#goodpeoplearound

Samstagvormittag, ich habe gerade am V-Markt (sowas wie Kaufland) getankt und tippe jetzt die Adresse einer Freundin, die ich besuchen will, in Googlemaps ein. Plötzlich klopft es an mein Autofenster, ein älterer Herr mit Fahrrad steht davor. Was will der denn, denke ich. Motzen, weil ich die Zapfsäule nicht sofort freigemacht habe?

„Entschuldigung, haben Sie gerade getankt?“

„Ja, warum?“

„Sie haben Ihren Voucher nicht mitgenommen. Für jedes Tanken hier bekommt man eine Gutschrift für den nächsten Einkauf bei einem V-Markt. Wollen Sie den nicht mitnehmen?“

#goodpeoplearound #nichtgleichimmerschlechtesbefürchten

#goodpeoplearound

Wieder die gleiche Treppe, hundert Stufen vom Parkplatz bis zur Wohnungstür. Vor der Haustür war, dank der Baustelle im Turm nebenan, nicht einmal mehr Platz, um kurz zu halten. Ich: Verdacht auf Kreuzband- und Meniskusriss, Krücken.

Bepackt mit einem schweren Rucksack und einer leichten, aber nervigen Tasche mache ich mich also auf den langen Weg nach oben. Ohne die Tasche, die dauernd gegen meine rechte Krücke deppert, dauert es gute fünf Minuten, ich bin recht schnell unterwegs. Mit Tasche? Ich will es eigentlich gar nicht wissen.

Da steht auf einmal meine Nachbarin vor mir. Sie hatte eben ihre Balkonblumen gegossen und gesehen, wie ich voll bepackt, mit Krücken, die Treppe in Angriff genommen hatte. Das kann ja nicht sein, also kam sie mir die komplette Treppe entgegen, nimmt mir Tasche UND Rucksack ab und begleitet mich nach oben.

#somanygoodpeoplearound!

Johannas Geburtstag

Mir ging es wieder gut. Nach den beschissenen Wochen, die hinter mir lagen, fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Ich hatte wieder einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Wieder ein großes Stück des Knotens entwirrt.

Heute hatte Johanna Geburtstag. Ihr ging es immer schlechter. Sie hatte Schwierigkeiten mit den Medikamenten, es passte nichts, und die Therapie griff überhaupt nicht. Dabei sollte sie sogar eine Woche vor mir entlassen werden. Eine Verlängerung war nicht mehr möglich – es war schlichtweg kein Bett mehr frei. Sie nahm mittlerweile sogar, wenn es gar nicht anders ging, Tavor ein. Tavor stellt alles ruhig. Vor allem das Hirn.

Was sollte ich ihr also schenken? Johanna hatte eine Art „Skill Box“, die ihr eine Mitpatientin aus der Psychiatrie im Sommer geschenkt hatte. Skill Boxen werden in der Therapie häufig für Borderliner genutzt. Wie eine Art Notfallkoffer enthält sie Dinge, die einen in psychisch schwierigen Situationen wieder zurückholen. Bei Johanna war das zum Beispiel ein Mandala-Malbuch und Stifte, ein kleiner Knetball, ein Heft mit positiven Sprüchen, aber auch – und die, finde ich, sollte jeder von uns immer, egal wie gut oder schlecht uns gerade so geht – parat haben: Erinnerungen an tolle Momente und Menschen, denen wir etwas bedeuten und die uns etwas bedeuten. Bei mir zu Hause und auch jetzt in der Klinik habe ich zum Beispiel immer eine Pinnwand oder ein Magnetboard, auf dem ich nicht Einkaufszettel und To-Do-Listen sammle, sondern Eintrittskarten von Fußballspielen und Konzerten, Fotos oder Postkarten von lieben Menschen, Einladungen oder einfach Zettel und Karten mit klugen oder witzigen Sprüchen. Also Dinge, die jederzeit ein Lachen, ein Lächeln und vor allen Dingen ein gutes Gefühl hervorrufen. Und wenn man auch nur einmal am Tag bewusst auf diese Pinnwand blickt, zaubern sie einem einmal am Tag ein warmes Gefühl ums Herz. Und wird daran erinnert, dass es einen Grund gibt, weiterzukämpfen.

Ich wollte Johanna irgendetwas schenken, was sie auch zu Hause begleiten würde. Ich würde nicht da sein können und nicht immer erreichbar sein. Durch Zufall fand ich in meinem Lieblingsladen in der Stadt, der mich hier schon einige hundert Euro gekostet hatte (Bücher, Bücher, und vor allem Bücher), einen wunderschönen kleinen Schutzengel. Mit passendem Spruch, wie die Faust aufs Auge. Das passte. Der passte in die Skill-Box. Der Schutzengel wäre da, wenn ich es nicht sein könnte und würde auf sie aufpassen. Johanna war trotz allem so tapfer. Sie würde es schaffen. Da war ich mir sicher. Sie selbst war langsam tatsächlich am Zweifeln.