Schnitzel oder Spinatknödel?

Meine Schwester war über das Wochenende aus London zu Besuch. Zur Feier des Tages wollte meine Familie gerne in den Biergarten. Mir war es egal. Aber ich erinnerte mich daran, dass ich gerade diesen Biergarten sehr gerne mochte. Gutes Essen, eine tolle Atmosphäre – ein traumhafter Platz für einen Samstagabend im Sommer. Also fuhr ich mit. Ich schwieg auf dem Weg dorthin, beschäftigt mit mir selbst und gestresst von den – wie ich fand – schnellen Wortwechseln und kleineren Diskussionen zwischen meinen Eltern und meiner Schwester. Auf dem Fußweg vom Parkplatz zum Vorgarten konnte ich mir einige spitze, boshaft-ironisch oder zynischen Kommentare zu den anderen Leuten vor uns auf dem Weg nicht verbeißen. Die anderen lachten, ich war wohl witzig. Ich merkte nichts davon.

Meine Eltern und meine Schwester studierten die Karte. Ich blickte abwesend um mich herum. Hunger hatte ich keinen. Auch keinen Appetit. Aber ich wusste, ich sollte etwas essen. Es wäre nicht gut, meinem schwachen Körper auch noch die regelmäßige Nahrungsaufnahme zu verweigern. Schließlich nahm ich die übrige Speisekarte in die Hand. Las sie durch. Von vorne bis hinten. Und nochmal. Fragte die anderen, was sie nehmen würden. Las wieder die Speisekarte. Schließ ich schlug ich sie genervt und frustriert wieder zu. Spinatknödel. Ich liebe sie, dass wusste ich noch. Das würde gut sein. Appetit hatte ich nach wie vor nicht.

Die Bedienung kam. Wir bestellten. Nach fünf Minuten war sie wieder da. Die Spinatknödel waren aus. Also nahm ich wieder die Speisekarte. Die Bedienung wartete. Ich konnte mich nicht entscheiden. Das Warten der Bedienung löste Stress in mir aus. Also bestellte ich Schnitzel mit Pommes. Standard.

Egal.

Nach etwa zwei Wochen kippte meine Stimmung. Ich kann noch nicht einmal genau sagen, wann. Vielleicht ist es schleichend passiert, Stück für Stück. Oder aber, es war mir einfach egal. So wie alles plötzlich egal war. Warum überhaupt aufstehen – ich hatte ja nichts zu tun? Scheißegal, dass draußen die Sonne scheint. Lesen? Keine Lust. Fernsehen? Vielleicht eine Dokumentation über Murmeltiere. Oder die Sendung mit der Maus. Alles andere? Zu laut, zu schnelle Schnitte. Freunde treffen? Wozu.

Ich hörte auf zu sprechen. Ging nicht mehr ans Telefon. Antwortete nur mit mehreren Tagen Verspätung auf SMS. Mir war einfach alles egal. Wenn man mir eine Million Euro geschenkt hätte? Egal.

Kopf gegen Berg

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Am Montag brach ich sehr früh, um sechs Uhr morgens, auf. Ich wollte in die Berge. Während meines Studiums lebte ich drei Jahre in Tirol. Seitdem habe ich ein regelrechtes Bergweh entwickelt. Ich freute mich auf meinen kleinen Ausflug. Sich einfach nur auf den Weg, sich selbst und den Berg zu konzentrieren und den Kopf zu Hause zu lassen, erschien mir als sehr gute Idee.

Ich entschied mich, zur Tegernseer Hütte hochzulaufen. Da war ich im vorigen Jahr bereits gewesen, die kleine Tour war entspannt, sportlich keine große Herausforderung und vor allem wunderschön. Ich genoss den Aufstieg. Den morgendlichen Waldduft. Sah zu, wie sich die Wolken langsam verzogen und die Berge ringsum wieder aus ihrem Nebelgewand auftauchten. In gut zweieinhalb Stunden war ich oben, eine gute Zeit. Vor mir lag der Tegernsee, die Hütte thronte zwischen Buch- und Roßstein wie ein Adlerhorst, hinter ihr das Bergpanorama, unter einem strahlend blauen Himmel. Traumhaft!

Aber das Gefühl, von dem ich wusste, dass es ein solcher Anblick eigentlich in mir auslösen müsste – eine Mischung aus purer Lebensfreude und Glück – wollte sich bei mir nicht einstellen. Ich setzte mich hin, blickte lange hinein in die Bergwelt und hinunter auf den See, und ich versuchte, mich selbst von der Schönheit des Augenblicks zu überzeugen. Aber nichts. Ich wusste, dass vor mir ein wunderschönes Bergpanorama lag, so wie man irgendwann eine mathematische Formel versteht. Aber das war es dann auch. Die Glücksgefühle eines Gipfelstürmers blieben aus, dafür wurde ich unruhig. Enttäuscht trank ich meine Apfelschorle aus und stieg wieder ab.

Bereits nach wenigen Metern spürte ich meine Oberschenkel. Ich musste höllisch auf den Weg aufpassen, da der Steig nicht gerade eben war. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir Wanderstöcke. War ich mit 27 schon alt genug dafür? Nach einer Stunde Abstieg war ich bereits ziemlich erschöpft, hatte aber noch zwei Drittel des Weges vor mir. Die Sonne brannte auf mich herunter und der Waldrand war noch ein gutes Stück entfernt. Ich trank ein paar Schlucke und ging weiter. Wenn ich den Wald und damit den Schatten erreicht hatte, wollte ich eine lange Pause machen. Dort aß ich dann auf einem großen, flachen Felsen den Rest meiner Brotzeit und trank die zweite Wasserflasche aus. Der Weg nach unten war nicht mehr lang, eine halbe Stunde vielleicht, und der Steig führte durch den Wald, war also schön schattig. Ich würde gleich unten sein.

Pustekuchen. Meine Oberschenkel schmerzten und ich merkte, dass meine Beine immer unzuverlässiger wurden. Ich musste meine Schritte sauber setzen und mich stark auf den Weg konzentrieren. Ich knickte mit dem linken Fuß um, da ich auf eine Wurzel trat, die ich eigentlich hätte sehen müssen. „Konzentrier dich auf den Weg, Sophie!“, scholt ich mich selbst. Aber ich hatte keine Chance gegen meinen Kopf. Er wollte nicht mehr. Ich konnte mich keine drei Schritte am Stück auf den Weg konzentrieren. Immer wieder knickte ich um. Meine Fußgelenke begannen zu schmerzen. Die Oberschenkel brannten. Ich hatte Hunger, aber kein Essen mehr. Ich hatte Durst, aber kein Wasser mehr. Ich war mit den Nerven am Ende. Am liebsten wäre ich einfach an Ort und Stelle liegen geblieben und hätte geheult. Aber das würde ja nichts helfen. Ich musste diesen verdammten Berg wieder herunterkommen. Im Auto war noch Wasser. Und dann würde ich in ein Seebad fahren und Essen kaufen. Ich konnte an nichts anderes mehr Denken. Trinken. Essen. Schlafen. Und fiel über die nächste Wurzel.

Irgendwie schaffte ich es die restlichen Meter den Berg herunter. Ich hatte beinahe vier Stunden für den Abstieg gebraucht. Eineinhalb Stunden mehr als für den Aufstieg. Woher ich die Energie nahm, noch mit  dem Auto zurück zum Tegernsee zu fahren, weiß ich nicht. Ich war nur noch getrieben von der untersten Schicht der Maslowschen Bedürfnispyramide. Trinken. Essen. Schlafen. In einem kleinen, ruhigen Seebad angekommen kaufte ich mir Wiener mit Brot, verschlang sie innerhalb von Minuten und schlief auf der Liegewiese ein.

Erst zwei Stunden später wachte ich wieder auf. Zurück am Auto bemerkte ich einen Strafzettel. Ich hatte vergessen, einen Parkschein zu ziehen.

Tags darauf war ich bei meiner Ärztin. Ich hatte Eisen- und Vitamin-D-Mangel. Sonst war ich offiziell topfit.

Endlich frei!

Die nächsten Tage genoss ich so richtig: Die Krankschreibung hatte mir eine Riesenlast von den Schultern genommen. Die nächsten vier Wochen musste ich nicht arbeiten, mein Blackberry war ausgeschalten und auch mein privates Handy lag in der Ecke. Ich wollte für nichts und niemanden erreichbar sein. Ich wollte einfach nur allein sein und zum ersten Mal seit langer Zeit den ganzen Tag einfach nur das tun, worauf ich gerade Lust hatte.

Ich ging schwimmen, las mehrere Bücher, lag auch manchmal einfach nur im Englischen Garten und schaute, wie die Zweige der Bäume im Wind wogten oder unternahm lange Spaziergänge an der Isar. Ich ging zum ersten Mal in meinem Leben allein abends essen, ich radelte durch Schwabing und sog alles in mich auf. Es war herrlich. Ich fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr. Und ich schlief so viel wie schon lange nicht mehr. Ich ging um zehn ins Bett, wachte erst am späten Vormittag auf und machte in der Regel nachmittags noch ein mehrstündiges Schläfchen.

Am Samstag war ich mit ein paar Freunden zum Baden verabredet. Obwohl ich es eigentlich genoss, in der Sonne am See zu liegen und zu quatschen, merkte ich, wie mich das Gespräch in der Runde langsam anstrengte. Ich war abends dann sehr froh, wieder zu Hause sein.

Am nächsten Tag – wegen der Hitze in meiner Münchner Dachgeschosswohnung war ich bei meinen Eltern – war ich richtig übellaunig. Es war zu heiß. Ich konnte mich zu nichts aufraffen. Ich lag beinahe den ganzen Tag im Keller auf einer Matratze – der einzige Ort, der mir kühl genug war – und schnauzte alles und jeden an, der es wagte, mit mir zu sprechen. Selbst die Katze. Einfach so. Es war nicht das Geringste passiert. Aber ich konnte nicht anders.

Abends traf ich mich mit einer guten Freundin. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung. Danach fuhr ich sogar noch ins Freibad und ging ein paar Runden schwimmen, bevor ich dann in der Hängematte auf dem Balkon meiner Eltern bei einem guten Glas Luganer den Sonnenuntergang genoss.

Status

Everything is going to be fine in the end. If it’s not fine it’s not the end.

(Oscar Wilde)

Die letzten Monate und Jahre habe ich hier über den langen Weg vom Burnout zurück ins Leben geschrieben. Ich habe meine Geschichte erzählt, meine Gedanken hier sortiert und vieles – Links, Fotos, Zitate – gesammelt. Nach eineinhalb Jahren nun geht es mir wieder gut, ich stehe wieder im Leben. Es ist zwar alles anderes als zuvor, aber endlich alles gut.

Meine Geschichte findet ihr nach wie vor unter „Weiter im Text“ nachzulesen. Und weiter will ich auch gerne mit euch verschiedene Gedanken, Tipps und Links teilen, die die Themen psychische Gesundheit und Stress(-prävention) betreffen. Ich freue mich, wenn ihr mir weiterhin folgt und vor allem mehr denn je über eure Meinungen! Schön, dass ihr (immer noch) da seid!