Wieder Kind

Ich merkte es an Papas Gesicht. Er lächelte schief, ich erkannte aber wohl, dass ihm die Situation gerade ungeheuer war. Es war anders als früher.

Am Donnerstagabend saß ich in der Freien Kunsttherapie. Ich hatte ein kleines bisschen Energie über, so dass ich nach dem Abendessen zum ersten Mal nicht quasi direkt ins Bett ging, sondern mich entschloss, noch zu malen. In dem kleinen Kellerraum neben den offiziellen Kunsttherapieräumen herrschte eine angenehme Stimmung. Meistens waren nur etwa vier Leute dort unten, jeder vertieft in sein Werk und trotzdem hilfsbereit. Wer eine Frage hatte, dem wurde, so gut es eben ging, geholfen. Es standen Ton, Papier, Werkzeug, um Specksteine, die man von den Therapeutinnen kaufen konnte, zu bearbeiten, und verschiedenste Arten von Farben zur Verfügung. Unter anderem Acrylfarben in allen Tönen. Außerdem stand in dem kleinen Kellerraum ein Radio. Es war der einzige Raum in der ganzen Klinik, in dem es Musik gab.

Ich hatte ein bisschen mit den leuchtenden Acrylfarben auf großen Papierbögen herumgekleckst. Es machte Spaß, ich nahm die Farbe, nach der mir gerade war, wechselte mit Pinseln, Spachteln und Schwämmchen. Es war mir gleichgültig, was rauskommen würde. Ich wollte einfach malen. Und gerade deshalb tat es mir so gut. Drei, wie ich fand, ganz coole Bilder waren fertig. Vielleicht nichts für die Galerie. Aber ich fand sie schön. Damit ich die Bilder in mein Zimmer hochtragen konnte, mussten sie allerdings erst trocknen. Das würde dauern.

Also schnappte ich mir einen kleinen Bogen und verwischbare Kreiden. Genau die Kreiden, mit denen die Damen aus meiner Therapiegruppe immer so sorgfältig zeichneten. Ich begann zu malen, was mir eben in den Sinn kam. Ich malte einen Baum. Einen zweiten. Tannen, Fichten. Das würde ein Bild für meinen Vater werden. Ein Wald-Bild. Zu den Fichten gesellte sich ein Reh. Nach einigen Korrekturen sah es auch gar nicht mehr so arg disproportioniert aus. Ein paar Vögel. Gräser und Büsche. Es war definitiv besser als die Bilder, die ich meinem Vater zuletzt geschenkt hatte. Ich kann mich genaugenommen nicht einmalmehr daran erinnern, dass ich ihm je eins geschenkt hatte. Wenn, dann vermutlich im Kindergarten.

Ich schenkte es ihm, versuchte ein bisschen Ironie einzubauen. Von deinem Kindergartenkind. Aber ich schaffte es nicht ganz, die Ungeheuerlichkeit damit zu verdrängen. Ich war 28. Ausstudiert und ausgezogen, seit doch einiger Zeit mittlerweile finanziell unabhängig. Und hier stand ich nun. Und schenkte meinem Vater ein Bild, das ich für ihn gemalt hatte.

Mir war danach gewesen. Klar, ich hätte es natürlich für mich behalten können. Aber warum? Ich war in den letzten Monaten wieder zum Kind geworden. Nicht nur, dass ich ein Malbuch hatte. Dass ich meinem Vater Bilder malte. Ich empfand in manchen Situationen wieder wie ein Kind. Ganz besonders, wenn es mir nicht gut ging. Der gesunde Erwachsene in mir war dann komplett auf Urlaub. Auch, dass ich in den vergangenen Monaten so fixiert auf meine Katze gewesen war. Wie früher, als ich eben noch ein Kind war. Ich mag Katzen, ja. Immer schon. Und ganz besonders meine. Aber so wichtig, wie sie für mich in den letzten Monaten gewesen war – beinahe schon als Halt, meine beste Gesellschaft, weil sie nicht redete, keine Forderungen stellte und ihr beim Putzen zuzusehen einen noch besseren Effekt hatte, als Enten zu beobachten – war sie nie gewesen. Wie ein kleines Kind spielte ich mit ihr, mit der alten, schon fast 15 Jahre alten Katze.

Ich sah die Welt momentan oft mit den Augen eines Kindes. Ich konnte mich minutenlang von den Regentropfen, die in eine Pfütze platschten, faszinieren lassen. Ich genoss es wie ein Kind, wenn ich im Wasser toben konnte, umherspringen und spritzen. Ich weiß nicht, was es ist, ich weiß auch nicht, ob das alle haben. Irgendwo habe ich jedenfalls mal davon gelesen, dass eine Depression durchaus öfter diesen Effekt hat. Ich fühlte mich ja, wenn es mir schlecht ging, klein und hilflos. Vielleicht kam eben auch diese andere Dimension des Kind-Seins dabei durch. Ich war wieder zu Hause eingezogen, Mama und Papa kümmerten sich um mich. Ich hatte alle Verantwortung abgegeben und damit die Welt der Erwachsenen verlassen. Die lag irgendwo hinter den Treppenstufen zu meiner eigener Wohnung. Eine riesige Schwelle.

Eine Genussregel lautet: Den Geist des Anfängers bewahren. Ein Kind ist in allem ein Anfänger. Ein Kind ist achtsam. Ein Kind unterdrückt Emotionen nicht. Ein Kind zeigt Begeisterung. Ein Kind ist ehrlich, zu sich selbst und anderen. Vielleicht ist das doch gar kein so großer Rückschritt. Sondern vielleicht sogar ein großer Schritt nach vorn?

AGT

Johanna war auch für die AGT-Gruppe, also die Achtsamkeits- und Genusstherapiegruppe, angemeldet worden, so ließen wir Steffi um kurz vor drei allein und machten uns auf den Weg. Aus unserer Station war noch eine weitere Mitpatientin, die wie ich wegen Burnout hier war, mit dabei, außerdem zwei aus einer anderen Station sowie drei Patienten der Tagesklinik, die mir alle unbekannt waren.

In einer eintägigen Schulung zur „Stärkung persönlicher Ressourcen“ in der Arbeit vor einem Jahr (damals fand ich das völlig überflüssig, mit Stress hatte ich schließlich ja gar kein Problem…) hatte ich bereits von dieser Achtsamkeit und ihrem Guru, Jon Kabat-Zinn, gehört. Die Kernaussage war in etwa: Mit den Gedanken im Hier und Jetzt bleiben. Sprich: Nicht in der Dusche schon die To-Do-Liste schreiben. Sondern eben einfach nur Duschen und das Duschen bewusst wahrnehmen. Was aber nun der Genuss damit zu tun hatte und wofür man dafür nun fünf eineinhalbstündige Termine ansetzte, war mir ein Rätsel. Es würde sich aber bald lüften.

Die Gruppe wurde gleich von zwei Therapeutinnen geleitet, einer Psychologin und einer Kunsttherapeutin und fand zudem auch nicht in einem der sonst eher kahl eingerichteten Therapieräume, sondern im Aufenthaltsraum der Tagesklinik statt,  der mit gemütlichen Sitzgruppen und Esstischen samt Eckbänken und sogar mit einem Klavier eingerichtet war.

Als wir den Raum betraten, stand bereits ein Stuhlkreis bereit. In dessen Mitte lag eine altmodische Schalenwaage auf dem Boden, sowie zwei Kästchen. In dem einen waren bunte Glassteine, in dem anderen waren ganz normale Kiesel. Die beiden Therapeutinnen wirkten beinahe aufgeregt – das schien wohl ihre Lieblingsgruppe zu sein. Sie erklärten uns kurz den Stundenablauf, der in jeder Stunde gleich sein würde: Nachdem Eröffnungsblitzlicht (jeder Patient sagt kurz, wie es ihm gerade geht) folgt eine kurze Meditation, die helfen sollte, geistig in der Gruppe anzukommen. Danach folgt ein kurzer Theorieteil, anschließend wird einer der fünf Sinne erarbeitet, bevor ein kreativer Teil (deshalb wohl die Kunsttherapeutin), eine kurze, abrundende Geschichte und das Abschlussblitzlicht die Stunde beschließen. Das hörte sich – für eineinhalb Stunden – nach ziemlich viel Programm an. War es dann aber nicht.

Meditation bedeutete in diesem Fall nicht, dass wir uns alle wie Yogis auf den Boden setzten, gemeinsam „Om“-ten und das Universum spürten. In der ersten Stunde begaben wir uns auf eine geführte Phantasiereise ans Meer.

Die Psychologin sammelte uns schließlich wieder an unseren Stränden ein und brachte uns zurück in den Aufenthaltsraum. Diese Therapie ist etwas anders als die, die sie bereits kennen, eröffnete sie. In den anderen Gruppen und Therapien beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Ihrer Erkrankung. Wir hier verfolgen einen etwas anderen Ansatz. Sie nahm die Waage, die am Boden gelegen hatte, in die Hand. Sie alle haben ein Problem, dass sie schwer belastet, sonst wären sie nicht hier. Ihre Kollegin hob das Kästchen mit den Kieseln vom Boden auf. Die Therapeutin griff hinein, und streute die grauen Steine auf eine Waagschale. Sie fuhr fort: Diese Kiesel sind grau und belasten die Waage. Genau wie Ihre Probleme Ihre Seelenwaage. Um die Waage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, habe ich nun zwei Möglichkeiten. Ich kann die grauen Kiesel wieder herunternehmen – was sie in den ganzen anderen Therapien gerade versuchen – oder ich kann die zweite Waagschale belasten. Und sie ließ die bunten Glassteine aus dem zweiten Kistchen auf die andere Waagschale rollen, bis die Waage wieder ausgeglichen war. Genau das ist der Ansatz, den wir hier befolgen werden. Wir kümmern uns hier darum, es Ihnen wieder zu ermöglichen, die schönen Dinge wahrzunehmen, die um sie herum sind und die sie erleben.“

Wer weiß denn, was Achtsamkeit genau bedeutet?, fragte die Psychologin anschließend in die Runde. Sie leitete den theoretischen Teil. Außer mir hatte nur eine andere Dame, wohl in ihren Fünfzigern, von diesem Begriff gehört, konnte ihn aber nicht erklären. Ich steuerte meine „Definition“ bei. Ja, das war gar nicht so schlecht. Es geht darum, erklärte die Psychologin, im Hier und Jetzt zu sein. Den Moment anzunehmen, die Gegenwart wahrzunehmen. Und zwar mit allen unseren Sinnen, so wie es ist – ohne diese Wahrnehmungen sofort zu bewerten. Und hier kommen unsere Sinne und auch der Genuss ins Spiel. Wer in einer tiefen Depression steckt, und ganz besonders Burnout-Patienten, haben oft Schwierigkeiten, sich etwas Gutes zu tun. Wir wollen den Genuss hier in der Gruppe wieder ganz bewusst üben. Genuss passiert nicht von allein. Auch Genuss braucht Regeln.

In der Gruppe erarbeiteten wir nun die Genussregeln:

  1. Genuss braucht Zeit
  2. Genuss muss erlaubt sein
  3. Genuss geht nicht nebenbei
  4. Weniger ist mehr
  5. Wissen, was einem gut tut
  6. Ohne Erfahrung kein Genuss
  7. Genuss ist alltäglich

Wir diskutierten diese Regeln noch ein wenig. Besonders zum letzten Punkt – Genuss ist alltäglich – schieden sich die Geister. Wenn Genuss alltäglich war, war es doch kein Genuss mehr? Das schon – siehe den Punkt 4 „Weniger ist mehr! – wer aber immer auf besondere Gelegenheiten wartet um zu genießen, vielleicht sogar alles Genießen auf die eine Woche Jahresurlaub aufspart, der hat bis zu seinem Urlaub das Genießen wahrscheinlich gänzlich verlernt, oder aber er ist bereits so geschwächt, dass er keine Kraft mehr hat, zu genießen.

Wir schlossen die Genussregeln ab und die Kunsttherapeutin übernahm die Leitung der Gruppe. Mit echter Begeisterung in der Stimme führte sie uns zu dem kleinen Tischchen, das neben dem Stuhlkreis aufgebaut war. Bisher war es mit einer Decke abgedeckt gewesen. Jetzt üben wir das Genießen, sagte sie, wir beginnen mit dem Geruchsinn, und nahm die Decke vom Tisch.

Rosmarinzweige, verschiedene Duschgels und Deos, offener Tee, Spülmittel, Tannenzweige, Johannisbeerzweige, Kaffeebohnen, Erkältungsbalsam, und viel mehr verteilte sich an dem Tisch. Die Therapeutin forderte uns auf, an den Dingen bewusst zu riechen – ganz gleich, ob wir den Geruch kannten, oder mochten, oder nicht mochten. Ganz achtsam. Und in Ruhe. Die Gegenstände wanderten reihum. Hin und wieder war ein „Hmm“ oder ein „Iiih“ zu hören, aber sonst bemühten wir uns sehr, achtsam zu riechen. Mir hing besonders der offene Tee in der Nase. In dem Moment, in dem ich den Geruch wahrnahm, wurde es mir warm ums Herz, ein Gefühl der Geborgenheit machte sich breit. Ich bemerkte es und war völlig fasziniert davon. Es war Früchtetee. So wie ihr ihn früher immer zu Hause hatten. Im Winter hatte meine Mutter oft den Tee für uns gekocht. Er roch ganz genauso. Allein der Geruch weckte Erinnerungen und löste damit ein positives Gefühl in mir aus. Da fiel mir eine ganz ähnliche Szene aus dem Juli wieder ein. An einem eher schlechten Tag hatte ich ein altes Fotoalbum aufgeschlagen. Und alleine diese Bilder, diese Erinnerungen an glückliche Tage hinterließen in mir einen Optimismus und eine Zuversicht, die für Stunden anhielt. Das waren meine bunten Glassteine. Alleine das Riechen am Tee half meiner Seelenwaage, wieder etwas ins Gleichgewicht zu finden.

Im Anschluss an die Riech-Runde sollte sich jeder das Ding nehmen, das ihm am besten gefiel. Wir stritten uns überraschenderweise gar nicht, jeden berührte etwas anderes – den einen das Duschgel, weil es roch wie das seiner Frau, eine den Thymianzweig, weil sie so gerne kochte. Einzig das Erkältungsbalsam hatten gleich zwei Patienten für sich beansprucht: Das riecht wie damals, wenn mir Mama die Brust und den Rücken damit eingecremt hat, war jeweils die Begründung der beiden. Wie bei mir: Geborgenheit. Die stand offensichtlich hoch im Kurs.

Wir erhielten auch eine kleine Hausaufgabe: In den nächsten zwei Tagen alles zu notieren, was wir gerne riechen. Unter anderem waren es bei mir: frisch gemähtes Gras. Wald. Chai-Tee. Sonnencreme. Oder auch eine erhitzte Tartanbahn.

Was riecht ihr gerne? Wisst ihr das?