Die eigenen Ressourcen aktivieren

Wassergymnastik tat gut. Ein bisschen komisch im Wasser herumhüpfen. Weil heute die Sonne durch die Fenster auf das Wasser schien, war es ausnahmsweise auch mal gar nicht so kalt. Meine neue Zimmernachbarin war auch mit in der Wassergymnastik – eine Positiv-Verrückte mehr dort, das machte es auch deutlich besser.

Beim Mittagessen erfuhr ich, dass Jeanette mittlerweile die Klinik verlassen hatte und zurück in der Psychiatrie war. Sie war nach ein paar Tagen hier tatsächlich im Zimmer meiner Tischkollegin gelandet. Anfangs, als ich das hörte, hatte ich mich sehr zurückgehalten – nur weil ich sie furchtbar fand, mussten andere sie ja nicht auch so schlimm finden – aber, was soll ich sagen. Nicht nur ich fand sie furchtbar. Wie ich in der Psychiatrie hatte sich auch meine Tischkollegin, nach einem ersten freundlichen Versuch, vor ihr regelrecht versteckt. Sie hielt mit ihrer Schnarcherei natürlich auch dieses Zimmer die ganze Nacht wach – und ich dankte innerlich einmal, dass ich hier immer Glück mit meinen Zimmernachbarinnen hatte – und legte sich schließlich sogar mit dem Personal, der Putzfrau und den Therapeuten an. Die ganze Klinik kannte sie. Die ganze Klinik ging ihr spätestens nach der zweiten Begegnung aus dem Weg. Schließlich ging sie zurück in die Psychiatrie.

Danach war wieder Burnout-Gruppe. Drei Sitzungen hatte ich noch vor mir. Immerhin hatte ich mit Iris endlich eine Verbündete in der Runde, aber den Beamten und den Hengst eineinhalb Stunden lang in ihren sich abwechselnden Monologen zu ertragen, war nicht leicht. Mittlerweile war mir sogar die hagere Krähe regelrecht sympathisch geworden, ganz im Vergleich zu den beiden. In dieser Stunde ging es um die Basics der Stressbewältigung. Und damit meine ich wirklich Basics. Wir sollten unsere Alltag hinterfragen, von Wann stehe ich auf und wann gehe ich ins Bett? über Wann und was esse und trinke ich? bis hin zu Was tue ich, um mich geistig zu bewegen? und Wie sehen meine zwischenmenschlichen Kontakte aus?

Der Grundtenor: Nur, wenn ich anfange, mich selbst besser zu behandeln, werde ich auch anfangen, mich besser zu fühlen.

Nach einem kleinen Exkurs zur Schlafhygiene (Einschlafritual!) und einer Selbstbefragung zum Thema Wobei kann ich mich gut erholen und wie kann ich das in meinen Alltag integrieren? bekamen wir diesmal eine Hausaufgabe: die Aktivierung unserer eigenen Ressourcen.

Was man darunter versteht? Alles, was uns Kraft gibt. Das kann Materielles sein – in meinem Fall mein Auto, meine Wohnung, bestimmte Bücher – aber auch eben Dinge, die man nicht täglich vor Augen hat, die man sich immer wieder bewusst machen sollte:

Die eigenen Stärken: Talente, Fähigkeiten und Werte, die man an sich selbst besonders schätzt, Fähigkeiten, auf die man sich selbst in schlechten Zeiten verlassen kann, auf die man bauen kann.

Soziale Kraftquellen: Welche Personen in meinem Umfeld, welche Vorbilder, Idole, Tiere oder auch fiktive Personen geben mir Kraft?

Und, ganz besonders, denn das vergisst man allzu gern: Welche Schwierigkeiten habe ich in meinem Leben schon gemeistert? Wir alle haben mit Sicherheit schon schwierige Zeiten hinter uns gebracht – die haben wir mehr oder weniger gut gemeistert, aus denen haben wir aber auf jeden Fall gelernt, ganz nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns stark. Ruft euch das in solchen Zeiten wieder ins Gedächtnis.

Dann war Pilates, was wie immer verdammt gut getan hat. Dann Einzeltherapie. Ich hatte ein wenig Angst davor, war unruhig. Meine Therapeutin fing diese Unruhe und Nervosität aber gleich am Anfang ganz gut ab. Wir würden das Thema Eingliederung erst einmal für diese Woche ruhen lassen. Außerdem bot sie mir an, meinen Entlasstermin um eine Woche zu verschieben – dann hatte ich noch vier Wochen Zeit, statt nur drei. Und ich sollte trotzdem bitte den Termin bei der Sozialtherapeutin wahrnehmen – die könnte mich ja nicht nur mit der Eingliederung unterstützen, sondern auch, wenn ich mir wirklich nicht wieder vorstellen konnte, dorthin zurückzugehen, mir möglicherweise Alternativen aufzeigen. Und schließlich: Wir können Sie auch gar nicht zu einer Eingliederung zwingen. Ich halte das zwar für sinnvoll. Aber ohne Ihre Unterschrift geht das nicht. Das war zwar nicht alles ganz so in meinem Sinne. Aber immerhin hatte ich nun ein wenig Aufschub erhalten. Danach besprachen wir noch die Ergebnisse des Persönlichkeitstests, den ich während ihres Urlaubs gemacht hatte. Ich hatte von ihr einen Auszug aus einem Buch erhalten, das die verschiedenen „Stile“ sehr detailliert beschreibt. Und ja, ich fand mich wieder. „Haltung bewahren ist nicht ihre Sache“, „sie haben wenig übrig für die trockenen Seiten des Daseins; Details, Routine, Planen und Finanzen“ und selbst die erste Berufsgruppe, die als typisch für diesen Stil aufgeführt wird: Public Relations. Natürlich fand ich mich nicht in jedem einzelne Satz und Charakteristik wieder – aber doch in erstaunlich vielen.

Ich gehöre nicht zu den Frauen, die jeden Psychotest machten, die an Horoskope oder Astrologie glauben (übrigens ganz im Gegensatz scheinbar zu meinem „Stil“). Aber da ist wohl doch etwas dran. Mehr als nur ein bisschen.

Urlaubsvertretung

Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.

Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde –  erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.

Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.

Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.

Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.