Klinik II

Die Türen schlossen sich hinter mir automatisch wieder. Ich ging zum Parkplatz, legte meine Reisetasche in den Kofferraum, verstaute meine Handtasche auf dem Beifahrersitz, setzte mich ins Auto und gab in mein Handy-Navi die Adresse der Psychosomatischen Klinik ein. Ich positionierte es in der Mittelkonsole, so dass ich den Pfeilen folgen konnte, startete den Motor, rangierte aus meiner Parklücke und ließ die Psychiatrie hinter mir. Das gelbe Kasernengelände verschwand schnell aus meinem Rückspiegel. Ich verließ das Waldstück, bog auf die Bundesstraße ein und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt. Ich verspürte keine Freude. Aber Erleichterung. Ich war erleichtert, die Psychiatrie hinter mir lassen zu können. Das bedeutete, einen Schritt nach vorne zu gehen. Auch wenn ich gerade total erkältet und völlig k.o. war und eigentlich nur Schlafen wollte. Ich fuhr selbst mit meinem Auto. Ich hatte mein Leben wieder selbst in der Hand. Noch nicht ganz zwar. Aber ich war wieder für mich verantwortlich.

Nach etwa einer halbe Stunde Fahrt verließ ich die Autobahn, querte sie noch einmal in Richtung der Hinweisschilder „Autobahnkirche“ und „Klinik“ und ließ das gelbe Ortsschild hinter mir. Eine kurvige Straße mit Einfamilienhäusern lag vor mir, einige neu, aber die meisten sahen aus, als stünden sie hier schon seit Jahrzehnten. An der ersten Kreuzung wies ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Klinik“ den Weg. Ich folgte einer langen, geraden Straße, die ebenfalls mit schönen Ein- und auch Mehrfamilienhäusern gesäumt war, bis sie schließlich in einer Art Allee endete, an deren Ende man, etwa 200 m außerhalb des Ortes, die Klinik sehen konnte. Ich parkte auf dem riesigen Patientenparkplatz vor dem Gebäude, überlegte, ob ich gleich mein ganzes Gepäck zum Eingang schleppen sollte oder nicht, entschied mich für die beiden wichtigsten Stücke – die Handtasche und meine Reisetasche mit ein wenig Kleidung, meinem Waschbeutel und meinem kleinen Kissen  – verschloss meinen Golf und ging Richtung Klinik. Es war ein großer, aber kompakter, etwa vierstöckiger Bau, dessen Fassade mit roten Schindeln verkleidet war. Die Klinik war auf der einen Seite von Feldern und Wiesen umgeben, auf der andere Seite durch große Lärmschutzwälle und einen Feldweg von der Autobahn getrennt. Trotzdem war es nicht sonderlich laut. Ich betrat die Klinik durch den Haupteingang und fand mich unversehens in einer Art Hotelempfang wieder. Links die Rezeption, in die, nach der umfangreichen Zeitschriftenauslage zu urteilen, ein kleiner Kiosk integriert war, rechts ein Gang, links ein Gang, und nach vorne hin öffnete sich ein offener Bereich, der mit ca. zehn Sitzgruppen ausgestattet war, an den, durch Glastüren und -fenster getrennt, eine helle Cafeteria anschloss. Ich war überrascht, so viele junge Erwachsene und sogar Jugendliche zu sehen. Die im Übrigen alle total normal aussahen. Nicht Psychiatrie-normal. Sondern normal normal. Alles Menschen wie ich oder meine Eltern oder sogar meine Turnmädels.

Ich hatte meine Tasche an die Wand gestellt, hier standen schon zwei, drei andere, und meldete mich an der Rezeption. Die Dame begrüßte mich, nahm meine Daten auf, klärte ein paar organisatorische Dinge, wie zum Beispiel ob sie Anrufer direkt zu mir durchstellen dürfe, und bat mich, den Gang links nach vorne zu gehen und mich bei der Klinikanmeldung zu melden. Mein Gepäck könne ich hier lassen. Also ging ich links den Gang entlang. Nach dem Aufenthaltsbereich folgte eine weitere kleine Halle, in der allerlei schwarze Bretter und Infokästen an der Wand hingen, dann folgte ich weiter dem Gang, von dem links und rechts Türen abgingen; an den Wänden standen Stühle, etwa in der Mitte des Gangs befand sich linker Hand ein großes Glasfenster mit der Aufschrift „Medizinische Zentrale“. Ich suchte die Tür, auf der „Anmeldung“ stand, und klopfte. Keine Reaktion. Na gut. Vielleicht klopfte man hier nicht. In der Psychiatrie mochten die das auch nicht unbedingt. Da wurde einfach zum vereinbarten Zeitpunkt die Tür geöffnet, und wenn man da war, war man da. Wenn nicht, ging die Tür wieder zu und wurde ein paar Minuten später wieder geöffnet. Da über den Gang verteilt auch schon mehrere Personen auf den Stühlen saßen, setzte ich mich auch. Endlich sitzen. Ich wollte eigentlich einfach nur in ein Bett und schlafen. Vielleicht einen heißen Tee. Ich war so richtig Erkältungs-k.o. Da sah ich Johanna – zumindest meinte ich, dass es Johanna wäre – am anderen Ende des Ganges. Sie sah sich um, ich winkte, für alles andere fehlte mir gerade die Energie, aber dann war sie aber schon wieder weg. Sie hatte gut ausgesehen, fröhlich, sofern man das denn auf die Entfernung erkennen konnte. Nach etwa fünf Minuten hatte sich die Tür zur Anmeldung immer noch nicht geöffnet. Und ich fragte eine Frau, etwa in meinem Alter, ob sie auch auf die Anmeldung warte. Nein, nein, sie habe einen Termin bei einer Ärztin. Bei der Anmeldung müsste man einfach hineingehen. Ach so. Na gut. Also stand ich wieder auf, klopfte und ging in das Büro hinein. Die Dame nahm meine Daten auf. Ich korrigierte mein Geburtsdatum. Ich war nicht Jahrgang 1982. Aber vermutlich lag das an meiner nicht besonders leserlichen Schrift auf dem Anmeldebogen. Dann schickte sie mich wieder hinaus, ich sollte vorne im Eingangsbereich warten, dort würde mich eine Dame vom Empfangsservice abholen. Also setzte ich mich vorne in einen der Sessel. Braun, nicht sonderlich bequem. Aber kaum dass ich mich gesetzt hatte, erschien schon eine ältere, freundlich blickende Dame, die meinen Namen fragend in die Halle sagte. Das bin ich, sagte ich, und stand auf.

Abschied von der Psychiatrie

Meine letzten beiden Tage in der Psychiatrie waren angebrochen. Ich hatte heute noch ein letztes Gespräch mit der Psychologin, musste, wie bei meiner Aufnahme, eine Blut- und eine Urinprobe abgeben und zum EKG. An allen Therapien nahm ich – abgesehen vom kognitiven Training – bis zum Schluss teil. Morgen, Dienstag würde ich dann nach dem Entlassungsgespräch mit meiner Ärztin gegen halb zehn Uhr selbst mit dem Auto in die psychosomatische Klinik fahren. Diese lag circa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, war einfach zu finden, und ich war froh, mir mit der Tatsache wieder selbst mit meinem Auto mobil zu sein, wieder ein Stückchen Freiheit erkämpft zu haben. Offiziell durfte ich natürlich immer noch nicht fahren – daher wich ich der Ärztin dezent aus, als sie mich bei der letzten Visite fragte, ob ich bereits wüsste, wie ich in die neue Klinik kommen würde.

Ich war einerseits heilfroh, endlich die Klinik verlassen zu können. Andererseits hatte ich aber auch ein bisschen Angst: Die Psychiatrie hier war mein Schutzraum gewesen. Hier hatte ich mich endlich wieder gefangen. Hatte die erste Stufe auf der Treppe genommen. Ich hoffte inständig, in der neuen Klinik bessere Zimmergenossen als zuletzt zu haben. Jetzt zum Schluss erst habe ich realisiert, wie verdammt wichtig das war. Wohl mit das wichtigste überhaupt. Johanna würde in der neuen Klinik da sein, sie freute sich schon sehr auf mich hatte sie zuletzt geschrieben, das war gut. Und dann waren da noch die Therapien. Einige Mitpatienten hier in der Psychiatrie sprachen nur davon, wie unglaublich stressig und anstrengend so eine psychosomatische Klinik wäre, da würde man nur von einer Therapie zur nächsten rennen. Das musste man auch erst einmal schaffen. Ich spürte im Moment wieder sehr deutlich, deutlicher als noch vor zwei Wochen, dass ich mir meine Energie sehr genau einteilen musste. Zudem war das Kratzen im Hals schlimmer geworden. Ich fühlte die Erkältung regelrecht in mir hochsteigen. Das ist immer noch ein Krankenhaus, beruhigt mich meine Ärztin. Der Fokus liegt dort genauso wie hier auf Ihrer Genesung, die in Ihrem eigenen Tempo vor sich gehen wird. Natürlich ist es eine große Umstellung, das wird ein, zwei Wochen dauern, bis Sie dort angekommen sind. Aber Sie werden das schon schaffen, da bin ich mir sicher.

Jeanette schnarchte nun auch tagsüber im Zimmer. Draußen war es regnerisch und ziemlich kühl, also war ich hauptsächlich damit beschäftigt, ein ruhiges und trotzdem halbwegs gemütliches Plätzchen für mich zu finden. Ich zählte die Stunden. Ohne Steffi und Johanna war es hier wirklich nicht besonders gut auszuhalten. Wir schrieben hin und wieder auf Whatsapp – den beiden ging es ganz gut in ihren neuen Kliniken – aber das war natürlich nicht das gleiche. Ich wollte endlich hier raus. An einen angenehmeren Ort. Der die neue Klinik zu sein schien.

So jedenfalls absolvierte ich die beiden letzten Tage. Viele der Patienten, die länger hier waren, bestellten an ihrem letzten Abend Pizza für die große Runde – ein kulinarischer Hochgenuss, verglichen zu dem „normalen“ Essen. Ich begnügte mich mit meinem letzten Butter-Zwieback und einer Tafel Schokolade – für mich allein. Ich war froh, meine Ruhe zu haben. Ich hatte viel im Kopf, da brauchte nicht noch mehr hinzukommen und schon gar kein überflüssiger Schwachsinn.

Der letzte Morgen war unspektakulär. Frühstück wie immer. Viele Patienten, die ich noch gut kannte, waren nicht mehr da, eine ging ebenfalls heute. Eigentlich blieb beinahe nur noch Ruth über. Wir verabschiedeten uns – vermutlich auf Nimmerwiedersehen – und wünschten uns inständig alles Gute. Sie war mir in den letzten Wochen wirklich ans Herz gewachsen.

Nach dem Frühstück fand das Abschlussgespräch statt. Schließlich packte ich meine letzten Habseligkeiten zusammen, verabschiedete mich am Stützpunkt von den Schwestern und Pflegern und verließ die Station. Im Erdgeschoss warf ich einen letzten Blick in den nach wie vor trostlosen, aber mittlerweile etwas grüneren Innenhof und gab meine Patientenkarte an der Rezeption ab. Die Empfangsdame kannte mich mittlerweile beim Namen. Auch sie wünschte mir alles, alles Gute. Und ich sollte doch Johanna bitte schöne Grüße ausrichten. Schließlich drückte sie den Türöffner, die Glasschiebetür öffnete sich und ich verließ die Psychiatrie.

Ich nahm die nächste Stufe auf meiner Treppe.

102 Dalmatiner

Wochenende! Keine Schnarcher im Zimmer! Gutes Essen! Was für Kleinigkeiten mich momentan in Hochstimmung versetzen können…

Ich stand – es war bereits kurz nach acht – bereit, um zum letzten Mal von meinem Wochenend-Taxi (=Papa) abgeholt zu werden. Ich hatte nun die dritte Nacht in Folge mehr als schlecht geschlafen (Jeanette sei Dank), war tagsüber nicht mehr wie zuvor hauptsächlich mit mir selbst und meiner Genesung beschäftigt, sondern vor allem damit, gewissen Personen aus dem Weg zu gehen. Und das war bei dem schlechten Wetter nicht einfach. Zudem machte sich eine leichte Erkältung bemerkbar, ich hatte den Wetterumschwung unterschätzt. Mir ging es also nicht besonders gut, ich fühlte mich schwach und unsicher, aber die Aussicht auf ein Wochenende zu Hause hellte meine Stimmung deutlich auf.

Wie auch an den vergangenen Wochenenden hatte meine Ärztin mich wieder angehalten, mir einen detaillierten Plan mit Pausen zu notieren, den sie am Freitag auch nochmal mit mir durchgegangen war. Ich war im Moment sowieso überhaupt nicht motiviert, irgendetwas zu machen, ich wollte einfach zu Hause sein, mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa sitzen und meiner Familie zusehen, bei dem was sie so taten, und wenn es nur Putzen und Kochen war. Der Plan war also wie folgt:

Samstag:

  • 9.00 Uhr: Ankunft
  • Bis 10.00 Uhr: Frühstück
  • Anschließend: Wäsche waschen
  • Pause bis Mittag.
  • Mittagessen.
  • Pause.
  • 16:00 Uhr: Grillen mit den Turnmädels

Sonntag:

  • Ausschlafen.
  • 12.00 Uhr Mittagessen.
  • Pause
  • 15.00 Uhr: Packen für die neue Klinik
  • Selbst (!) nach München in meine Wohnung fahren
  • Etwa 18.00 Uhr: Pause und Abendessen; fertig packen
  • 19.00 Uhr: Zurück in die Klinik fahren.

Ihr seht schon, ein hochspannendes Programm.

Das Highlight war ganz eindeutig das Grillen mit den Turnmädels am Samstagabend. Bis vor einem Jahr hatte ich gemeinsam mit einer Freundin, Mädchen im Alter von mittlerweile 15-17 Jahren trainiert. Das Grillen war früher der wichtigste Bestandteil des Trainingslagers in den Sommerferien gewesen und wir, bzw. viel mehr alle anderen hatten beschlossen, diese Tradition fortzuführen. Wir trafen uns also auch in diesem Sommer bei einem der Mädchen zu Hause, jeder brachte etwas mit. Es war ein entspanntes und gemütliches Beisammensein. Meine Trainerkollegin wusste, wie es mir ging. Alle anderen nicht. Ich hatte zugesagt, ich wollte kommen, auch wenn mir von vorneherein schon klar war, dass ich nicht allzu lange würde bleiben können. Aber zumindest zum Essen.

Es war ein komisches Gefühl. Irgendwie hoffte ich, dass mich jemand ganz einfach frage würde, wie es mir ginge, damit das Thema gleich am Anfang vom Tisch war und ich dann, ohne großes Trara, früher gehen könnte. Aber das Thema kam nicht auf. Es war schön, die Mädels und meine Freundin wieder zu sehen. Es war schön zu sehen, dass es ihnen gut ging (mal abgesehen von einem Kreuzbandriss). Aber das fröhliche Durcheinander war anstrengend. Ich fühlte mich verloren. Ein Schatten meiner selbst. Ich musste mich unglaublich anstrengen, um einem Gespräch – und an diesem Tisch liefen immer mehrere gleichzeitig – folgen zu können. Ich war froh, als das Fleisch fertig war. Damit konnte ich mich beschäftigen. Und es holte mich jedenfalls ins Hier und Jetzt zurück. Wenn ich aß, konnte mein Geist nicht Urlaub machen. Er musste essen. Damit war ich dann aber auch so beschäftigt, dass ich gar nicht mitbekam, dass ich bereits mehrfach gebeten worden war, den grünen Salat weiter zu reichen. Es war wohl der dritte Versuch, diesmal von meiner Nachbarin zur Linken, auf den ich schließlich doch noch reagierte. Das passierte nicht nur einmal. Nach dem Essen flirrte das Gespräch weiter, nein, ich wollte keinen Spritz trinken, warum? Ich muss noch fahren, und ich merkte, wie mein Geist immer wieder von dannen schwirrte. Schokomuffins waren ein gutes Mittel, ihn wieder zurückzubeordern, außerdem hatte ich Hunger, ich brauchte Energie, viel Zucker war da ideal. Irgendwann sah ich ein, dass es besser war, zu gehen. Ich bekam sowieso nichts mehr mit, ich war schon wieder nicht mehr da und ich fühlte mich körperlich schwach. Meine Trainerkollegin hatte mich schon mehrfach etwas besorgt angesehen, das war mir aufgefallen. Dann hatte ich immer versucht, zurückzulächeln. Von den anderen schien niemand etwas gemerkt zu haben. Ich zog langsam meine Strickjacke an, schob die Decke zurück, die ich mir um die Schultern gelegt hatte (so verfroren war ich früher auch nicht gewesen) und schulterte meine Tasche. Dann stand ich langsam auf. Ich wäre am liebsten einfach lautlos, ohne Kommentar, aufgestanden und gegangen. Ich hatte keine Kraft mehr, jetzt noch ein Gespräch oder gar eine Diskussion zu beginnen. Ich wollte einfach nur weg, nach Hause, mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch, vielleicht würde ich eine ruhige Dokumentation ansehen. Keine Gespräche, kein Lärm – ich wollte nicht jemand sein müssen. Auch wenn es nur ich selbst war.

Als ich schließlich stand, starrten mich alle an. Mit Tasche und Jacke würde ich wohl nicht auf die Toilette gehen. „Ich gehe.“, sagte ich nur. „Schönen Abend noch“ Aber natürlich konnte ich mich damit nicht aus der Affäre ziehen. Was, warum? Es ist doch noch gar nicht spät? Fragten die gastgebenden Eltern und einige der Mädels. Mir geht es nicht gut. „Ach, komm zu mir, Franzi“, sagte Anna, „ich mache dich gesund! Magst du einen Tee oder sowas?“ Ich versuchte zu lächeln. So lieb von ihr. Ich bemühte mich zusammen zu reißen. Aber ich spürte die Tränen schon aufsteigen. „Danke“, antwortete ich Anna. „Aber das hilft leider nichts. Ich bin schon seit Juli krank.“ Ich weinte, ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen. Und sah die fragenden Blicke. „Burnout“, sagte ich nur. Betroffene Gesichter. Der Vater, der mich ja mittlerweile auch seit mehr als zehn Jahren kannte, rief beinahe – aber du bist doch noch so jung! Ja. Ich zuckte die Schultern, bemüht, nicht noch mehr zu heulen: „Jedenfalls. Schönen Abend euch noch. Bis bald.“ Sie boten mir an, mich nach Hause zurückzufahren. Ob ich mir sicher war, noch Autofahren zu können. „Jaja, das geht schon.“ Ich ging um das Haus herum, verschwand aus dem Blickfeld. Im Auto begann ich erst einmal hemmungslos zu heulen. Zu viele Emotionen für mich Nervenbündel. Schließlich schluckte ich den letzten Rest der Tränen hinunter, startete den Motor und fuhr die kurze Strecke zurück zu meinen Eltern. Ein Dorf weiter. Es war wirklich nicht weit, das Fahren lenkte mich von mir ab, trotzdem war ich froh, als ich endlich zu Hause war. Im Haus war es still, es war niemand zu Hause. Ich war froh drum. Ich wollte gerade einfach nur allein mit meiner Traurigkeit sein. Die Katze vielleicht. Die wäre gut. So schön weich zu streicheln. Und das Schnurren so angenehm. Sie war tatsächlich da und protestierte nicht, als ich sie zu mir auf die Couch zog. Ich weinte eine Weile weiter, bis die Tränen versiegt waren. Ich wieder leer war, alle Emotionen aufgeräumt. Dann schaltete ich den Fernseher ein, in der Hoffnung etwas zu finden, das mich ablenkte. Der Fernseher war unglaublich laut. Ich drehte den Ton auf die unterste Stufe. Ich wusste genau, dass er damit eigentlich kaum noch zu hören war. Aber für mich war es gerade eine angenehme, normale Lautstärke. Ich zappte durch. Im Disney Channel lief 102 Dalmatiner. Sehr gut. Kurz drauf kam meine Mutter zu Hause. Auf die Frage, wie es war, und ihre Feststellung, dass sie mich noch nicht zu Hause erwartet hätte, antwortete ich: „Schön. Aber zu anstrengend.“ Ob sie das Pendel der Uhr vielleicht anhalten könnte? Es wäre so laut. Sie schaute mich etwas ungläubig an. Stoppte es dann aber. Setzte sich auf das Sofa gegenüber und schaute mit mir gemeinsam die 102 Dalmatiner. Vermutlich hörte sie so gut wie nichts. Sagte es aber nicht. Im Anschluss kam dann die 101 Dalmatiner. Die Katze mittlerweile auf meinem Bauch, schnurrend. Dann ging ich ins Bett. Ich war wieder ruhig. Aber auch völlig leer.

Sonntag ging es mir nicht gut. Die Stimmung war gerade noch okay, aber ich war müde, hatte überhaupt keinen Antrieb, und war immer noch so seltsam leer. Das Mittagessen war gut. Danach packte ich ohne besondere Motivation meine Sachen für die neue Klinik. Und langsam schlich sich die Einsamkeit wieder bei mir ein. Ich ertappte mich schließlich dabei, dass ich unten im Wohnzimmer stehend, dachte, ich wäre allen egal. Nicht einmal meine Schwester kümmerte sich um mich. Aber mittlerweile wusste ich diese Gedanken einzuordnen. Das war nicht ich. Das war die Depression. „So ein Unsinn“, scholt ich mich. Meine Schwester war schließlich oben im Zimmer, in ihrem Bett, nicht einmal 50 Meter von mir entfernt und ich hatte sie schließlich auch noch um gar nichts gebeten. Ich zwang mich, nach oben zu gehen, in ihr Zimmer. Reden konnte ich da schon nicht mehr. Ich setzte mich einfach zu ihr aufs Bett. Sie sah sofort, dass es mir nicht gut ging, unterbrach ihr Skype-Gespräch und fragte, was los wäre – ich murmelte nur ein leises  „Ich weiß nicht.“ Und rollte mich auf ihrer Bettdecke zusammen. Ich hörte sie sich von ihrer Freundin verabschieden. Mir liefen bereits die Tränen über die Wangen. Sie nahm mich in den Arm und hielt mich fest. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich dachte nach. Ich musste noch nach München, in meine Wohnung, ich brauchte für die neue Klinik dringend ein paar Sachen von dort. Aber ich hatte Angst, dort alleine zu sein. Nicht vor dem Autofahren – das täte mir mit Sicherheit gut. Aber dort alleine zu Abend zu essen? Ich hatte wieder Angst vor mir selbst. Was, wenn ich dort wieder kippen würde? Da wäre ich alleine. Ich bat meine Schwester, mitzukommen. So fuhren wir dann, jede im eigenen Auto, nach München. Das Fahren tat gut. Es tat gut zu wissen, dass meine Schwester da war. Als wir in München ankamen, ging es mir schon wieder deutlich besser. Ich fühlte mich wieder halbwegs sicher. Wir machten gemeinsam Brotzeit, dann fuhr sie wieder nach Hause, und ich in Richtung Münchener Süden in die Klinik. Zum letzten Mal. Zwei Nächte noch. Und mir war es noch an keinem Sonntagabend so beschissen gegangen.