Auf dem Hohen Peißenberg

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Wieder Freitag. Traumwetter. Johanna war nicht da, sie war diesmal schon von Freitag auf Samstag nach Hause gefahren. Und ich wollte in die Berge. Keine große Tour, aber ich wollte raus aus der Klinik, schließlich hatte ich den ganzen Nachmittag frei. Ich hatte mir überlegt, ob ich jemand anderes fragen sollte, ob er nicht mitkommen wollte auf den Hohen Peißenberg, aber dann ging ich doch lieber allein. Ich hatte mir eine wirklich entspannte Tour ausgesucht, mit einem angeblich traumhaften Panoramablick über die Seen und die Ammergauer Alpen.

Allein schon die Anfahrt war ein Traum. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, warm, mit einer ganz leichten Brise. Entspannte Musik, die Autofenster offen, die Haare im Wind, mitten durch die kurvigen Landstraßen Oberbayerns, durch kleine Dörfer mit malerischen Bauernhöfen, Kuhweiden, Wiesen, Wälder und Klöster in einer sanften grünen Hügellandschaft.

Ich genoss es, ich kam mit dem Schauen beinahe nicht hinterher. Ich war glücklich, so wie es war, froh, dass ich allein unterwegs war. So ein schöner Flecken Erde. Schließlich parkte ich das Auto und ging los. Die Wanderung war mehr ein ausgiebiger, teils steiler Spaziergang, im Wald, an Feldern vorbei, bis auf ein Hochplateau, an mehreren einzelnen, abgeschiedenen Bauernhöfen vorbei, bis zum Hohen Peißenberg. Dort oben befindet sich eine Wallfahrtskirche, eine Wirtschaft und ein – warum auch immer – Küchenstudio. Man hätte auch mit dem Auto hochfahren können, der Parkplatz war nicht sonderlich voll, es war ja Freitag, zwei Reisebusse standen da. Ich setzte mich auf eine Bank in die Sonne, und sog das Alpenpanorama auf, das sich vor mir ausbreitete. Ich war nicht besonders hoch, aber es reichte, vor mir wuchsen die Alpen in die Höhe. Berge lösen bei mir immer eine Art Demut aus – so erhaben, wie sie dort vor einem liegen, so unverrückbar – und gleichzeitig Neugier. Was mag wohl hinter ihnen sein? Wie mag es wohl hinter ihnen sein?

Schließlich streckte ich mich aus, legte mich auf die Bank in die Sonne. Ich war am Leben. Es war nicht alles gut, aber gerade schon. Es war ein wunderschöner Tag. Ich war zufrieden mit meinem Leben, so wie es jetzt gerade war. Ich war glücklich. Ich war ruhig, ich war bei mir angekommen. Nach einer Weile stand ich schließlich auf und beschloss, mir das Gipfelplateau ein wenig genauer anzusehen. Dort oben war ein großer Friedhof, ihm gegenüber ein großes, gemütlich wirkendes Gasthaus, das auf eine sonnige Panoramaterrasse einlud. Dazwischen eingeklemmt ein Wohnhaus und das Küchenstudio. Die Kirche lag ein Stückchen weiter, am Ende des Plateaus. Die Hauptkirche wurde gerade renoviert und war deshalb gesperrt, die kleine Marienkappelle aber war offen. Ich ging hinein, setzte mich in eine der Bänke. Ich war allein, ich genoss die Ruhe, die zwar gleich, aber gleichzeitig doch ganz anders war als die zuvor, draußen auf der Bank.

Ich begann mit leiser, kaum hörbarer Stimme zu singen. Segne du, Maria, segne mich dein Kind. […] Segne all mein Denken, segne all mein Tun, lass in deinem Segen Tag und Nacht mich ruh’n. Ich versank in diesem Lied, in diesem Wunsch, in diesem Bitten.

Es klang schon öfter an, manchmal sehr deutlich, manchmal eher zwischen den Zeilen. Mein Glaube hatte mich in den letzten Wochen aufgefangen. Als es am allerschlimmsten war, als es mir am allerschlechtesten ging, so schlecht, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben für mich betete, als meine Angst am größten war, hat mich mein Glaube aufgefangen. Ich konnte plötzlich loslassen, mich an einem Punkt, an dem ich selbst mit Willen und Verstand nicht weiter kam, jemandem Größeren überantworten. Der Gedanke, dass das alles einen Sinn hätte, auch wenn es gerade schwer war, darin einen Sinn zu erkennen. Das Gott einen Plan für mich, für jeden von uns hat und dass jeder gut ist, so, wie er ist, jeder so, wie er ist, es wert ist, geliebt zu werden: Es gibt keinen tröstenderen Gedanken, kein befreienderes Wissen. Vergeben bedeutet auch und vor allem Loslassen. Ein Rosenkranz ist nichts anderes als eine Meditation. Eine Stunde Gottesdienst ist eine Auszeit vom Alltag, eine Auszeit, um zu sich selbst und dann auch zu Gott zu finden. Ich glaube an Gott, ja. Im Glauben finde ich meine innere Mitte, meine innere Kraft.

Die meisten von uns hier suchen Halt. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Für mich war dies der einzig richtige Weg, gleichzeitig ein Schritt zurück in meine Kindheit und nach vorne in meine Zukunft. Ab dem Tag, an dem ich meinen weiteren Weg in Gottes Hand legte, ging es mir besser. Ich fühlte mich befreit. Es gibt sicher viele andere Wege und Varianten. Ganz egal aber, wie: Wer seine Mitte nicht findet, kann nur schwer seinen Ruhepunkt finden.

Ich genoss die Geborgenheit, die Akustik, der Klang meiner Stimme, die Worte des Liedtextes und sog diese Kraft in mich auf. Ich blieb noch eine Weile ruhig sitzen, dann zog es mich aber wieder nach draußen in die Sonne. Ich machte mich auf den Rückweg, dann auf die Heimfahrt und versuchte, die Kraft und Energie, die mir der Ausflug gegeben hatte, aufzubewahren. Abends dann spielten wir in der Turnhalle wieder zusammen Volleyball. Zu acht, immer beinahe die gleiche Runde, kaum Regeln, unterschiedlichste Niveaus. Es tat gut, sich auszutoben, oft ging wirklich ein gutes Spiel zusammen, besonders Chris, der Gangsta, tat sich hervor – nicht nur als cooler Player, sondern auch als Organisator, er trommelte die Leute zusammen, war gerecht und fair, kümmerte sich. Auch das: Ein bisschen Normalität. Ein bisschen Ventil. Lachen, leben, auspowern, bis keiner mehr konnte. Gemeinsam.

Wieder Kind

Ich merkte es an Papas Gesicht. Er lächelte schief, ich erkannte aber wohl, dass ihm die Situation gerade ungeheuer war. Es war anders als früher.

Am Donnerstagabend saß ich in der Freien Kunsttherapie. Ich hatte ein kleines bisschen Energie über, so dass ich nach dem Abendessen zum ersten Mal nicht quasi direkt ins Bett ging, sondern mich entschloss, noch zu malen. In dem kleinen Kellerraum neben den offiziellen Kunsttherapieräumen herrschte eine angenehme Stimmung. Meistens waren nur etwa vier Leute dort unten, jeder vertieft in sein Werk und trotzdem hilfsbereit. Wer eine Frage hatte, dem wurde, so gut es eben ging, geholfen. Es standen Ton, Papier, Werkzeug, um Specksteine, die man von den Therapeutinnen kaufen konnte, zu bearbeiten, und verschiedenste Arten von Farben zur Verfügung. Unter anderem Acrylfarben in allen Tönen. Außerdem stand in dem kleinen Kellerraum ein Radio. Es war der einzige Raum in der ganzen Klinik, in dem es Musik gab.

Ich hatte ein bisschen mit den leuchtenden Acrylfarben auf großen Papierbögen herumgekleckst. Es machte Spaß, ich nahm die Farbe, nach der mir gerade war, wechselte mit Pinseln, Spachteln und Schwämmchen. Es war mir gleichgültig, was rauskommen würde. Ich wollte einfach malen. Und gerade deshalb tat es mir so gut. Drei, wie ich fand, ganz coole Bilder waren fertig. Vielleicht nichts für die Galerie. Aber ich fand sie schön. Damit ich die Bilder in mein Zimmer hochtragen konnte, mussten sie allerdings erst trocknen. Das würde dauern.

Also schnappte ich mir einen kleinen Bogen und verwischbare Kreiden. Genau die Kreiden, mit denen die Damen aus meiner Therapiegruppe immer so sorgfältig zeichneten. Ich begann zu malen, was mir eben in den Sinn kam. Ich malte einen Baum. Einen zweiten. Tannen, Fichten. Das würde ein Bild für meinen Vater werden. Ein Wald-Bild. Zu den Fichten gesellte sich ein Reh. Nach einigen Korrekturen sah es auch gar nicht mehr so arg disproportioniert aus. Ein paar Vögel. Gräser und Büsche. Es war definitiv besser als die Bilder, die ich meinem Vater zuletzt geschenkt hatte. Ich kann mich genaugenommen nicht einmalmehr daran erinnern, dass ich ihm je eins geschenkt hatte. Wenn, dann vermutlich im Kindergarten.

Ich schenkte es ihm, versuchte ein bisschen Ironie einzubauen. Von deinem Kindergartenkind. Aber ich schaffte es nicht ganz, die Ungeheuerlichkeit damit zu verdrängen. Ich war 28. Ausstudiert und ausgezogen, seit doch einiger Zeit mittlerweile finanziell unabhängig. Und hier stand ich nun. Und schenkte meinem Vater ein Bild, das ich für ihn gemalt hatte.

Mir war danach gewesen. Klar, ich hätte es natürlich für mich behalten können. Aber warum? Ich war in den letzten Monaten wieder zum Kind geworden. Nicht nur, dass ich ein Malbuch hatte. Dass ich meinem Vater Bilder malte. Ich empfand in manchen Situationen wieder wie ein Kind. Ganz besonders, wenn es mir nicht gut ging. Der gesunde Erwachsene in mir war dann komplett auf Urlaub. Auch, dass ich in den vergangenen Monaten so fixiert auf meine Katze gewesen war. Wie früher, als ich eben noch ein Kind war. Ich mag Katzen, ja. Immer schon. Und ganz besonders meine. Aber so wichtig, wie sie für mich in den letzten Monaten gewesen war – beinahe schon als Halt, meine beste Gesellschaft, weil sie nicht redete, keine Forderungen stellte und ihr beim Putzen zuzusehen einen noch besseren Effekt hatte, als Enten zu beobachten – war sie nie gewesen. Wie ein kleines Kind spielte ich mit ihr, mit der alten, schon fast 15 Jahre alten Katze.

Ich sah die Welt momentan oft mit den Augen eines Kindes. Ich konnte mich minutenlang von den Regentropfen, die in eine Pfütze platschten, faszinieren lassen. Ich genoss es wie ein Kind, wenn ich im Wasser toben konnte, umherspringen und spritzen. Ich weiß nicht, was es ist, ich weiß auch nicht, ob das alle haben. Irgendwo habe ich jedenfalls mal davon gelesen, dass eine Depression durchaus öfter diesen Effekt hat. Ich fühlte mich ja, wenn es mir schlecht ging, klein und hilflos. Vielleicht kam eben auch diese andere Dimension des Kind-Seins dabei durch. Ich war wieder zu Hause eingezogen, Mama und Papa kümmerten sich um mich. Ich hatte alle Verantwortung abgegeben und damit die Welt der Erwachsenen verlassen. Die lag irgendwo hinter den Treppenstufen zu meiner eigener Wohnung. Eine riesige Schwelle.

Eine Genussregel lautet: Den Geist des Anfängers bewahren. Ein Kind ist in allem ein Anfänger. Ein Kind ist achtsam. Ein Kind unterdrückt Emotionen nicht. Ein Kind zeigt Begeisterung. Ein Kind ist ehrlich, zu sich selbst und anderen. Vielleicht ist das doch gar kein so großer Rückschritt. Sondern vielleicht sogar ein großer Schritt nach vorn?

For a reason

Umso wohler ich mich in der Kunsttherapie fühlte, umso mehr fehl am Platz fühlte ich mich in der Burnout-Gruppe. Die Besetzung hatte mittlerweile komplett gewechselt. Wir waren seit heute nur noch vier Leute und es war nur noch einer von der sympathischen Gruppe am Anfang dabei. Ein älterer Herr, um die fünfzig, ein Krankenpfleger. Er war sehr nett, aber was die Symptome und den Krankheitsverlauf betraf, hatten wir beinahe nichts gemeinsam. Neu dabei waren zwei Frauen, auch beide circa fünfzig Jahre alt. Eine herzensgute, total liebe Apothekerin und eine völlig abgemagerte, mit beinahe greifvogelartigem Gesicht ausgestattete Sozialdienstleisterin. Sie hatte eine Kurzhaarfrisur, die ihre markanten Gesichtszüge noch mehr betonte, lange, knochige Finger, trug eine unförmige, unmodische Hose und ein ebenso unförmiges Shirt, die knochigen Füße in Trekkingsandalen. Die Augen: wie ein Greifvogel. Immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer, auf das sie picken konnte. Dabei war sie nicht einmal unleidig. Mit uns anderen meinte sie es meistens gut und wollte helfen; am meisten hackte sie auf sich selbst ein. Ein hoch perfektionistischer Greifvogel. Die Gruppenstunden, die in der ersten Woche noch recht lebhaft gewesen waren, waren mittlerweile ziemlich zäh. Es kam kein Gespräch, keine Diskussion zu stande, weil die anderen beiden Teilnehmer sich sehr zurücknahmen und Frau Greifvogel das Wort oft an sich riss. Ich fand es anstrengend, weil sie dabei ständig in eine Lehrerrolle rutschte und uns versuchte, die Welt, und in dem Fall Burnout, zu erklären – wobei, Burnout gibt es ja eigentlich gar nicht, das ist ja nur ein Modewort, wie sie gleich zu Beginn feststellte. Insbesondere, da sie selbst offensichtlich noch viel schwerwiegendere psychische Probleme hatte als wir. Zum Beispiel eine Essstörung. Oder die Tatsache, dass sie bislang keine einzige der Anfangsmeditationen mitmachen konnte, weil sie das einfach nicht konnte. Ich konnte schon verstehen, dass das tatsächlich „einfach nicht ging“. Aber ich wusste eben mittlerweile auch, wie schwerwiegend ihre Erkrankung dann war. Jedenfalls fühlte ich mich alles andere als wohl. Ich konnte mich mit keinem der anderen identifizieren und hatte absolut keine Lust, irgendwelche Details mit ihnen zu teilen.

Wie auch immer, ich konnte nicht einfach nicht in die Gruppe gehen. Also war ich nach Wassergymnastik und Mittagessen wieder pünktlich um eins im Stationsgruppenraum der Station V. Thema des Tages war laut Skript „Burn-Out und Persönlichkeit“. Wunderbar. Ich hatte schon recht früh für mich beschlossen gehabt, noch bevor ich überhaupt in der Psychiatrie war, dass in meinem Fall die Diagnose ganz sicher nicht auf übertriebenen Perfektionismus, der oft als einer der Hauptgründe für Burnout genannt wird, zurückzuführen ist. Wenn es bei mir an Eigenschaften lag, dann eher am Idealismus oder am Gerechtigkeitssinn. Aber bestimmt kein Perfektionismus. Also zusätzlich zu der unangenehmen Runde durfte ich mich nun in den nächsten anderthalb Stunden auch noch mit einem Thema befassen, das für mich nicht sonderlich relevant war. Immerhin war danach wieder Pilates.

Einmal mehr also durften wir einen Fragebogen zu unseren „Inneren Antreibern“ ausfüllen. Aussagen wie „Am liebsten mache ich alles selbst“, „Ich darf nicht versagen“, „Auf mich muss 100% Verlass sein“ oder „Wenn man Schwäche zeigt, wird man nicht respektiert“, insgesamt waren es 25, sollten wir zuordnen, ob wir häufig, manchmal oder nicht so dachten. Die Auswertung resultierte dann in einer Grafik, die anzeigte, wie stark ausgeprägt auf einer Skala von eins bis zehn die Antreiber „Sei perfekt!“, „Sei beliebt!“, „Sei stark!“, „Hab alles unter Kontrolle!“ und „Streng Dich an!“ bei jedem waren. Diesmal hatte ich, wie erwartet, das Ranking nicht gewonnen, sondern war die einzige, die bei keinem dieser Antreiber die Zehn-Punkte-Marke riss. Die anderen drei hatten teilweise bei mehr als der Hälfte der Antreiber die Zehn stehen. Ich hatte immerhin eine Acht und eine Sechs.

Ähnlich wie schon beim Schema mit dem wütenden Kind und wie bei eigentlich fast allem, worauf ich in der Therapie hier stieß, liegen die Ursachen für diese Antreiber in unserer Vergangenheit. Irgendwann waren diese Mechanismen hilfreich für uns und wir speicherten sie ab. Bis sie so verinnerlicht waren, dass sie zu Automatismen wurden. Wir also gar nicht mehr mitbekommen, dass sie überhaupt wirken. Für uns ist es also „ganz normal“ und wir meinen, gar nicht anders handeln zu können. Im ersten Schritt also müssen wir überhaupt erst einmal feststellen, welchen inneren Antreibern wir unterbewusst gehorchen. Dann erst können wir überhaupt versuchen, sie zu hinterfragen: Früher war das sinnvoll, aber was bringt mir das im Moment eigentlich?

Es wurde anschließend noch eine Zeit lang über die jeweiligen Antreiber der anderen diskutiert. Ich schaffte es, mich vornehm zurückzuhalten, bis die Stunde endlich aus war. Wir würden nächste Woche am gleichen Thema weiterarbeiten. Daher die Hausaufgabe: Was kannst du deinen stärksten Antreibern entgegensetzen?

Vor einigen Wochen hatte mich auf XING eine alte Mitschülerin hinzugefügt. Seit dem Abi hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten uns gut verstanden, waren aber nicht wirklich befreundet gewesen. Und doch habe ich heute noch eine Szene aus der 13., es war schon recht nah am Abi, im Kopf, als wäre es gestern gewesen. Wir hatten ein Freistunde, saßen an einem der viereckigen, orangenen Tische, die am Ende der großen Schulaula direkt vor einer verfensterten Wand standen. Wir machten beide irgendwelche Aufgaben und unterhielten uns nebenbei. Ich weiß nicht einmal mehr, über was. Aber ich kann mich noch sehr deutlich an den einen Satz erinnern: „Und wie ist das bei euch? Ihr seid seit der Kollegstufe zusammen und nach dem Abi war’s das dann? Jeder geht seinen Weg?“. Bam. Seit Wochen rumorte es in mir. Mein Freund würde nach dem Abi nach Südamerika gehen, ich würde gleich mit dem Studium beginnen. Und zack, da hatte sie mir nur, wenig schonend, eine Tatsache an den Kopf geknallt, die ich bisher nicht zu denken gewagt hatte. Eine Tatsache, die zu denken ich Angst hatte. Aber ja. De facto war es so. Keiner von uns beiden war bereit, sein eigenes Leben unterzuordnen. Wir nahmen uns das auch nicht übel, es war eben so. Aber so deutlich wie sie es in dem Moment ausgedrückt hatte, hatten mein Freund und ich es wohl nicht einmal gedacht.

Knappe zehn Jahre später, zwischendrin kein Wort, nicht über den Weg gelaufen, nicht einmal auf Facebook sind wir befreundet. Sie addet mich auf XING, ich bin neugierig, was sie so macht und schreibe ihr eine Nachricht. Sie fragt, was ich so mache, und ich sage ihr die Wahrheit, dass ich gerade in einer Klinik bin, krankgeschrieben wegen Burnout. Ihre Antwort: Du hast doch schon immer überall 130 Prozent gegeben.

Ich bin ja immer noch nicht der Meinung, dass ich immer 130 Prozent gegeben hatte. Ich hatte eben immer alles so gemacht, wie ich dachte, dass es gemacht werden sollte. Aber offensichtlich waren meine 100 Prozent eben 130 Prozent bei den meisten anderen. Ergo: Meistens reichen meine 70 Prozent. Das war bereits Wochen vor der Antreiber-Stunde. Meine Antwort auf mein inneres „Streng Dich an!“ ist ab sofort: Meistens reichen 70 Prozent.

 

People come into your life for a reason, a season or a lifetime.

 

 

 

Buchtipp: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Und einmal mehr Tote. Aber immerhin erst in der Mitte des Buches. Auch wenn es das eigentlich ganz zentrale Thema des Romans von Joachim Meyerhoff ist, tritt es nicht stark hervor. Man liest fast ein bisschen drüber – genauso wie die Hauptfigur weiterlebt, und nicht genau hinsehen will.

Die Hauptfigur, ein Ich-Erzähler, 17 Jahre alt, aufgewachsen auf einem Psychiatriegelände als Sohn des Direktors der Klinik, bricht auf, er lässt die norddeutsche Provinz hinter sich und tauscht sie für ein Austauschjahr gegen die amerikanische ein. Sachlich, reflektiert manchmal ironisch, trocken, sehr oft sehr witzig und trotzdem zwischen den Zeilen sehr behutsam berichtet er über dieses Jahr.

Das Buch ist das erste in einem mehrteiligen Zyklus von Meyerhoff. Es ist auf seine nüchterne Art sehr fesselnd und nimmt einen mit in die Weiten Wyomings und die enge der norddeutschen Kleinstadt, in „The German“s Leben und lässt gleichzeitig die eigene Jugend, den eigenen Aufbruch, wieder aufleben. War das nicht die aufregendste Zeit?

Ein unterhaltsames Buch, das sich leicht und abwechslungsreich liest ohne dabei auch nur im Mindesten seicht zu werden: Unbedingt Lesen!

 

 

Geburtstagsbesuch

Auch am Tag nach meinem Geburtstag war meine Stimmung ausgesprochen gut. Der kleine Schock, den mir das Aufeinandertreffen mit Jeanette am Vortag bereitet hatte, war der Erleichterung gewichen, dass sie also nicht in meinem Zimmer war. Und die Klinik hier war definitiv groß genug, um ihr aus dem Weg gehen zu können.

Das morgendliche Laufen war schön, die Angstgruppe war wie immer angenehm (meine Therapeutin war im Urlaub, da ersparte ich mir sogar den vorwurfsvollen Blick, wenn ich behauptete, kein Thema zu haben). Beim Mittagessen dann erzählte Julia am Tisch, dass sie nun auch ihren Entlasstermin genannt bekommen hatte. Sie war eine gute Woche nach mir gekommen, also Mitte September, und würde Anfang November die Klinik wieder verlassen. Die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich angekommen war, wusste bereits seit einiger Zeit, dass sie exakt sechs Wochen in der Klinik bleiben würde. Das war die Standardzeit, die offenbar von den Krankenkassen jedem Patienten zugestanden wurde. Ich war nun schon in der vierten Woche hier und hatte immer noch kein Datum genannt bekommen. Das war unüblich. Sicher, ich war aus der Psychiatrie überwiesen worden, vielleicht wurde da generell der Aufenthalt länger genehmigt, dennoch ging diese Thematik nicht ganz spurlos an mir vorüber. Alle, wirklich alle, hatten bereits ein Entlassdatum genannt bekommen. Auch Johanna. In der Regel waren es eben die sechs Wochen, bei schwereren Fällen auch mal etwas länger. Die Patienten, die wegen posttraumatischen Belastungsstörungen da waren, bildeten die große Ausnahme – sie verbrachten teils ein halbes Jahr am Stück in der Klinik. Aber selbst die wussten, wie lange sie hier waren. Nur ich nicht. Ich versuchte, den Gedanken, dass ich ein derart schwerer Fall sei, dass man bei mir noch gar keine Dauer absehen konnte, zu verscheuchen. Ich war genaugenommen auch sehr froh darum, dass ich noch keinen Entlasstermin hatte. Mir ging es zwar seit ich hier war stimmungsmäßig ziemlich gut, was Erschöpfung und Energie aber betraf, hatte ich kaum Fortschritte gemacht. Egal. Vergiss es, konzentriere dich auf dich, das passt schon alles so.

Die Kunsttherapie machte mir mittlerweile richtig Spaß. Die Zusammensetzung der Gruppe hatte sich ein wenig verändert und damit waren auch die Damen, die so schön malten, mittlerweile in der Unterzahl. Die Themen waren zwar nicht besonders viel besser geworden, aber ich fand immer wieder neue Malfarben oder Bastelutensilien im Therapieraum. Ich tobte mich aus.

Am Nachmittag bauten wir endlich mal wieder die Slackline auf, um das sonnige Wetter noch zu genießen und abends, nach dem Abendessen, bekam ich Geburtstagsbesuch. Marlene und Hanni kamen extra den weiten Weg aus München und hatten sogar einen selbstgebackenen Kuchen dabei. Wir setzten uns in die Cafeteria – heute war es entweder weniger laut als sonst oder ich war ein bisschen stabiler als sonst – und ratschten. Sie brachten ein bisschen Normalität mit in meine Klinik-Käseglocke. Ließen mich am Leben draußen teilhaben und vor allem hatten mir die beiden schon über die ganzen Monate hinweg nie auch nur einen kurzen Moment das Gefühl gegeben, dass ich mich irgendwie verändert hätte oder irgendetwas anders sei. Nicht einmal, als sie mich in der Psychiatrie besuchten. Dann war die Franzi eben jetzt in der Psychiatrie. Na und?

Auch der Tag nach meinem Geburtstag war ein sehr schöner Tag gewesen. Mir ging es richtig gut. Ich hoffte inständig, dass die gute Stimmung weiter anhalten würde.

Was ist Stress eigentlich?

Nachdem wir in der Burnout-Gruppe beim letzten Mal die Warnsignale und das Stressniveau durchgegangen waren, beschäftigten wir uns diesmal mit der Frage, was Stress eigentlich ist.

Da gibt es auch eine Reihe von schwerverständlichen Definitionen, die Teil unseres Skripts waren. Die Kernaussagen: Stress entsteht, wenn wir das Gefühl haben, eine unangenehme Situation nicht bewältigen zu können. Wir bewerten Stress ausgehend von unseren bisherigen Lebenserfahrungen individuell. Daher kann einen Menschen etwas stressen, was für andere geradezu entspannend ist. Die folgende körperliche Reaktion ist komplex und wirkt sich auf den ganzen Körper aus. Stress ist dabei nicht per se schlecht: Wenn wir Stress haben, sind wir in Alarmbereitschaft, wir mobilisieren alle Kräfte und können so Höchstleistungen erreichen. Was bei der Flucht vor dem Säbelzahntiger ja auch mehr als notwendig war.

Yerkes-Gesetz

Die Stress- oder Angstkurve nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz

Gefährlich wird es nur, wenn Stress chronisch wird, wenn das vegetative Nervensystem gar nicht mehr oder nicht lange genug in den Entspannungsmodus wechselt. Der Neandertaler war bis dahin vermutlich einfach schon tot. Dem Säbelzahntiger zum Opfer gefallen. Bei uns heute führt die dauernde Belastung zu schwerwiegenden Folgeschäden und unter Umständen bis zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder eben psychischen Erkrankungen – also alle die Symptome, die man auch gerne gesammelt „Burnout“ nennt: depressive Episoden, Angststörungen, Somatisierungstörungen, ein chronisches Müdigkeits-/Erschöpfungssyndrom, Schmerzstörungen und Suchten/Abhängigkeiten (nach Zaudig, 2009).

 

It’s your birthday!

Meinen 28. Geburtstag hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Als Kind dachte ich, mit 28 bin ich alt, habe eine Familie und ein Haus. Später, als Teenager, dachte ich immer noch, dass 28 ein gutes Alter wäre, um zu heiraten. Alles knapp daneben.

Ich wollte meinen Geburtstag ignorieren. Das hatte ich noch nie gemacht. Aber in diesem Jahr hatte ich wirklich keinen Grund, zu feiern. Ich hatte also keinen Besuch eingeladen, meine Schwester zog an dem Tag nach Berlin um, damit war meine Familie sowieso vollauf beschäftigt. Und in der Klinik wusste außer Johanna niemand, dass ich Geburtstag hatte. Ideale Voraussetzungen eigentlich.

Beim Frühstück war ich noch etwas muffelig, draußen strahlte aber schon die Herbstsonne vom strahlend blauen Himmel und der Wind fegte kräftig durch die Bäume. Der perfekte Herbsttag. Mein Lieblingswetter (außer Schnee vielleicht).

Johanna erwischte mich noch am Frühstückstisch und gratulierte mir, was aber – gottseidank – keiner mitbekam. Sie zog mich in ihr Zimmer, um mir ein Geschenk zu geben. Einer dieser runden neuen „In“-Labellos, exakt der, den ich mir ein paar Tage zuvor selbst nicht gönnen wollte. Meine Laune war dann schon etwas besser. Ich hatte erst um elf Wassergymnastik, also noch fast zwei Stunden frei. Ich beschloss also, zur Pferdekoppel ein paar hundert Meter weiter zu gehen. Ich war noch nicht mal da, als mein Handy klingelte. Meine Oma war dran. Sie hatte extra für mich wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Handynummer gewählt. So lang! Dreimal hab ich absetzen müssen, so lang ist deine Nummer, sagte sie. Ich beobachtete eine Zeit lang die Pferde und genoss Sonne und Wind, als plötzlich etwas Türkisfarbenes an mir vorbeiflog. Ein Eisvogel! Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Eisvogel gesehen! Wie sie aussahen, wusste ich nur von einem Puzzle, dass ich als Kind hatte. Bei der Wassergymnastik, die meist eher mäßig spaßig und vor allem kalt war, entbrannte dann gegen Ende – und ich war nicht unschuldig daran – ein wildes Toben im Wasser. Wie kleine Kinder bolzten wir einen Wasserball mit den Nudeln kreuz und quer durch das Becken. Wir hatten eine Riesengaudi. Lachend und wirklich gut gelaunt erfuhr ich dann in meinem Zimmer, dass die Rezeption angerufen hatte. Ich solle bitte dringend das riesige Paket abholen, das für mich gekommen sei. Ich war etwas verwundert ob des „riesigen“ Paketes. Ich hatte nichts bestellt und meine Eltern waren bislang eher für kleine, dafür bis zum letzten Winkel gefüllte Pakete bekannt.

Als ich dann unten stand, traute ich meinen Augen nicht. Die Rezeptionistin drückte mir ein kleines Paket in die Hand – Blumen und ein kleiner Geburtstagskuchen. Das zweite Paket aber war wirklich riesig. Es nahm die Hälfte der Rezeption ein. Höher als der Schreibtisch, an dem die Empfangsdame saß, bestimmt je einen Meter breit und tief. Ich fragte dreimal nach, ob sie sich sicher sei, ob das für mich wäre? Ja, war es. Ich wollte ihr tragen helfen, fragte mich schon, wie ich das Paket nun in den dritten Stock brächte, aber zu meiner Verwirrung nahm sie das immense Paket an einem der schwarzen Paketbänder und hob es mit einer Hand hoch. Was zum Teufel war denn da bitte drin?? Wer hatte mir das geschickt?

Immerhin letzteres Rätsel war durch den Auftraggeber rasch gelöst. Meine Kollegen. Ich bugsierte also das Paket nach oben in den dritten Stock. Auf halbem Weg begann es eine Rockversion von „Happy Birthday“ zu singen. Ich war noch verwirrter. Vorsichtig stelle ich das Paket auf den Boden. Überall waren Aufkleber angebracht, die davor warnten, dass Paket mit einem Teppichmesser zu öffnen. Vorsichtig öffnete ich es. Und ein riesiger „Happy Birthday“-Gasluftballon, wie man sie von Jahrmärkten kennt, stieg auf. Tap to play – und los ging es wieder mit einem mitreißend-rockigem „It’s your birthday!“. Ich freute mich riesig. Wie Schnitzel. Ein mega Gute-Laune-Geschenk! Ganz, ganz genau perfekt das Richtige für mich und heute!

Ich rief Johanna an, sie müsse sofort hochkommen, konnte es dann aber nicht erwarten und lief ihr mit dem singenden Ballon an der Hand durch die Klinik entgegen und schließlich schleppte ich ihn auch direkt mit in die nächste Gruppe. Die anderen sollten schließlich auch ihren Spaß damit haben! Der Tag war sowas von gerettet. War ich trotz Geburtstag vorher auch schon gut drauf und gelöst gewesen, war ich jetzt in Hochstimmung. Nicht einmal die Tatsache, dass mir vor dem Abendessen Jeanette, meine furchtbare Zimmernachbarin aus der Psychiatrie, über den Weg lief, konnte mir etwas anhaben. Und diesmal hielt sie – auch dank der vielen, vielen Anrufe und SMS – zwei Tage an. Das Leben war wunderschön!

Chile

Vergangene Woche war ein Erdbeben in Chile, nachts. Es war relativ heftig, es gab sogar Tote. „Y la gente se levanta y va a trabajar si nada hubiera sido“, sagte ein Chilene einer chilenischen Tageszeitung. Und am nächsten Tag stehen die Leute auf und gehen arbeiten, als wenn nichts gewesen wäre.

Die meiste Zeit während meiner Weltenbummelei habe ich in Südamerika verbracht, in Chile habe ich ein halbes Jahr gewohnt. Und war manchmal entgeistert, wie wenig vorausschauend dort gearbeitet, gedacht und gelernt wird. Das mag jahrhundertealte Ursprünge haben, vielleicht, weil es in den weitesten Teilen Südamerikas keinen Winter gibt, wie wir ihn kennen, und die Südamerikaner entsprechend nie vorausplanen mussten. Vielleicht ist es der deutlich intensivere Glaube, der die Menschen dort trägt, oder vielleicht schlichtweg eine Art Fatalismus – das nächste Erdbeben kommt so oder so, also lass uns jetzt keinen Kopf drüber machen. Ich weiß es nicht. Davon mögen wir alle hier entgeistert sein. Und dennoch:

Südamerika sprüht vor Lebensfreude. Ich glaube: Nicht trotz, sondern gerade deshalb.

Die meisten Menschen dort haben sich die Gabe bewahrt, im Hier und Jetzt zu leben. Nach ökonomischen Maßstäben zu urteilen, geht es den meisten Menschen dort schlechter als uns Europäern. Sie haben von allem weniger. Aber: Sie leben viel mehr im Hier und Jetzt als wir. Denken nicht andauernd Morgen. Morgen könnte das nächste Erdbeben sein und alles zerstören. Oder aber: morgen ist genauso gut oder sogar noch besser als heute. Aber selbst das wäre kein Grund, heute nicht zu genießen, zu geben, zu feiern.