Wieder in einer Umkleidekabine!

Heute ist der 19. Oktober. Morgen geht die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich ankam, wieder nach Hause. Aber Zeit hat seine Bedeutung schon lange verloren.

Heute war – zumindest bisher – ein guter Tag. Um acht, wie jeden Montag und Mittwoch und Freitag, war ich mit Johanna laufen. Raus aus der Klinik, raus aus dem kleinen Ort, eine schmale Landstraße entlang, die sich zwischen frisch gepflügten und mit bunter Zwischenfrucht besäten Feldern hindurchschlängelt. Rückzu kommen wir jeden zweiten Tag bei einer kleinen Schafherde vorbei und hören rechter Hand einen kleinen Bach plätschern. Wir liefen die Runde zwar nicht komplett durch, das Geh-Intervall war aber immerhin sehr kurz.

Danach hatte ich endlich einmal wieder Zeit, um ausführlich zu duschen, meine Haare zu föhnen und zu glätten. Ich schminkte mich sogar – mit Wimperntusche und dem neuen, knallroten Lippenstift und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Für heute Vormittag hatte ich mir Großes vorgenommen: Shoppen.

Weiter als fünf Meter bin ich seit Anfang August nicht mehr in ein Bekleidungsgeschäft vorgedrungen. Die fünf Meter habe ich Ende letzter Woche in Begleitung geschafft. Heute also wollte ich mindestens bis ganz zum Ende des kleinen H&Ms gehen und die Kleider auch anfassen. Und vor allen Dingen mehr als zehn Minuten in dem Geschäft verbringen.

Und es ging richtig gut! Ich fühlte mich zwar unglaublich unwohl und ertappte mich selbst dabei, wie ich mir selbst einredete, dass es „sowieso nur lauter greislige Sachen“ gäbe, aber immerhin: Es fiel mir selbst auf. Und auch das bewusste Anfassen der Kleider tat gut: So hatte mein Kopf etwas Reales im Hier und Jetzt, auf das er sich zu konzentrieren hatte, und damit keine Zeit, abzudriften. Es ging schließlich so gut, dass ich mich entschloss, etwas anzuprobieren. Das Kleid war blau, ein angenehmer, dicker Stoff und im Rücken mit einem langen Reißverschluss versehen, so dass ich es nicht über den Kopf ziehen müsste. Es klappte gut. Nach wie vor fühlte ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut und auf dem Weg zur Kabine, die natürlich so weit wie nur möglich vom Ausgang entfernt lag, warf ich immer wieder einen Kontrollblick zurück Richtung Straße, aber ich bekam kein Brust- oder Herzstechen oder Zittern. Auch nicht, als ich das Kleid probierte. Es war etwas zu klein und vor allem zu kurz (lieber H&M, ich habe fünf Kilo abgenommen und passe trotzdem auf einmal nicht mehr in eine 38?!), also nahm ich es nicht mit. Aber das war ja auch gar nicht meine Absicht gewesen. Ich hatte ein Kleid anprobiert! In einer Umkleidekabine! Und es ging gut! Tschakka! Sehr stolz und hocherfreut verließ ich den Laden. Klar, es war Montagvormittag, halb elf, es gab wohl kaum eine Uhrzeit und vor allen Dingen auch kaum einen Ort, an dem ein H&M leerer war, und mein Stresslevel war zuvor bei beinahe null gewesen, aber trotzdem!

Von meinem kleinen Erfolg angespornt ging ich auch gleich in das Geschäft nebenan – in das, vor dem noch vor fünf Wochen eine unsichtbare Wand stand. Und siehe da, ich konnte auch dort hineingehen, aber das Geschäft war dunkler und unordentlicher und irgendwie war das nicht annähernd so gut wieder H&M. Im hinteren Drittel fing auch das Bruststechen an. Ich hielt es noch ein Weilchen aus. Aber gut. Für den ersten Versuch, fand ich, war das richtig gut. Ich war dennoch sehr erleichtert, als ich auch aus dem zweiten Geschäft wieder draußen war. Die Expo war hiermit beendet. Im Anschluss belohnte ich mich mit vier Büchern, zwei Leinwänden und etwas Weihnachtsdeko… 120 € in einem Buchladen auszugeben, ist selbst für mich ein neuer Rekord… und einer neuen Laufhose (die gab es bei tschibo, das zählt nicht als Bekleidungsgeschäft).

Stolz wie Oskar stattete ich noch kurz dem Lechwehr meinen Besuch ab, schickte das Umkleidekabinenfoto stolz an meine Mutter, eine Schwester und Johanna und fuhr zurück in die Klinik. Ich war in Hochstimmung! Das Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und blieb erst einmal da.

Etwa eine halbe Stunde später gab es Mittagessen, ich hatte vergessen zu bestellen. Ich hatte Glück und musste nicht warten, bis etwas überblieb, sondern bekam gleich ein Hühnchen mit Gemüse und Kartoffeln. Aber irgendwie war mein Appetit – noch vor einer halbe Stunde hatte ich richtig Hunger gehabt – weg. Das waren wohl schon wieder zu viele Emotionen gewesen. Später, nach der Kunsttherapie in der freien Gruppe, fühlte ich mich dann richtig schlapp. Irgendwie beinahe schon krank. Nicht schon wieder! Aber es wurde wieder besser, meine ersten Töpfersachen sind fertig geworden, und ich gehe nun noch, wieder mit Johanna, eine Runde spazieren. Abends geht es dann zum Abschiedsessen mit meinen Tischnachbarinnen.