Neue Woche

Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.

Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.

Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.

Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.

Leben und Überleben in der Psychiatrie

Ohne Johanna und Steffi wäre ich in der Psychiatrie eingegangen. Die „Anstalts-Gang“ nannten wir uns im Scherz. Wir verbrachten beinahe den ganzen Tag zusammen – insbesondere Johanna und ich, da wir auch noch das Zimmer teilten. Sie waren meine beiden Anker zur Normalität in diesem Irrenhaus. An manchen, wenigen Tagen war es das nämlich leider wirklich.

Ich erinnere mich an die Schreie, die hin und wieder aus der „Wachstation“, also der geschlossenen Abteilung, zu hören waren. Das kam Gottseidank nicht oft vor, aber da wurde einem immer ganz anders. Oder wenn man hin und wieder von einer Therapie in die Station zurückkam und dann im Aufenthaltsraum jemand saß und hemmungslos heulte, rechts am Boden neben der Tür zum Stationszimmer eine zweite saß, die nicht mehr heulte, aber am ganzen Körper zitterte und beängstigend starr gerade ausblickte. Wenn in der Kunsttherapie die Damen und Herren neben mir beinahe völlig schwarze Bilder malten. Wenn man den jungen Mann, der immer Kopfhörer auf den Ohren hatte, und der eigentlich sympathisch aussah, beim Essen fragte, ob neben ihm noch Platz war, und er sichtlich zähneknirschend und Fäuste ballend, kämpfen musste, um nicht in die Luft zu gehen. Wenn man, wenn es doch zwischendurch tatsächlich mal etwas zu lachen gab, gleich von der Schwester Anschiss bekam. Wenn man sah, welche Unmengen an Tabletten manche Mitpatienten täglich schluckten. Wie Smarties.

Johanna und Steffi waren mein Lichtblick. Während ich diesen Text schreibe, fällt mir erst auf, was wir alles zusammen in diesen zweieinhalb Wochen durchgestanden haben. Das reicht bei manch anderen Freundschaften für ein ganzes Leben.

Am Dienstag erfuhren schließlich alle beide, dass sie in einer Woche, nächsten Mittwoch, die Klinik wechseln würden. Wie ich würden sie in die Psychosomatik gehen, allerdings in zwei verschiedene Kliniken. Ich war seit gestern für das gleiche Haus wie Johanna angemeldet, hatte aber noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. Die Wartezeiten für die Kliniken lagen, wenn man denn von der Psychiatrie aus angemeldet wurde, bei zwei bis drei Wochen; wenn man sich „einfach so“ dort bewarb, bei mehr als drei Monaten.

Ich freute mich sehr für die beiden – insbesondere für Steffi, die mehr als Johanna und ich an der Tatsache zu knabbern schien, dass sie in einer Psychiatrie war. Psychosomatik hört sich doch gleich anders an! Gleichzeitig versuchte ich den Gedanken zu verdrängen, dass ich dann alleine hier wäre. Das war das gefährlich daran: Alleine würde ich den Aufenthalt in der Psychiatrie nie durchstehen. Aber ich durfte mich andererseits auf keinen Fall zu sehr von den anderen abhängig machen.

Johanna ging es immer schlechter. Die Nebenwirkungen ihrer neuen Medikamente wurden immer stärker, das Zittern war mittlerweile so stark, dass sie nicht einmal mehr eine volle Tasse Tee in der Hand halten konnte, ohne etwas zu verschütten. Zudem verringerte sich ihre Sehkraft merklich. An manchen Tagen, vor allem nach den selten einfachen Gesprächen mit der Psychotherapeutin, saß sie einfach nur heulend auf ihrem Bett. Und ich konnte nichts tun, außer ihr vielleicht ein bisschen Schokolade aufzudrängen. Das ging mir so nahe. Ich hätte ihr so gerne geholfen. Johanna ist eigentlich einer der Menschen, die normalerweise die Stimmung schon heben, wenn sie den Raum nur betreten. Offen, fröhlich, strahlend. Und nun war sie nicht viel mehr als ein Häufchen Elend. Diese Hilflosigkeit machte mir zu schaffen. Wenn es Johanna und Steffi schlecht ging, ging es mir auch schlechter. Ich konnte nicht ohne meine Anstaltsgang – aber ich merkte, dass ich sehr, sehr stark aufpassen musste, wen ich wie nahe an mich heranließ. Ich hatte momentan nicht die Kraft, mich emotional abzugrenzen. Johanna und Steffi gaben mir so viel, dass es das wert war. Alle anderen mussten mir egal sein.