Abschied.

Heute geht es endlich nach Hause. Die Anspannung und Nervosität der letzten Tage ist verschwunden. Ich freue mich nur noch. Den Großteil meiner Sachen habe ich bereits im Auto, der letzte Computertest, das letzte Blutdruckmessen und Wiegen liegen schon seit gestern hinter mir.

Die Sonne scheint wieder, sehe ich, als ich aufwache, der Himmel ist strahlend blau, der Nebel hat sich bereits verzogen. Meine beiden Mitbewohnerinnen sind bereits unterwegs. Ich stehe auf, ziehe mich an und beginne, die letzten Dinge zusammenzupacken. Die Kleidung von gestern und den Schlafanzug. Bademantel und Badeanzug. Meinen Laptop, meine Bücher, meinen Fotoapparat. Meine Schuhe und Jacken, die Yogamatte. Ich schnappe mir so viel ich tragen kann und bringe es zum Auto. Es hat über Nacht gefroren. Ich bin mir nicht sicher, ob es das erste Mal ist – jedenfalls ist es das erste Mal, dass es mir in diesem Jahr aufgefallen ist. Als ich in die Klinik kam, hatte es dreißig Grad, ich hatte Jeansshorts, ein dünnes T-Shirt und Flip-Flops an. Heute habe ich meine Winterschuhe, Jeans, einen Pulli, eine Daunenweste und einen Schal an. Es hat vier Grad.

Danach gehe ich ein letztes Mal frühstücken. Obwohl die Auswahl wirklich groß ist, habe ich schon lange keine große Lust mehr auf das Bircher-Müsli, eine der drei verschiedenen Semmel-Arten, die es jeden Tag gibt, oder den frischaufgetauten Obstsalat. Zum Abschied gibt es Joghurt mit Müsli und ein Glas Multivitaminsaft. An meinem Tisch sitzen schon oder noch Monika und Sabine. Und ein kleines Geschenk liegt auf meinem Platz, ein kleiner Engel-Anhänger, eine Praline und ein kleines Kärtchen, auf das „Zeig dem Leben, was in dir steckt“ geschrieben wurde. Es ist von Monika. Wir hatten wirklich wenig miteinander zu tun, abseits der Mahlzeiten haben wir uns nur hin und wieder im Kunst-Freizeitbereich getroffen. Ich freue mich sehr. Das hatte ich nicht erwartet.

Es ist wirklich komisch, nun zu gehen. All die vielen, so verschiedenen Menschen nun zu verabschieden, wissend, den Großteil davon nie mehr wiederzusehen. Ich habe vieles, sehr vieles auch von ihnen mitgenommen. Jeder trägt seine eigene Lebensgeschichte, die hier leider oft sehr traurig sind. Aber, und das ist das Faszinierende, gerade die, die, wie ich finde, es am schlimmsten getroffen hat, zeigen die größte Stärke im Umgang. Ich verabschiedete mich von den beiden und ging vor zur Medizinischen Zentrale. Dort bekam ich eine doppelte Tagesration Tabletten für den Entlass- und den darauffolgenden Tag sowie die Medikamente wieder, die ich mitgebracht hatte.

Oben hieß es dann, die letzten Reste zu packen. Der Abschied von meinen beiden Zimmerkolleginnen war traurig. Ich hatte die beiden wirklich lieb gewonnen. Ich hoffe, sie irgendwann einmal wiederzusehen – um hoffentlich zu hören, dass es ihnen gut ergangen ist. Manche Patienten basteln zu ihrem Abschied, ich habe auch schon hin und wieder ein, zwei Pralinchen mit guten Wünschen erhalten. Ich hatte mich dagegen entschieden. Richtig eng war ich nur mit Johanna gewesen und viele der Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, habe ich „überlebt“. Für die zwei aus meinem Zimmer hatte ich „Lindt Goldstückchen“ besorgt. Das passte einfach. Ebenso für unsere Putzfee, die immer gut gelaunt, fröhlich schwatzend ihre Arbeit verrichtete und die so manchen Tag damit aufgehellt hatte. Sie war es auch, die mich noch daran erinnerte, meine Orchidee einzupacken. Ich hatte nicht daran gedacht, dass sie bei den kalten Temperaturen sonst erfrieren würde. Ich hatte so unglaubliche viele Sachen. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wie zum Teufel die Bahnfahrer unter den Patienten ihre Habseligkeiten wieder nach Hause brachten. Allein schon meine gesammelten Werke aus der Kunsttherapie, die getöpferten und gemalten, würden mich im Zug überfordern. Es war dann doch noch mehr in meinem Zimmer als gedacht und ich geriet schon beinahe in Stress – um 9.15 Uhr hatte ich das Abschlussgespräch, ich wollte mich noch von einigen verabschieden, meine Schlüsselkarte musste ich abgeben, die Empfangsdame erinnerte mich noch daran, die ausgeliehene Isarcard wieder abzugeben (Gottseidank!). Ich war seit dem Frühstück bestimmt zehnmal in den dritten Stock und wieder runter gelaufen, bis ich schließlich alles dort hatte, wo es hinsollte und ich mich endlich auf einen der Stühle im Wartebereich niederlassen und einen Schluck trinken konnte.

Abschlussgespräch. Wie die Zeit dahinrennt. Meine Therapeutin freute sich sehr über ihre Goldstücke – auch hier passte das. Sie überreichte mir noch den letzten Auszahlungsschein und den ersten, kurzen Arztbrief. In der letzten Sitzung hatte sie mich gebeten, mir zu überlegen, was ich aus der Therapie denn mitnehmen werde. Das war eine lange Liste. Ich hatte in den vergangenen Monaten sehr, sehr viel gelernt. Über Psychologie im Allgemeinen, aber ganz besonders über mich. Warum ich so bin, wie ich bin; wie ich dysfunktionale Strukturen und Motive umstrukturieren kann; die BEATE wird mein neues Lieblingsspielzeug; die Bekanntschaft mit der Amygdala war höchst erfreulich. Offenbar war meine Liste im Verhältnis zu anderen Patienten recht lang. Die Gegenüberstellung der Computertests und der Verlauf der DASS-Kurve waren sehr positiv – ich wies kaum noch Merkmale einer Depression oder Angststörung auf – und ich merkte der Therapeutin an, wie sie sich darüber wirklich freute und auch wie stolz sie darüber war. Wir gingen gemeinsam den zweiten, langen und ausführlichen Arztbrief durch, den die weiterbehandelnden Ärzte und Therapeuten erhalten würden. Dann war es vorbei. Nach beinahe zehn Wochen intensiver Zusammenarbeit – neben den zwei Einzelstunden sahen wir uns weitere zweimal pro Woche in der Angstgruppe – trennten sich die Wege. Sie bat mich, mich einmal bei ihr zu melden. Sie würde gerne wissen, wohin mich meine Wege weiterführen würden.

Dann ging ich. Ich verabschiedete mich noch von ein paar liebgewonnen Mitpatienten, die ich auf dem Weg nach draußen traf und füllte meine Wasserflasche ein letztes Mal an den Wasserspendern auf. Als ich die Orchidee holte, begegnete ich noch einmal unserer Putzfrau. Auf Wiedersehen, sagte ich zu ihr. Na hoffentlich nicht!, war ihre Antwort.

Nach beinahe exakt drei Monaten verließ ich die Klinik wieder. Ich setzte mich ins Auto. Startete den Motor, warf dem Klinikgebäude einen letzten Blick zu und verabschiedete mich innerlich von den Schafen, die immer noch auf ihrer Weide standen. Auf Wiedersehen.

Und wieder weinte ich. Ich saß im Auto und weinte. Vor Glück, vor Erleichterung. Vor Freude. Mir ging es wieder gut. Ich durfte nach Hause.

Ich war wieder ich.

Ich wusste wieder, wo ich hingehörte und wer ich war.

Ich war endlich wieder ich.