Ein Tag, so wichtig wie Weihnachten

Kurzmitteilung

Am Mittwoch – mir ging es nach wie vor verhältnismäßig gut, was heißt, dass ich zumindest keine schwere depressive Episode mehr gehabt hatte – klingelte plötzlich mein Handy. Meine Allgemeinärztin war dran. Sie hatte mit ein paar Kliniken telefoniert und eine gefunden, die mich morgen bereits aufnehmen könnte.

Ich war völlig überfahren. Die Wartezeiten der Kliniken, die Burn-Out-Patienten behandeln, liegen in der Regel bei mehreren Wochen, wenn nicht Monaten. Ich hatte mich zwar gedanklich darauf eingestellt, dass ich demnächst in eine Klinik gehen würde, hatte aber nicht damit gerechnet, dass das vor September überhaupt möglich wäre. Außerdem war am Samstag ein großes Dorffest – das für uns alle in etwa den gleichen Stellenwert hat wie Weihnachten. Ich wollte unbedingt dabei sein, selbst wenn ich nur für einige wenige Stunden und bestimmt nicht bei der eigentlichen Party dabei sein könnte.

Von einer Minute auf die andere wurde ich wieder zum Nervenbündel, das still und stumm (viel geredet hatte ich in den letzten Wochen ja sowieso nicht) in der Ecke saß und vor sich hin starrte. Ich hatte Angst, wusste aber nicht so genau vor was. Der Gedanke an die Klinik lähmte mich. Ich googelte sie, sie machte einen ganz passablen Eindruck. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie war der offizielle Titel.

Der Tag ging, der nächste kam. Ich hatte nicht mehr bei der Ärztin angerufen, ich hatte heute sowieso einen Termin bei ihr. Der Aufnahmetermin war verstrichen.

Meine Mutter musste zur Ärztin mitkommen, ich hatte ständig das Gefühl, dass ich meinen Körper mehr von außen steuerte als dass ich wirklich da war, ich war nicht in der Lage, Auto zu fahren. Die Fahrt war bereits anstrengend genug. Es war alles so schnell, obwohl meine Mutter sicher keinen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. Wir fuhren über die Ingolstädter und die Leopoldstraße zum Parkhaus an der Oper. Ich musste mich im Auto bereits an meinem Lapislazuli festklammern. Es war zu laut, zu schnell, zu viele Sinneseindrücke. In der Tiefgarage war es dunkel, die Decken tief, kein Ausgang in Sicht, die Luft schlecht. Ich musste mit mir kämpfen. Wollte nicht zusammenbrechen. Ich versuchte, ruhig die Tiefgarage zu verlassen, ganz gelang es mir nicht. Oben war es dann nicht viel besser. Für einen Donnerstagvormittag waren verhältnismäßig viele Passanten unterwegs, Obststände standen am Marienhof, Radfahrer fuhren durch die Fußgängerzone, es war laut. Es war Horror. Ich krallte mich immer mehr an meinem Stein fest und manövrierte mich hin zur Praxis – ich war schon wieder aus meinem Körper geflüchtet und hielt mich in einer diffusen Wolke irgendwo über mir auf. Meine Mutter konnte kaum mit mir Schritt halten. Und wenn ihr jetzt glaubt, dass man mir das angesehen hätte: Sicher nicht. Ich hatte mich – bewusster und mit sehr viel mehr Interesse daran als noch zwei Monate vorher –  für den Arzttermin schick gemacht. Langer Chiffon-Rock, passende grün-goldene Sandalen, eine weiße Bluse, die Haare extra gestylt, meine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase – ich sah mehr nach Urlaub aus als nach Arzt.

Den Großteil des Gesprächs übernahmen meine Mutter und meine Ärztin. Ich war immer noch beinahe so stumm wie ein Fisch und apathisch. Ich wollte unbedingt an dem Fest dabei sein. Meine Ärztin war aber gut darin, mir bzw. meinem Verstand einzureden, dass das alles andere als eine gute Idee war und meine Mutter hatte sichtlich große Angst, dass ich durch den ganzen Trubel und vor allen Dingen das Alleinsein zu Hause wieder in eine schwere depressive Episode rutschen würde und sich – vielleicht sogar noch schlimmere – Szenen wie am vorletzten Wochenende abspielen würden. Also stimmte ich zu. Die Ärztin telefonierte mit der Klinik. Am nächsten Tag um 10.00 Uhr war meine Aufnahme vereinbart.

Ich sah zwar irgendwie ein, dass das vernünftig war. Aber ich wollte nicht. Ich wollte beim Fest dabei sein.

Am Abend sollte der Aufbau beginnen. Eigentlich war ich dabei Stammgast. Beim Aufbau, beim Verkauf, beim Abbau. Ich war beim Schwimmen gewesen und auf dem Heimweg sah ich ein paar Leute bereits arbeiten. Ich beschloss, runter zu gehen, und zumindest dabei noch ein wenig meinen Beitrag zu leisten, wenn ich sonst schon nicht dabei sein konnte. Ich zog mir alte Shorts und ein T-Shirt an, und machte mich fest entschlossen auf den Weg, um dabei zu helfen. Es ging nur darum, Tische aufzubauen, die Theke einzurichten, mit etwa zehn anderen, die ich alle gut kannte. Kein großer Menschenauflauf also, alles unter freiem Himmel. Das kriege ich hin.

An der letzten Ecke, kurz bevor sie mich gesehen hätten, drehte ich wieder um. Ich konnte einfach nicht.

Da gab irgendetwas in mir auf. Ich hatte nichts mehr zu wollen. Ich hatte endlich meinem Körper zu gehorchen. Er hatte gewonnen. Niedergeschlagen, fast schon gebrochen, ging ich wieder nach Hause. Weinen konnte ich nicht mehr. Ich saß auf der Terrasse und starrte geradeaus hinaus in den Garten.

Morgen war wohl ein guter Tag, um in die Klinik zu gehen.