Umso wohler ich mich in der Kunsttherapie fühlte, umso mehr fehl am Platz fühlte ich mich in der Burnout-Gruppe. Die Besetzung hatte mittlerweile komplett gewechselt. Wir waren seit heute nur noch vier Leute und es war nur noch einer von der sympathischen Gruppe am Anfang dabei. Ein älterer Herr, um die fünfzig, ein Krankenpfleger. Er war sehr nett, aber was die Symptome und den Krankheitsverlauf betraf, hatten wir beinahe nichts gemeinsam. Neu dabei waren zwei Frauen, auch beide circa fünfzig Jahre alt. Eine herzensgute, total liebe Apothekerin und eine völlig abgemagerte, mit beinahe greifvogelartigem Gesicht ausgestattete Sozialdienstleisterin. Sie hatte eine Kurzhaarfrisur, die ihre markanten Gesichtszüge noch mehr betonte, lange, knochige Finger, trug eine unförmige, unmodische Hose und ein ebenso unförmiges Shirt, die knochigen Füße in Trekkingsandalen. Die Augen: wie ein Greifvogel. Immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer, auf das sie picken konnte. Dabei war sie nicht einmal unleidig. Mit uns anderen meinte sie es meistens gut und wollte helfen; am meisten hackte sie auf sich selbst ein. Ein hoch perfektionistischer Greifvogel. Die Gruppenstunden, die in der ersten Woche noch recht lebhaft gewesen waren, waren mittlerweile ziemlich zäh. Es kam kein Gespräch, keine Diskussion zu stande, weil die anderen beiden Teilnehmer sich sehr zurücknahmen und Frau Greifvogel das Wort oft an sich riss. Ich fand es anstrengend, weil sie dabei ständig in eine Lehrerrolle rutschte und uns versuchte, die Welt, und in dem Fall Burnout, zu erklären – wobei, Burnout gibt es ja eigentlich gar nicht, das ist ja nur ein Modewort, wie sie gleich zu Beginn feststellte. Insbesondere, da sie selbst offensichtlich noch viel schwerwiegendere psychische Probleme hatte als wir. Zum Beispiel eine Essstörung. Oder die Tatsache, dass sie bislang keine einzige der Anfangsmeditationen mitmachen konnte, weil sie das einfach nicht konnte. Ich konnte schon verstehen, dass das tatsächlich „einfach nicht ging“. Aber ich wusste eben mittlerweile auch, wie schwerwiegend ihre Erkrankung dann war. Jedenfalls fühlte ich mich alles andere als wohl. Ich konnte mich mit keinem der anderen identifizieren und hatte absolut keine Lust, irgendwelche Details mit ihnen zu teilen.
Wie auch immer, ich konnte nicht einfach nicht in die Gruppe gehen. Also war ich nach Wassergymnastik und Mittagessen wieder pünktlich um eins im Stationsgruppenraum der Station V. Thema des Tages war laut Skript „Burn-Out und Persönlichkeit“. Wunderbar. Ich hatte schon recht früh für mich beschlossen gehabt, noch bevor ich überhaupt in der Psychiatrie war, dass in meinem Fall die Diagnose ganz sicher nicht auf übertriebenen Perfektionismus, der oft als einer der Hauptgründe für Burnout genannt wird, zurückzuführen ist. Wenn es bei mir an Eigenschaften lag, dann eher am Idealismus oder am Gerechtigkeitssinn. Aber bestimmt kein Perfektionismus. Also zusätzlich zu der unangenehmen Runde durfte ich mich nun in den nächsten anderthalb Stunden auch noch mit einem Thema befassen, das für mich nicht sonderlich relevant war. Immerhin war danach wieder Pilates.
Einmal mehr also durften wir einen Fragebogen zu unseren „Inneren Antreibern“ ausfüllen. Aussagen wie „Am liebsten mache ich alles selbst“, „Ich darf nicht versagen“, „Auf mich muss 100% Verlass sein“ oder „Wenn man Schwäche zeigt, wird man nicht respektiert“, insgesamt waren es 25, sollten wir zuordnen, ob wir häufig, manchmal oder nicht so dachten. Die Auswertung resultierte dann in einer Grafik, die anzeigte, wie stark ausgeprägt auf einer Skala von eins bis zehn die Antreiber „Sei perfekt!“, „Sei beliebt!“, „Sei stark!“, „Hab alles unter Kontrolle!“ und „Streng Dich an!“ bei jedem waren. Diesmal hatte ich, wie erwartet, das Ranking nicht gewonnen, sondern war die einzige, die bei keinem dieser Antreiber die Zehn-Punkte-Marke riss. Die anderen drei hatten teilweise bei mehr als der Hälfte der Antreiber die Zehn stehen. Ich hatte immerhin eine Acht und eine Sechs.
Ähnlich wie schon beim Schema mit dem wütenden Kind und wie bei eigentlich fast allem, worauf ich in der Therapie hier stieß, liegen die Ursachen für diese Antreiber in unserer Vergangenheit. Irgendwann waren diese Mechanismen hilfreich für uns und wir speicherten sie ab. Bis sie so verinnerlicht waren, dass sie zu Automatismen wurden. Wir also gar nicht mehr mitbekommen, dass sie überhaupt wirken. Für uns ist es also „ganz normal“ und wir meinen, gar nicht anders handeln zu können. Im ersten Schritt also müssen wir überhaupt erst einmal feststellen, welchen inneren Antreibern wir unterbewusst gehorchen. Dann erst können wir überhaupt versuchen, sie zu hinterfragen: Früher war das sinnvoll, aber was bringt mir das im Moment eigentlich?
Es wurde anschließend noch eine Zeit lang über die jeweiligen Antreiber der anderen diskutiert. Ich schaffte es, mich vornehm zurückzuhalten, bis die Stunde endlich aus war. Wir würden nächste Woche am gleichen Thema weiterarbeiten. Daher die Hausaufgabe: Was kannst du deinen stärksten Antreibern entgegensetzen?
Vor einigen Wochen hatte mich auf XING eine alte Mitschülerin hinzugefügt. Seit dem Abi hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten uns gut verstanden, waren aber nicht wirklich befreundet gewesen. Und doch habe ich heute noch eine Szene aus der 13., es war schon recht nah am Abi, im Kopf, als wäre es gestern gewesen. Wir hatten ein Freistunde, saßen an einem der viereckigen, orangenen Tische, die am Ende der großen Schulaula direkt vor einer verfensterten Wand standen. Wir machten beide irgendwelche Aufgaben und unterhielten uns nebenbei. Ich weiß nicht einmal mehr, über was. Aber ich kann mich noch sehr deutlich an den einen Satz erinnern: „Und wie ist das bei euch? Ihr seid seit der Kollegstufe zusammen und nach dem Abi war’s das dann? Jeder geht seinen Weg?“. Bam. Seit Wochen rumorte es in mir. Mein Freund würde nach dem Abi nach Südamerika gehen, ich würde gleich mit dem Studium beginnen. Und zack, da hatte sie mir nur, wenig schonend, eine Tatsache an den Kopf geknallt, die ich bisher nicht zu denken gewagt hatte. Eine Tatsache, die zu denken ich Angst hatte. Aber ja. De facto war es so. Keiner von uns beiden war bereit, sein eigenes Leben unterzuordnen. Wir nahmen uns das auch nicht übel, es war eben so. Aber so deutlich wie sie es in dem Moment ausgedrückt hatte, hatten mein Freund und ich es wohl nicht einmal gedacht.
Knappe zehn Jahre später, zwischendrin kein Wort, nicht über den Weg gelaufen, nicht einmal auf Facebook sind wir befreundet. Sie addet mich auf XING, ich bin neugierig, was sie so macht und schreibe ihr eine Nachricht. Sie fragt, was ich so mache, und ich sage ihr die Wahrheit, dass ich gerade in einer Klinik bin, krankgeschrieben wegen Burnout. Ihre Antwort: Du hast doch schon immer überall 130 Prozent gegeben.
Ich bin ja immer noch nicht der Meinung, dass ich immer 130 Prozent gegeben hatte. Ich hatte eben immer alles so gemacht, wie ich dachte, dass es gemacht werden sollte. Aber offensichtlich waren meine 100 Prozent eben 130 Prozent bei den meisten anderen. Ergo: Meistens reichen meine 70 Prozent. Das war bereits Wochen vor der Antreiber-Stunde. Meine Antwort auf mein inneres „Streng Dich an!“ ist ab sofort: Meistens reichen 70 Prozent.
People come into your life for a reason, a season or a lifetime.
