Pawlowsche Hunde

Heute in meiner Lieblings-Gruppe – der Angstgruppe – gab es ein bisschen Theorie: die Angstkurve, „psycho-edukativ“ nannte sich das Ganze. Ich stehe da drauf! Diese Theorien und Graphen kann man wenigstens verstehen.

Jedenfalls, der Gedanke hinter dem Konzept ist: Die Angst steigt nicht, wie von uns angenommen, ins Unermessliche, sondern es gibt einen Punkt, an dem sie nicht mehr steigt, sondern wieder sinkt. Die Angstreaktion ist genau wie die Stressreaktion des Körpers eine Reservefunktion: Sie wird aktiviert, um in bestimmten Situationen „überleben“ zu können. Das Noradrenalin und das Adrenalin, das dabei benötigt wird, ist aber irgendwann wieder aufgebraucht. Und dann hört die Angst auf, dann fallen wir – wie etwa nach einer schweren Prüfung oder einem harten Arbeitstag – in ein Erschöpfungstief.

Wir Angstpatienten sind alle Pawlosche Hunde:

Ich zum Beispiel bekam beim Kleiderkaufen eine Panikattacke. Daraufhin konditionierte sich mein Hirn unbewusst: Kleidergeschäfte sind gefährlich. Dann: Alle Räume, aus denen ich nicht unmittelbar an die frische Luft fliehen kann, sind gefährlich. Sprich: U-Bahn-Fahren ist gefährlich. Und irgendwann, weil auch die Angstreaktion einem Prozess der Generalisierung unterliegt, greift die Angst auf immer weitere Bereiche über. Letzte Woche hatte ich plötzlich Angst, alleine draußen spazieren zu gehen. Ich habe mich dagegen gewehrt und bin los gelaufen. Ich wollte nicht zulassen, dass diese dumme Angst nun wirklich beginnt, mein Leben einzuschränken. Und ich bin wirklich beinahe gelaufen. Erst nach etwa zwei Kilometern – auf der Hälfte der Runde – beruhigte ich mich und konnte mich entspannen. Das Gute ist: Man kann uns – genau wie einen Hund – auch wieder ent-konditionieren, und genau da setzt das Expositionstraining an.

Später im Zimmer kam mir plötzlich: Was für eine Ironie! Eigentlich hätte ich das alles bereits wissen müssen. Ich bin jahrelang Trainerin für Geräteturnen gewesen. Das erste, was du machst, wenn dir ein Kind vom Schwebebalken fällt, ist, es wieder draufzustellen (sofern es keine Verletzung davon getragen hat natürlich), selbst wenn es vor Schreck heult. Und wieder, und wieder. Bis es, allein oder mit Hilfe, klappt. Ich habe das einfach gemacht, weil es mit mir so gemacht wurde und mir später dann auch irgendwie sinnvoll erschien. Jetzt erst erschließt sich mir der Kreis: Wir lassen einer unbewussten Konditionierung (Schwebebalken = böse) gar nicht erst den Hauch einer Chance damit.

 

Was ist Stress eigentlich?

Nachdem wir in der Burnout-Gruppe beim letzten Mal die Warnsignale und das Stressniveau durchgegangen waren, beschäftigten wir uns diesmal mit der Frage, was Stress eigentlich ist.

Da gibt es auch eine Reihe von schwerverständlichen Definitionen, die Teil unseres Skripts waren. Die Kernaussagen: Stress entsteht, wenn wir das Gefühl haben, eine unangenehme Situation nicht bewältigen zu können. Wir bewerten Stress ausgehend von unseren bisherigen Lebenserfahrungen individuell. Daher kann einen Menschen etwas stressen, was für andere geradezu entspannend ist. Die folgende körperliche Reaktion ist komplex und wirkt sich auf den ganzen Körper aus. Stress ist dabei nicht per se schlecht: Wenn wir Stress haben, sind wir in Alarmbereitschaft, wir mobilisieren alle Kräfte und können so Höchstleistungen erreichen. Was bei der Flucht vor dem Säbelzahntiger ja auch mehr als notwendig war.

Yerkes-Gesetz

Die Stress- oder Angstkurve nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz

Gefährlich wird es nur, wenn Stress chronisch wird, wenn das vegetative Nervensystem gar nicht mehr oder nicht lange genug in den Entspannungsmodus wechselt. Der Neandertaler war bis dahin vermutlich einfach schon tot. Dem Säbelzahntiger zum Opfer gefallen. Bei uns heute führt die dauernde Belastung zu schwerwiegenden Folgeschäden und unter Umständen bis zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall oder eben psychischen Erkrankungen – also alle die Symptome, die man auch gerne gesammelt „Burnout“ nennt: depressive Episoden, Angststörungen, Somatisierungstörungen, ein chronisches Müdigkeits-/Erschöpfungssyndrom, Schmerzstörungen und Suchten/Abhängigkeiten (nach Zaudig, 2009).