Eine Patin & Wiedersehen mit Johanna

Als ich vom Mittagessen wieder hoch kam ins Zimmer, lagen vier Zettel hinter der Tür auf dem Boden, alle für mich. Das bedeutete also „unter der Tür durchschieben“.

Ein Termin für Blutentnahme und EKG morgen. Eine Einladung für den Termin bei der Ärztin, am nächsten Tag um neun. Ein Termin bei meiner Therapeutin, heute Nachmittag um halb vier. Und ein Termin bei der Basisdokumentation, zur Aufnahmeerfassung, die die Dame vom Empfangsservice bereits angekündigt hatte, um drei.

Das war ja wirklich fast schon Stress. Ich wollte doch einfach nur endlich meine Ruhe. Immerhin hatte ich noch im Kopf, wo sich die Räume jeweils befanden und es überschnitt sich nichts.

Das Mädchen, das bei mir noch auf dem Zimmer war, war nicht da. Die andere zog sich gerade um, die Sportkleidung an. Ich war zu erledigt, um irgendwelche Höflichkeitsgespräche zu führen. Auch sie wirkte nicht besonders redselig. Ich fiel in mein Bett, kuschelte mich unter meiner Wolldecke in die Koje, die wirklich ganz gemütlich war, und schnappte mir mein Handy. Ich hatte eigentlich gehofft, Johanna beim Mittagessen zu sehen. Aber ich hatte sie in dem vollen Speisesaal nicht entdeckt. Ich saß mit dem Rücken zum Großteil der Tische, und da das Mittagessen (drei Gänge!) serviert wurde, hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mich ausführlicher umzusehen. Jedenfalls fragte ich sie nun, ob sie am Nachmittag kurz Zeit hätte, einen Tee zu trinken. Zu mehr war ich gerade nicht fähig. Sie schrieb gleich zurück, um halb drei wäre gut. Passte perfekt. Dann hatte ich jetzt eineinhalb Stunden, um zu schlafen. Ich legte das Handy weg, schloss die Augen, da klopfte es an der Tür. Meine andere Zimmernachbarin war mittlerweile auch gegangen. Also stand ich auf und öffnete. Vor der Tür stand eine junge Frau Anfang zwanzig, wirkte etwas plump, und sprach auch so. Sie sei meine Patin, stellte sie sich ganz aufgeregt vor. Sie freue sich, endlich ein Patenkind zu haben! Sie war ja schon so lange da, und alle anderen hatten schon Paten bekommen, nur sie nicht. Ob ich jetzt Zeit hätte für Führung durch die Klinik? Eh ja. Zeit schon, aber mir geht es nicht gut, ich bin total erkältet, antwortete ich ihr, ich möchte mich gerne etwas hinlegen, zum Schlafen. Vielleicht morgen? Ja klar, auch kein Problem, vor dem Mittagessen? Dann hole ich dich um halb zwölf hier ab! Und wenn du Fragen hast, mein Zimmer ist gleich das übernächste, immer einfach klopfen! Dann bis morgen!

Ich blickte ihr seufzend nach. Eigentlich hatten die hier alle einen meganormalen ersten Eindruck gemacht. Und dann erwischte ich den Knallertisch und eine verrückte, offensichtlich anstrengende Patin. Johanna. Nachher treffe ich Johanna.

Diesmal konnte ich wirklich ungestört vor mich hindösen und so tun, als ob ich schliefe. Nach wie vor, selbst trotz der Mega-Erkältung schlief ich einfach nicht ein. Ich vegetierte also vor mich hin, bis es fast halb drei war. Dann stand ich auf, zog mir eine Jeans an. Hier liefen, ganz anders als in der Psychiatrie, die wenigsten Patienten in Jogginghose herum. Schnappte mir meinen Autoschlüssel, schließlich musste ich noch mein restliches Gepäck holen, und die zwei Zettel mit den Terminen für heute Nachmittag. Und dachte sogar noch daran, die Schlüsselkarte für das Zimmer einzuschieben.

Es war so schön, Johanna wieder zu sehen! Und ich hatte mich am Vormittag nicht getäuscht, sie strahlte richtig. Die Umstellung auf die neue Klinik war ihr recht leicht gefallen, die neuen Medikamente schlugen an, und sie hatte tolle neue Mitbewohnerinnen auf dem Zimmer, die sie sehr nett aufgenommen hatten. Ich erzählte noch ein bisschen aus der Psychiatrie, richtete die vielen Grüße von den Schwestern und sogar der Empfangsdame aus, sie erzählte ein bisschen von hier. Die halbe Stunde verging schnell, und wir verabredeten uns zum Spazierengehen nach dem Abendessen. Eine kleine Runde an der frischen Luft würde mir sicher guttun.

Ich fand tatsächlich den Weg zur Basisdokumentation auf Anhieb. Dort füllte ich dann einen Computerfragebogen aus. Meistens musste man angeben, wie zutreffend Aussagen wie: „Ich fühle mich oft grundlos traurig“. Oder „Ich habe Existenzängste“. Oder „Ich fühle mich schlecht, wenn ich esse“. Oder „Panikattacken schränken mich in meinem Alltag ein“ waren. Manche Fragen waren etwas überraschend für mich. Insgesamt deckte es sich aber doch ziemlich mit dem Fragebogen, den die Ärztin beim Aufnahmegespräch in der Psychiatrie mit mir durchgegangen war. Immerhin litt ich nach wie vor nicht an Wahnvorstellungen, Zwängen oder Essstörungen, da konnte ich gut „trifft überhaupt nicht zu“ ankreuzen. Das war ja immerhin etwas.

Nach circa zwanzig Minuten war ich fertig, verließ den Kellerraum, ging am Atrium vorbei wieder in das Erdgeschoss, vom Neubau in den Altbau, erwischte beim zweiten Versuch die richtige Treppe und setzte mich auf einen der fünf orangenen Wartestühle, die im Eingangsbereich zur „physikalischen Therapie“ aufgestellt waren. Dem Schild nach befanden sich hier neben den Behandlungszimmern der Physios auch die Büros einiger Psychotherapeutinnen. Es saßen bereits zwei andere Patienten auf den Stühlen. Ich grüßte kurz, setzte mich auf den linken, und starrte, wie die anderen zwei auch, die orange Tür an. Ich war früh dran. Rechts an der Wand war eine Tafel, auf der man sich offensichtlich zur Nutzung der Sauna und der Infrarotkabinen eintragen konnte. Auf der anderen Seite war ein wesentlich größeres Board, auf dem u.a. ein Plan mit der Walkingstrecke angebracht war. Drei verschiedene Wege führte im Bogen um die Klinik herum, das sah alles ein wenig verwirrend aus. Hoffentlich musste ich nicht alleine laufen. Schließlich öffnete sich endlich die orangefarbene Tür, die wir drei Wartenden anstierten. Ein Physio stand dahinter, und der Mann neben mir stand auf, sie begrüßten sich recht launig, und die Tür ging wieder zu. Es dauert nicht lange, bis sie wieder auf ging. Eine junge Frau stand hinter der Tür. Frau Blau, sagte sie und blickte uns etwas fragend an. Das bin ich, sagte ich und ging zur orangenen Tür.

Knallertisch

Der Speisesaal war ein Traum. Den Vergleich zur Psychiatrie gewann er locker, aber würde auch einige Vier-Sterne-Hotels überflügeln. Jeder hatte einen festen Platz im Speisesaal, beliebig zugeteilt. Die Tische waren entweder rechteckig oder rund und boten in der Regel Platz für bis zu sechs Personen. Ich war schon gespannt, wer an meinem Tisch sitzen würde. Die Namen auf dem Schild sagten mir gar nichts, niemand, den ich aus dem Zimmer oder aus Gauting kannte.

Spätestens fünf Minuten, nachdem der Tisch versammelt war, war mir klar: Ich habe hier mal wieder hundert Punkte gewonnen (Warum immer ich?). Ein Knaller-Tisch.

Rechts von mir: Ein Mädchen, vermutlich Anfang zwanzig. Komplett schwarz gekleidet, schwarzgefärbte, offene Haare, schwarz getuschte Augen, sehr blasser Teint. Sie aß kaum etwas, sprach beinahe nichts und verließ nach nicht einmal zehn Minuten wieder den Tisch.

Mir gegenüber, wie ich ein Neuankömmling: Typ Aerobic-Trainerin. Die kurzen, blonden Haare fast schon zu einer Art Vokuhila-Fransen-Frisur toupiert, vergleichsweise stark geschminkt, mit einer überdimensionalen Modeschmuck-Kette um den Hals. Das hochmotivierte Strahlen einer Fitnesstrainerin im Gesicht. Alter vermutlich um die vierzig. Und, tatsächlich: Sie ist zwar nicht Aerobic, aber Zumbatrainerin, wie sich sehr bald herausstellte.

Wieder ein Platz weiter: Die neugierige Oma auf Kur, wie aus dem Bilderbuch, inklusive Brille mit Goldrand und mehreren Goldringen an den Fingern, Perlenkette um den Hals. Der rote Lippenstift zog sich von der Oberlippe durch die Falten leicht in Richtung Nase. Und, Sophie, wissen Sie, ich bin schon ganz neugierig: Wo kommen Sie denn nun genau her? Gottseidank ist München groß, dachte ich mir. Das Beste an Ihr: Die dicken Gläser ihrer Brille vergrößerten ihre – zugegeben schönen – wasserblauen Augen um ein Vielfaches. Sie starrte um sich her wie ein Fisch. Oder Mesut Özil.

Links neben mir, direkt vor der Terrasse, also da, wo eigentlich das Licht hereinscheinen sollte: Finster. Bei so viel Leibmasse hatten die Sonnenstrahlen keine Chance. Das Alter war schwer zu schätzen, auch sie war nicht besonders redselig. Witzigerweise war sie die Einzige, die weder Suppe noch Salat noch Nachtisch aß. Abgesehen natürlich von dem schwarzen Mädchen. Aber die aß einfach gar nichts.

Groteske Zusammenstellung, ein Knallertisch. Ein Platz am Tisch ist noch frei. Ich bin gespannt. (Und heilfroh, dass ich Johanna für die restlichen 22,5 Stunden des Tages habe!)

Empfangsservice

Die Dame vom Empfangsservice stellte sich mir vor, fragte mich, wo meine Taschen wären, und war schon auf dem Weg zum Aufzug. Sie drückte den Knopf, während ich meine Reisetasche holte, und als ich wieder neben ihr stand, erklärte sie mir, dass sie mir als Erstes mein Zimmer zeigen würde.

Wir stiegen also in den kleinen Aufzug ein, fuhren in den dritten, obersten Stock und traten auf einen Gang, der weniger nach Klink als nach Hotel oder Büro aussah. Der Boden war mit einem dunklen Teppich verkleidet, die Wände weiß, mit zahlreichen Kunstwerken behangen (später sollte ich feststellen, dass sie allesamt aus der hauseigenen Kunsttherapie stammten), eine kleine Couchgruppe in der Nähe des Aufzugs, und links und rechts zahlreiche, dunkelrote Türen. Hier oben war die Station V. Ich fragte, wie viele Patienten denn insgesamt hier wären. Wenn die Klinik voll belegt war, 180. Momentan waren es etwas weniger, da noch Urlaubszeit war. Schließlich stoppte sie etwa in der Mitte des Gangs vor einer Zimmertür, zauberte einen kleinen Papierstreifen aus ihren Unterlagen hervor, und schob ihn in das Schild, das links neben der Tür angebracht war. Auf dem Papierstreifen stand mein Name, er war nun zwischen zwei anderen angebracht. Das Zimmer war also voll belegt. Ihnen gehört das mittlere Bett, erklärte sie mir. Sie öffnete die Tür, schritt vor mir her, begrüßte meine beiden zukünftigen Zimmerkolleginnen und kündigte an, dass sie „die Neue“ mitbrächte. Beide waren gerade da, ich schüttelte den beiden die Hände. Die Namen habe ich direkt wieder vergessen. Die, die an meinem Kopfende schlief, war in etwa 50 Jahre alt und wirkte ein bisschen griesgrämig, die andere war noch sehr jung, sogar deutlich jünger als ich und machte einen ersten schüchternen, aber netten Eindruck. Mein Bett war beinahe eine kleine Koje. Am Kopf- und am Fußende waren etwa vierzig Zentimeter große Holztrennwände angebracht um mein Bett etwas abzuschirmen, gegenüber war der Schrank. Mir gehörte jeweils das mittlere Bett, der mittlere Schrank (der doppelt so groß war wie der in der Psychiatrie), das mittlere Regalbrett, und, wie ich weiter erfuhr, jeweils der mittlere Haken für die kleinen und großen Handtücher im Bad. Wir hatten zwar alle die gleiche Bettwäsche, die Handtücher waren aber verschiedenfarben, um Verwechslungen zu vermeiden. Meine waren rosa. Das Zimmer war zwar kleiner als das in der Psychiatrie, wirkte aber gemütlicher. Und: es hatte einen riesengroßen Balkon mit zwei Liegestühlen und einer Wäscheleine, von dem aus man über die Wiesen blickte.

Meine beiden neuen Mitbewohnerinnen hatten sich wieder in ihre Kojen zurückgezogen und mir wurde geheißen, nur mein Gepäck abzustellen, die Führung würde gleich weiter gehen. Ich wollte mich eigentlich einfach endlich ins Bett legen. Aber gut. Die Führung ging weiter.

Lassen Sie sich nicht verwirren! Ihr Zimmer ist im dritten Stock, gegenüber der Station V, aber sie gehören der Station II an. Aha. Sie zeigte mir den Gruppen- und Fernsehraum in meinem Stockwerk, dann gingen wir zwei Stockwerke tiefer, wo sich mein Stationszimmer befand – entsprechend der Logik, die bereits hinter der Zimmerzuteilung stand, war das der Station II im 1. Stock. Dort drückte sie mir einen Bogen in die Hand, einen DASS-Bogen nannte sie ihn, den ich von nun an jeden Mittwoch auszufüllen und in den dafür vorgesehenen Briefkasten neben dem Stationszimmer zu werfen hätte. Dann gingen wir weiter ins Erdgeschoss, wo sie mir den Wasserspender zeigte, die Flaschen dafür könne man in der Cafeteria kaufen, die medizinische Zentrale kennen Sie ja schon, hier erhalten Sie ihre Medikamente und können sich im Notfall melden, ging der Informationsfluss weiter, dann ging es den Gang gerade aus zum Speisesaal, der war hell und gemütlich, wie in einem Vier-Sterne-Hotel eingerichtet. Sie zeigte mir meinen Tisch und meinen festen Platz, direkt am Fenster, erklärte mir, dass ich heute das Menü 1 erhalten würde – oder sind Sie Vegetarierin? – Nach einem kurzen Abstecher ins Kellergeschoss, wo sich die physikalische Therapie befand, ging es weiter in den Neubau, der am gegenüberliegenden Ende des Gebäudes angeschlossen war. Dort zeigte sie mir das „Atrium“, einen hellen Raum, der vom Keller bis Dach offen und lichtdurchflutet war. Hier können Sie entspannen, lesen, puzzeln, die Puzzles und einige Bücher stehen in den Regalen zur freien Verfügung, sagte sie. Ich blickte verwundert auf die zahlreichen halbfertigen Puzzles, die am Boden verteilt waren, und auf die vier Personen, die gerade in dem Raum lasen, vor einem Tablet hingen oder tatsächlich puzzelten. Wann hatte ich das letzte Mal ein Puzzle gemacht? Der Raum wirkte wirklich einladend. Sie zeigte mir die Tür, wo ich mich später am Tag noch zum Eingangs-Computer-Test einfinden müsste, dann gingen wir wieder nach oben. Ich fragte zaghaft, ob es denn irgendwo Tee oder zumindest heißes Wasser gäbe? Ja, gibt es, den ganzen Tag gibt es in der Cafeteria umsonst Tee. Ich war glücklich. Sie erklärte mir noch, dass sich später am Tag noch mein Pate bei mir melden würde, also ein anderer Patient, der die Aufgabe hatte, mir die ganze Klinik zu zeigen und mir in den ersten Tagen zur Seite zu stehen. Außerdem würden man mir im Laufe des Tages noch die Termine für die Aufnahmeuntersuchungen und das Aufnahmegespräch mit meiner Therapeutin „durch die Tür durchschieben“. Aha. Wie auch immer, mir war alles egal im Moment. Ich wollte endlich meinen Tee. Bekam ihn auch. Schnappte mir die Tasse, entführte sie (vermutlich illegal) aus der Cafeteria in mein Zimmer, die ältere Dame war nicht mehr da, das Mädchen lag immer noch, wohl schlafend, auf ihrem Bett. Ich trank den Tee, antwortete auf Johannas Whatsapp-Nachricht, sie hatte mich wohl schon gesucht, und kuschelte mich in mein Bett. In einer Stunde war schon Mittagessen. Bis dahin würde ich mich nicht mehr bewegen.

 

Klinik II

Die Türen schlossen sich hinter mir automatisch wieder. Ich ging zum Parkplatz, legte meine Reisetasche in den Kofferraum, verstaute meine Handtasche auf dem Beifahrersitz, setzte mich ins Auto und gab in mein Handy-Navi die Adresse der Psychosomatischen Klinik ein. Ich positionierte es in der Mittelkonsole, so dass ich den Pfeilen folgen konnte, startete den Motor, rangierte aus meiner Parklücke und ließ die Psychiatrie hinter mir. Das gelbe Kasernengelände verschwand schnell aus meinem Rückspiegel. Ich verließ das Waldstück, bog auf die Bundesstraße ein und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt. Ich verspürte keine Freude. Aber Erleichterung. Ich war erleichtert, die Psychiatrie hinter mir lassen zu können. Das bedeutete, einen Schritt nach vorne zu gehen. Auch wenn ich gerade total erkältet und völlig k.o. war und eigentlich nur Schlafen wollte. Ich fuhr selbst mit meinem Auto. Ich hatte mein Leben wieder selbst in der Hand. Noch nicht ganz zwar. Aber ich war wieder für mich verantwortlich.

Nach etwa einer halbe Stunde Fahrt verließ ich die Autobahn, querte sie noch einmal in Richtung der Hinweisschilder „Autobahnkirche“ und „Klinik“ und ließ das gelbe Ortsschild hinter mir. Eine kurvige Straße mit Einfamilienhäusern lag vor mir, einige neu, aber die meisten sahen aus, als stünden sie hier schon seit Jahrzehnten. An der ersten Kreuzung wies ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Klinik“ den Weg. Ich folgte einer langen, geraden Straße, die ebenfalls mit schönen Ein- und auch Mehrfamilienhäusern gesäumt war, bis sie schließlich in einer Art Allee endete, an deren Ende man, etwa 200 m außerhalb des Ortes, die Klinik sehen konnte. Ich parkte auf dem riesigen Patientenparkplatz vor dem Gebäude, überlegte, ob ich gleich mein ganzes Gepäck zum Eingang schleppen sollte oder nicht, entschied mich für die beiden wichtigsten Stücke – die Handtasche und meine Reisetasche mit ein wenig Kleidung, meinem Waschbeutel und meinem kleinen Kissen  – verschloss meinen Golf und ging Richtung Klinik. Es war ein großer, aber kompakter, etwa vierstöckiger Bau, dessen Fassade mit roten Schindeln verkleidet war. Die Klinik war auf der einen Seite von Feldern und Wiesen umgeben, auf der andere Seite durch große Lärmschutzwälle und einen Feldweg von der Autobahn getrennt. Trotzdem war es nicht sonderlich laut. Ich betrat die Klinik durch den Haupteingang und fand mich unversehens in einer Art Hotelempfang wieder. Links die Rezeption, in die, nach der umfangreichen Zeitschriftenauslage zu urteilen, ein kleiner Kiosk integriert war, rechts ein Gang, links ein Gang, und nach vorne hin öffnete sich ein offener Bereich, der mit ca. zehn Sitzgruppen ausgestattet war, an den, durch Glastüren und -fenster getrennt, eine helle Cafeteria anschloss. Ich war überrascht, so viele junge Erwachsene und sogar Jugendliche zu sehen. Die im Übrigen alle total normal aussahen. Nicht Psychiatrie-normal. Sondern normal normal. Alles Menschen wie ich oder meine Eltern oder sogar meine Turnmädels.

Ich hatte meine Tasche an die Wand gestellt, hier standen schon zwei, drei andere, und meldete mich an der Rezeption. Die Dame begrüßte mich, nahm meine Daten auf, klärte ein paar organisatorische Dinge, wie zum Beispiel ob sie Anrufer direkt zu mir durchstellen dürfe, und bat mich, den Gang links nach vorne zu gehen und mich bei der Klinikanmeldung zu melden. Mein Gepäck könne ich hier lassen. Also ging ich links den Gang entlang. Nach dem Aufenthaltsbereich folgte eine weitere kleine Halle, in der allerlei schwarze Bretter und Infokästen an der Wand hingen, dann folgte ich weiter dem Gang, von dem links und rechts Türen abgingen; an den Wänden standen Stühle, etwa in der Mitte des Gangs befand sich linker Hand ein großes Glasfenster mit der Aufschrift „Medizinische Zentrale“. Ich suchte die Tür, auf der „Anmeldung“ stand, und klopfte. Keine Reaktion. Na gut. Vielleicht klopfte man hier nicht. In der Psychiatrie mochten die das auch nicht unbedingt. Da wurde einfach zum vereinbarten Zeitpunkt die Tür geöffnet, und wenn man da war, war man da. Wenn nicht, ging die Tür wieder zu und wurde ein paar Minuten später wieder geöffnet. Da über den Gang verteilt auch schon mehrere Personen auf den Stühlen saßen, setzte ich mich auch. Endlich sitzen. Ich wollte eigentlich einfach nur in ein Bett und schlafen. Vielleicht einen heißen Tee. Ich war so richtig Erkältungs-k.o. Da sah ich Johanna – zumindest meinte ich, dass es Johanna wäre – am anderen Ende des Ganges. Sie sah sich um, ich winkte, für alles andere fehlte mir gerade die Energie, aber dann war sie aber schon wieder weg. Sie hatte gut ausgesehen, fröhlich, sofern man das denn auf die Entfernung erkennen konnte. Nach etwa fünf Minuten hatte sich die Tür zur Anmeldung immer noch nicht geöffnet. Und ich fragte eine Frau, etwa in meinem Alter, ob sie auch auf die Anmeldung warte. Nein, nein, sie habe einen Termin bei einer Ärztin. Bei der Anmeldung müsste man einfach hineingehen. Ach so. Na gut. Also stand ich wieder auf, klopfte und ging in das Büro hinein. Die Dame nahm meine Daten auf. Ich korrigierte mein Geburtsdatum. Ich war nicht Jahrgang 1982. Aber vermutlich lag das an meiner nicht besonders leserlichen Schrift auf dem Anmeldebogen. Dann schickte sie mich wieder hinaus, ich sollte vorne im Eingangsbereich warten, dort würde mich eine Dame vom Empfangsservice abholen. Also setzte ich mich vorne in einen der Sessel. Braun, nicht sonderlich bequem. Aber kaum dass ich mich gesetzt hatte, erschien schon eine ältere, freundlich blickende Dame, die meinen Namen fragend in die Halle sagte. Das bin ich, sagte ich, und stand auf.