Beste Zeit

Es gibt genau zwei Dinge, die ich überhaupt nicht kann: Geduld haben und Nichts tun.

Dummerweise genau die beiden Eigenschaften, die jetzt, wie mir meine Ärztin tags zuvor nochmal eindrücklich bestätigt hatte, gefragt waren. Wenn es mir schlecht ging, hatte ich mit beidem kein Problem. Es war ja ganz egal, was war und was sein würde. Aber an den wenigen Tagen, an denen es mir gut ging, war auch der Antrieb wieder da. Ich wollte etwas tun, ich konnte nicht still sitzen. Und merkte dann aber schnell, leider erst hinterher, dass ich mit den kleinsten Dingen – wie Kochen oder mit Fernsehfilmen – bereits überfordert war. Es war zu anstrengend und anschließend ging es mir wieder schlecht.

Auch da hatte mir Daniela sehr geholfen. Sie hatte mir ein paar Tipps gegeben, wie ich mich beschäftigen könnte: „Du hast doch früher viel Musik gemacht – probiere das doch einfach mal aus. Ich habe oft Phantasiereisen gemacht und viel Sport getrieben. Oder suche dir einfach einen schönen Platz und lies.“

Auf Lesen hatte ich gerade keine Lust. Ich würde mich sowieso nicht auf das Buch konzentrieren können. Zu den Sportarten, die ich sonst gerne machte, fehlte mir die Kraft.

Ich begann also, meine Blockflöten auszupacken. Ich hatte als Teenager lange Jahre in einem Blockflötenquartett gespielt, nicht nur mit den kleinen, in den falschen Händen quietschenden Sopranblockflöten, sondern auch mit den viel größeren Alt- und Tenorflöten, die einen sehr schönen, tieferen Klang haben. Ich suchte mir ein paar Stücke, die wir früher oft gespielt hatten. Und war total überrascht: In der Regel war bereits nach dem ersten Takt die komplette Melodie wieder in meinem Kopf. Die Finger bewegten sich beinahe von allein, einzig Griffe wie das hohe As hatte ich nicht mehr im Kopf. Es machte mir richtig Spaß.

Und ich ging am nächsten Sonntag in die Kirche. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, das, typisch bayrisch, sehr katholisch geprägt war. Das Kirchenjahr bestimmte den Rhythmus. Auch meine Eltern legten großen Wert auf eine katholische Erziehung. Ich bin heute vielleicht nicht das, was man als fromm bezeichnen würde, aber ich glaube an Gott. Der sonntägliche Kirchgang war in meiner Kindheit selbstverständlich, mit den Jahren aber rückte er immer mehr in den Hintergrund. Zum einen, weil ich nur noch selten an den Wochenenden zu Hause war und es mir komisch vorkam, allein in einer fremden Kirche mit fremden Menschen den Gottesdienst zu besuchen, zum anderen, weil alles andere wichtiger wurde. Und so wurde ich zu einem dieser Menschen, die zwar keinen einzigen hohen Feiertag ohne die heilige Messe feiern – Weihnachten ohne die Christmette ist kein Weihnachten – , aber sonst war der Gottesdienst und alles, was dazu gehört, irgendwie aus meinem Leben verschwunden. Es war einfach nicht „cool“, in die Kirche zu gehen. Genauso wenig wie Blockflöte zu spielen. Irgendwann war dafür in meinem Leben kein Platz mehr.

Ich merkte, wie mir diese beiden Dinge, die früher ein selbstverständlicher Teil von mir gewesen waren, halfen, wieder mehr in Beziehung mit mir selbst zu treten. Ich hatte mich selbst über die letzten Jahre hinweg total verloren. So sehr, dass ich zuletzt keinerlei Emotionen mehr hatte und öfter das Gefühl hatte, meinen Körper von außen zu dirigieren, als noch wirklich in ihm und mit ihm zu leben. So begann ich langsam die komplizierte Suche nach mir selbst. Und ich begann gedanklich an dem Zeitpunkt, von dem ich wusste, dass ich hundertprozentig glücklich und zufrieden gewesen war: Bei der damals 17-jährigen Gymnasiastin, in den Sommerferien vor der Kollegstufe. Um es mit Markus H. Rosenmüller zu sagen: Das war, im Rückblick, meine „Beste Zeit“.