Male deinen Seelengarten. Gestalte einen Rahmen für dein Leben. Male deinen Weg. Die Kunsttherapie war momentan nicht besonders spannend und sogar nervig. Die Themen waren relativ eng gestrickt und, ganz abgesehen, dass ich mich manchmal innerlich regelrecht weigerte, mich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen, machte es einfach überhaupt keinen Spaß. Das Thema war dumm. Alle um mich herum waren darauf bedacht, mit feinen Strichen möglichst schöne Bilder zu malen. Und konnten das auch noch alle. Sie verwendeten alle feine Kreiden, so dass ich auch dachte, nur mit diesen Kreiden malen zu dürfen. Ich wollte aber bunte, kräftige Farben, am besten Acrylfarben, wie in der Psychiatrie, und Pinsel. Keine dummen Kreiden. In der dritten Stunde dann fragte ich einfach, ob ich nicht auch mit anderen Farben malen könnte? Ja, war kein Problem. Also nahm ich diesmal die Acrylfarben. Das war schon besser. Aber immer noch nicht gut. Mein Bild war farbenfroh, aber immer noch nicht „schön“, wie die der anderen. Die wirklich bis ins Detail feine Gärten malten. Ich fragte mich, wo da nun ihre Seele war. Aber gut. Nicht meine Aufgabe. Wieder eine Stunde später entdeckte ich die Fingerfarben im Regal. Fingerfarben! Seit dem Kindergarten hatte ich das nicht mehr gemacht! Das würde bestimmt scheiße aussehen. Aber Spaß würde es machen! Und in dem Moment beschloss ich, dass es mir scheißegal war, was bei diesen Kunstwerken rauskommen würde. Ich würde sie ja sowieso nie aufhängen. Hauptsache, ich hatte Spaß dabei!
Von da an machte mir die Kunsttherapie Spaß. Ich entdeckte meine alte Bastelader wieder und konnte mich richtig in meine Projekte vertiefen, in die verschiedensten Materialien, dicke Pinsel oder auch in das Arbeiten mit Ton. Plötzlich waren die eineinhalb Stunden beinahe zu kurz.
Bei meinem letzten Ausflug in die Stadt habe ich mir auch eine Ausgabe der „flow“ gekauft, vor allen Dingen, weil auf dem Titel ein Interview mit Achtsamkeitsguru Jon Kabat-Zinn angekündigt war. Diese „Psycho“-Zeitschriften, wie ich sie gerne auch mal abschätzig nannte, hatten einen großen Leserkreis hier in der Klinik. Die „flow“ ist ein schönes Magazin. Es macht Spaß, darin zu blättern. Das Layout und die Farben sind angenehm zu betrachten, bunt und lebhaft, aber nicht anstrengend. Das Heft ist übersichtlich aufgeteilt und neben zahlreichen Artikeln über das Leben, Glück, also oftmals leicht philosophischen Themen, finden sich auch einige DIY-Anregungen – um den „flow“ gleich mit ins eigenen Leben zu nehmen. Ich war wirklich insgesamt positiv überrascht. Mittlerweile habe ich die flow ganz gelesen. Und am meisten angeregt hat mich nicht, wie erwartet, das Gespräch mit Kabat-Zinn, sondern ein ganz anderer Artikel.
Die Autorin Otje van der Lelij schreibt (auf Deutsch) über das Spielen. Der Spieltrieb liege in unserer Natur, sagt der kalifornische Psychiater und Spielforscher Stuart Brown, schreibt van der Lelij. Wir werden mit ihm geboren. Hunde verlieren diesen Spieltrieb nicht, wenn sie älter werden, leider ganz im Gegensatz zu uns. Wir lernen irgendwann, dass erst die Arbeit, dann das Vergnügen kommt. Einer der beliebtesten Glaubenssätze. Und auch nicht ganz falsch, aber eben auch nicht immer richtig. Als Spielen definiert Brown nicht zwangsläufig das, was wir im normalen Sprachgebrauch als Spielen definieren, also zum Beispiel ein Völkerballspiel, eine Runde Mau-Mau oder eine Partie Schach. Vielmehr ist Spielen alles, was wir nur zu unserem Vergnügen tun – ohne damit ein Ziel erreichen zu wollen.
Eine Stunde spielen verrät mehr über eine Person als ein Jahr reden.
Platon
Was wir gerne tun, mit was wir also spielen, bei welchen Aktivitäten wir die Zeit vergessen, ist dabei völlig individuell. Das kann das Gärtnern sein. Das Kuchenbacken. Das Heimwerken. Malen, Fotografie, Theater, Lesen, Sport, Musik, Fernsehen, selbst Tagträume. Brown ist weiter der Meinung, dass Depressionen eine Folge von chronischem Spielmangel sind. Die Arbeit, die früher leicht und spielerisch von der Hand ging – im Bayrischen sagt man sogar, man hat sich damit „gespielt“ – ist auf einmal des Vergnügens beraubt. Sie ist plötzlich nur mehr Mittel zum Zweck, zum Erreichen eines Zieles, mehr nicht. Man tut sie nicht mehr um ihrer selbst willen. Das mag in Ordnung sein. Solange ich eben in anderen Lebensbereichen noch ausreichend spielen kann und so einen Ausgleich finde.
Nicht von ungefähr also haben die Tipps, die ich von Therapeuten, Ärzten und Bekannten bekommen habe, also funktioniert: Machen Sie, was Sie früher gerne gemacht haben. Vielleicht ein Musikinstrument spielen. Malen. Machen Sie Sport – aber laufen Sie nicht den Marathon, sondern laufen sie einfach, solange sie wirklich Lust dazu haben. Genaugenommen basiert auch ein großer Teil der Therapie auf diesem Prinzip, die wiederum Hand in Hand mit der Achtsamkeit geht: Entdecke wieder das Spielerische. Spiele um des Spielens selbst willen. Und dann bist du auch anwesend – was der erste große Schritt in Richtung achtsames Leben ist.
Also: Vergesst nicht, zu spielen!
Und übrigens: Wenn man spielt, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Wer also spielt, nimmt Informationen leichter auf. Learning by playing also!
