Beate

Heute stelle ich euch meine neue beste Freundin, die Beate vor. Die ist auch gut bekannt mit einer anderen, neuen Bekannten, der Amygdala.

Nachdem in einem eher ausschweifenden Blitzlicht meine Therapeutin in Sachen Wiedereingliederung den Degen niedergelegt hatte und meine Wut verraucht war, gingen wir zur Tagesordnung über. Chris hatte heute, zum zweiten Mal überhaupt, ein Thema. Er war, wie bereits erwähnt, wegen Agoraphobie da. Darum ging es aber diesmal gar nicht. Er hatte einen riesigen Schritt gewagt und alle seine Medikamente abgesetzt. Zum einen kämpfte er nun seit zwei Wochen mit den Entzugserscheinung, zum anderen wusste er jetzt, wo sie nicht mehr gedämpft wurden, einfach nicht mehr wohin mit seinen Emotionen. Ich hatte es beim Volleyball auch schon bemerkt – teils wurde er nun richtig aggressiv, selbst beim kleinsten Auslöser. Er wollte nun also wissen, wie er denn damit umgehen sollte, oder besser, wie er seine Gefühle, die ja offensichtlich da waren, irgendwie in Schach bekommen konnte. Ignorieren ging nämlich nicht.

Da kommt die gute Amygdala ins Spiel. Die Amygdala, oder Mandelkern, steuert, vereinfacht gesagt, entsprechend den Sinnesreizen, die wir wahrnehmen, Emotionen aus. Das ganze geschieht unbewusst und noch bevor wir aktiv, bewusst und verstandesbetont auf diese reagieren können.

Erinnert ihr euch beispielsweise noch an  Ex-Ex-Freund, von dem ich vor Monaten geschrieben habe? Fast zwei Jahre später, man sollte vielleicht hinzufügen, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon überhaupt nicht mehr gut ging und ich zudem auch nicht ganz nüchtern war (Alkohol und Amygdala verstehen sich suuuuper…), war ich mit meinem damals aktuellen Freund auf einer Party. Ich kenne beinahe niemanden außer ihm. Er verschwindet auf die Toilette. Er ist lange weg. Und zufällig bemerke ich, dass auch seine Ex-Freundin, die ich an dem Abend zum ersten Mal sah, auch weg ist. Dejà-vu. Zack. Plötzlich war ich nur noch Gast in meinem Film. Mein Körper spielte automatisch absolute Panikreaktionen ab, ich hatte Mühe, mich vor einer Flucht (d.h. wie damals abhauen) – oder Angriffsreaktion (d.h. schreiend die Toiletten stürmen) abzuhalten. Und das alles, obwohl ich ganz genau wusste, dass dieser Moment überhaupt nichts mit dem vor zwei Jahren zu tun hatte und ich mir wirklich, wirklich keine Sorgen machen musste. Zumindest nicht wegen der Ex-Freundin. Ich hatte kaum eine Chance gegen mein Unterbewusstsein, ich wusste gar nicht so recht, was los war.

Das war nun ein Extrembeispiel. Aber so schaltet die Amygdala oft heftige emotionale Reaktionen zu einer Wahrnehmung, bevor wir bewusst dagegen steuern können. Oft nehmen wir die Reaktion auch gar nicht als abnormal wahr. Wir spüren sie ja, wie jede angemessene Reaktion auch. Also muss sie doch okay sein. Das Problem ist also, erst einmal herauszufinden, welche Emotion angemessen ist und welche die gute Amygdala übersteuert.

Das war auch genau das, was nun Chris wissen wollte. Wie zum Teufel kann ich Gefühle, die nun einmal da sind, und heftig da sind, einfach „weg“ machen? Die Antwort darauf weiß BEATE:

Benennen des aktuellen Gefühls

Erkennen des biographischen Zusammenhangs

Anerkennen der Dysfunktionalität (oder „Realitätscheck“)

Trennen von spontanem Verhaltensimpuls

Einüben / Experimentieren mit einem neuen Verhaltensmuster entsprechend des eigentlichen Bedürfnisses

Also:

B:

Mein Gefühl war, extremst verletzt worden zu sein.

E:

Der biographische Zusammenhang war in diesem Fall überdeutlich, habe ich ja schon erwähnt.

A:

Ich erkannte, dass die Situation zwar ähnlich war, aber nicht gleich und vor allem die handelnden Personen und deren Vorgeschichte eine ganz andere war.

T:

Ich trennte mich (wenn auch nur unter höchstem Kraftaufwand) von einem unsinnigem Flucht- oder Angriffsimpuls.

E:

Probierte eine neues Verhalten aus: Nämlich ruhig, ohne Vorwurf (zumindest dachte ich, dass es so wäre), das Thema sofort anzusprechen.

Der Abend endete zwar trotzdem nicht wie gewünscht. Aber das ist eine andere Geschichte.