eine Stunde später in meinem Bett hatte ich zum ersten Mal seit Wochen keine Einschlafschwierigkeiten.

Am nächsten Tag besuchten wir noch das Königsschlösschen „Linderhof“ – ein wunderschöner Bau in einem noch schöneren Garten. Ich bemerkte zwar, dass mir die schlechte Luft in den alten Räumlichkeiten zu schaffen machte, hatte aber keinerlei Probleme damit, mit den zwanzig anderen Besuchern in den teils sehr kleinen Räumen „eingepfercht“ zu sein. Auch am Samstag schlief ich gut. Und am Sonntag fühlte ich mich sogar so fit, dass ich mich mit ein paar Kollegen zum Beach-Volleyball-Spielen traf. Ich hatte richtig Spaß am Spiel und konnte zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig lachen. Selbst, dass der Beach-Volleyball-Platz in unmittelbare Nähe zum Firmengelände lag, machte mir nichts aus. Es war so schön.

So viele Tage im Nichts

Mir war nicht ständig alles egal. Abends war es meistens besser als morgens. Manchmal konnte ich mich dazu aufraffen, Sport zu treiben oder spazieren zu gehen. Das tat gut. Manche Tage waren aus irgendeinem Grund sogar richtig gut. Zweimal in diesen zwei Wochen erschrak ich sogar richtiggehend über mich selbst. Ich hatte gelacht. Beim ersten Mal, als ich zwei Stunden lang mit meinem zweijährigen Cousin „Pferd“ gespielt hatte und er laut lachend und vor Freude quietschend vor mir her „galoppierte“ – übrigens sehr zur Freude der Nachbarn. Das zweite Mal ertappte ich mich in einer Wasserrutsche im Freibad. Meine Mutter hatte mich beinahe hineingenötigt, vermutlich in einem Versuch, mich aus der Reserve zu locken. Ich rutschte nur ihr zuliebe. Aber sie hatte Erfolg. Ich konnte offenbar doch noch lachen.

Die meiste Zeit jedoch war mir einfach alles egal. Ich sprach kaum noch. Lachte nicht mehr. Starrte stundenlang regungslos vor mich hin. Ich, die „Stillsitzen“ sonst nicht einmal buchstabieren konnte.

So viele Stunden vergingen im Nichts. Ich weinte viel, meine Augen brannten. Niemand konnte mir helfen. Nicht einmal meine Familie oder sehr enge Freunde. Keiner verstand, wie ich mich fühlte. Keiner konnte mich aufheitern. Jeder meinte, ich solle einfach mal den Sommer genießen und in ein paar Wochen wäre ich wieder fit. Ich konnte aber doch nichts mehr genießen! Ich erinnerte mich sehr wohl, was mir früher einmal Spaß gemacht hatte. Aber das erschien mir wie aus einem anderen Leben.

Außerdem meldeten sich langsam die Angst und das Herzstechen wieder zurück. Schließlich waren schon zweieinhalb Wochen vergangen. Was, wenn die Ärztin mich nicht mehr krankschreiben würde? Ich in zwei Wochen wieder arbeiten müsste?

Die Angst ließ mich aktiv werden. Ich kontaktierte eine alte, ehemals sehr gute Freundin, die im vergangenen Jahr wegen Burn-Out ein halbes Jahr ausfiel. Ich wusste ja eigentlich gar nicht so recht, was mich in der nächsten Zeit erwarten würde. Ich rief bei der Allgemeinärztin an, um einen Termin zu machen. Auf den Rat der Freundin hin suchte ich nach einem Psychiater, und bekam dank einer Empfehlung bereits in der nächsten Woche einen Termin. Und schließlich schrieb ich auch der Psychologin wieder. Sie hatte damals gemeint, ich sollte mich melden, wenn ich in ein Loch falle. Ich hatte damals nicht ganz begriffen, was sie meinte, und war mir auch nicht sicher, ob ich überhaupt schon im Loch war. Aber das war mir egal. Mein Arbeitgeber übernimmt pro Mitarbeiter insgesamt drei Termine. Ich vereinbarte den zweiten.

Schäfchen zählen

Es war immer noch heiß. Das war vermutlich der heißeste Juli seit Menschengedenken. Seit zwei Wochen hatte es fast durchgängig über 35° Celsius.

Meine Wohnung in München und mein Zimmer im Haus meiner Eltern liegen direkt unter dem Dach und sind nur teilweise mit Jalousien ausgestattet. Herzlichen Glückwunsch! Ich schlief also so oft es ging auf einer Matratze im Keller meiner Eltern. Und wenn ich unbedingt in München sein musste oder wollte, weil ich es bei meinen Eltern nicht mehr aushielt, legte ich vor dem Schlafgehen nasse Handtücher auf das Bett, damit sich die Matratze etwas vollsaugte. Wenn ich dann schlafen ging, deckte ich mich mit einem anderen nassen Handtuch zu und steckte die Füße in nasse Waschlappen. Aber ich lag trotzdem stundenlang wach. Und ich träumte unglaublich schlecht. Ständig starb jemand. Oder ich starb. Oder beides. Oder ich war schuld am Tod anderer. Verdammte Hitze!

Ein paar Tage später kühlte es endlich etwas ab. Aber trotzdem schlief ich nicht besser. Und: Ich konnte auch tagsüber nicht mehr schlafen. Ich war unglaublich müde, und ich wollte nichts mehr als einfach nur schlafen. Aber es ging nicht. Das Karussell in meinem Kopf fuhr zwar langsamer als noch vor einigen Wochen, aber es fuhr immer noch. Und zwar ohne Pause.

Panik!

Ich hatte beinahe die komplette erste Woche, mit Ausnahme des Wochenendes, alleine und in der Natur verbracht. Das tat mir sehr gut.

Aber schließlich, und das bleibt einfach nicht aus, wenn man alleine lebt, musste ich Lebensmittel kaufen gehen. Also schrieb ich mir – zum ersten Mal seit ich denken kann – einen Einkaufszettel, packte meinen Geldbeutel und eine große Stofftasche und fuhr mit dem Fahrrad gemütlich die zehn Minuten zu dem kleinen Tengelmann, der etwa zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Der Weg führt, mit Ausnahme einer Kreuzung, immer gerade an einer wenig befahrenen Straße entlang. Ich stellte mein Fahrrad ab, packte meine Tasche und ging in den Laden hinein. Er war nicht sehr voll. Ein paar ältere Paare, die sich wohl kannten, tratschten gerade neben dem Kühlregal. Ich ging direkt durch zur Frühstücksabteilung. Seit einiger Zeit schon stellte ich mir mein Müsli selbst zusammen. Hafer- oder Dinkelflocken, Haferfleks, gehackte Nüsse, Kokosraspeln und manchmal mischte ich noch ein fertiges Schokomüsli darunter. Das war günstiger, schmeckte in der Regel besser – und es waren definitiv keine Rosinen drin.

Ich stand seit geschlagenen zehn Minuten vor dem Müsliregal und konnte mich für nichts entscheiden. Immerhin die Kokosraspeln hatte ich schon im Korb, da gab es nur zwei Alternativen. Die älteren Herrschaften sprachen unnatürlich laut miteinander. Also nahm ich einfach von allem das erstbeste, das mir in die Hand fiel – ob Dinkel oder Haferflocken war schließlich auch egal – suchte noch ein bisschen Obst, Gemüse, Joghurt und Nudeln zusammen und ging zur Kasse. Draußen deponierte ich die volle Tasche vorsichtig in dem Eisenkorb auf meinem Gepäckträger und fuhr nach Hause. Ich freute mich schon darauf, gleich das Müsli zusammenzumischen.

Auf halber Strecke blieb mir plötzlich die Luft weg. Ich hatte einen unwahrscheinlichen Druck auf der Brust, der mir das Atmen kaum noch ermöglichte. Ich war überrascht. Ich fuhr doch nur geradeaus, sehr langsam und auf der Straße war kein Verkehr. Intuitiv besann ich mich der Atemübungen, die ich von der Logopädie her kannte und konzentrierte mich nur noch darauf, langsam und sehr tief in den Bauchraum ein- und auszuatmen. Die langsame, gleichmäßige Bewegung auf dem Fahrrad erschien mir als wohltuend, also behielt ich sie bei, statt abzusteigen. Nach einigen tiefen Atemzügen legte sich der Druck, und ich konnte wieder normal atmen. Komisch, dachte ich bei mir. So etwas war mir noch nie passiert. Und vergas das Ganze wieder.

Die Gedanken an diese Episode waren ein paar Tage später recht schnell wieder da. Ich war mit meiner Mutter einkaufen, weil ich ein Kleid für die Hochzeit meiner Cousine im Herbst suchte. Wir waren in einem kleinen Laden in Freising, der sich auf festliche Kleider spezialisiert hatte. Mir gefiel der Laden nicht, aber ich wusste von Freundinnen, dass sie hier schon das ein oder andere wunderschöne Kleid gefunden hatten. Die Verkäuferin machte ihre Arbeit gut und obwohl mir keines der Kleider wirklich gefiel, probierte ich ein paar. Es war mir schlichtweg zu anstrengend, ihr zu sagen, dass ich sie alle ziemlich hässlich fand. Also öffnete ich in der Umkleidekabine den Reißverschluss eines türkisen Corsagenkleids und zog es mir über den Kopf. Aber irgendetwas hatte sich verhakt. Ich hatte das Kleid genau über dem Kopf und schaffte es nicht, es mir selbst nach unten oder oben zu ziehen. Von einer Sekunde auf die andere bekam ich keine Luft mehr; meine Kehle schnürte sich komplett zu; mein Herz und die ganze Brust begannen stark zu stechen; ich schnappte nach Luft; ich hatte plötzlich wahnsinnige Angst, zu ersticken; ich bekämpfte den Impuls das teure Kleid zu zerreißen, und schrie stattdessen leise nach meiner Mutter; „Zieh’s hoch, zieh’s hoch, zieh’s hoch“; sie war direkt vor der Kabine gestanden und reagierte schnell, zog mir mit einem Ruck das Kleid über den Kopf. Ich brauch heulend zusammen. Ich hatte immer noch riesige Angst, zitterte am ganzen Körper, mir war eiskalt geworden. Ich wollte mich am liebsten in der hintersten Ecke verkriechen, verschwinden.

Meine Mutter war total erschrocken. „Was ist denn passiert?“, fragte sie mich. Ich konnte kaum noch sprechen, mehr als „Ich weiß nicht“ brachte ich nicht heraus. Ich kam recht schnell wieder zu mir, nahm den Raum um mich herum wieder wahr, zog mich an, drückte meiner Mutter die Kleider in die Hand und verließ, ohne ein Wort zu der verdatterten Verkäuferin zu sagen, schnellen Schrittes, beinahe laufend, den Laden. Draußen setzte ich mich auf den Boden und versuchte, wieder mit tiefer Bauchatmung, die Kontrolle über mich zurückzugewinnen. Meine Beine zitterten immer noch. Der Einkaufsbummel beziehungsweise der ganze Tag waren damit gelaufen. Was zum Teufel war passiert? Klar, ich hing in dem Kleid fest. Aber realistisch gesehen war es vermutlich unmöglich, in einem Kleid zu ersticken. Erst Stunden später realisierte ich, dass das eine ausgewachsene Panikattacke gewesen war.

In den nächsten Wochen versuchte ich noch ein paar Mal, nach einem Kleid zu schauen. Aber keine Chance. Egal wie groß und offen der Laden war – spätestens bei der Durchsicht der Kleider fing das starke Stechen in der Brust wieder an. Der Neandertaler in mir wollte fliehen. Und mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu gehorchen. Mein Nervensystem hatte die Gewalt über mich.

Der Fluchtinstinkt stellte sich in den nächsten Wochen auch in anderen Situationen ein: Große Menschenansammlungen. Enge Räume. Laute Geräuschquellen. In manchen Momenten schaffte ich es, den Instinkt zu besiegen. Das kostete mich jedoch unwahrscheinlich viel Kraft. In den meisten Fällen gelang es mir nicht. Ich konnte die Flucht lediglich durch normales Geh-Tempo oder Vorwände kaschieren. Das war alles, was ich meinem vegetativen Nervensystem noch als Gegenwehr aufbieten konnte.