Vergangene Woche war ein Erdbeben in Chile, nachts. Es war relativ heftig, es gab sogar Tote. „Y la gente se levanta y va a trabajar si nada hubiera sido“, sagte ein Chilene einer chilenischen Tageszeitung. Und am nächsten Tag stehen die Leute auf und gehen arbeiten, als wenn nichts gewesen wäre.
Die meiste Zeit während meiner Weltenbummelei habe ich in Südamerika verbracht, in Chile habe ich ein halbes Jahr gewohnt. Und war manchmal entgeistert, wie wenig vorausschauend dort gearbeitet, gedacht und gelernt wird. Das mag jahrhundertealte Ursprünge haben, vielleicht, weil es in den weitesten Teilen Südamerikas keinen Winter gibt, wie wir ihn kennen, und die Südamerikaner entsprechend nie vorausplanen mussten. Vielleicht ist es der deutlich intensivere Glaube, der die Menschen dort trägt, oder vielleicht schlichtweg eine Art Fatalismus – das nächste Erdbeben kommt so oder so, also lass uns jetzt keinen Kopf drüber machen. Ich weiß es nicht. Davon mögen wir alle hier entgeistert sein. Und dennoch:
Südamerika sprüht vor Lebensfreude. Ich glaube: Nicht trotz, sondern gerade deshalb.
Die meisten Menschen dort haben sich die Gabe bewahrt, im Hier und Jetzt zu leben. Nach ökonomischen Maßstäben zu urteilen, geht es den meisten Menschen dort schlechter als uns Europäern. Sie haben von allem weniger. Aber: Sie leben viel mehr im Hier und Jetzt als wir. Denken nicht andauernd Morgen. Morgen könnte das nächste Erdbeben sein und alles zerstören. Oder aber: morgen ist genauso gut oder sogar noch besser als heute. Aber selbst das wäre kein Grund, heute nicht zu genießen, zu geben, zu feiern.
