Eine neue Therapeutin

Hinter der orangen Tür wartete ein schmaler Gang, von dem zahlreichen Türen abgingen. Eine davon führte in das Büro meiner neuen Therapeutin. Es war mit einem Schreibtisch, einem Schrank und zwei bequemen Sesseln sowie einem Magnetboard eingerichtet. Außerdem hatte es ein Fenster, das die  ganze Breite des Raumes einnahm, durch das man auf die weiten Wiesen hinter dem Haus blicken konnte. Sie bat mich, auf einem Sessel Platz zu nehmen und setzte sich selbst, mir gegenüber, auf den anderen.

Sie war vermutlich Anfang dreißig, hübsch und hatte eine unglaublich positive Ausstrahlung. Sie begrüßte mich sehr herzlich und bat mich, ihr zu erzählen, warum ich hier war. Ich begann also zu erzählen, dass ich aus der Psychiatrie überwiesen worden war. Dorthin war ich wegen Burnout, Depressionen und Panikattacken eingewiesen worden. Und begann dann genauer (aber sowieso schon knapper als noch die ersten Male) zu erzählen, was sich vor einer Einweisung in die Psychiatrie alles ereignet hatte. Ich weinte. Die Erinnerungen an manchen Situationen steckten nach wie vor unglaublich tief und weckten riesige Angst und Verzweiflung. Sie schob mir die Taschentücher hin, die auf einem kleinen Tischchen schon bereit standen, und sprach mir kurz tröstend zu. Dann unterbrach sie mich. Ich sehe schon, das ist eine lange Geschichte. Wir haben aber heute nur 50 Minuten Zeit. Daher schlug sie vor, dass sie mir nun erstmal erklären würde, wie die Therapie hier vor sich gehen würde, damit dies zu Anfang geklärt war und wir uns anschließend ganz mir widmen konnten. Ok. Ich war es nicht gewohnt, von einer Therapeutin unterbrochen zu werden. Aber gut. Sie erklärte also, dass ich, solange ich in der Klinik war, wöchentlich zwei Termine bei ihr hätte, à 50 Minuten. Wir würden zwar auch an der aktuellen Verfassung arbeiten, aber vor allen Dingen mit psychotherapeutischen Schemata, die ich noch kennen lernen würde. Außerdem erklärte sie mir, dass ich auf der Station war, die sich speziell mit Angststörungen befasste. Das verwirrte mich. Zum einen, war ich doch schließlich in der Psychiatrie in der Depressionsgruppe gewesen. Zum anderen gab es, das wusste ich aus der Beschreibung, eine eigene Burnout-Station in der Klinik. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, ihr zugeteilt zu werden. Nun gut. Ich sagte das der Therapeutin. Sie antwortete, dass die Zuteilungen gemäß des Anmeldebogens gemacht wurden. Wenn es wirklich nicht passen sollte, dann könne man mich natürlich jederzeit einer anderen Station zuteilen. Aber ich hätte doch sehr starke Angstsymptome? Ja schon, antwortete ich ihr. Aber nur wegen des Burnouts. Ich erklärte ihr, dass ich bisher davon ausgegangen war, dass diese nervigen Angstzustände von alleine wieder weggehen würden, wenn ich wieder fitter war. Das kann schon so sein, antwortete sie mir. Ich hatte selbst auch einen Patienten, bei dem das in der Tat so war. Generell aber ist es immer besser, direkt an der Angst zu arbeiten. Die entwickelt man in der Regel auch aus einem bestimmten Grund. Ich gab mich geschlagen. Im Anschluss gab sie mir ein mehrseitiges Schriftstück, den Behandlungsvertrag. Den sollte ich mir bis nächste Woche durchlesen, unterzeichnen und wieder mitbringen. Wenn ich dazu Fragen hätten, dann würde sie die gerne in der nächsten Stunde mit mir klären. Außerdem übergab sie mir einen sehr langen Anamnesebogen. Er hatte wohl an die zehn Seiten. Den sollte ich bitte auch bis zur vierten Stunde ausgefüllt mitbringen. Und, zum Abschluss der Stunde, möchte ich gerne von Ihnen wissen: Warum sind Sie hier? Was ist Ihr Ziel? Ich blickte sie wohl etwas verwirrt an, denn sie fuhr fort, weiter zu erläutern. Naja, was möchten Sie denn hier lernen? Was versprechen Sie sich denn von dem Aufenthalt hier? Naja ich möchte wieder ich selbst sein, sagte ich ihr. Glücklich. Keine Depression, keine Ängste, wieder Energie haben. Und ich möchte vor allem verstehen, warum mir das alles passiert ist. Nach einer kurzen Pause, setzte ich nach. Und wie ich es hinkriege, dass mir so etwas nie wieder passiert. Wir vereinbarten die nächsten Termine und damit war meine erste Therapiestunde in der Psychosomatik vorbei.

Ich war wieder müde ohne Ende, und ging direkt, mit kurzem Umweg über die Teestation in der Cafeteria, in mein Zimmer, legte mich ins Bett. Ich war zu k.o., um auch noch das Gepäck zu holen. Nachher würde ich sowieso mit Johanna rausgehen. Ich lag also wieder in meinem Bett, bis zum Abendessen, völlig erschöpft und fast schon überfordert von den vielen neuen Eindrücken. Und von der Tatsache, dass ich irgendwie allein auf mich gestellt war. Das war ungewohnt.

Das Abendessen, es gab ein großes, kaltes Buffet, war sehr lecker. Dass es keinen Zwieback gab, machte gar nichts aus – schließlich hatte ich die Auswahl zwischen Semmeln, in etwa vier verschiedenen Brotsorten und diversen Knäckebrot-Arten. Das Tischgespräch bei uns wurde vor allen Dingen von der Kur-Oma und der Aerobic-Trainerin geführt. Letztere machte einen wirklich netten Eindruck. Sonst war sowieso nur noch ich am Tisch, und ich war zu k.o. um groß etwas zur Unterhaltung beizutragen. Überhaupt war es in dem Speisesaal sehr laut. Daher verabschiedete ich mich rasch wieder und wartete draußen im Eingangsbereich auf Johanna. Wir gingen eine kleine Runde spazieren, die kleine Walkingrunde entlang. Das Wetter war nicht besonders, aber wir hatten beide die frische Luft dringend nötig. Johanna erzählte mir viel von der Klinik, ich konnte  zuhören und musste kaum reden. Der Weg, den wir entlanggingen, folgte einem Bach, der ganz ungezwungen durch ein kleines Wäldchen mäanderte, wir kamen an einer kleinen Schafherde vorbei und zahlreichen Maisfeldern. Wunderschön ruhig war es hier. Auf dem Rückweg holten wir den Rest meines Gepäcks aus dem Auto, verabschiedeten uns, und ich fiel keine Stunde später tot ins Bett. Es war gerade mal halb neun, als ich mein Buch zu klappte. Ich war hundemüde. Und morgen musste ich spätestens um halb sieben zur Blutabnahme in der medizinischen Zentrale erscheinen.