Heute war Donnerstag: Wassergymnastik um elf. Burnout-Gruppe um eins. Endlich das erste Mal Pilates. Danach noch Einzeltherapie. Aber die Sonne schien und heute war ein guter Tag.
Pünktlich um eins fanden wir uns wieder im Gruppenraum der Station V ein. In der letzten Stunde hatten wir das Skript beendet, heute würden wir mit iner neuen Therapeutin von vorne anfangen. Es gab also erneut eine ausführliche Vorstellungsrunde. Ich würde heute noch ins Pilates gehen, das war meine gute Tat für mich an diesem Tag. Kuchen und Essen allgemein standen bei den anderen Teilnehmern nach wie vor sehr hoch im Kurs.
Wir begannen im Skript mit dem „Bericht einer Betroffenen“. Den erspare ich euch, ihr lest ja gerade einen. Und so immens wich der Text auch gar nicht von meiner Geschichte und der der anderen in der Runde ab. Und ja: Burnout ist ein Prozess, der bei allen Betroffenen in Phasen verläuft: Enthusiasmus – Überforderung – Frustration – Apathie – Verzweiflung und Erschöpfung. Bei genauerer Betrachtung der letzten beiden Jahre kann ich diese Phasen sehr exakt auseinander dividieren. Teilweise auf den Tag genau.
Die nächste Folie bestand aus genau einem Satz: „In dem Prozess, der dem Burn-Out vorausgeht, gibt es individuelle Warnsignale, die aber meist so lange ignoriert werden, bis es zum Zusammenbruch kommt!“
Das wusste ich. Das war mir schon seit einiger Zeit sehr klar. Ich hatte viele dieser Anzeichen übersehen. Vor allem einfach aus Unwissenheit. Ich merkte schon, dass irgendetwas anders war, dass irgendetwas nicht stimmte. Aber ich wusste einfach nicht was. Und genau das triggerte die Spirale noch weiter. Hatte ich vielleicht eine Herzmuskelentzündung? Was stimmte mit meiner Hüfte nicht, wann würde ich endlich wieder vernünftig gehen können? Selbst nach meinem Kreislaufzusammenbruch im Büro kam ich selbst keine Sekunde auf die Idee, ich könnte ein Burnout haben. Nach einem sehr ruhigen, langen Wochenende hatte ich keine Anzeichen von Unwohlsein mehr gespürt, also war ich ja wohl wieder fit! Also konnte ich in die Arbeit gehen. Ich war schließlich nicht krank!
Im Skript befand sich eine lange Checkliste mit Warnsignalen. Drei DIN A4-Seiten. 39 einzelne Warnsignale, unterteilt in körperliche (18), kognitive (5), emotionale (5), motivationale (4) und Warnsignale im Verhalten (7). Unter anderem: Herzstiche, Atembeklemmungen, Zittern, Zähneknirschen, Schlafstörungen und Albträume, Schwindel, Verdauungsbeschwerden, Vermehrte Infekte, Konzentrationsstörungen, Leere im Kopf, Tagträume, Nervosität, Versagensängste, Wut bei kleinen Anlässen, Resignation, sexuelle Inappetenz, Zynismus, Aggressivität, nicht zuhören können, Veränderungen im Essverhalten, Konsum von Alkohol/Medikamenten, Vernachlässigung privater Kontakte.
Wir sollten diese Checkliste durchgehen und festhalten, wie stark wir die einzelnen Warnsignale bei ihrer jeweils stärksten Ausprägung verspürt hatten und zwei, einen oder eben auch null Punkte verteilen. Ab elf Punkten war die Ampel „gelb“:man war bereits dabei, in ein Burnout-Syndrom abzurutschen und sollte den Teufelskreis unterbrechen. Ab 21 Punkten war man „schwer belastet durch seelischen Stress und seine gesundheitlichen Folgen“, mittendrin in der Abwärtsspirale, von der bereits bei der Depression die Rede war: „Holen Sie sich professionelle Hilfe“.
Ich hatte über 60 Punkte.
Über 60.
Beim zweiten Durchsehen fiel mir auf, dass ich bei „Muskelverspannungen“ 0 angegeben hatte. Dabei waren meine Hüftschmerzen eine einzige Muskelverspannung gewesen. Keinen Schritt mehr weiter. Ich notierte also die 2.
Ich war schockiert. Mir war schon klar gewesen, dass ich einige Warnsignale ignoriert hatte. Aber so viele?! Sie nun so aufgelistet zu sehen, schwarz auf weiß vor Augen zu haben, war heftig. Was ich alles hingenommen hatte, bevor ich mich endlich um mich selbst kümmerte. Wie konnte man sich selbst so etwas antun?
Alle in der Runde waren recht deutlich über den 21 Punkten. Ich hatte den zweifelhaften ersten Platz gewonnen, gefolgt von dem 35-Jährigen. Die Punktezahl schien mit dem Alter abzunehmen. Mein haushoher Sieg bestätigte nun auch ein wenig meine These, die sich mehr und mehr verfestigte: Ich hatte mich viel, viel tiefer in das ganze Schlamassel hineinmanövriert, als die meisten hier in der Gruppe.
Ich hatte mir eingeredet, dass ich „stärker“ war als die anderen und es daher einfach mehr gebraucht hatte, um mich umzuhauen. Das war natürlich die einfachere Art, damit umzugehen. Da war ich zwar immer noch ein Opfer, aber irgendwie ein starkes. Aber ich wusste schon, genaugenommen war ich die Dumme. Ganz egal wie viel Energie und Kraft – wer sich selbst nicht helfen kann, kann auch keinem anderen helfen. Ich sollte also mal ganz, ganz leise sein und mir von den anderen etwas abschauen. Wie man seine Grenzen erkennt und verteidigt zum Beispiel.
Pilates im Anschluss war übrigens sehr gut 🙂
