Krankschreibung II

Am nächsten Tag hatte ich bereits um 11.30 Uhr einen Termin bei meiner Allgemeinärztin. Wie schon gestern, vor dem Besuch beim Psychiater, war ich einigermaßen nervös. Hoffentlich schrieb sie mich ohne Diskussion wieder krank. Rational betrachtet stand es eigentlich außer Frage, aber man wusste ja nie.

Ich erzählte ihr, dass ich mich mittlerweile körperlich besser fühlte. Ich erzählte ihr aber auch von der Schlaflosigkeit und dem Egalsein, der Antriebslosigkeit und gleichzeitig der Unfähigkeit, Nichts zu tun, wenn es mir gut ging. Ich erzählte ihr vom Termin beim Psychiater am Vortag. Von dem Gespräch mit der Personalabteilung, dass ich einfach nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.

Sie fragte mich, wie denn mein Gefühl wäre, wann ich wieder arbeiten könnte. Ich antwortete ihr, keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich fügte noch an, vielleicht ginge es ja quasi „über Nacht“ wieder weg? Da musste sie mich – das hatte ich schon befürchtet, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte – enttäuschen. Es dauert in der Regel genauso lange, aus einem Burn-Out herauszukommen, wie es gedauert hat, bis er sich aufgebaut hat. Oder: Wer am allerlängsten dagegen ankämpft, kämpft hinterher auch am allerlängsten, bis er wieder fit ist. Sie riet mir, in der Arbeit erst einmal anzukündigen, dass ich frühestens im Oktober wieder da wäre. Das wären vier Monate, dachte sie laut. Im Nachsatz schob sie hinterher, dass sie aber eigentlich nicht denke, dass ich in diesem Kalenderjahr überhaupt nochmal arbeiten würde.

Sie riet mir außerdem, statt der antriebsfördernden Citalopram, die mir die Psychiaterin am Vorabend verschrieben hatte, erst einmal mit schlaffördernden, weil entspannenden Mitteln zu beginnen. Klingt logisch. Wer unter Schlafmangel leidet, ist selten entspannt und motiviert. Also verschrieb sie mir eine kleine Dosis Mirtazapin. Sie bestätigte mir jedoch, dass es gut war, dass ich dort gewesen war, und dass auch sie der Meinung war, dass eine Psychotherapie dringend notwendig war. Im Gegensatz zum Psychiater, der mich nur auf die Website der kassenärztlichen Vereinigung verwiesen hatte (was wiederum Kopfschütteln bei der Ärztin hervorrief), gab sie mir ein paar Namen von Psychotherapeuten, mit denen die Praxis zusammenarbeitete.

Sie schrieb mich für die nächsten zwei Wochen krank, danach hatte ich, vor ihrem Urlaub, einen erneuten Termin bei ihr. Hierfür müsste ich den Auszahlungsschein von der Krankenkasse dann bitte mitbringen. Ich blickte wohl entsprechend verwirrt, von einem Auszahlungsschein hatte ich noch nie gehört. Ab der sechsten Wochen zahlt nicht mehr der Arbeitgeber, sondern die Krankenkasse übernimmt die Auszahlung des Krankengelds, erklärte die Ärztin mir, in der Regel 70% des Nettogehalts. Dieser Schein ersetzt die Krankschreibung, die man „normalerweise“ an die Krankenkasse schickt. Für den Arbeitgeber hatte ich wieder einen dieser gelb-orangenen Zettel erhalten.

In Sachen Psychopharmaka war ich zwar in meiner ersten Eingebung bestätigt worden, so ganz sicher war ich mir aber immer noch nicht. Ich würde noch den Termin am Freitag bei der Therapeutin im BOZM abwarten.