It’s your birthday!

Meinen 28. Geburtstag hatte ich mir definitiv anders vorgestellt. Als Kind dachte ich, mit 28 bin ich alt, habe eine Familie und ein Haus. Später, als Teenager, dachte ich immer noch, dass 28 ein gutes Alter wäre, um zu heiraten. Alles knapp daneben.

Ich wollte meinen Geburtstag ignorieren. Das hatte ich noch nie gemacht. Aber in diesem Jahr hatte ich wirklich keinen Grund, zu feiern. Ich hatte also keinen Besuch eingeladen, meine Schwester zog an dem Tag nach Berlin um, damit war meine Familie sowieso vollauf beschäftigt. Und in der Klinik wusste außer Johanna niemand, dass ich Geburtstag hatte. Ideale Voraussetzungen eigentlich.

Beim Frühstück war ich noch etwas muffelig, draußen strahlte aber schon die Herbstsonne vom strahlend blauen Himmel und der Wind fegte kräftig durch die Bäume. Der perfekte Herbsttag. Mein Lieblingswetter (außer Schnee vielleicht).

Johanna erwischte mich noch am Frühstückstisch und gratulierte mir, was aber – gottseidank – keiner mitbekam. Sie zog mich in ihr Zimmer, um mir ein Geschenk zu geben. Einer dieser runden neuen „In“-Labellos, exakt der, den ich mir ein paar Tage zuvor selbst nicht gönnen wollte. Meine Laune war dann schon etwas besser. Ich hatte erst um elf Wassergymnastik, also noch fast zwei Stunden frei. Ich beschloss also, zur Pferdekoppel ein paar hundert Meter weiter zu gehen. Ich war noch nicht mal da, als mein Handy klingelte. Meine Oma war dran. Sie hatte extra für mich wohl zum ersten Mal in ihrem Leben eine Handynummer gewählt. So lang! Dreimal hab ich absetzen müssen, so lang ist deine Nummer, sagte sie. Ich beobachtete eine Zeit lang die Pferde und genoss Sonne und Wind, als plötzlich etwas Türkisfarbenes an mir vorbeiflog. Ein Eisvogel! Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Eisvogel gesehen! Wie sie aussahen, wusste ich nur von einem Puzzle, dass ich als Kind hatte. Bei der Wassergymnastik, die meist eher mäßig spaßig und vor allem kalt war, entbrannte dann gegen Ende – und ich war nicht unschuldig daran – ein wildes Toben im Wasser. Wie kleine Kinder bolzten wir einen Wasserball mit den Nudeln kreuz und quer durch das Becken. Wir hatten eine Riesengaudi. Lachend und wirklich gut gelaunt erfuhr ich dann in meinem Zimmer, dass die Rezeption angerufen hatte. Ich solle bitte dringend das riesige Paket abholen, das für mich gekommen sei. Ich war etwas verwundert ob des „riesigen“ Paketes. Ich hatte nichts bestellt und meine Eltern waren bislang eher für kleine, dafür bis zum letzten Winkel gefüllte Pakete bekannt.

Als ich dann unten stand, traute ich meinen Augen nicht. Die Rezeptionistin drückte mir ein kleines Paket in die Hand – Blumen und ein kleiner Geburtstagskuchen. Das zweite Paket aber war wirklich riesig. Es nahm die Hälfte der Rezeption ein. Höher als der Schreibtisch, an dem die Empfangsdame saß, bestimmt je einen Meter breit und tief. Ich fragte dreimal nach, ob sie sich sicher sei, ob das für mich wäre? Ja, war es. Ich wollte ihr tragen helfen, fragte mich schon, wie ich das Paket nun in den dritten Stock brächte, aber zu meiner Verwirrung nahm sie das immense Paket an einem der schwarzen Paketbänder und hob es mit einer Hand hoch. Was zum Teufel war denn da bitte drin?? Wer hatte mir das geschickt?

Immerhin letzteres Rätsel war durch den Auftraggeber rasch gelöst. Meine Kollegen. Ich bugsierte also das Paket nach oben in den dritten Stock. Auf halbem Weg begann es eine Rockversion von „Happy Birthday“ zu singen. Ich war noch verwirrter. Vorsichtig stelle ich das Paket auf den Boden. Überall waren Aufkleber angebracht, die davor warnten, dass Paket mit einem Teppichmesser zu öffnen. Vorsichtig öffnete ich es. Und ein riesiger „Happy Birthday“-Gasluftballon, wie man sie von Jahrmärkten kennt, stieg auf. Tap to play – und los ging es wieder mit einem mitreißend-rockigem „It’s your birthday!“. Ich freute mich riesig. Wie Schnitzel. Ein mega Gute-Laune-Geschenk! Ganz, ganz genau perfekt das Richtige für mich und heute!

Ich rief Johanna an, sie müsse sofort hochkommen, konnte es dann aber nicht erwarten und lief ihr mit dem singenden Ballon an der Hand durch die Klinik entgegen und schließlich schleppte ich ihn auch direkt mit in die nächste Gruppe. Die anderen sollten schließlich auch ihren Spaß damit haben! Der Tag war sowas von gerettet. War ich trotz Geburtstag vorher auch schon gut drauf und gelöst gewesen, war ich jetzt in Hochstimmung. Nicht einmal die Tatsache, dass mir vor dem Abendessen Jeanette, meine furchtbare Zimmernachbarin aus der Psychiatrie, über den Weg lief, konnte mir etwas anhaben. Und diesmal hielt sie – auch dank der vielen, vielen Anrufe und SMS – zwei Tage an. Das Leben war wunderschön!