Am Samstag stand ich früh auf. Ich war in guter Stimmung, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Ich frühstückte, holte meine Wochenendration Tabletten in der MZ und fuhr nach Hause. Es war wenig Verkehr, ich war sogar etwas früher als geplant zu Hause.
Meine Eltern und meine Schwester waren bereits mitten in den Vorbereitungen, das Bad voll belegt. Ab zehn Uhr waren wir beim Brautpaar, ein paar Ortschaften weiter, zum Weißwurstfrühstück eingeladen, die Trauung war für den Mittag angesetzt. Wir würden mit zwei Autos fahren, so dass ich jederzeit nach Hause konnte.
Die Versuche, mir ein neues Kleid zu kaufen, waren ja kläglich gescheitert. Aber ich habe einen eleganten Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Online-Shopping. Ich hatte bereits einen hellrosafarbenen, knielangen Plissée-Rock und dazu passende Sandalen zu Hause, beides wunderbar auch für eine Hochzeit geeignet. Dazu hatte ich mir eine weiße Spitzenbluse bestellt. Und, seien wir mal ehrlich, um „offline“ eine Bluse zu finden, die so gut zu dem Rock passte, hätte ich mir vermutlich wochenlang die Füße wund gelaufen.
Meine Schwester glättete mir meine Haare, da ich das auch nach vier Wochen mit kurzen Haaren immer noch nicht so richtig drauf hatte, und schließlich waren auch wir fertig. Meine Eltern waren schon vor etwa einer halben Stunde losgefahren.
Das Brautpaar hatte an der Garage ein Zelt angebaut, was aber eigentlich, denn es war ein strahlend schöner Herbsttag, gar nicht notwendig war. Sie hatten sogar eine ganze Blaskappelle engagiert, die während des Weißwurstfrühstücks spielte. Das würde eine richtig urige bayrische Bauernhochzeit geben.
Die Blaskapelle war allerdings verdammt laut. Viiieeeeel zu laut. Ich schnappte mir also zwei Weißwürste, mit süßem Senf und Breze versteht sich, setzte mich zu meiner Verwandtschaft an einen etwas abgelegenen Tisch und bemühte mich, die Musik zu ignorieren. Glücklicherweise musste die Kapelle auch hin und wieder eine Pause einlegen, ein Wohlgenuss für meine armen Ohren. Beim nächsten Einsatz der Musik war ich wieder weg. Langsam wurde es außerdem voll. Ich beschloss, erstmal auf die Toilette zu gehen. Die war im Haus, das war wunderbar weit weg von der Blasmusik. Auf dem Weg dahin konnte man wunderbar mit den verschiedensten Menschen ratschen. Unterwegs erfuhr ich, dass einer meiner Cousins seinen neuen Hund dabei hätte, einen Boarder-Collie-Welpen.
Der Welpe musste natürlich Gassi geführt werden. Ideal! Also suchte ich den Hof nach dem Hund ab, fand ihn (und meine Cousin am anderen Ende der Leine) schon halb auf dem Feldweg, ignorierte mein absolut Feldweg-untaugliches Schuhwerk und beschäftigte mich in der nächsten halben Stunde mit dem Hund, fernab von dem ganzen Trubel.
So in der Art ging der Tag weiter: Die Hochzeit war wunderschön, die Stimmung war toll, das Wetter perfekt und ich schaffte es, in einer Mischung aus Dabeisein und Mich-doch-immer-wieder-ausreichend-abseits-zu-halten, relativ lange relativ gut durchzuhalten. Ich tanzte sogar und dann, als es zum Brautverziehen in den sonnigen Biergarten unter alten, knorrigen Kastanien- und Obstbäumen ging, war mir alles egal. Die Band war verdammt laut, aber dagegen hatte ich Ohropax. Ich konnte trotzdem noch mitsingen, ich hörte nach wie vor alles, ich stand, wie alle anderen, auf den Stühlen, feuerte den Bräutigam an, bis er seine Braut endlich wieder ausgelost hatte, ich genoss es. Und es tat so gut! Ich fühlte mich, inmitten meiner ganzen Verwandtschaft, so sicher und so geborgen, dass ich zwischendrin, als mir dieser Gedanken durch den Kopf schoss, beinahe vor Glück angefangen hätte zu weinen. Ich war nicht allein. Nein. Ich hatte sie alle. Ich konnte auf jede Einzelne meiner Tanten, jeden Onkel, jede Cousine und jeden Cousin zählen. Und vor allen Dingen auf meine Schwester und meine Eltern. Ich war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit glücklich, und zwar aus ganzem Herzen, ich hätte die Welt umarmen mögen.
Zum Schluss sattelte die Band auf AC/DC um, das war dann leider samt Ohropax zu laut. Das Brautstehlen hatte schon über eine Stunde gedauert, ich war erschöpft, verdrückte mich einmal mehr auf die Toilette und dann in einen eher abseits gelegenen Teil des Biergartens, wo sich die kleinen Kinder mit ihren Omas aufhielten.
Ich hatte meine Belastungsgrenze mehr als ausgereizt. Ich war auch schon wesentlich länger dabei gewesen, als ich mir je erhofft hatte. Es gab Abendessen. Danach würde ich fahren. Es ging nicht mehr. Als die Band draußen aufhörte, zog ich mir die Ohropax aus den Ohren. Und wenige Sekunden später stopfte ich sie wieder rein. Es war viel, viel, viel zu laut. Es war nicht mehr auszuhalten. Insbesondere, da nach dem Brautverziehen und vor dem Abendessen der allgemeine Alkoholpegel auf Hochzeiten generell am höchsten war. Und ich stocknüchtern und völlig erschöpft. Das Abendessen war dennoch sehr, sehr lecker. Die Nachspeise konnte ich zu meiner Enttäuschung leider nicht mehr abwarten, ich verabschiedete mich. Meine Verwandten hatten sich sehr gefreut, mich zu sehen, zu sehen, dass ich dabei war und wieder lachen konnte. Und ich musste mit niemandem diskutieren, warum ich denn nun schon ginge. Meine Schwester kam mit mir mit, sie wollte mich offensichtlich nicht alleine gehen lassen.
Ich fuhr selbst, die Feier war etwa zwanzig Minuten von zu Hause entfernt gewesen. Es war eine altbekannte Strecke, die ich schon hundertmal in meinem Leben gefahren war. Trotzdem war ich heilfroh, als ich endlich, endlich sicher zu Hause war. Meine Konzentration war so rapide gesunken, dass ich nach zehn Minuten Fahrt das Gefühl hatte, mich nicht länger als 100m auf die Fahrbahn und das Fahren konzentrieren zu können. Auf meine Schwester konnte ich auch nicht zählen. Sie saß zwar neben mir, aber ganz abgesehen davon, dass sie nicht nüchtern war, hatte sie ihre Brille nicht auf. Ich würde den Baum nicht mal sehen, wenn ich schon dagegen gefahren wäre, meinte sie nur. Hilfreich.
Ich fuhr also langsamer, stehen bleiben wollte ich zwei Kilometer von zu Hause entfernt allerdings auch nicht mehr. Wir kamen sicher zu Hause an. Ich fiel tot ins Bett.
Am nächsten Tag wusste ich nicht einmal mehr, dass meine Schwester mit mir nach Hause gefahren war.
