Am Sonntag kamen dann meine Eltern und meine Schwester zu Besuch, um mich „armes Hascherl“ aufzuheitern. Außerdem hatte ich natürlich einige Sachen, die ich hier brauchen würde, zu Hause vergessen. Wie Hausschuhe.
Das Dorffest war wohl doch nicht ganz so schlecht gewesen, ich konnte sie nicht dazu bewegen, so früh zu kommen, dass wir gemeinsam Mittagessen gehen konnten. Was nicht nur hieß, dass ich das Mittagessen hier essen musste, sondern auch, dass ich mich den ganzen Vormittag quasi nicht bewegen konnte. Wie ein eingesperrtes Tier tigerte ich mehrmals im Innenhof auf und ab. In die eine Richtung. In die andere Richtung. Irgendwann bemerkte ich, dass mich die Gruppe um den Aschenbecher langsam beobachtete. Also hörte ich auf, im Kreis zu laufen und machte ein paar Dehnübungen auf der Stelle. Dann ging ich wieder nach oben in die Station. Ich föhnte und glättete mir ausführlichst die Haare, um Zeit zu schinden. Dann tigerte ich wieder raus aus meinem Zimmer. Den Gang entlang. Am Ende entdeckte ich ein Fitnessrad. Wunderbar. Solche Dinger mag ich eigentlich gar nicht gern – aber meine Ansprüche waren auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Hauptsache Bewegung. Also radelte ich ein Weilchen. Dann legte ich mich ins Bett. Beobachtete einmal mehr die Bäume – vielleicht war ja in der Nacht einer umgefallen? Nein, war er nicht, ich kann euch beruhigen. Bis es endlich Mittagessen gab. Ein grausames Schnitzel, gegen das jenes, das es früher in der Schule in der Schnitzelsemmel vom Hausmeister gab, ein wahrer Gourmet-Bissen war. Immerhin waren die Nudeln essbar. Zumindest der Teil, der nicht beim Erhitzen am Teller festgebrannt war.
Dann irgendwann kam endlich meine Familie.
Meine Schwester war richtig begeistert vom freundlichen Ambiente der Klinik. Ich jedenfalls bugsierte sie alle beinahe im selben Moment, in dem sie zur Tür hereingekommen waren, wieder hinaus. Ich wollte endlich raus! Auslauf!
Das Wetter war nicht annähernd so schön wie am Tag davor, trotzdem schlug ich wieder den kleinen See vor. Er war wunderschön malerisch, meinen Eltern würde das bestimmt gefallen und außerdem gab es dort ein kleines süßes Café mit eigener Konditorei (=Essen!).
Wir gingen eine gemütliche Runde um den See, danach schlemmten wir alle Kuchen. Das Café war recht laut, ungünstigerweise sehr schlauchförmig und dunkel angelegt und die Bedienung arg langsam… es ging, ich hielt es aus, aber ich war auch mit Abstand die Erste, die wieder draußen war. Die eine Runde um den See war mir einfach noch nicht genug gewesen und ich musste diesen Ausflug unbedingt noch verlängern, ich wollte noch nicht wieder zurück ins Gefängnis, also ging ich noch eine Runde. Meine Mutter ging mit – ich wäre lieber alleine gegangen, um nicht reden zu müssen, aber gut – und meine Schwester und mein Vater warteten auf einer Bank am See. Danach konnte ich sogar noch ein Abendessen herausschlagen. Etwas Besseres würde ich in den nächsten fünf Tagen nicht mehr bekommen.
Spätestens um acht musste ich wieder zurück in der Klinik sein. Und das war auch gut so. Der Tag war dann doch sehr anstrengend gewesen und ich war heilfroh, meine Familie dann wieder „heimschicken“ zu können. Hier bestimmte endlich ich, wer mich wann und wie lange sah.
Abends um neun reihte ich mich in die lange Schlange vor dem Stützpunkt an. Ab Punkt 21.00 Uhr wurde die Nachtmedikation ausgegeben. Bereits um fünf vor neun standen oft schon mehr als fünf Leute (insgesamt waren wir in der Station nur vierzig Patienten) an. Wir Junkies.
