Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell und mein Ex-Ex-Freund

Seit drei Tagen träume ich nun schon vom meinem Ex-Ex-Freund. Zweieinhalb Jahre ist das her, und plötzlich wache ich morgens wieder mit ihm auf. Den Wachtraum, an dem man morgens im Halbschlaf festhalten möchte, solange es nur irgendwie geht, genau den hat er okkupiert. Ich träume nicht schlecht – es sind eigentlich schöne Träume. Aber sie verwirren mich. Ich habe absolut keine Ahnung, warum er plötzlich wieder in meinem Kopf herumspukt. Das ist nun zweieinhalb Jahre her. Und dass ich am Wochenende zufällig erfahren habe, dass er nun mit seiner Freundin zusammenwohnt, war wenig überraschend und hatte mich nicht weiter beschäftigt.

Trotzdem war er nun wieder da. Herzlichen Dank. Beim Frühstück erzählte ich Steffi davon. Nur kurz. Dass es mich wundern würde. Dann später auf dem Zimmer erzählte ich Johanna die ganze Geschichte. Markus ließ mich – warum auch immer – einfach nicht mehr los. Wir waren ein Vierteljahr zusammen, ich war der glücklichste Mensch auf Erden. Dann ließ er mich auf einem Faschingsball stehen und verschwand mit der Begleitung seines besten Freundes. Die Bar wurde geschlossen. Keine Spur von den beiden. Im Saal waren sie nicht, nicht in der Galerie und nicht auf den Toiletten – dorthin hatten sie sich in kurzem Abstand verabschiedet. Die Beziehung war drei Wochen später Geschichte und er war, wie ich erst später erfuhr, nur minimal kurze Zeit danach mit ebenjener Begleitung zusammen. Ich war so verletzt und wütend wie selten in meinem Leben. Diese Person war es nicht wert, mir auch nur einen weiteren Tag zu vermiesen. Mit Gewalt schob ich ihn aus meinem Kopf. Und da blieb er auch. Bis eben vor ein paar Tagen.

Burnout – bzw. in diesem Fall eher die Depression – ist eine hinterhältige Schlange. Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell (das wir gestern in der Depressions-Gruppe besprochen hatten) stellt sich die Entstehung einer Depression wie folgt vor: Der Wasserspiegel, der Vulnerabilitätsspiegel, ist bei jedem Menschen auf einem bestimmten, individuellen Niveau. Das Leben lässt nach Belieben immer wieder kleine Tröpfchen Stress – und Stress ist eben auch für jeden individuell anders – hineinregnen. Das macht auch nichts, solange Zeit genug ist, dass das Wasser dann wieder versickern oder verdunsten kann. Dann bleibt der Spiegel gleich. Manchmal aber, wenn das Leben gerade zu viel in diese Schlucht regnen lässt, schwappt sie über.

Meine vereinfachte Darstellung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells

Ich habe den Eindruck, dass sich Dinge, die man verdrängt hat – und in der Regel sind das ja eher die schlimmeren Erlebnisse – sich in der Regel ganz gut in dieser Schlucht verstecken. Im Moment aber schwappen sie wahllos heraus. Szenen aus meiner Kindheit, von denen ich dachte, dass ich sie schon lange vergessen hätte, Erlebnisse, von denen ich dachte, dass ich sie schon lange erfolgreich über Bord geworfen hätte. Eines nach dem anderen tauchte, beim geringsten Anlass, mit ungewohnter Heftigkeit wieder auf.

Den ganzen Vormittag heute ließ mich Markus nicht mehr los. Zum Glück hatte ich heute Nachmittag einen Termin bei der Psychotherapeutin. In der Psychiatrie arbeiteten die Psychologen bei Patienten, die wie ich nicht langfristig blieben, vor allen Dingen mit tagesaktuellen Themen. Und in diesem Fall hatte ich definitiv ein aktuelles Thema. Ich verstand einfach nicht, wieso Markus wieder da war. Und ich wollte ihn wieder loswerden. Das Gespräch tat mir gut und anschließend setzte ich mich hin und begann, das ganze nochmal aufzuschreiben. (Edit: Und hier war noch etwas mehr Text, den ich aber lieber für mich behalte….). Und wenn ich nun diesen Satz beende, ist Markus hoffentlich für immer aus meinem Hirn verschwunden.

 

Edit: War er wirklich! (1.12.2015)

Edit 2: Wenn jemand bemerkt, dass ich etwas fachlich falsch beschrieben oder erklärt hatte, bitte kommentiert und berichtigt mich! Ich bemühe mich, alles möglichst einleuchtend, verständlich und vor allem richtig zu schreiben – aber ich bin eben keine Psychologin oder Psychiaterin oder Neurologin oder …

 

 

AGT

Johanna war auch für die AGT-Gruppe, also die Achtsamkeits- und Genusstherapiegruppe, angemeldet worden, so ließen wir Steffi um kurz vor drei allein und machten uns auf den Weg. Aus unserer Station war noch eine weitere Mitpatientin, die wie ich wegen Burnout hier war, mit dabei, außerdem zwei aus einer anderen Station sowie drei Patienten der Tagesklinik, die mir alle unbekannt waren.

In einer eintägigen Schulung zur „Stärkung persönlicher Ressourcen“ in der Arbeit vor einem Jahr (damals fand ich das völlig überflüssig, mit Stress hatte ich schließlich ja gar kein Problem…) hatte ich bereits von dieser Achtsamkeit und ihrem Guru, Jon Kabat-Zinn, gehört. Die Kernaussage war in etwa: Mit den Gedanken im Hier und Jetzt bleiben. Sprich: Nicht in der Dusche schon die To-Do-Liste schreiben. Sondern eben einfach nur Duschen und das Duschen bewusst wahrnehmen. Was aber nun der Genuss damit zu tun hatte und wofür man dafür nun fünf eineinhalbstündige Termine ansetzte, war mir ein Rätsel. Es würde sich aber bald lüften.

Die Gruppe wurde gleich von zwei Therapeutinnen geleitet, einer Psychologin und einer Kunsttherapeutin und fand zudem auch nicht in einem der sonst eher kahl eingerichteten Therapieräume, sondern im Aufenthaltsraum der Tagesklinik statt,  der mit gemütlichen Sitzgruppen und Esstischen samt Eckbänken und sogar mit einem Klavier eingerichtet war.

Als wir den Raum betraten, stand bereits ein Stuhlkreis bereit. In dessen Mitte lag eine altmodische Schalenwaage auf dem Boden, sowie zwei Kästchen. In dem einen waren bunte Glassteine, in dem anderen waren ganz normale Kiesel. Die beiden Therapeutinnen wirkten beinahe aufgeregt – das schien wohl ihre Lieblingsgruppe zu sein. Sie erklärten uns kurz den Stundenablauf, der in jeder Stunde gleich sein würde: Nachdem Eröffnungsblitzlicht (jeder Patient sagt kurz, wie es ihm gerade geht) folgt eine kurze Meditation, die helfen sollte, geistig in der Gruppe anzukommen. Danach folgt ein kurzer Theorieteil, anschließend wird einer der fünf Sinne erarbeitet, bevor ein kreativer Teil (deshalb wohl die Kunsttherapeutin), eine kurze, abrundende Geschichte und das Abschlussblitzlicht die Stunde beschließen. Das hörte sich – für eineinhalb Stunden – nach ziemlich viel Programm an. War es dann aber nicht.

Meditation bedeutete in diesem Fall nicht, dass wir uns alle wie Yogis auf den Boden setzten, gemeinsam „Om“-ten und das Universum spürten. In der ersten Stunde begaben wir uns auf eine geführte Phantasiereise ans Meer.

Die Psychologin sammelte uns schließlich wieder an unseren Stränden ein und brachte uns zurück in den Aufenthaltsraum. Diese Therapie ist etwas anders als die, die sie bereits kennen, eröffnete sie. In den anderen Gruppen und Therapien beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Ihrer Erkrankung. Wir hier verfolgen einen etwas anderen Ansatz. Sie nahm die Waage, die am Boden gelegen hatte, in die Hand. Sie alle haben ein Problem, dass sie schwer belastet, sonst wären sie nicht hier. Ihre Kollegin hob das Kästchen mit den Kieseln vom Boden auf. Die Therapeutin griff hinein, und streute die grauen Steine auf eine Waagschale. Sie fuhr fort: Diese Kiesel sind grau und belasten die Waage. Genau wie Ihre Probleme Ihre Seelenwaage. Um die Waage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, habe ich nun zwei Möglichkeiten. Ich kann die grauen Kiesel wieder herunternehmen – was sie in den ganzen anderen Therapien gerade versuchen – oder ich kann die zweite Waagschale belasten. Und sie ließ die bunten Glassteine aus dem zweiten Kistchen auf die andere Waagschale rollen, bis die Waage wieder ausgeglichen war. Genau das ist der Ansatz, den wir hier befolgen werden. Wir kümmern uns hier darum, es Ihnen wieder zu ermöglichen, die schönen Dinge wahrzunehmen, die um sie herum sind und die sie erleben.“

Wer weiß denn, was Achtsamkeit genau bedeutet?, fragte die Psychologin anschließend in die Runde. Sie leitete den theoretischen Teil. Außer mir hatte nur eine andere Dame, wohl in ihren Fünfzigern, von diesem Begriff gehört, konnte ihn aber nicht erklären. Ich steuerte meine „Definition“ bei. Ja, das war gar nicht so schlecht. Es geht darum, erklärte die Psychologin, im Hier und Jetzt zu sein. Den Moment anzunehmen, die Gegenwart wahrzunehmen. Und zwar mit allen unseren Sinnen, so wie es ist – ohne diese Wahrnehmungen sofort zu bewerten. Und hier kommen unsere Sinne und auch der Genuss ins Spiel. Wer in einer tiefen Depression steckt, und ganz besonders Burnout-Patienten, haben oft Schwierigkeiten, sich etwas Gutes zu tun. Wir wollen den Genuss hier in der Gruppe wieder ganz bewusst üben. Genuss passiert nicht von allein. Auch Genuss braucht Regeln.

In der Gruppe erarbeiteten wir nun die Genussregeln:

  1. Genuss braucht Zeit
  2. Genuss muss erlaubt sein
  3. Genuss geht nicht nebenbei
  4. Weniger ist mehr
  5. Wissen, was einem gut tut
  6. Ohne Erfahrung kein Genuss
  7. Genuss ist alltäglich

Wir diskutierten diese Regeln noch ein wenig. Besonders zum letzten Punkt – Genuss ist alltäglich – schieden sich die Geister. Wenn Genuss alltäglich war, war es doch kein Genuss mehr? Das schon – siehe den Punkt 4 „Weniger ist mehr! – wer aber immer auf besondere Gelegenheiten wartet um zu genießen, vielleicht sogar alles Genießen auf die eine Woche Jahresurlaub aufspart, der hat bis zu seinem Urlaub das Genießen wahrscheinlich gänzlich verlernt, oder aber er ist bereits so geschwächt, dass er keine Kraft mehr hat, zu genießen.

Wir schlossen die Genussregeln ab und die Kunsttherapeutin übernahm die Leitung der Gruppe. Mit echter Begeisterung in der Stimme führte sie uns zu dem kleinen Tischchen, das neben dem Stuhlkreis aufgebaut war. Bisher war es mit einer Decke abgedeckt gewesen. Jetzt üben wir das Genießen, sagte sie, wir beginnen mit dem Geruchsinn, und nahm die Decke vom Tisch.

Rosmarinzweige, verschiedene Duschgels und Deos, offener Tee, Spülmittel, Tannenzweige, Johannisbeerzweige, Kaffeebohnen, Erkältungsbalsam, und viel mehr verteilte sich an dem Tisch. Die Therapeutin forderte uns auf, an den Dingen bewusst zu riechen – ganz gleich, ob wir den Geruch kannten, oder mochten, oder nicht mochten. Ganz achtsam. Und in Ruhe. Die Gegenstände wanderten reihum. Hin und wieder war ein „Hmm“ oder ein „Iiih“ zu hören, aber sonst bemühten wir uns sehr, achtsam zu riechen. Mir hing besonders der offene Tee in der Nase. In dem Moment, in dem ich den Geruch wahrnahm, wurde es mir warm ums Herz, ein Gefühl der Geborgenheit machte sich breit. Ich bemerkte es und war völlig fasziniert davon. Es war Früchtetee. So wie ihr ihn früher immer zu Hause hatten. Im Winter hatte meine Mutter oft den Tee für uns gekocht. Er roch ganz genauso. Allein der Geruch weckte Erinnerungen und löste damit ein positives Gefühl in mir aus. Da fiel mir eine ganz ähnliche Szene aus dem Juli wieder ein. An einem eher schlechten Tag hatte ich ein altes Fotoalbum aufgeschlagen. Und alleine diese Bilder, diese Erinnerungen an glückliche Tage hinterließen in mir einen Optimismus und eine Zuversicht, die für Stunden anhielt. Das waren meine bunten Glassteine. Alleine das Riechen am Tee half meiner Seelenwaage, wieder etwas ins Gleichgewicht zu finden.

Im Anschluss an die Riech-Runde sollte sich jeder das Ding nehmen, das ihm am besten gefiel. Wir stritten uns überraschenderweise gar nicht, jeden berührte etwas anderes – den einen das Duschgel, weil es roch wie das seiner Frau, eine den Thymianzweig, weil sie so gerne kochte. Einzig das Erkältungsbalsam hatten gleich zwei Patienten für sich beansprucht: Das riecht wie damals, wenn mir Mama die Brust und den Rücken damit eingecremt hat, war jeweils die Begründung der beiden. Wie bei mir: Geborgenheit. Die stand offensichtlich hoch im Kurs.

Wir erhielten auch eine kleine Hausaufgabe: In den nächsten zwei Tagen alles zu notieren, was wir gerne riechen. Unter anderem waren es bei mir: frisch gemähtes Gras. Wald. Chai-Tee. Sonnencreme. Oder auch eine erhitzte Tartanbahn.

Was riecht ihr gerne? Wisst ihr das?